Serie "Three Girls" über sexuelle Ausbeutung Wie kann so etwas passieren?

Hunderte Kinder wurden in England zwischen 1997 und 2013 von Straßengangs systematisch missbraucht, die Polizei schaute weg. Die TV-Serie "Three Girls" zeigt jetzt das Unfassbare - auf zurückhaltende und emotionale Weise.

Arte/ BBC

Endlich ist mal was los! Mit zwei anderen Mädchen macht die 15-jährige Holly (Molly Windsor) Party: Im Schnellrestaurant "Top Curry" von Tariq und Daddy gibt es Wodka und Kebap für lau. Der perfekte Zufluchtsort vor dem grauen Vororteinerlei da draußen, vor der deprimierenden Familie und dem ewigen Nieselregen. Bis Daddy eines Tages Holly in ein Nebenzimmer drängt, sie begrapscht und sagt: "Wann kann ich mit dir schlafen, Holly?" Und dann tut er es einfach.

Das ist nicht etwa der Höhepunkt, sondern erst der Beginn des Horrors, dem Holly und andere Mädchen in Rochdale, einem Vorort von Manchester, ausgesetzt sind. Ein Ende findet der Schrecken nicht einmal, als sich Holly endlich der Polizei anvertraut. Nein, dann geht er nur auf einer anderen Ebene weiter. Voller Scham berichtet Holly einem Beamten, was ihr zugestoßen ist. Und der gähnt erst einmal ausgiebig. Ihm doch egal, was dieses Straßenmädchen da erzählt.

Die Geschichte von "Three Girls" ist wahr, das Drehbuch beruht auf intensiver Recherche, die Dialoge entstammen teilweise Gerichtsakten; aber diese Geschichte ist so bodenlos schrecklich, dass man sie nicht glauben mag.

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Serie "Three Girls": Der Beginn des Horrors

Wie kann es sein, dass zwischen 1997 und 2013 in Nordengland 1400 Kinder von britisch-pakistanischen Gangs verprügelt, vergewaltigt, versklavt, zum Gruppensex gezwungen und von einer Männergruppe zur nächsten weitergereicht wurden? Und wie kann es sein, dass das unter den Augen der Behörden geschah, obwohl sich einige der Mädchen hilfesuchend an sie wandten und trotz Todesangst aussagten?

Die Miniserie "Three Girls", produziert von der BBC, erzählt in drei einstündigen Folgen einen Ausschnitt aus dieser Horrorstory - auch in Rochdale hatten neun Männer fünf Mädchen über Jahre systematisch missbraucht, die jüngste von ihnen war 13 Jahre alt

Die Serien-Hauptfigur Holly ist erst kürzlich in das deprimierende Rochdale gezogen, ihr Vater ist mit einem Laden pleite gegangen und musste das gemeinsame Haus verkaufen. Zu Hause herrschen Streit und schlechte Laune, also treibt Holly sich mit den ebenfalls prekär aufwachsenden Schwestern Amber und Ruby herum. Sie sind die perfekten Opfer: allein und auf der Suche nach Wärme und Bestätigung.

Eine gewaltige emotionale Intensität

Nur die Sexualberaterin Sara (Maxine Peake) sieht, was mit den Mädchen passiert. Aber obwohl sie jeden einzelnen Fall dokumentiert, obwohl sie Namen und Tatorte nennt, bleibt die Polizei passiv. Schließlich werden die Männer verhaftet, kommen aber kurz darauf wieder frei. Die Anklage wird aus Mangel an Beweisen fallengelassen.

Jahre später, die traumatisierte und alkoholkranke Holly ist inzwischen die Mutter eines Kindes, das bei einer Vergewaltigung gezeugt wurde, werden die Fälle von einer Sonderkommission neu aufgerollt. Die Ermittlerin Magie (Lesley Sharp) muss sie davon überzeugen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und vor Gericht gegen ihre Peiniger auszusagen.

In "Three Girls" kontrastiert die Regisseurin Philippa Lowthorpe eine gewaltige emotionale Intensität mit bewusst gewählter Bescheidenheit der stilistischen Mittel. Sie versucht gar nicht erst, den Stoff Netflix-mäßig mit Regie-Mätzchen aufzublasen. Die deprimierende soziale Ausweglosigkeit modelliert sie wie nebenbei mit einer mobilen Kamera, die immer ihre Protagonisten ins Zentrum stellt.

Eine fragmentierte Gesellschaft

So läuft die preisgekrönte Serie nie Gefahr, Armut auszustellen und auf sie herabzuschauen. Darin hat das britische Filmschaffen seit seinen Anfängen Erfahrung. "Three Girls" ist deutlich geschult an der langen Tradition dokumentarischer Sozialdramen von der Insel. Mit ihrer nicht nachlassenden emotionalen Dringlichkeit erinnert die Serie vor allem an Ken Loachs Filme der Neunzigerjahre, in denen er düster-realistische Einblicke in soziale Schieflagen mit melodramatischer Dramatik kreuzte.

Wie in Loachs "Ladybird, Ladybird" spielen auch in "Three Girls" die Behörden eine fatale Rolle. Ignoranz ist nur der Anfang, später wenden sie sich gegen die Menschen, die ihre Schutzbefohlenen sind. Wie das Jugendamt, das Holly androht, ihr das Baby wegzunehmen, weil sie ihren Schmerz im Alkohol ertränkt. Und die Drohung dann wahrmacht, obwohl Hollys Eltern sich bereit erklären, das Kind zu sich zu nehmen.

In diesem Sinn geht "Three Girls" über den Horror der sexuellen Ausbeutung hinaus und legt den Finger in andere Wunden. Die Serie zeigt eine fragmentierte und segregierte Gesellschaft, deren Instanzen die untere soziale Schicht als lästig und unmündig betrachten. In diesem System ist es an Einzelkämpfern, Opfern von Gewalt Respekt und Gehör zu verschaffen.

Die Serie überschminkt nicht, wie lang und schwer dieser Weg ist. Dass er nötig ist, damit das System sich ändert, zeigt sie aber auch.


"Three Girls", ab Donnerstag, 14. Juni um 20.15 Uhr auf Arte - oderin der Mediathek

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