Arte-Dreiteiler "Ein Engel verschwindet" Mutter, Tochter, Drama

Ein Mädchen tötet einen Jungen, und Frauen aus drei Generationen kämpfen mit den Spätfolgen. "Ein Engel verschwindet" erzählt vom Leben als Geisterbahn. Fernsehkunst, die ohne TV-Rhetorik auskommt.

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Rot wie Blut ist das Wasser in den Salinen der Camargue. Mit den Augen der kleinen Aurore erscheint die Schwemmlandebene an der Küste der Provence wie ein Zwischenreich, irgendwas zwischen Wasser und Land, Traum und Wirklichkeit, Leben und Tod. Erst tanzt die Zehnjährige im Tüllkleid durch die Dünen, kurz darauf erwürgt sie einen kleinen Jungen, der seine Kekse nicht mit ihr teilen will. Die Leiche wird von ihr im trüben, stehenden Rot einer Saline versenkt.

Drei Jahrzehnte später stehen Frauen aus drei Generationen noch immer im Bann dieses ungeheuerlichen Ereignisses: Aurores Mutter (Aurore Clément) haust in einem alten Wohnwagen in den Dünen und tanzt in schäbiger Korsage vor Männern, um Schnaps ausgegeben zu bekommen, mit dem sie die Erinnerung abtöten kann. Aurore (Elodie Bouchez, "Clubbed to Death"), die inzwischen als Köchin arbeitet und selbst Mutter ist, flieht mir ihrer kleinen Tochter vor den Bildern der Tat, die überall wieder aufblitzen. Und Maya (Lolita Chammah), die Schwester des getöteten Jungen, sinnt auch all die Jahrzehnte später auf Rache.

Das Vergessen, das Fliehen, das Gieren nach Genugtuung - es sind in der außergewöhnlichen Fernseherzählung "Ein Engel verschwindet" fast schon mechanische Tätigkeiten. Regisseurin und Autorin Laetitia Masson ("Haben oder nicht haben") deutet nicht aus, sie folgt den Frauen einfach konsequent durch ihre Leben, die vom Tod bestimmt werden.

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Arte-Dreiteiler: Im Bann der Toten

Massons Film ist Fernsehkunst, die ohne die im Medium verbreitete Besänftigungsrhetorik auskommt. Die Selbstverständlichkeit, mit der Masson den Ausnahmezustand ins Bild setzt, erinnert zuweilen an die Panoramen von Pedro Almodóvar und deren aberwitzig gewundenen und doch immer nachvollziehbaren Frauenbiografien.

Taktung, Farbe und Flow ordnen sich in "Ein Engel verschwindet" ganz der Realität der Figuren unter. Der Siegeszug der Serie hat Fernsehmachern die Möglichkeit eröffnet, in ganz neuen Einheiten zu denken. Masson schöpft diese Möglichkeiten konsequent aus, indem sie ihre Geschichte in drei Teile à 55 Minuten strukturiert, und jeden dieser Teile zu einer eigenen kleinen Erzählung entwickelt.

Im Bann der Toten

Im ersten wird die Tat komplett aus dem Kinderkosmos gezeigt, im zweiten irren die inzwischen erwachsenen Charaktere zwischen den Orten umher, im dritten gehen sie, gleichsam geeint im Bann der Toten, eine fast schon familiäre Verbindung ein: deine, meine, unsere Gespenster.

So kann modernes Fernsehen aussehen, das nicht darauf abzielt, eine vorgegebene Programmfläche zu füllen und stattdessen ihre Form rigoros dem Zweck der Stoffes unterordnet. Arte zeigt die drei Teile von "Ein Engel verschwindet" am Donnerstag in einem Rutsch, jeder Teil kann in seiner visuellen und psychologischen Dichte aber auch später allein in der Mediathek geschaut werden. Schuld und Sühne, Vergeltung und Vergebung, diese großen Themen werden hier wie nebenbei in die Erzählung gebaut, Filmemacherin Masson muss hier nicht dem klassischen Spannungsbogen hinterherhecheln, sie schafft Momente von grausamer Poesie und tröstlichem Realismus.

Auf welche Art und Weise die Filmemacherin Landschaften einsetzt, wie sie ihre Figuren vor Gebirgszügen und neben Gewässern positioniert, manchmal in Einheit zur Kulisse, manchmal im Widerspruch zu ihr, das bringt enorme Vitalität in diese Gespenstergeschichte, die sich immer mehr dem echten Leben zuwendet.

Erst spät gibt dieses so nah am mediterranen Glück angesiedelte Unglücksdrama den Blick auf das große, reinigende, in ewiger Bewegung befindliche große Wasser frei. Das frühe Rot der Saline, das späte Blau des Meeres, am Ende ist dieser Dreiteiler vielleicht doch eine Reise in die Hoffnung.


"Ein Engel verschwindet" (alle drei Teile), Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte



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