Studie zur Schullaufbahn Welchen Einser-Gymnasiasten der Absturz droht

Top-Noten am Gymnasium - und trotzdem ist die Schullaufbahn in Gefahr? Bildungsforscher warnen: Wer den falschen Familienhintergrund hat, verliert schnell den Anschluss.

Gymnasiasten in Baden-Württemberg (Archivbild)
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Gymnasiasten in Baden-Württemberg (Archivbild)

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Gymnasiasten, deren Eltern ein niedriges Bildungsniveau haben, fallen im Laufe ihrer Schulzeit immer weiter zurück. Besonders groß ist die Gefahr, wenn sie in der fünften Klasse in Mathematik und Deutsch noch Einsen auf dem Zeugnis stehen hatten. Das ist das überraschende Ergebnis einer noch unveröffentlichten Langzeitstudie von Bildungsforschern am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die Untersuchung liegt dem SPIEGEL exklusiv vor.

"Gerade die besonders guten Kinder ohne den entsprechenden Bildungs-Background verlieren am Gymnasium massiv an Boden", sagt DIW-Forscher Felix Weinhardt, einer der Autoren der Studie. Bei Schülern auf der Realschule, deren Leistungen ebenfalls untersucht wurden, sei der Effekt dagegen nicht zu beobachten gewesen: "Hier geht die Schere im Schulverlauf nicht weiter auseinander."

Gleiches gelte bei mittelguten Gymnasiasten. Ausgewertet wurden die Schulleistungen einer Schülerstichprobe von der fünften bis zur neunten Klasse. Dass dabei konkrete Schüler und ihre Leistungen über einen langen Zeitraum von fünf Jahren beobachtet wurden, ist eine Besonderheit der Studie.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Schon in der Grundschule schätzen die Lehrer die Fähigkeiten der Schüler tendenziell dann schlechter ein, wenn deren Eltern ein niedrigeres Bildungsniveau haben. "Diese Unterschiede bleiben in der Grundschule relativ konstant, verstärken sich dann aber später auf der weiterführenden Schule", sagt Felix Weinhardt.
  • Entsprechend unterschiedlich sind die Übergangsquoten auf die weiterführenden Schulen: Kinder aus einem Elternhaus mit hohem Bildungsniveau gehen zu 61 Prozent aufs Gymnasium und nur zu drei Prozent auf die Hauptschule. Ist das formelle Bildungsniveau des Elternhauses niedrig, schaffen es nur 22 Prozent der Kinder auf ein Gymnasium, 21 Prozent dagegen besuchen eine Hauptschule.
  • Bei den vergleichsweise wenigen Kindern, die es trotz eines niedrigen Bildungs-Backgrounds auf ein Gymnasium schaffen und mit exzellenten Noten aus der Grundschule kommen, ist die Gefahr eines regelrechten Absturzes im Laufe der nächsten Jahre groß. "Das sind Schüler, von denen man vielleicht denkt, sie hätten es geschafft und man müsste sich keine Sorgen um sie machen", sagt Felix Weinhardt - ein trügerischer Fehlschluss.

Warum die betroffenen Kinder bei den Noten so stark absinken, beantwortet die Untersuchung nicht. Denkbar sind fehlende Hilfsmöglichkeiten durch das Elternhaus, eine andere Pädagogik auf der weiterführenden Schule, aber auch die Tatsache, dass sich sehr gute Kinder mit ihren Noten kaum verbessern, sondern nur erheblich verschlechtern können. "Die Frage, warum sich Bildungskarrieren vererben, wird uns weiter beschäftigen", sagt Felix Weinhardt. Die Ursachenforschung sei jetzt der nächste Schritt.

