John-Coltrane-Doku Der erste schwarze Präsident der USA

Vor 50 Jahren starb John Coltrane - die Doku "Chasing Trane" zeigt einen Mann, der drogensüchtig war und den Jazz revolutionierte. Coltrane fügte der schwarzen Musik etwas hinzu, worauf niemand vor ihm kam. Und niemand mehr danach.

Francis Wolff

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Wenn sich ein US-Präsident für eine Doku hergibt (Gott bewahre, nicht Donald Trump…) und Denzel Washington dem Porträtierten seine Stimme leiht, weil der selbst nicht mehr sprechen kann, dann ahnt man: Hier wird an einen der Größten erinnert.

Es gab Kinofilme über die Biografien von Ray Charles und jüngst - eher maue - über die von Miles Davis und Chet Baker. Und man kann dankbar sein, dass über den Saxofonisten John Coltrane nicht auch noch einer gedreht wurde, sondern stattdessen dieser Dokumentarfilm - denn man braucht keinerlei fiktionale Interpretation, um diesem bewegten Leben nahe zu kommen. "Chasing Trane" heißt das 90-minütige Werk des Regisseurs John Scheinfeld, das seit Kurzem bei Netflix läuft und jüngst auch auf DVD und als Soundtrack erschien. Der Film fasst die gesamte Komplexität dieses Säulenheiligen des Jazz und seiner Musik auf anrührende Weise zusammen.

Die Überhöhung kommt gleich zu Beginn, "Naima" ertönt, der Zuschauer wird auf einen Flug durch ein imaginäres Universum mitgenommen, dazu Stimmen aus dem Off, eine sagt, "er in einem Raumschiff konnte alle Sphären erreichen", eine weitere ganz ehrfürchtig, "allein der Name lässt mich bangen und zittern". Wieder eine andere stellt den Jazzsaxofonisten in eine Reihe mit Beethoven, Shakespeare und Picasso. "Ein spiritueller Gigant."

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Jazzer John Coltrane: Der Mann, der den Jazz revolutionierte

Eine der Stimmen gehört einem politischen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Es spricht Bill Clinton. Und der spricht über den musikalischen Präsidenten der USA, der John Coltrane lange war und für viele noch immer ist.

"Ich habe für mein Buch mit über 250 Leuten gesprochen", sagt Coltranes Biograf Lewis Porter. "Jeder liebte ihn." Auch Filmemacher Scheinfeld fährt das große Gedeck auf. Zu sehen sind nicht nur zahlreiche bislang unveröffentlichte Fotos und Videos, die Coltrane in intimen familiären Momenten zeigen. Zu sehen sind auch Söhne und Töchter, die erzählen, wie Coltrane ihnen Schuhe von seiner Gage kaufte oder seiner Frau eine goldene Harfe, weil die sich das so sehr wünschte.

Es kommen enge musikalische Freunde zu Wort wie Sonny Rollins, Benny Golson oder Jimmy Heath, Bewunderer wie der Doors-Drummer John Densmore, Carlos Santana, Kamasi Washington oder der Hip-Hopper Common und schließlich Hörer wie dieser ulkige japanische Fan, der extra ein Haus gebaut hat, um alle Coltrane-Memorabilia unterbringen zu können.

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John Scheinfeld:
Chasing Trane

The John Coltrane Documentary

Meteor 17 und Crew Neck Productions; 99 Minuten

Die Familie als Fixpunkt

Dabei galt Coltrane anfangs nicht mal als sonderlich talentiert. Wynton Marsalis lästert, Coltrane habe in jungen Jahren schief gespielt und nur versucht, Charlie Parker zu imitieren. 1926 in Hamlet, North Carolina, geboren, wuchs er als Einzelkind in einer schwarzen Prediger-Familie auf. Beide Großväter waren Prediger in Baptistenkirchen, der väterlicherseits galt als Patriarch der Familie. Alle lebten in einem Haus, ihr Alltag in den Südstaaten war geprägt von Rassentrennung, Sklaverei, der schwarzen Kirche und der Familie als Fixpunkt.

