WM-Talk bei "Maischberger" "Das eigentliche Geheimnis ist, Männer sechs Wochen zusammenzuhalten"

Am Donnerstag beginnt die WM in Russland - ein "Stresstest für den Fußball?" Darüber diskutierte Sandra Maischberger mit ihren Gästen. Es wurde eine Mischung aus Freundschaftsspiel und Stammtisch.

Maischberger-Fußball-Talk:  "WM in Russland: Stresstest für den Fußball?"
WDR/ Max Kohr

Maischberger-Fußball-Talk: "WM in Russland: Stresstest für den Fußball?"

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In dieser Partie (Thema: "WM in Russland: Stresstest für den Fußball?") geht es um nichts, und so verstreichen nicht nur die ersten fünf Minuten mit respektvollem Geplänkel. Die Spieler schieben sich gegenseitig den Ball so nachlässig zu ("Wie weit kommt Deutschland?"), dass gar keine Mannschaften erkennbar sind.

In der Aufwärmphase beschnuppert man sich noch. Da passt der ehemalige Nationaltorhüter Toni Schumacher ("Halbfinale ist Pflicht") zum ehemaligen Schiedsrichter Markus Merk ("Wie wir alle hier in Deutschland, bin ich frohen Mutes"), der wiederum den Sportmoderator Reinhold Beckmann anspielt.

Der hält es schon für schwierig, so viele "Männer sechs Wochen zusammenzuhalten", das sei das eigentliche Geheimnis und Phänomen des Fußballs, und damit gibt Beckmann lieber an Sat.1-Moderatorin Marlene Lufen ab. Die ist extrem engagiert und hat sich "schon schwarz-rot-gold angemalt, als es noch uncool war". Dennoch rutscht ihr der Ball über den Spann, Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth sieht ihre Chance, übernimmt mit der Bemerkung, sie hänge sich lieber die Regenbogenfahne aus dem Fenster (6.). Abseits!

Sandra Maischberger bringt Özil, Gündogan und Erdogan ins Spiel (7.), das sorgt für Schwung. Für Markus Merk ist der gemeinsame Auftritt der drei Türken "eine klassische Fehlentscheidung", auch Beckmann tut sich schwer. Beherzt übernimmt Lufen (9.), betreibt Manndeckung ("Das sind super Fußballer, und die spielen in ihrer Freizeit viel Playstation, die können das nicht so richtig einschätzen") und spielt einen hübschen Doppelpass mit Merk: "Da denkt der Türke doch anders!"

Lufen holt sich den Ball zurück und flankt (12.) erstmals in den Strafraum: "Ich weiß gar nicht, wieso der Sport immer so überladen ist von politischen Symbolen?" Torjäger Beckmann steigt höher als alle anderen, nimmt die Vorlage mit dem fröhlichen Nationalismus und dem Mitsingen der Hymne volley: "Das kann ich dir sagen, das kam mit 2006." Toni Schumacher klärt die Situation, er selbst habe früher "die Zeit genutzt, um mein autogenes Training zu machen".

Auf diese vielversprechende Szene folgt ein ermüdendes Tiki-Taka, bei dem sich niemand einen Vorteil erspielen kann. Thematisch geht es von Neuer ("Titanplatten im Fuß!") zu Sepp Herberger, von Ernst Huberty zu Joachim Löw, von Blatter zu Infantino. Der Spielfluss leidet, die Halbzeit ist eine Erlösung.

Claudia Roth kommt wie ausgewechselt aus der Kabine, wagt den Alleingang und dribbelt sich frei. Russland findet sie aus menschenrechtlichen Gründen nicht so gut, man hätte auf die Vergabe der WM "reagieren müssen". Kurz vor dem Strafraum noch ein eleganter Übersteiger: "Es kommt doch auch auf das gesellschaftliche Umfeld an!" Dann versucht sie es, bereits in Bedrängnis, mit einem Distanzschuss: "Wie sieht's aus mit der Nachhaltigkeit von Sportstätten?"

Veteran Fritz Pleitgen, Ex-WDR-Intendant und schon vor 40 Jahren in Moskau auf dem Platz, hat den Ball kommen sehen, macht sich ganz lang: "Natürlich wollen sich die Russen in einem guten Licht darstellen, das wollten wir 2006 ja auch!" Damit lenkt er den Schuss an die Latte (50.), von dort springt er direkt vor die Füße von Sandra Maischberger. Die zieht aus kürzester Entfernung voll durch: Wir hätten 2006 "ja nicht gerade ein Nachbarland annektiert, so wie die Russen".

Aber Pleitgen ist auf dem Posten, seine historischen Reflexe sind intakt: "Statt der fixen Jungs von Goldman Sachs hätten wir tausend Verfassungsrechtler nach Russland schicken müssen", damals, in den Neunzigerjahren. Eckball.

Umständlich legt sich Beckmann den Ball zurecht ("Zu Beckenbauer muss ich jetzt mal was sagen..."), nimmt einen langen Anlauf ("Er hat immer ein großes Herz gehabt!") - und tritt voll in den Rasen: "Weniger Naivität auf Beckenbauers Seite wäre gut gewesen!" Jetzt liegt er da, krümmt sich. Erste Krämpfe? Will er sich nur ausruhen? Freistoß! Beckmann, wieder auf den Beinen, spielt sich selbst den Ball zu und stolpert sogleich ins Aus. Gute Torhüter seien in Deutschland ein "Luxusproblem", denn "das ist irgendwie in der Genetik drin", anders als bei den Italiener mit einem Clown wie Buffon, da sei irgendwie eine andere Genetik drin (67.).

