Niedersachsen Kassenprüfer rügen Inklusions-Chaos

Niedersachsen erhält Förderschulen und setzt gleichzeitig auf Inklusion. Das verschwendet Geld und verschärft den Lehrermangel, wie der Landesrechnungshof bemängelt.

Kinder in einer Förderschule (Symbolbild)
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Kinder in einer Förderschule (Symbolbild)


Eigentlich wollte Niedersachsen viele seiner Förderschulen schrittweise auflösen und Kinder mit Behinderungen flächendeckend in reguläre Schulen integrieren. Doch auf die rot-grüne folgte eine Große Koalition, und die beschloss: Schulen mit den Förderschwerpunkten Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung sollen noch auf Jahre erhalten werden.

Das hat eine Doppelstruktur manifestiert, für die die Landesregierung nun heftige Schelte vom Landesrechnungshof eingesteckt hat. Die obersten Kassenprüfer veröffentlichten am Mittwoch ihren Jahresbericht, in dem sie große regionale Unterschiede und den wenig effizienten Umgang mit Ressourcen bemängelten.

Das doppelte Angebot von Förderschulen und inklusiven Regelschulen verschärfe flächendeckend den Personalmangel. Das führe dazu, dass in keinen der beiden Schularten der Bedarf an sonderpädagogischer Expertise gedeckt werden könne. Es sei deshalb problematisch, in den drei untersuchten Förderschwerpunkten weiter zweigleisig fahren zu wollen.

Nicht nur in Niedersachsen kämpfen Schulen damit, die Inklusion so umzusetzen, dass alle Kinder davon profitieren. Im April hatte eine Bremer Schulleiterin dagegen geklagt, dass an ihrem Gymnasium eine Inklusionsklasse eingerichtet werden sollte. Auch woanders klagen Lehrer und Eltern.

In Niedersachsen hatten sich die Prüfer anderthalb Jahre lang mit der Entwicklung der schulischen Inklusion seit ihrer gesetzlichen Einführung vor fünf Jahren befasst. Der Rechnungshof stellte dabei fest, dass Kinder mit Behinderungen landesweit sehr unterschiedlich beschult werden.

So schwankt der Anteil der Kinder mit Förderbedarf, die eine Regelschule besuchen, zwischen 27 Prozent in Osnabrück und 81 Prozent im Landkreis Gifhorn. Während die Inklusionsquote bei Gymnasien 0,5 Prozent beträgt, haben die Hauptschulen mit 14,6 Prozent den höchsten Anteil von Schülern mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung.

"Bei Fortsetzung dieses Trends ist nicht auszuschließen, dass Hauptschulen innerhalb weniger Jahre den Status faktischer Förderschulen erlangen könnten", heißt es in dem Bericht. Auch andere Schultypen müssten verstärkt Schüler mit Förderbedarf aufnehmen.

Niedersachsen hat von 2017 bis 2021 weitere 1,8 Milliarden Euro für die schulische Inklusion eingeplant. Dieses Geld wird jedoch laut Prüfbericht bislang vielfach nicht sinnvoll investiert. Wie zum Beispiel der Förderbedarf einzelner Schüler geprüft werde, sei zu "kostenintensiv und nicht mehr erforderlich".

Das förmliche Prüfverfahren kostete 2016 im Schnitt 2670 Euro pro Schüler - und insgesamt fast 40 Millionen Euro. Es habe jedoch Schwachstellen und die schulische Expertise reiche aus, um den Förderbedarf sachgerecht zu ermitteln.

Im Rahmen einer Modellrechnung prüfte der Rechnungshof auch, was passieren würde, wenn alle derzeit noch existierenden Förderschulen für Kinder mit Lernbehinderung oder Defiziten bei der emotionalen und sozialen Entwicklung aufgelöst würden. Demnach ergebe sich ein Verteilungspotenzial von 400 Millionen Euro im Jahr - genug, um sämtliche Klassen aller Schulformen mit knapp sechs Stunden Förderunterricht pro Woche auszustatten.

lov/dpa



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