AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2017

Neues Buch Hitler - ein sexuell verwirrter Serienkiller?

Muss die Geschichte des "Dritten Reichs" wirklich in weiten Teilen neu geschrieben werden? Der Psycho-Experte Volker Elis Pilgrim behauptet, die wahren Gründe für Hitlers Vernichtungswillen gefunden zu haben.

Geliebte Braun auf dem Berghof bei Berchtesgaden um 1940
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Geliebte Braun auf dem Berghof bei Berchtesgaden um 1940

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Den Menschen, so sagen Psychologen, interessieren im Grunde nur zwei Dinge auf dieser Welt: der Tod und der Sex. Die Angst vor dem Ende und der Geschlechtstrieb sind demnach die stärksten Kräfte überhaupt. Alle anderen menschlichen Regungen - der Glaube oder die Liebe, der Drang zu Geld oder Macht - folgen mit weitem Abstand.

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Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

Diese Erkenntnis beflügelt Autoren und Buchverlage zu immer neuen Kombinationen dieser beiden Grundmuster des irdischen Seins. Die Verbindung von Tod und Sex lässt auf viele Leser - und entsprechend hohe Auflagen - hoffen.

Umso erstaunlicher, dass die Person des Massenmörders Adolf Hitler erst jetzt auf die Tauglichkeit für ein solches Konstrukt getestet wird. Volker Elis Pilgrim, 75, hat diese Aufgabe übernommen, ein psychologisch versierter Experte für steile Thesen. Der Bestsellerautor ("Muttersöhne", "'Du kannst mich ruhig 'Frau Hitler' nennen'") erforschte Hitlers Sexleben über mehrere Jahre hinweg und gewann schließlich den Hamburger Osburg Verlag für ein auf vier Bände angelegtes Großprojekt, dessen erster Teil nun unter dem Titel "Hitler 1 und Hitler 2. Das sexuelle Niemandsland" erscheint. Das mehr als 900 Seiten starke Werk widmet sich dem Stoff so gründlich - und den Leser erschöpfend - wie kein anderes je zuvor.

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Volker Elis Pilgrim:
Hitler 1 und Hitler 2

Das sexuelle Niemandsland

Osburg Verlag; 928 Seiten; 28,00 Euro.

Pilgrims Schlüsselszene stammt aus den Memoiren der Schauspielerin Marianne Hoppe. Die von Hitler verehrte Diva berichtet dort über einen Kinoabend in der Berliner Reichskanzlei.

Gezeigt wurde der Luis-Trenker-Film "Der Rebell" über den Tiroler Volksaufstand gegen Napoleon und die mit ihm verbündeten Bayern. Die entscheidende Szene zeigt den Marsch französischer Truppen durch einen Engpass und den Angriff der Tiroler, die oben am Berg schwere Felsbrocken deponiert hatten. Marianne Hoppe schreibt:

Als die Franzosen kamen, da machten sie die Stricke los, und dann fielen die ganzen Steine auf die Franzosen herab. Und da, glaube ich, kriegte Hitler eine Art von Erregung und hat so die Knie gerieben bei diesem Ereignis, wie die Steine da runterrollten auf die Franzosen drauf, und hat gestöhnt. Ich weiß nicht, ob er verrückt war, aber da kriegte er so eine Art von Orgasmus, sagen wir mal.

Die Schauspielerin will noch während der Vorführung den Kinoraum verlassen haben, weil ihr "der Mann unheimlich" geworden sei. Pilgrim entwickelt aus ihrer Beobachtung den "Anfangsverdacht", "dass es bei Hitler einen Zusammenhang zwischen Sexualität und Gewalt gegeben hat, ja noch genauer, dass ihm Gewalt an Männern und deren Tötung Lust verschaffte". Da die "Lust am Töten" jedoch das entscheidende Merkmal von "Serienkillern" sei, stelle sich zwangsläufig die Frage: "War Hitler also ein Serienkiller, der zum Zwecke seiner Befriedigung morden ließ?"

Ob Hitler wirklich im Kino onaniert hat, kann Pilgrim gar nicht wissen, die Schauspielerin hatte ja nur Bewegungen beobachtet und ein Stöhnen gehört. Dennoch wird bei Pilgrim aus dem "Anfangsverdacht" bald schon Gewissheit. Immer wieder zitiert er nun Hoppes Kinoerlebnis zum Beweis seiner These, dass tödliche Gewalt Hitler Lust verschafft habe. Das Gleiche geschieht mit der Frage, ob Hitler ein "Serienkiller" gewesen sei: Das Fragezeichen wird wenig später gestrichen und die Vermutung zur Tatsachenbehauptung.