Maischberger reklamiert: "Wird der Fußball gerechter durch den Videobeweis?" Merk wehrt ab ("Definieren Sie mir Gerechtigkeit!"), aber Maischberger lässt nicht locker, denkt an den Videobeweis im Pokalfinale gegen Bayern München und versucht es mit Pressing: "War es 'ne Fehlentscheidung? War es 'ne Fehlentscheidung? War es 'ne Fehlentscheidung?"

Merk geht aus diesem Duell als Sieger hervor, dribbelt sich frei, sieht Beckmann. Der sprintet, steht völlig frei vor Toni Schumacher - und setzt zur Blutgrätsche (79.) an. Jetzt, nach 36 Jahren, könne Schumacher doch ruhig sagen, ob er damals, im Halbfinale der WM 1982 gegen Frankreich, für seinen berüchtigten Sprung ins Gesicht von Patrick Battiston die rote Karte verdient hätte, mit oder ohne Videobeweis.

Schumacher klärt mit versteinerter Miene, es schmerzt die alte Verletzung: "Weiß ich nicht, ob ich da die rote Karte bekommen hätte", also wohl eher nicht. Der Mann ist Profi, hält den Druck aus, macht selbst Druck - anders als Per Mertesacker mit seiner Klage über den Druck im Profifußball. Maischberger nimmt den Ball auf, sieht in der Ferne Marlene Lufen und versucht es mit einem Pass übers halbe Feld (89.): "Frau Lufen, wie kommt das bei Ihnen an?"

Bei Frau Lufen kommt der menschliche Mertesacker sehr gut an, aber Claudia Roth macht ihr die Annahme streitig, bei ihr kommt es sogar noch viel besser an, ein unübersichtliches Hickhack... aber da ist diese Mischung aus Freundschaftsspiel, Stammtisch und Propädeutikum zur Weltmeisterschaft schon vorbei.

0:0. Die WM kann beginnen.


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insgesamt 12 Beiträge
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dasfred 14.06.2018
1. Meist überfliege ich Fussball Artikel nur
Heute habe den ersten Beitrag zum Thema gefunden, der mir ein Dauergrinsen ins Gesicht gepresst hat. Vom Unterhaltungswert hat er fast Rützelsche Inspirationen. Und wie ein Rützel Artikel bin ich auch hier überzeugt, der Text trägt mehr zu Lebensfreude bei, als die Sendung, die ich mir wohlweislich entgehen lassen habe.
gbaboyseb 14.06.2018
2. So
wird es ganz gewiss gewesen sein. Ich habe im Halbschlaf ein paar Momente (Pokalfinale, Abseits, Abseits) mitbekommen dürfen. Das Traurige ist, dass man gemeint alles schon zigmal gehört hat von den Leuchten der allabendlichen Unterhaltung. Ich freue mich schon daher wieder ein paar Spielen der WM lautlos zu folgen. Es dauert maximal fünf Minuten bis ich mir den Kommentator nicht mehr anhören kann. Auch wenn ein Spiel ohne Ton irgendwie komisch ist-man muss sich halt irgendetwas anderes anhören-ist es allemal besser als der deutschen Kommentatorenschaft zu lauschen. Aber ihr macht das schon ARD,ZDF... In diesem Sinne allen eine hoffentlich friedliche und schöne WM!
zeitmesser 14.06.2018
3. Wir SPON-Leser sind keine Hilfsschüler !
Sagen Sie mal Herr Frank: finden Sie das witzig ? - Fussball ist nicht Augsburger Puppenkiste - -. Über diese hochkarätig besetzte, sehr unterhaltsame Diskussionsrunde hätte man vieles schreiben können, Ernstes und Heiteres, denn unter den täglichen Quasselshows war sie eine der besten. Seit langem. Aber der Senf den Sie dazu gegeben haben, ist mit seiner bemühten Witzigkeit nur eins: p e i n l i c h.
ayumu 14.06.2018
4.
"Der hält es schon für schwierig, so viele "Männer sechs Wochen zusammenzuhalten", das sei das eigentliche Geheimnis und Phänomen des Fußballs" -- warum brüllt hier eigentlich keiner Sexismus? Weil es "nur" um die Verallgemeinerung von Männern geht? Und wer ist dieser Lufen, dass er alle Gamer so herablassend anspricht, als wären sie zu blöd die Konsequenzen ihres Handelns zu überdenken nur weil sie gern zocken? Klingt für mich nach einer ziemlich versagten Talkrunde, bei der sich wieder jeder nur mit Phrasen profilieren wollte statt wirklich ernsthaft zu reden. Ich will meine GEZ-Gebühr zurück..
raoul2 14.06.2018
5. Dabei könnte es doch so befreiend sein,
wenn sich auch Löw dazu durchringen könnte, von den inkriminierten Spielern ein beherztes "Es war dumm - für diese Dummheit entschuldigen wir uns" zu verlangen. Mehr wollen die Kritiker doch gar nicht. Jeden, der die Fotos für unglaublich dämlich hält, zu einem "Rassisten" zu erklären, ist natürlich völlig daneben. Dieselben Kritiker von Özil und Gündogan hätten sich doch sehr gefreut, wenn der Bundestrainer Leroy Sané mitgenommen hätte. Und alle haben sich gegen die wirklichen Rassisten in der AfD ausgesprochen, als Gauland in seiner unnachahmlich fiesen Art gegen den "Nachbarn aus Berlin" hetzte. Es ging und geht nicht um ein falsches Weltbild bei den Zuschauern, sondern um eine falsche Aktion der beiden Fußballer. Noch ist doch Zeit, das kindisch-verbockte Verhalten zu verändern.
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