Action-"Tatort" Tschillers Scherbenhaufen, Schweigers Chance

Actionheld am Boden, Publikum vergrault: Der Tschiller-"Tatort" war im Kino eine Pleite. Zur TV-Erstausstrahlung gibt es Hoffnung, dass Til Schweigers angezählter Haudrauf wieder hoch kommt.

Warner Bros.

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Der Rausch war kurz und heftig. Der Kater lang und zäh. Til Schweiger marodierte als Nick Tschiller über den Kiez, er randalierte in der noch nicht ganz fertigen Elbphilharmonie, er zerlegte den Hamburger Hafen mit einer Panzerfaust - die ersten vier Schweiger-"Tatorte" für den NDR waren ein Fest der Zerstörung; nach den Aufräumarbeiten stellte sich Ernüchterung und schlechte Laune ein.

Der Rechnungshof monierte die außergewöhnlich hohen Kosten der NDR-Produktionen, die Presse kritisierte, dass die öffentlich finanzierten Fernsehfilme zum Teil nicht vorab gezeigt wurden, Til Schweiger beschwerte sich über die Programmierung seiner Filme im Ersten. Und das Publikum zeigte von Folge zu Folge weniger Interesse.

Der unter großem Aufwand hergestellte Leinwand-"Tatort" mit dem Titel "Tschiller - Off Duty", Fall fünf, war 2016 mit 280.000 Zuschauern an der Kinokasse dann ein Flop. Dabei gibt Schweiger als Stur-Cop noch mal alles, was Gesetz und Logik bricht. Nachdem seine Tochter in Istanbul von einem alten Intimfeind aus Hamburger Zeiten entführt wurde, macht er sich zum Auslandseinsatz auf, in dessen Verlauf er türkische Gefängnisse und russische Bordelle aufmischt.

Dass der Action-"Tatort" nun inmitten der WM seine Fernsehausstrahlung feiern soll, entfachte erneut den Zorn Schweigers. Er warf dem NDR über die "Bild"-Zeitung ein weiteres Mal schlechte Terminplanung vor.

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Schweiger-"Tatort": "Hackfresse down"

Dessen Unterhaltungschef Thomas Schreiber versucht die Wellen nun zu glätten. Dem SPIEGEL sagt er: "Wir haben diesen Sommertermin ja auch deshalb bewusst gewählt, weil wir so in einer Zeit, die oft durch Wiederholungen geprägt ist, im Ersten 'frische Ware' präsentieren können. Das freut bestimmt nicht nur Fußball-WM-Muffel." Der außerreguläre Termin in der "Tatort"-Sommerpause war notwendig, da der Kino-Krimi eine Länge von 130 Minuten hat; an einem normalen Sonntag wäre er mit Anne Will und deren angestammten Sendeplatz kollidiert. Einen zweiten Kino-"Tatort" vom NDR wird es laut Schreiber nicht geben.

Intern umstritten, extern wirkungslos

Es ist ungewöhnlich, dass die Kommunikation zum Thema ausschließlich vom Unterhaltungschef abgewickelt wird. Normalerweise ist es dem Fernsehspielchef der jeweiligen Sendeanstalt vorbehalten, die größeren strategischen Ausrichtungen beim "Tatort" zu erklären. Eine Tatsache, die zeigt, wie heikel die Angelegenheit ist. NDR-intern waren die Schweiger-"Tatorte" umstritten, extern sorgten sie nicht für die Furore, mit der man die Querelen legitimieren könnte.

Schweiger selbst ist zur Zeit zu dem Thema nicht zu sprechen. Er dreht gerade "Head full of Honey" mit Nick Nolte, die US-Version seines deutschen Kinoerfolgs "Honig im Kopf". Es existiert eine schon vor etwas längerer Zeit geschlossene Vereinbarung mit ihm über drei weitere Tschiller-"Tatorte", NDR-Mann Schreiber erklärt, diese gelte noch immer. Zur Zeit arbeitete man an dem Drehbuch zum insgesamt sechsten Tschiller-Fall, als Drehbeginn peile man das Frühjahr 2019 an.

Allen fragilen Arrangements und lautstark ausgetragenen Disputen zum Trotz: Es könnte ein Neuanfang für Schweiger und den "Tatort" sein. Dass sich die Fokussierung auf die oft computerspielartige Action nicht ausgezahlt hat, ist allen Beteiligten klar. Wie kann man dem Ego-Shooter für ein paar Momente die Pistole entwenden? Was soll man anfangen mit dem Wüterich-Charakter Tschiller? Auf welche Weise kriegt man sein Aufmerksamkeitsdefizit in den Griff?

Lasst der Actionfigur das Testosteron raus!