Details zur Studie
Welche Daten wurden ausgewertet?
Die Daten, die die Bildungsforscher ausgewertet haben, stammen aus dem Nationalen Bildungspanel (NEPS). Erhoben wurden insbesondere die Schulnoten der beobachteten Schülerinnen und Schüler und Daten zum sozioökonomischen Hintergrund des Elternhauses.
Ist die Befragung repräsentativ?
Ja, das NEPS ist für Deutschland repräsentativ. Die Stichprobe der Schüler, die bisher von der 5. bis zur 9. Klasse beobachtet wurden, umfasst rund 1300 Schüler. Die Datenbasis für allgemeine Aussagen etwa zur Grundschule ist noch größer.
Wer hat die Studie erstellt?
Verantwortlich für das NEPS ist das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V. in Bamberg, das die Daten auch anderen Forschergruppen zur Verfügung stellt. Die aktuelle Auswertung wurde von der Abteilung Bildung und Familie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) durch Sophie Horneber und Felix Weinhardt durchgeführt.

Dennoch sollten Bildungspolitik und Lehrer nicht auf diese Ursachenanalyse warten, bevor sie reagieren, empfehlen die Bildungsforscher. Wichtig sei es jetzt, auf die besonders guten Fünftklässler mit wenig bildungsstarkem Elternhaus "ein besonderes Augenmerk der Schul- und Bildungspolitik" zu legen. Felix Weinhardt: "Gymnasiasten aus Elternhäusern mit niedrigem Bildungshintergrund sollten gezielter gefördert werden."

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insgesamt 155 Beiträge
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Seite 1
1lauto 05.06.2018
1. Nur anekdotisch..
Mein Vater war Maurer, die Mutter Hausfrau. Nie konnte einer meiner Klassenkameraden bis zum bayerischen Abi meine Leistungen in Mathe und Physik übertreffen. Glaube keiner Statistik, die du nicht....
Europa! 05.06.2018
2. Ja, und?
Natürlich ist Bildung Familiensache. Die Schule kann und soll fördern, die Politik sollte sich aber davor hüten, Bildung und Begabungen "egalisieren" zu wollen.
BahnCard50 05.06.2018
3. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
So das Sprichwort. Vor einigen Jahren war hier auf SPON mal ein Interview mit einem Bildungsforscher, laut dem es einigermaßen gesichert ist, dass 80% der Intelligenz vererbt wird. Ebenso war schon häufig zu lesen, dass reduzierte Intelligenz stark mit niedrigem sozialem Staus korreliert. Wenn wir seit dem zweiten Weltkrieg eine einigermaßen vertikal durchlässige Gesellschaft haben, dann würde man doch erwarten können, dass nach zwei bis drei Generationen tatsächlich die meisten ihre Potentiale ausschöpfen und intelligente höheren sozialen Status haben. Die haben dann aber auch - immer im Mittel - auch wieder eher intelligente Kinder, die tendenziell wieder einen höheren Status erreichen. Eine geringe Rate an sozialem Auf- (oder Ab- !)stieg von Generation zu Generation kann also m.E. nicht nur anzeigen, dass unterprivilegierte Menschen verminderte Chancen haben, sondern auch, dass die Schaffung vertikaler Mobilität bereits ihre Wirkung getan hat.
Europa! 05.06.2018
4. Total unsinnige Überschrift
Es geht um den "Absturz" auf dem Gymnasium, nicht "nach dem Gymnasium". Die Top-Noten hatten die Schüler(innen) in der 5. Klasse, nicht auf dem Gymnasium.
Stäffelesrutscher 05.06.2018
5.
Da die Studie dem Spiegel exklusiv vorliegt, wäre es nett, wenn SPON darlegen würde, wie das »Bildungsniveau« der Eltern definiert wird. Höchster Schulabschluss? Zahl der Bücher zuhause? Geht ein Leseausweis der Stadtbücherei (der bei Ärmeren die Bibliothek ersetzt) in die Wertung ein? Was bedeutet ein Notenindex von 0,9143? Was einer von 0,43 oder von minus 0,24? Wurde untersucht, ob die Geringschätzung von Schülern aus »bildungsfernen« Familien, die hier für die Grundschule quasi als normal dargestellt wird, im Gymnasium fortgesetzt wird? Sprich: geben Lehrer, die sich für Wahrer einer bürgerlichen Elitebildungsanstalt halten, den Kindern des »Pöbels« mehr oder weniger subtil zu verstehen, dass sie da nicht hingehören?
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