Dann, Coltrane ist ein zwölfjähriges Kind, sterben binnen zweier Jahre Vater, Onkel, Großvater und Großmutter. Den Schwarzen war in jener "Jim-Crow-South"-Ära das Lesen und Schreiben untersagt, also reagierten viele von ihnen auf Traumata und den Terror des Rassismus auf musikalische Weise. Auch der junge John kompensiert die Anfeindungen und den Verlust, indem er täglich über Stunden zum Saxofon greift und seinen Schmerz hinein- oder hinausbläst, je nachdem. Gegen Ende seines Lebens sagte Coltrane einmal, es gebe so viel Elend in der Welt, "ich wollte die Kraft des Guten sein".

Coltrane übte stundenlang, er übte immer und überall, nahm sein Horn sogar mit aufs Klo, um zu spielen. Als sich die Hotelbesitzer auf Tour über die lauten Kaskaden beklagten, ging er dazu über, stumm zu spielen und nur die Finger über die Tasten gleiten zu lassen. Kamasai Washington, der heutige Saxofon-Star, glaubt, dass Coltrane auf diese Weise eine einzigartige Verbindung zu seinem Instrument herstellte, wie sie danach niemand mehr hinbekam.

1957 dann der erste Karriere-Höhepunkt. Coltrane war Teil des legendären Miles-Davis-Quintetts, mit dem er regelmäßig in Klubs wie dem New Yorker Café Bohemia gastierte. Als Coltranes Bassist Reggie Workman im Film gefragt wird, wie gut diese Band war, entgegnet er "Fragen Sie mich das ernsthaft?", Coltranes Sohn Ravi bricht in schallendes Gelächter aus, "es war wahrscheinlich eine der besten Bands, die jemals gegründet wurde." Das Quintett galt als Wegbereiter für alles, was noch kommen sollte.

Heroin und Spareribs

Doch Davis schmeißt Coltrane raus, zu tief der Drogensumpf, in dem dieser steckte. Damals herrschte noch das Vorurteil, wegweisende Kunst entstehe nur unter Drogen, Charlie Parker war heroinabhängig, das Zeug gab es in den Jazz-Klubs so selbstverständlich wie Whisky und Spareribs. Das heißt nicht, dass Davis Coltrane nicht trotzdem verehrte. Ihn domestizierte er nicht, ihn ließ er machen, nur er durfte längere Soli spielen als Davis selbst.

Bill Clinton
picture alliance/ Everett Collection

Bill Clinton

Aber der Rausschmiss war ein Wendepunkt. "Er konnte entweder abstürzen und sterben oder aufsteigen und zu etwas Größerem werden", sagt Bill Clinton. Coltrane hörte auf mit den Drogen, machte unter Qualen einen kalten Entzug, erbrach sich. Durch Willenskraft und Glauben wurde er clean, traf eine Entscheidung und widmete sich der Religiosität. Schon in seinem Elternhaus gab es Bibeln, den Koran, Bücher über den Buddhismus oder Hinduismus. "Ich konnte nicht glauben, dass nur ein Typ recht hatte", wird Coltrane in dem Film zitiert. "Wenn das so wäre, hieße das, dass jemand anderes unrecht hat."

Coltrane wurde ein "man on a mission", wie es Ashley Kahn, ein weiterer Biograf des Musikers, formuliert. Er kehrte zurück zu Davis, nahm 1959 mit ihm das Album "Kind of Blue" auf, von dem Doors-Drummer Densmore sagt, jeder der rein gar nichts mit Jazz anfangen könne, hätte dennoch Zugang zu diesem Album. Er "zog sich die Klamotten aus, die er nicht mehr tragen wollte", sagt Wegbegleiter Wayne Shorter, komponierte wie ein Berserker, nahm binnen weniger Jahre wegweisende Alben unter eigenem Namen auf, "Coltrane", "Giant Steps", "A Love Supreme", man sieht im Film Open-Air-Konzertmitschnitte in der Kälte, bei denen die Musiker dampfen, so heiß sind sie und ihre Musik.

