ARD-Drama zur Ehe für alle Wer Mama ist, entscheidet die Justiz

Heiraten dürfen gleichgeschlechtliche Paare zwar - gleichgestellt sind sie deshalb noch lange nicht. Deutlich wird das bei der Frage der Elternschaft, wie der aufwühlende Film "Unser Kind" zeigt.

WDR/ Martin Valentin Menke

Noch kann der kleine Franz nicht sprechen. Aber wenn er es lernt, wird er zu Ellen (Susanne Wolff) "Mama" sagen. Auch wenn die nicht seine biologische Mutter ist. Sie füttert ihn, badet ihn, wechselt seine Windeln, kuschelt und singt mit ihm. Ellen ist seine Bezugsperson. So einfach ist das zwischen Kindern und Eltern, vor allem in den ersten, prägenden Jahren. Eigentlich. Doch vor Gericht gilt das nicht. Nicht für gleichgeschlechtliche Paare.

Ellen geht durch die Hölle bei ihrem Versuch, auch in den Augen der Justiz als Franz' Mutter angesehen zu werden. Sie ist dabei dem Verhalten und den Ansprüchen anderer Menschen, die Franz nahestehen, hilflos ausgeliefert. Rechte hat Ellen keine. Wie sehr diese entwürdigende Situation an die Substanz geht und zu welch erbitterten Kämpfen sie führt, zeigt der ARD-Fernsehfilm "Unser Kind".

Er erzählt die Liebesgeschichte von Ellen und Katharina (Britta Hammelstein). Sie heiraten und bekommen durch künstliche Befruchtung ein Kind. Das Glück der Kleinfamilie ist da - bis das Schicksal zuschlägt. Katharina, die als Musikerin arbeitet, stirbt bei einem Verkehrsunfall. Ellen steht in ihrer Trauer plötzlich mit Franz allein da. Und rechtlich gesehen gilt sie eben nicht einmal als seine Mutter. Ihr einziger Weg, das zu erreichen, wäre eine Adoption. Katharina hat die entsprechenden Papiere auch unterzeichnet, aber nicht eingereicht. Nach dem Unfall sind sie spurlos verschwunden.

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"Unser Kind": Alle wollen nur das Beste

Zumindest bieten Katharinas Eltern Johannes (Ernst Stötzner) und Evelyn (Victoria Trauttmansdorf) ihre Unterstützung an. Als Ellen durch die belastende Situation krank wird, nehmen sie den kleinen Franz kurzzeitig zu sich. Zunehmend aber wird vor allem Johannes' Verhalten übergriffig. "Lass ihn einfach hier", sagt er zu Ellen und stellt sich ihr in den Weg, als sie Franz abholen will.

Und dann tritt auch noch der Samenspender auf den Plan. Wolfgang (Andreas Döhler), ein Arbeitskollege von Katharina, hatte mit den beiden ausgemacht, später keine Ansprüche auf seine Vaterschaft zu erheben. Nachdem er allerdings Franz auf dem Arm hatte, sieht Wolfgang das ganz anders. Die Begegnung öffnet etwas in ihm, plötzlich macht er seiner Frau Vorwürfe: "Du wolltest ja kein zweites Kind." So ein bisschen Franz' Vater sein und mitreden will er jetzt doch.

Die unklare Gesetzeslage schafft eine existenziell bedrohliche Situation

Keine dieser Figuren, so zeigt es das großartige Drehbuch von Kristl Philippi, führt Böses im Schilde. Alle handeln in der Überzeugung, nur das Beste für Franz zu wollen: Der Großvater, der viel Zeit hat und Ellen entlasten könnte; der biologische Vater, der ihm eine männliche Identifikationsfigur sein will. Fast unmerklich aber geraten die Beteiligten in ein Ringen um diesen kleinen Menschen, erst nur mit Gesten, dann auch verbal, schließlich ungehemmt egoistisch.

In dieser Gemengelage werden sowohl Franz als auch Ellen zum Opfer. "Unser Kind" bezieht klar Stellung zu der Tatsache, dass mit dem Gesetz zur Ehe für alle eben noch lange nicht alles geklärt ist für gleichgeschlechtliche Paare. Das Abstammungsrecht beispielsweise wurde nicht angepasst. Bei Heterosexuellen ist automatisch der Vater der zweite rechtliche Elternteil, auch wenn er nicht der biologische Vater ist. Für lesbische Paare gilt das noch immer nicht.