Nun kennt die Weltgeschichte leider eine lange Reihe von Serienmördern, aber eines unterscheidet sie alle vom "Führer": Jeder Täter hat selbst Hand angelegt, um seine Opfer zu töten (und sich gegebenenfalls zu befriedigen). Pilgrim ficht das nicht an. "Die Spezialität des Serienkillens", so schreibt er, "ist das langsame, ausgeklügelte, extremquälerische Totmachen." Genau das habe Hitler - eben nur mithilfe seiner Helfershelfer - praktiziert.

Die "Serienkiller"-These ist für Pilgrim deswegen so wichtig, weil er damit so ganz nebenbei auch noch ein Welträtsel gelöst haben will: warum es zum Holocaust kam. "Hitlers aberative Sexualität", so behauptet der Psycho-Experte, habe den Diktator "in die kolossalste Vernichtung" getrieben, "derer sich je ein Mann schuldig gemacht hat".

Der Holocaust also als millionenfacher Serienmord eines Triebtäters? Zu dieser originellen Erkenntnis ist tatsächlich noch kein Historiker gelangt. Im Gegenteil: Die Zunft streitet eher darüber, ob Hitler nun heterosexuell aktiv oder inaktiv war, nur eine Minderheit hält ihn für homosexuell.

Pilgrims ganzer Zorn richtet sich gegen die "Hetero-Mehrheitsfraktion der Hitler-Biografik", die vergebens zu belegen versuche, dass Hitler ein "phallisch-vaginal penetrativ-friktiv agierender Frauenliebhaber gewesen" sei.

Paar Hitler (um 1940): "Den Drang zum körperlichen Besitz einer Frau überwunden"
Getty Images

Paar Hitler (um 1940): "Den Drang zum körperlichen Besitz einer Frau überwunden"

Pilgrim liebt solche Wortungeheuer, scheut aber auch vor ordinären Zuspitzungen nicht zurück ("Der 'Führer' war kein 'Ficker'"), um seine manchmal gewiss ermüdeten Leser vor dem Einnicken zu bewahren. Hauptgegenstand seiner Empörung ist die Hitler-Biografie von Volker Ullrich, die einige Argumente für eine gelebte Sexualität des Diktators aufführt. Das darf Pilgrim nicht gelten lassen, sonst wäre seine Serienkiller-Theorie obsolet.

Also präsentiert der Autor Beleg für Beleg, um Hitlers heterosexuelle Abstinenz zu dokumentieren. Hitlers früher politischer Weggefährte Ernst Hanfstaengl etwa prägte den Begriff vom "sexuellen Niemandsland", in dem sein Freund unterwegs gewesen sei. Überliefert sind Aussagen des Hausverwalters auf dem Berghof bei Berchtesgaden, der regelmäßig die Bettlaken inspizierte, auf denen Hitler und seine Partnerin Eva Braun die Nacht verbracht hatten. Verräterische Flecken wurden angeblich nie gefunden. Außerdem litt Hitler laut amtsärztlichem Protokoll unter einem "rechtsseitigen Kryptorchismus", also unter einem sogenannten Hodenhochstand, was zwar nicht zur Impotenz führte, aber ein entspanntes Sexualleben auch nicht gerade beförderte. Von Hitler selbst stammt das kuriose Bekenntnis, er habe "den Drang zum körperlichen Besitz einer Frau überwunden", die deutsche Nation sei seine wahre Braut.

Nur eine Sexszene lässt Pilgrim gelten. Und die erinnert tatsächlich an die Affäre Bill Clintons mit Monica Lewinsky - allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Die Beleglage ist schmal, umso lebhafter dafür Pilgrims Fantasie. Der Plot geht so:

In ihren Tagebuchfragmenten notierte Eva Braun für den März 1935 "ein paar wundervoll schöne Stunden" mit Hitler in dessen Wohnung am Münchner Prinzregentenplatz. Ein paar Jahre später, am 30. September 1938, war nun der britische Premier Neville Chamberlain am Rande der Münchner Konferenz dort zu Gast. Eva Braun, so berichtete eine Freundin, soll danach spöttisch gesagt haben: "Wenn der wüsste, welche Geschichte dieses Sofa hat."

Für Pilgrim ein klarer Beweis: Da, auf diesem Sofa, war was zwischen Adolf und Eva. Aber was genau? Die Ausmaße dieses Sitzmöbels seien bekannt, nur eine kleine Frau könne dort mit angezogenen Beinen liegen. Also schließt Pilgrim messerscharf: Eine "nackte Beinspreizung" der üblichen Art sei hier unmöglich gewesen, kein klassischer Beischlaf also. Es folgt eine mehr als 20 Seiten lange, nicht immer nachvollziehbare Rekonstruktion mit einem ziemlich überraschenden Ergebnis: Braun habe auf dem Sofa gesessen und Hitler vor ihr auf dem Boden gekniet, dann sei es "oral-vaginal" zum Äußersten gekommen.

