Firmengründung im Unterricht "Jetzt erfahren die Schüler mal, wie wenig vom Lohn übrig bleibt"

An einem Düsseldorfer Gymnasium gründen Elftklässler im Unterricht eigene Firmen. In diesem Jahr war die Idee der Schüler so gut, dass sie nun kaum noch zum Lernen kommen.

Streetcycled

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Die Abiturvorbereitungen gerieten bei Patrick Reichel in den vergangenen Monaten manchmal ein bisschen in Vergessenheit. Denn der 17-Jährige ist nicht nur Schüler am Düsseldorfer Max-Planck-Gymnasium - sondern gleichzeitig auch Vorstandsmitglied der Schülerfirma "Streetcycled". Und die entwickelt sich im Moment "ziemlich gut", wie Patrick sagt. Es ist eine Untertreibung.

Auf Ausstellungen und bei Wettbewerben sind die Elftklässler unterwegs, um ihre Idee und vor allem ihre Produkte zu zeigen und zu verkaufen: Möbel aus recycelten Straßenschildern. Vorfahrtsschilder werden zu Beistelltischen, Einbahnstraßenschilder zu Garderoben.

"Wir bekommen die alten Straßenschilder von Bauhöfen und Autobahnmeistereien zum Schrottpreis", erzählt Nina Wallitza. "Dann machen wir sie sauber und upcyceln sie - machen also aus alten Ressourcen etwas Neues."

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Schülerfirmen: Neue Ideen aus alten Schildern

Die Idee kommt an: Die Schüler haben im Laufe des Schuljahres bereits über 100 Einrichtungsgegenstände verkauft, den Junior-Landeswettbewerb für Schülerfirmen in NRW gewonnen und beim Bundeswettbewerb in Berlin den zweiten Platz belegt. Zusätzlich wurden sie noch mit einem Sonderpreis für Nachhaltigkeit ausgezeichnet. "Das ist Wahnsinn, was wir für gutes Feedback bekommen", sagt Amina Jäckel, eine der Schülerinnen.

Mitzumachen ist "fast schon cool"

Unternehmen zu gründen sei an der Schule eine jahrelange Tradition, sagt Lehrerin Hannah Matthiesen: "Das ist ein bisschen wie ein Hype bei uns, für die Schüler ist es fast schon cool, da mitzumachen."

Der Projektkurs Sozialwissenschaften ist so beliebt, dass es mehr Bewerber als Plätze gibt. Wer einen ergattert, arbeitet besonders engagiert, hat Matthiesen beobachtet: "Das ist ganz anders als der normale Unterricht."

(Mehr zur Aktion "Deutschland spricht" finden Sie hier .)

Trotzdem, sagt die Lehrerin, habe die Arbeit in einer Schülerfirma ganz viel mit den Bildungszielen der Schule zu tun. "Die Schüler können sich in ein Unternehmen hineinversetzen und lernen dann hautnah, was Wirtschaft wirklich bedeutet."

Dazu gehöre zum Beispiel, sich selber Löhne auszuzahlen und Sozialabgaben abzuführen - auch, wenn es nur um ein symbolisches Gehalt von 50 Cent pro Stunde geht. Die Lohnbuchhaltung muss trotzdem erledigt werden. "Das sind Dinge, die wir sonst theoretisch im Unterricht behandeln - und jetzt erfahren die Schüler wirklich mal, wie das ist, wenn hinterher vom Lohn gar nicht mehr so viel übrig bleibt."

Überstunden für den guten Zweck

Dass die Vermittlung von Wirtschaftswissen über die Mitarbeit in Schülerfirmen funktioniert, bestätigt eine aktuelle Studie der Universität Köln. Bei einer Umfrage unter mehr als 1300 Schülern, die sich zuvor in eigenen Unternehmen engagiert hatten, lobten 63 Prozent das hohe Lernpotenzial, 57 Prozent die Teamarbeit und jeder Zweite das unternehmerische Wissen und die Fähigkeiten zur Projektorganisation, die durch die Schülerfirmen vermittelt wurden.

Dass es dabei nicht ums Geldverdienen geht, betonen auch die "Streetcycled"-Schüler immer wieder: Ein Teil des Gewinns aus der Firma spenden sie an die Opfer von Verkehrsunfällen. "Für uns ist das ein wichtiger Teil unserer Firmenidee", sagt Amina Jäckel. Und: Teil der Motivation, sich über den normalen Unterricht hinaus zu engagieren.

"Eineinhalb Stunden Sitzung pro Woche sind Pflicht", erzählt die Gymnasiastin. Da werde besprochen, was in der Firma alles so ansteht. Und dann müssen natürlich noch Bestellungen abgearbeitet und neue Regale, Tische, Garderoben und Tabletts produziert werden. Da komme im Laufe eines Monats etliches an zusätzlichen Stunden zusammen.

