Bildungserfolg Auf die Eltern kommt es an

Kinder von Akademikern studieren dreimal häufiger als Kinder, deren Eltern nicht an einer Hochschule waren. Eine neue Studie zeigt: Daran hat sich in den vergangenen Jahren kaum etwas verändert.

Studenten in Leipzig (Symbolbild)
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Offiziell heißt das Ganze "Berechnung der sozialgruppenspezifischen Bildungsbeteiligungsquoten". Umgangssprachlich wird die Studie aber auch "Bildungstrichter" genannt - weil die Bildungswege auf dem Weg zur Universität ziemlich eng werden können. Am Mittwoch hat das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) die neueste Fassung des Bildungstrichters vorgelegt. Wichtigstes Ergebnis: Aufstiegschancen hängen in Deutschland nach wie vor erheblich vom Bildungsstand der Eltern ab.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage: Wer schafft es in Deutschland wie weit im Bildungssystem? Wer kann welche Zeugnisse und Zertifikate erreichen? "Kinder von Akademikerinnen und Akademikern haben eine deutlich höhere Chance, die gymnasiale Oberstufe zu besuchen", schreiben die DZHW-Forscher. In der Folge nehmen Akademikerkinder auch deutlich öfter ein Studium auf. "Die Chance auf Hochschulbildung variiert maßgeblich mit der sozialen Herkunft", heißt es in der Studie.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Von 100 Kindern aus Nicht-Akademikerfamilien beginnen nur 27 ein Studium. Haben die Eltern einen Hochschulabschluss, sind es dagegen 79 von 100 - die Chance für Akademikerkinder ist also rund dreimal größer.
  • Wenn Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien die Oberstufe besuchen, tun sie das deutlich häufiger an berufsbildenden Schulen als Akademikerkinder.
  • Bei Schülern mit Migrationshintergrund spielt die sozialen Herkunft eine noch größere Rolle als bei Personen ohne Migrationshintergrund.

Die ungleiche Verteilung der Bildungschancen wird spätestens seit den Pisa-Studien immer wieder in der Bildungspolitik thematisiert. Doch die neue Untersuchung zeigt: Veränderungen hat es in den vergangenen Jahren kaum gegeben. "Ein Blick auf den Index der Bildungsbeteiligung aus dem Jahr 2005 zeigt, dass sich daran in den letzten elf Jahren kaum etwas verändert hat", schreiben die Autoren mit fast schon resigniertem Unterton.

Für die nach wie vor bestehende Chancenungleichheit gibt es demnach mehrere Ursachen. Ein kritischer Faktor sind die Übergänge, etwa von der Grundschule auf die weiterführende Schule oder von der Mittel- in die Oberstufe. "Familien mit geringerem Bildungshintergrund tendieren häufig dazu, die Kosten für höhere Bildung zu überschätzen und Bildungserträge zu unterschätzen, ungeachtet des vielleicht hohen Bildungspotenzials ihres Kindes", sagt Nancy Kracke, eine Autorin der Untersuchung.

Hat die Herkunftsfamilie dagegen einen höheren Bildungshintergrund, werde das Abitur oder ein Studium "als Teil der Sicherung des eigenen sozialen Status der Familie angesehen". So finde beim Durchlaufen des Bildungssystems bei jeder Entscheidung eine erneute Selektion statt, die von der Bildungsnähe des Elternhauses beeinflusst werde, so Nancy Kracke - mit dem Ergebnis, dass Kinder aus Akademikerhaushalten im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung an den Hochschulen überrepräsentiert sind.

Details zur Erhebung
Welche Daten wurden ausgewertet?
Für die Studie haben die Forscher mehrere Datenquellen ausgewertet: die amtliche Bevölkerungsstatistik zum 31.12.2015, die amtliche Hochschulstatistik zum akademischen Jahr 2015/16, den Mikrozensus von 2011 und die 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks von 2016.
Ist die Untersuchung repräsentativ?
Aufgrund der breiten Datenbasis sind die Aussagen für das deutsche Bildungssystem repräsentativ.
Wer hat die Studie erstellt?
Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) in Hannover hat die Untersuchung durchgeführt. Das DZHW erstellt seit Jahren Studie für Bundes- und Landesministerien, aber auch für Auftraggeber wie das Deutsche Studentenwerk. Der Bildungstrichter wird in mehrjährigem Abstand seit 1985 erstellt.