Für Ellen schafft die unklare Gesetzeslage eine unsichere, ja existenziell bedrohliche Situation. Als sich auf Johannes' Drängen tatsächlich die Justiz einschaltet, wird die schreckliche Möglichkeit, dass sie das Sorgerecht für Franz verlieren könnte, zur Wahrscheinlichkeit. Im letzten Drittel wartet das Drehbuch mit mehreren dramatischen Wendungen auf, die den Zuschauer nachvollziehen lassen, wie emotional aufreibend der Kampf um Franz für Ellen ist.

Der Filmemacherin Nana Neul ("Stiller Sommer") ist mit "Unser Kind" etwas Seltenes gelungen: Ein thematisch fokussiertes Drama, das ohne die gefürchtete didaktische Keule auskommt. Und durch seine in Rückblenden aufgefächerte Erzählstruktur ein herausforderndes Drama mit dem Mut zu dramaturgischer Offenheit, das sich zu einem beeindruckenden Gesellschaftspanorama weitet.


"Unser Kind", Mittwoch, 07.11., 20.15 Uhr, ARD

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karamasowa1 06.11.2018
1. Paragraph 1592 BGB
"Bei Heterosexuellen ist automatisch der Vater der zweite rechtliche Elternteil, auch wenn er nicht der biologische Vater ist." Gemeint ist wohl: der Ehemann. Und: Ja, darin besteht ein Unterschied zwischen homo- und heterosexuellen Ehen. Dann sollte man mal nüchtern darüber reden, welche Folgen eine Angleichung der Regelung hätte (möglicherweise überwiegend positive - einen Unterschied gibt es aber doch: biologisch hat nun mal jedes Kind einen Vater und eine Mutter. Im vermutlich mehr als 90% der Fälle sind der biologische Vater und der Ehemann tatsächlich identisch. Das Gesetz nimmt hier also der Einfachheit etwas an, was auch den biologischen Gegebenheiten entspricht. Natürlich auch für die Fälle, in denen das nicht zutrifft. Macht es einen Unterschied, ob man es von vornherein auch für Fälle annimmt, in denen man zu 100% weiß, dass es nicht zutrifft? Wie gesagt, die Antwort darauf ist sicher vielschichtig.) Derzeit kann man Situationen wie die im Film dargestellte durch Adoption vermeiden. Was ziemlich konstruiert wirkt: Dass jemand in einer so zentralen Frage "vergisst", die Papiere einzureichen.
dasfred 06.11.2018
2. Wohl gut gemeint aber schlecht gemacht
Da hängt sich ein Drehbuch an der Frage auf, wie weit die Rechte der Ehe für alle noch nachgebessert werden müssen. Im Grunde ein Fall von Kindesmissbrauch. Es soll doch zuallererst das Interesse des Kindeswohls im Mittelpunkt stehen. Dieses im Detail festzuschreiben kann für das Kind nicht nur zum Vorteil gereichen. Das man hier nun gleich mehrere Personen eingefügt hat, die ihre eigenen Interessen verfolgen, mag für die Dramaturgie gut sein, in der Realität aber so gut wie nie vorkommen.
snoxx 06.11.2018
3. Ein Kind braucht weibliche und maenliche Bezugspersonen
Von daher sollte das Recht so geaendert werden, dass bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften der 'andere' Elternteil gleichberechtigt neben den Partnern steht sofern er dass will.
GillyXX 06.11.2018
4. Neuer Beruf
" Ein Kind braucht weibliche und maenliche Bezugspersonen" Na, da wäre ja ein toller neuer Beruf möglich: männliche Bezugsperson für Kinder Alleinerziehender (bzw. umgekehrt für alleinerziehende Väter). Vom Jugendamt geschickt und für ca 40 Kinder zuständig, je zwei pro Tag pro Monat, damit es den Steuerzahler nicht soviel kostet. Sowas würde ich gewissen Parteien und deren Wählern glatt zutrauen.
Mika2 06.11.2018
5. Danke für die Empfehlung
Danke für die Film-Empfehlung. Ich werde ihn auf jeden Fall sehen. Bei einer wirklichen Gleichstellung der Ehe und Gleichbehandlung aller hetero- und homosexuellen Partnerschaften müssen auch alle Rechte und Pflichten angeglichen werden. Während ein Ehemann automatisch der rechtliche Vater eines Kindes seiner Frau ist (ganz egal, wer der leibliche Vater ist), muss eine Ehefrau dieses Recht durch Adoption geltend machen. Paare mit Kinderwunsch sollten diesem Stress nicht ausgesetzt werden und Jugendämter sollten ihre Zeit für Kinder und Familien nutzen können, die wirklich Hilfe brauchen.
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