Zukunftsfragen wie im echten Leben

Doch auch, wenn gerade alle Zeichen bei "Streetcycled" auf Erfolg stehen: Mit dem Ende des Schuljahres wird die Schülerfirma erst einmal ihre Arbeit einstellen - zumindest offiziell. Denn der Lernzyklus von einem Jahr ist dann rum, und für die Gymnasiasten steht jetzt das Abitur im Vordergrund, das sie im Frühjahr 2019 bestehen wollen.

Trotzdem sind sich alle zwölf einig, dass es weitergehen soll. "Wir diskutieren nur, wann", sagen Amina und Patrick: "Die einen wollen sofort weitermachen und den positiven Schwung nutzen, den wir gerade spüren. Die anderen wollen ein Jahr Pause einlegen und dann nach dem Abitur richtig loslegen."

Eine schwierige Entscheidung - ganz wie im richtigen Leben.

Video: Firmenboss mit 16

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Seite 1
jupp78 11.07.2018
1.
"Dass es dabei nicht ums Geldverdienen geht, betonen auch die "Streetcycled"-Schüler immer wieder" Schade eigentlich, denn das wäre ein ganz wichtiger Lernbestandteil, der grade in der Schule gerne zu kurz kommt (z.B. auch bei der Berufswahl). Denn bei einer Firmengründung braucht es ein tragfähiges Geschäftsmodell mit dem Geld zu verdienen ist. Das ist ein essentieller Bestandteil ohne den es nicht geht. Denn es hilft keine Nachhaltigkeit, keine Selbstverwirklichung oder was auch immer weiter, wenn kein Geld verdient wird. Dabei sollte nicht verwechselt werden, dass ggf. verdientes Geld aus diesem Projekt natürlich gerne beispielsweise gespendet werden kann, aber Geld muss perspektivisch verdient werden.
ned divine 11.07.2018
2. Schöne Idee!!
Schule, wie sie gelegentlich auch sein sollte, lebensnah und praktikabel. Ich finde es sehr nützlich, auch solche Projekterfahrungen zu machen für Schüler. Bin nach wie vor auch der meinung, man sollte ein Fach "Umgang mit Geld" in der Schule als Pflichtfach einführen, das würde sicher vielen Kindern helfen, einen vernünftigen und verantwortungsvollen Umgang mit Finanzen zu erlernen bzw. die Grundlagen dafür zu legen. Grundsätzlich sollte aber Schule auch Schule bleiben und dem Lernen dienen, solche "Schüler-Firmengründungen" etwa sollte die Ausnahme und etwas Besonderes bleiben.
hagr 11.07.2018
3. Demotivierend
Das wird unsere Hochbegabten Einserabiturienten sicher bis aufs Äußerste motivieren. Aber wenigstens einmal Realismus im Unterricht. Ich komme gerne einmal vorbei und erkläre den Goldstücken in einer Doppelstunde meine Gehaltsabrechnung. Kann aber leider nur deutsch. Aber die Pfiffigsten wissen das eh längst und machen Hartz IV mit Schwarzarbeit. Ich bin leider ein Mittelschichtkind und habe anerzogen bekommen, dass man, wenn man was leistet, auch was bekommt. Hätte mir damals jemand einmal eine Gehaltsabrechnung eines Nichtbeamten erklärt...
hhseguin 11.07.2018
4. Entrepreneurship Education
heißt das bildungspolitische Wortungetüm. Auf Deutsch: Wer die Schule verlässt, sollte seinen eigenen Laden aufmachen können. Angesichts der überwiegend mittelständischen Arbeitsverhältnisse schlau und notwendig mag dieses der Jugend den Erfolg erleichtern.
marcus.w 11.07.2018
5. Der Lernzirkel ist - was?
Der ist "rum"? :D Ich bin mir sicher, dass den Author hier ein besseres Wort einfällt :) Trotzdem, ein netter Artikel über eine schöne Idee. Ich wünschte zu meiner Schulzeit hätte es derartiges gegeben - hier wird fundamentales Wissen vermittelt, Wissen das jedem einzelnen - egal ob sie anschließend Angestellte oder Selbstständig sind, gebrauchen können. Einfach einmal zu sehen, welche Schnittmengen aus dem Unterricht mit dem tatsächlichen, späteren Arbeitsleben existieren - bevor es ernste Konsequenzen hat. Witzigerweise hatte ich zur Schulzeit einen Lehrer, der seinen Unterricht so langweilig gestaltete, dass man anschließend Mathematik im Allgemeinen, Algebra, Geometrie im Engeren, und z.B. Trigonometrie im Speziellen für ganz üblen Mist hielt. Heute arbeite ich als Programmierer, entwickele im Bereich Grafik und mathematische Filter sowie Bildübertragung und brauche just dieses Wissen jeden Tag. Es dauerte ewig, bis ich mir das alles nochmal selbst beigebracht hatte - das war alles irgendwie bekannt, aber so richtig gesetzt war das nicht. Und ich bin inzwischen der Meinung, das wäre der Job meines Lehrers gewesen...
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