Integration Ist das ein richtiger Arzt, fragt das deutsche Ehepaar

Ein unbegleiteter Flüchtlingsjunge integriert sich mustergültig, wird Arzt und deutscher Staatsbürger. Dennoch ist fraglich, ob er hierzulande jemals wirklich ankommen wird.

Ulrike Hage

Von Bruno Schrep


Der Patient von Zimmer 513, der Tage zuvor einen Bypass gelegt bekommen hatte, reagierte seltsam. Statt den Gruß des Stationsarztes zu erwidern, grummelte er nur vor sich hin. Statt ihn bei der Visite anzuschauen, sah er aus dem Fenster. Statt seine Fragen zu beantworten, drehte er ihm den Rücken zu und schwieg.

Des Rätsels Lösung: Der 80-jährige Deutsche wollte keinesfalls von einem Schwarzen behandelt werden. Seine Ehefrau fragte beim Personal, ob der überhaupt ein richtiger Arzt sei. So passiert auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

"Das tut einfach weh", sagt Umeswaran Arunagirinathan. Seit der gebürtige Tamile in Deutschland lebt, muss er immer wieder solche Brüskierungen aushalten. Sie haben ihn aber nicht verbittert. Dafür gab es auf seinem Weg vom zwölf Jahre alten, unbegleiteten Flüchtling zum promovierten Mediziner zu viele positive Stationen.

Alltäglicher Rassismus und Vorurteile auf der einen Seite - große Unterstützung und Hilfsbereitschaft auf der anderen: Seine Erlebnisse hat der heute 38-Jährige, der sich wegen seines für deutsche Zungen unaussprechlichen Namens nur noch Dr. Umes nennt, in einem Buch geschildert. Er beschreibt darin, wie schwer es ist, in Deutschland wirklich anzukommen. Und erzählt gleichzeitig die Geschichte einer rundum gelungenen Integration, wie sie noch immer zu selten glückt.

Über Singapur, Togo, Ghana und Nigeria nach Hamburg

Um sein Leben zu retten, hatten die Eltern fast ihr gesamtes Vermögen geopfert. In der Familie gab es fünf Kinder - zwei Jungen, drei Mädchen. Ihren ältesten Sohn Umeswaran vertrauten die Eltern 1991 einer Schleuserorganisation an, die ihn nach Europa bringen sollte, egal wie. In seinem Heimatland Sri Lanka tobte ein blutiger Bürgerkrieg, schon Zwölfjährige wie er mussten kämpfen. Als der Junge nach einer abenteuerlichen Flucht über Singapur, Togo, Ghana und Nigeria nach Hamburg gelangte, standen seine Chancen schlecht: Er war unterernährt und mittellos, konnte kein Wort Deutsch, seine Hautfarbe war dunkelbraun.

Aber er war auch ehrgeizig, wollte seinen Eltern beweisen, dass sie nicht umsonst große Opfer gebracht hatten. Lernte schnell, die neue Sprache zu beherrschen. Büffelte doppelt so viel wie seine Mitschüler. Bekam prima Zeugnisse. Und verlor nie sein Ziel aus den Augen: Arzt zu werden, wie er es seiner Mutter versprochen hatte.

Dass er es schaffte, verdankt er vor allem drei Personen: seinem Onkel, der ihn trotz beengter Wohnverhältnisse in Hamburg aufnahm, zuvor seine Flucht durch eine Kreditaufnahme mitfinanziert hatte. Seinem Klassenlehrer in der Gesamtschule, der für ihn bei den Behörden bürgte und damit sein Medizinstudium in Lübeck ermöglichte. Und seinem Chefarzt im Hamburger Uniklinikum, der nicht nur als Doktorvater seine Promotion begleitete, sondern sich auch privat um ihn kümmerte.

Verstörende Misstöne

Mehrmals stand er kurz vor der Abschiebung, zuletzt nach dem Abitur. Doch immer wieder fand er Freunde und Unterstützer, die für sein Bleiberecht kämpften. Sieben Jahre arbeitete er nach dem Studium als Assistenzarzt an der Hamburger Uniklinik, derzeit absolviert er im unterfränkischen Bad Neustadt eine Ausbildung zum Herzchirurgen, verbringt fast jeden Tag im Operationssaal.

Die alte Heimat Sri Lanka ist dem Arzt inzwischen fremd geworden. Je mehr er die Freizügigkeit in Deutschland schätzen lernte, das entspannte Miteinander zwischen Männern und Frauen, den lockeren Umgangston, umso weiter entfernte er sich von den starren Regeln seiner Insel, insbesondere dem nach wie vor zementierten Kastensystem. In Sri Lanka, wo ein Frisör aus einer unteren Kaste bestenfalls wieder Frisör werden kann, wäre sein Aufstieg nicht möglich gewesen.

Doch auch in seiner neuen Heimat Deutschland kommt er sich manchmal fremd und ausgegrenzt vor. Als er nach seiner Promotion eingebürgert wurde, war er stolz und glaubte, seine Identität gefunden zu haben. Doch immer wieder gibt es verstörenden Misstöne.

"Ich fühle mich längst als deutscher Staatsbürger und als Teil dieser Gesellschaft", schreibt der Mediziner, "bis mir wieder ein rassistischer Idiot dieses Gefühl austreiben will". Etwa dann, wenn ihm ein Disco-Türsteher wegen seines Aussehens den Eintritt verweigert, was nicht selten vorkommt: "Hau ab, Kanake." Oder wenn die Aushilfe im Fitnesscenter auf Vorkasse besteht, "weil man ja bei euch Ausländern nie weiß".

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"Du nix Sauna?"

Oft sind auch nur Unwissenheit und Gedankenlosigkeit im Spiel. Der freundliche Badegast im Schwimmbad meinte es nicht böse. Er fragte nur freundlich: "Du nix Sauna?" Als ihm der Arzt in perfektem Deutsch erklärte, dass er auch vollständige Sätze verstehen würde, war der Mann beschämt und entschuldigte sich. Für den Arzt gehören solche Beispiele zur Normalität. "Es reicht nicht, Deutscher zu sein", sagt er, "man muss auch deutsch aussehen. Mit dunkler Hautfarbe wird man automatisch als Ausländer wahrgenommen."

Wie er persönlich damit umgeht, schildert Umes am Beispiel des Patienten von Zimmer 513, der keinen schwarzen Doktor wollte. "Ich behandelte ihn wie jeden anderen Kranken. Es spielt für mich keine Rolle, ob jemand Nazi oder Krimineller ist oder Vorurteile gegen mich hat." Umes erklärte dem 80-Jährigen geduldig jeden medizinischen Schritt und die Wirkung jedes Medikaments, nahm sich täglich viel Zeit, um ihn auf die Entlassung vorzubereiten. Ergebnis: "Nicht einmal bekam ich ein Wort von ihm zur hören, meistens vermied er es, mich anzusehen."

Am Tag der Entlassung geschah jedoch Überraschendes. Der Patient, schon mit Hut und im Mantel, klopfte dem Arzt von hinten auf die Schulter. Als der sich umdreht, erklärt der Senior freundlich: "Du bist ein guter Junge." Für den Arzt "eines meiner schönsten Erlebnisse im Krankenhaus". Vielleicht, schreibt der Mediziner, habe er durch sein Verhalten einem alten Mann die Chance geben, "nicht als Rassist zu sterben".

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Umeswaran Arunagirinathan:
Der fremde Deutsche

Leben zwischen den Kulturen

Konkret Literatur Verlag, 144 Seiten, 12,50 Euro



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