Klaas als Late-Night-Talker  Ein kleiner Unterforderungsschmerz

Klaas Heufer-Umlauf geht nach zwölf Ausgaben "Late Night Berlin" in die Sommerpause. Zum Abschied gab's Rumpelwitze - und einen schrecklichen Verdacht: Sind wir vielleicht einfach zu alt für diese Show?

ProSieben/ Claudius Pflug

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Der beste Witz ist der mit dem Affen. Mally, das ehemalige Kapuzineräffchen von Justin Bieber, sei gerade Vater geworden, erzählt Klaas Heufer-Umlauf in seinem Stand-up-Monolog, mit der Affenmutter Vanessa laufe es aber nicht immer harmonisch: "Sie führen eine On-Aff-Beziehung." Ein lauer Scherz, den man erst wirklich goutieren kann, wenn man sich vorher durch einen Grießbreiberg aus laschen Lombardi-Witzchen, angetrockneten Sommerloch-Späßen und humpelnden Trump-Pointen gefressen hat.

"Late Night Berlin" hat eine strenge Tür: Auch nach drei Monaten und zwölf Sendungen rumpelt die als spaßige Wochenrevue gedachte Anfangseinlage von Heufer-Umlauf noch gewaltig - so sehr, dass sie offenbar selbst Humorstoiker vergrault, die zuvor die eiernde Dauerschleife von "The Big Bang Theory"-Wiederholungen ausgesessen hatten: In den vergangenen Wochen kam es mitunter vor, dass von 810.000 Serienschauern nur 480.000 auch bei der anschließenden Late-Night-Show hängen blieben.

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"Late Night Berlin": Tiefhängende Faulfrüchte

Dem Stand-up-Teil sollte in der Sommerpause mit dem gröbsten Schmirgelpapier zuleibe gerückt werden, noch immer klingt er zu sehr, als blätterten seine Witzeschreiber im Gag-Topos-Katalog: Putin? Da gab es doch mal dieses Bild, barbrüstig auf einem Pferd. Kreativberufler in Berlin? Kriechen jeden Morgen besoffen aus dem "Berghain". Drogenfahnder? Schnorcheln das sichergestellte Koks doch selbst weg. Gäbe es vom Spiel "Tabu" eine Witze-Edition, wären genau das die Pointen, die als zu offensichtlich verboten wären.

Verknarzte Witze der Nullerjahre

An der Dramaturgie des Restprogramms wurde im Lauf der Sendungen erkennbar herumgezurrt. Fransten Einspieler und Studioaktionen anfangs oft ins Uferlose aus, melkt man nun nicht mehr jeden schlaffeutrigen Gag bis zum Ende. Auch wenn man sich dabei immer noch gern an tief hängenden Faulfrüchten bedient, die einem eh fast von selbst plump in den Schoß fallen: Franz Josef Wagner schwurbelt in seinen täglichen "Bild"-Briefen kruden Blödsinn? Ach was. Heidi Klum ist älter als ihr aktueller Freund? Ach komm! Am Ballermann werden Lieder mit trotteligen Texten gesungen? Willkommen im verknarzten Witze-Archiv der Nullerjahre, ganz schön trocken, die Luft hier.

Manchmal ertappt man sich bei "Late Night Berlin" dabei, wie man es unangenehm gütig einfach gut finden will. Weil es nicht viele gibt, denen man eine solche Sendung zutrauen würde, und Klaas Heufer-Umlauf, einer der seltenen Smarten, immer noch dazu gehört. Natürlich wäre es aber die größte Beleidigung, jemanden mit Mittelpracht davonkommen zu lassen, der verschiedentlich längst bewiesen hat, dass da durchaus noch mehr ginge.

Man muss Heufer-Umlauf nicht unbedingt mit seinen Vorgängern vergleichen, um ihn in den Late-Night-Setzkasten einsortieren zu können. Vorläufiges Label nach einem Dutzend Ausgaben: Er ist der Schnuffi. Softig, auch wenn er böse ist, aber böse ist er eh nicht oft.

Wenn er einen Anti-WM-Song (mit den schönen Versen "Euer Herz ist aus Ball/meins ist aus Fleisch") macht, können den auch flammende Fußballfans problemlos mitsingen. Er ist kein kauziger Spitzschnabel, kein grinsender Wadenbeißer, kein Spaßstratege, mehr so ein gutmütiger Sympathikus wie, dann eben doch ein Vergleich, Jimmy Fallon.