Mit konkreten Handlungsempfehlungen für die Politik halten sich die Autoren der Studie zurück. Trotzdem machen sie deutlich, dass Veränderungen schon lange vor dem Abitur und dem Hochschulzugang einsetzen müssen. Denn "die eigentlichen Probleme beginnen schon früher im Schulsystem und werden an dieser Schwelle lediglich verstärkt", heißt es mit Blick auf die Studienanfänger.



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Seite 1
cs01 09.05.2018
1.
Ich finde es falsch, hier von ungleichen Bildungschancen zu reden. Jeder hat das gleiche Recht auf Bildung und kann es wahrnehmen. Es wird nur ungleich wahrgenommen. Strenggenommen müsste man von ungleicher Nutzung der Bildungschancen reden. Und am besten dafür sorgen, dass auch Kinder von Nichtakademikern ihre Möglichkeiten nicht vorenthalten werden.
markus_wienken 09.05.2018
2.
Zitat von cs01Ich finde es falsch, hier von ungleichen Bildungschancen zu reden. Jeder hat das gleiche Recht auf Bildung und kann es wahrnehmen. Es wird nur ungleich wahrgenommen. Strenggenommen müsste man von ungleicher Nutzung der Bildungschancen reden. Und am besten dafür sorgen, dass auch Kinder von Nichtakademikern ihre Möglichkeiten nicht vorenthalten werden.
"Und am besten dafür sorgen, dass auch Kinder von Nichtakademikern ihre Möglichkeiten nicht vorenthalten werden." Ja, und da müsste man u.a. bei den Eltern ansetzen. Ich verweise hier immer wieder sehr gerne auf meinen recht großen asiatischen Bekanntenkreis (bedingt durch meine chin. Frau). Von wenigen Ausnahmen abgesehen (meist Japan und Südkorea) handelt es sich nicht um Akademikereltern sondern um Menschen mit niedrigem Bildungsstand und teils auch schlechten Deutschkenntnissen. Deren Kinder allerdings gehen beinahe alle aufs Gymnasium und gehören was die Noten angeht zum oberen Drittel in ihren Klassen. Unser Schulsystem mag durchaus verbesserungswürdig sein, als primäre! Ursache für den geringen Bildungserfolg von Nichtakademikerkindern sehe ich dieses aber nicht.
vox veritas 09.05.2018
3. Bildung - Wahrscheinlichkeit und Chancen
Die Formulierung in der Studie ist extrem unglücklich. ""Kinder von Akademikerinnen und Akademikern haben eine deutlich höhere Chance, die gymnasiale Oberstufe zu besuchen" Die Chancen sind für alle Schüler gleich; dafür haben Sozialpolitiker aller Parteien in den letzten Jahrzehnten ausreichend gesorgt. Wohl aber ist die Wahrscheinlichkeit eines "Aufstiegs" eine andere, da jeder Mensch sein Chancen unterschiedlich nutzt.
st.esser 09.05.2018
4. Chancen durch die Eltern geschaffen oder verbaut
Ich beobachte die Situation aus zwei sehr unterschiedlichen Blickwinkeln, einmal dem der Kinder im persönlichen Umfeld und dann der Kinder an einer mir sehr gut bekannten Grundschule in einem "sozialen Brennpunkt". Dort werden im Herbst über 40% der Kinder ohne Deutschkenntnisse eingeschult (ein von einer privaten Stiftung geförderter Deutschkurs soll helfen, in den wenigen verbliebenen Wochen zu retten, was noch zu retten ist). Diese Kinder sind zu einem großen Teil in Deutschland geboren (also insbesondere keine Flüchtlingskinder, die sprechen meist nach wenigen Monaten schon so gut Deutsch, dass sie problemlos dem Unterricht folgen können). Problematisch ist dagegen die Situation von Kindern, die in Deutschland geboren wurden, aber in einer fremden Sprache aufwachsen, weil ihre Mutter kein oder kaum Deutsch spricht (auch nach Jahren oder manchmal Jahrzehnten in Deutschland nicht). Kein Kontakt zu deutschen Kindern, kein