Wie der Moses vom Berg

Coltrane spielt epische Soli, Stücke wie "My Favorite Things" dauern mitunter länger als 30 Minuten. 1963, nach dem heimtückischen Anschlag weißer Rassisten auf eine schwarze Kirchengemeinde mit vier Toten, davon zwei Kinder, in Birmingham, Alabama, vertonte Coltrane die Trauerrede Martin Luther Kings im klagenden Stück "Alabama". Seine Tochter Michelle erzählt, wie sich ihr Vater zeitweise wochenlang im Dachgeschoss ihres Hauses in Dix Hills auf Long Island einschloss, nichts aß, nicht an die frische Luft ging und solange komponierte, bis er den großen Wurf glaubte geschaffen zu haben. "Er kam dann runter wie der Moses vom Berg."

Nur gut zehn Jahre dauerte Coltranes Schaffensperiode, 1967 starb er an Leberkrebs mit erst 41 Jahren. "Er hat als Musiker das gleiche geschaffen wie Pablo Picasso als Maler", sagt Bill Clinton. "Nur, dass er dafür 50 Jahre weniger Zeit hatte." Und Carlos Santana sinniert, "manche spielen Reggae, manche Blues, manche Jazz. Coltrane spielte das Leben".

insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
lutschbommler 07.12.2017
1.
Danke für den Artikel! Zu den frühen und mittleren Sachen fehlt mir meist der Zuhang, aber einiges, was Coltrane mit seinen Bands etwa ab Sommer 1965 spielte, bedeutet mir sehr viel.
Japhyryder 07.12.2017
2. Coltrane
Es gibt so viel schönes in der Welt zu entdecken. Die Musik von John Coltrane gehört dazu. Als ich vor Jahren im 2001-Laden in HH herumstöberte, hörte ich wahnsinnig guten Jazz, den der Verkäufer laufen ließ. So wünstenmäßigen Sahara-Jazz. Eine lange unglaublich swingende Improvisation (mindestens 10 Minuten). Ein Saxophon, dass mich umhaute. Ich fragte, wer das sei. John Coltrane. Ich habe mir diverse Coltrane-CD´s besorgt. Nach diesem bestimmten Stück suche ich heute noch. Sagenhaft guter Musiker.
alfred67 07.12.2017
3. Schwarzen Musik
Ich verstehe nicht warum man hierzulande auch den Drang hat alles in Schwarzen und Weiß zutrennen. Ein info für Sie Herr Chef vom Dienst, die moderne Musik mit samt (Death-, Heavy-) Metal, Pop, House, Trance und alles was dazu gehört wäre schlicht nicht existet wenn kein *schwarzen Musik* gäbe. Es ist natürlich einfacher alles mit einer klare Trennlinie zuversehen, aber die Realität sieht nun mal anders aus. Ohne die Afro-Amerikaner würden wir heute noch zu Mozart und Co tanzen, was manchmal nicht verkehrt ist aber eben manchmal etwas monoton.
charlybird 07.12.2017
4. Coltrane ist immer noch legendär
und ich bin gespannt auf diesen Film. Aber eine kleine Anmerkung für den Autor dieses Artikels, es gibt auch noch einen interessanten Kinofilm über das Leben und Wirken von Charlie Parker. Gespielt von Forest Whitaker und inszeniert vom Riesenjazzfan Clint Eastwood. Absolut Sehenswert, auch wenn mit fiktionalen Stilmitteln gearbeitet wurde; und ein toller Sound.
rem023 07.12.2017
5. nichts größeres, nichts besseres
im Jazz ist John Coltrane die Marke, die nie wieder erreicht wurde !
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