Die Hoffnung liegt auf dem Autor und Regisseur Eoin Moore, dessen Engagement Schreiber für den nächsten Schweiger-"Tatort" bestätigt. Moore schreibt gerade mit seiner Ehefrau Anika Wangard das Drehbuch. Der irischstämmige Filmemacher ist spezialisiert auf Härtefälle; mit dem letztes Jahr verstorbenen Andreas Schmidt drehte er einige so handfeste wie einfühlsame Charakterstudien über Soziopathen und Schläger. Moore war es auch, der als Head-Autor das stimmige proletarische Umfeld um den Rostocker "Polizeiruf"-Ermittler Bukow entwickelte. Gerade erst lief eine Folge, in der das Thema Rechtspopulismus präzise, klug und bis zur Schmerzgrenze physisch aufbereitet wurde.

Es besteht die Möglichkeit, dass Moore Schweigers Tschiller neue Facetten abringen kann. Der Regisseur müsste dafür der aufgeblasenen Actionfigur das Testosteron rauslassen, er müsste die psychische Schwäche hinter der physischen Präsenz zeigen, er müsste die tragische Komponente eines Rächers in den Ruinen seiner eigenen Arbeit herausarbeiten.

Kurz: Tschillers Scherbenhaufen ist Schweigers zweite Chance. Der aufregendste Krimi der "Tatort"-Reihe ist ihm nicht gelungen, der aufregendste Reboot des "Tatorts" wäre noch drin. Schauspieler Schweiger, der am Set am liebsten alles selbst macht, hätte sich dafür nur konsequent in die Hände von Moore begeben. Außerdem müsste die Rolle von Fahri Yardim als Sidekick Yalcin Gümer wieder größer angelegt werden - im zweiten "Tatort" gab es ja eine starke Dynamik zwischen den beiden, der türkische Kollege führte die deutsche Brechstange smart durch die unübersichtliche Multikulti-Gegenwart. Danach krawummste sich Schweiger wieder wie gehabt durch die Handlung.

"Hackfresse down!" heißt es einmal im Kino-"Tatort", als Tschiller einen Gangster aus dem Weg schießt. Was wäre es für eine sensationelle Wendung, wenn Schweiger, der abgestürzte Actionheld, den "Tatort" noch mal zum Fliegen brächte.

Bewertung: 4 von 10 Punkten


"Tatort: Tschiller - Off Duty", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 52 Beiträge
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dasfred 06.07.2018
1. Till Schweiger ist die Inge Meysel des modernen TV
Was beide auszeichnet, sind nun mal die zwei Gesichtsausdrücke, die Fähigkeit, sich über alles aufzuregen und eine nölige Stimme, bei der sich die Fussnägel hochklappen. Aber unbestreitbar haben beide eine große Anhängerschaft, die begeistert alles sehen will, was Schweiger produziert. Der Rest will ihm nichteinmal sein Leitungswasser abkaufen. Schweiger polarisiert einfach zu stark, als dass man noch einen Tatort mit ihm vorurteilsfrei genießen kann.
frankfurtbeat 06.07.2018
2. Schweiger ...
Schweiger ist aus persönlicher Sicht ein absoluter überbewerteter Schauspieler der inzwischen von vielen Menschen nicht mehr gesehen werden will. Aus, vorbei, war nichts und servus ...
jkleinmann 06.07.2018
3. Unsympathischer Typ,
albernes Möchtegern-Ami-Gehabe (Panzerfaust im Tatort), exzessivebGebührenausgabe: Ich bin nicht dabei. Der Tatort, in welcher der verschiedenen Umsetzungsarten auch immer, lebt davon, eben nicht auf Panzerfaust-Niveau Fälle zu lösen und zu unterhalten.
hman2 06.07.2018
4. müsste müsste müsste
"Der Regisseur müsste dafür der aufgeblasenen Actionfigur das Testosteron rauslassen, er müsste die psychische Schwäche hinter der physischen Präsenz zeigen, er müsste die tragische Komponente eines Rächers in den Ruinen seiner eigenen Arbeit herausarbeiten." Vor allem müssten Til Schweiger endlich sprechen lernen. Sprechen. Nicht nuscheln. Oder er wird synchronisiert.
Emma Fairfax 06.07.2018
5.
Okay, ich mag den Schweiger nicht, mochte ihn noch nie, auch schon nicht im Bewegten Mann. Aber allein dieser Titel 'Tschiller', da muss ich doch sehr lachen! Soll das pubertär-neudeutsch für 'chillen' stehen? Würde passen. Auch, dass er seit seinem Hollywood-Aufenthalt seinen alten Anhängern zeigen will, wo der Hammer hängt. Bitte, Til, kümmere dich um deine Familie, dein Restaurant und gutes Mineralwasser. Das reicht völlig. Danke!
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