Kindergartenbesuch, kein deutsches Fernsehen - das trifft inzwischen auch auf viele türkische Kinder in 4. Generation (des Vaters) in Deutschland, weil häufig junge Frauen aus der Türkei geheiratet werden, die hier dann in einer rein türkischen Community leben ... (und bei denen manches Mal die Schwiegereltern darüber wachen, dass die guten Sitten eingehalten werden und die Frau nicht zu selbstständig wird). Das soll keine generelle Kritik an türkischen Mitbürgern sein, von denen viele sich auch so gut integriert haben, dass man sie leicht übersieht und nicht bemerkt, einen wie großen Anteil sie darstellen ... Ich sehe den Kontrast zu Vorschulkindern in meinem Umfeld: Die Eltern haben ihnen von klein auf vorgelesen, mit ihnen Memory, Kartenspiele oder Gesellschaftsspiele gespielt, sie Basteln lassen und mit ihnen aktiv die Freizeit verbracht. Diese Kinder sind mit 4 Jahren bereits auf einem besseren kognitiven und intellektuellen Stand als die meisten der Erstklässler in der angesprochenen Grundschule, von denen viele noch nie einen Stift, eine Schere, eine Spielkarte oder einen Würfel in der Hand gehabt haben. (Nein, das ist nicht übertrieben, ich würde es aber auch nicht glauben, wenn ich es nicht so direkt mitbekäme). Kinder denen nie vorgelesen wurde entwickeln meist auch wenig Interesse selber zu lesen, sie haben oft weder die Geduld noch die Aufnahmefähigkeit für Vorgelesenes. Selbst wenn sie in der Schule vom ersten Tag an gefördert werden, ist vieles davon nicht mehr auszugleichen. Es liegt an den Eltern, und da man die Eltern, die ihre Kinder nicht von sich aus auf einen "guten" Stand bringen nicht dazu zwingen kann dies doch zu tun (schließlich ist Erziehung Privatsache der Eltern), bleibt also nur, den übrigen Eltern das Vorlesen, mit den Kindern spielen etc. zu verbieten, wenn man den Einfluss des Elternhauses verringern möchte. Geholfen wäre damit natürlich Keinem ...
st.esser 09.05.2018
5. Einfluss des Elternhauses (weiter)
Die obligatorische Vorschule für Kinder ab 3 Jahren, die jetzt in Frankreich eingeführt wird, wäre vielleicht eine Lösung. Aber in Deutschland hat man die Vorschulklassen abgeschafft und anstatt dessen werden (zumindest in NRW) auch Kinder ohne Schulfähigkeit nach Stichtagsregelung in die erste Klasse eingeschult. Diese Kinder (und das trifft auch auf viele zu, die ohne Deutschkenntnisse eingeschult werden) lernen natürlich im ersten Jahr weder lesen noch schreiben (man kann froh sein, wenn sie mündlich dem Unterricht folgen können - grammatikalisch richtige Sätze bringen sie oft auch im 4. Schuljahr noch nicht zu Stande). Tatsächlich untersagt die Schulverwaltung aber diese Kinder nach einem Jahr "erneut einzuschulen", also die erste Klasse mit besseren Voraussetzungen noch einmal beginnen zu lassen. Ein Zurückversetzen ist erst später erlaubt (damit sie bei der Berechnung der Schülerzahl der neu gebildeten Klassen nicht mitgerechnet werden). Im Ergebnis wird also ein Kind, das im 1. Schuljahr nicht lesen gelernt hat erst dann zurück in die 1. Klasse geschickt, wenn die übrigen Kinder bereits lesen können ... Grotesk, und mit ein Grund, dass diese Kinder das Versäumte nicht mehr aufholen können (trotz aufwändiger Sonderförderung). Entscheidend sind die Startbedingungen in die Schule. Auch später können "gebildete" Eltern ihre Kinder besser unterstützen, aber was beim Start gefehlt hat, das fällt viel stärker ins Gewicht als jede spätere Unterstützung und Förderung.
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