Heufer-Umlauf singt gern mit seinen Gästen. Das gelingt nicht immer gut, etwa, wenn er mit Sasha ein Lied darüber bringt, dass beim Händewaschen manchmal die Hemdsärmel nass werden. Manchmal aber schon, wenn er für Clueso zur Melodie von "Mr. Brightside" eine Ode an den Trash-TV singt ( "Bin süchtig nach Carmen Geiss/warum hat sie kein' Grimmepreis?").

Manchmal spürt man bei diesen Einlagen einen kleinen Unterforderungsschmerz, wenn Persiflagen und Coverversionen in Einblendungen des Originaltitels aufgeschlüsselt werden und einem durch diese eilfertige Erklärbärigkeit diese schönen, kurzen Glücksmomente des Insidergefühls versagt bleiben.

Auch in den politischen Parts sind die Muster oft sehr grob und plakativ. Schön, wenn jemand seine Bühne nutzt, um immer wieder offen gegen die AfD Stellung zu beziehen - ein bisschen subtiler darf es aber schon ausfallen. "Gauland, der Mann, der so stolz auf seinen künstlichen Darmausgang ist, dass er ihn direkt unter der Nase trägt" - es gibt elegantere Demontagen als das Fäkal-Genre.

Der AfD-Chef sei selbst wie ein Vogelschiss auf einer Autokarosserie, spaßt Heufer-Umlauf: "Wenn man sie ignoriert, fressen sie sich noch tiefer rein, und irgendwann ist alles braun" - das sind klassische, aber auch schrecklich konventionelle Kabarettpointen, die allzu oft wirken, als seien es nicht die eigenen, als sei ihr Erzähler nur der Aufsage-Klaas: Weil diese Witzversuche so universell geschnitten sind, dass sie allen und damit keinem richtig passen.

Zu viele Konstruktionsnähte hinter den Gags

"Late Night Berlin" fehlt es an leichtköpfiger Klaasigkeit, zu sehr sieht man bei vielen Ideen das Handwerk dahinter, die Konstruktionsnähte. Dass fast alle Gäste deshalb Gäste sind, weil sie eine neue Serie oder ein neues Album verkaufen wollen, mag seit Jahrzehnten Showgepflogenheit sein - aber geht das, mal naiv gedacht, wirklich nicht anders? Muss man wirklich stets die Standardfragen stellen, auch wenn man selbst schon merkt, "dass das jetzt lanzig klingt"?

Klar ist immerhin: Das Gewohnte hat längst an Lockkraft eingebüßt, die Quoten dümpeln seit April um die acht Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen, die 12,1 Prozent zum Start scheinen derzeit unerreichbar.

Eine subjektive Blitzpublikumsanalyse auf Twitter untermauert den Verdacht, dass die Fans deutlich jünger sind als das gängige Spätabend-Publikum: Sie klagen, dass sie so früh in die Schule müssen, sie posten Herzchen, sobald Joko Winterscheidt kurz in einem Einspieler auftaucht, sie bedanken sich höflich für die schöne Sendung. Vielleicht passt bei "Late Night Berlin" so gesehen doch schon sehr viel - außer der Sendeplatz.

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0Kugelfang0 12.06.2018
1. zu alt für diese Show?
Nein, Herr Raab war und ist einfach zu gut gewesen, der hat eine Lücke hinterlassen wie einst Harald Schmidt. Ist wie mit der Politik, auf weiter Flur, keiner zu sehen der etwas kann! Blödsinn sabbeln können wir alle!
Charlie Whiting 12.06.2018
2. Ein Problem ist
m.M.n. dass es einiges mehr an ähnlichen Sendungen als interessante Themen gibt. Allerdings ist das recht junge Publikum auch noch nicht so übersättigt oder Comedy-erfahren wie andere, die schon mit S. Raab und H. Schmidt gross geworden sind. Insofern alles gut, muss man ja nicht schauen.
loboloco 12.06.2018
3. „Wir“
Ich bin zu alt für so‘nen sch... mist. Wer ist „wir“?
hrimfaxi 12.06.2018
4. "schlaffeutrig"
...muss ich mir merken, konnte ich erst beim dritten Anlauf entziffern. Vielleicht sollten Sie Gagschreiberin werden. Ach so, Sie sind zu alt dafür, sorry. ich weiß nicht warum, aber allen deutschen Late-Night Shows merkt man ein gewisses Autoren-Defizit an.
Sensør 12.06.2018
5. Pro7 und Humor
Schon bei Raab wäre ich dann zu alt gewesen - nein, Pro7 sendet eben nur für ganz einfach gestrickte Menschen.
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