Eine wirklich mutige Behauptung, zumal sie nur auf der vermuteten Größe eines Sofas und ein paar harmlosen Andeutungen Eva Brauns beruht. In den folgenden zehn Jahren, bis zum Selbstmord im Führerbunker, sei das Paar dann sexuell untätig gewesen. Eva Braun werden "latent lesbische" Neigungen bescheinigt (weil sie sich immer nur mit Freundinnen umgeben habe), Hitler selbst durfte sich als "Serienkiller" ausleben.

Gastgeber Hitler (links), Gast Chamberlain (stehend) 1938: "Wenn der wüsste"
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Gastgeber Hitler (links), Gast Chamberlain (stehend) 1938: "Wenn der wüsste"

Pilgrim hat sogar eine Erklärung für diese besondere sexuelle Disposition des Diktators parat. Hitler bestehe in Wahrheit aus zwei Personen: "Hitler 1" sei unauffällig und harmlos gewesen und habe bis 1918 existiert. Dann, nach seiner Verwundung im Gaskrieg, habe sich im Lazarett ein "medizinischer Supergau" ereignet. Durch einen Kunstfehler der Militärpsychiater sei "Hitlers bisher verdrängtes Serienkiller-Potenzial aus Versehen gezündet worden". Damit war nun, angeblich, "Hitler 2" geboren. Was genau damals geschah, wird der Experte allerdings erst später verraten.

Sorgen muss man sich deswegen um Pilgrims Verleger machen, den Hamburger Wolf-Rüdiger Osburg. Wenn sein - mit Verlaub - etwas größenwahnsinniger Autor wirklich noch drei weitere Bände über die Serienkiller-Psyche Adolf Hitlers veröffentlichen will, steht sein Kleinverlag vor einer großen Herausforderung.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Ambrosicus 03.09.2017
1.
Was immer an Unsinn in des Führers Kopf geschah, darum muss keine "Geschichte neu geschrieben" werden. Dass darin allerhand Absurdes vor sich ging, steht wohl außer Zweifel. Dass er eine recht verklemmte und verkorkste Sexualität sein eigen nennt, ist auch nicht neu. Als ein Sadist, dem die bloße Meldung von Zahlen statt einer Selbstbeteiligung oder zumindest einer Inaugenscheinnahme von Quälereien zur Befriedigung seines Triebes reichten, wäre er indes wohl ein Einzefall. Häufige Besuche in Vernichtungslagern oder Livecams aus den Gaskammern sind jedenfalls nicht überliefert. Aber vllt. kommt das ja noch in den Folgebänden. Der angebl. "Kunstfehler" der aus Hitler I Hitler II machte - da liegt wohl eine Überschätzung psychiatrischer Möglichkeiten zugrunde.
guru_meditation 03.09.2017
2.
Die Analyse von Erich Fromm vor vierzig Jahren war viel stichhaltiger.
spontifex 03.09.2017
3. Schwuler Kram
Der war wohl schwul. Das würde alles erklären. 1923 hat er in München den Kurt Gudell befummelt, und zwar so, dass der ihm eine gescheuert hat, weil er das gar nicht gern gehabt hat. Wegen dieser Ohrfeige hat Hitler Gudell dann ab 1937 gejagt, aber nie erwischt.
cih 03.09.2017
4. hmm
"Die Verbindung von Tod und Sex lässt auf viele Leser - und entsprechend hohe Auflagen - hoffen." schreibt der Spiegel im noch lesbaren Teil um dann mit dem Account Geld abzuzocken weil danach alles unlesbar ist :D hachjaaaa
Irina0 03.09.2017
5. Pervitin Konsumenten gewesen sind
Das "Adolf" sexuell gestört war, war mir schon lange klar aber den meisten deutschen Bürgern halt nicht. Größtenteils wollten und wollen sie ja auch gar nicht an die Wahrheit heran, weil sie damit zu kämpfen hatten und haben, die Schuld von sich zu weisen. Wenn "Adolf" eine Rede hielt, kicherten und kreischten die Frauen. Sie empfingen die Empathie seiner sexuellen Lust, die ja doch so gestört war gegenüber Eva Braun. Hinzukommt dass er und sehr viele deutsche Bürger, die Wehrmacht sowieso, Pervitin Konsumenten gewesen sind. Wie viele Generationen das wohl dauert bis diese Schäden behoben sind?
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