Obama bei Letterman "Mr President, ich weiß, Sie müssen zurück ins Oval Office!"

Netflix versus Fox News: Barack Obama beschwört in der neuen Show von David Letterman das Recht auf Information, Teilhabe - und die vage Hoffnung auf eine neue Medienwelt.

Barack Obama bei David Letterrman
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Barack Obama bei David Letterrman

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Wer ist gerade noch mal der Präsident der Vereinigten Staaten? Für David Letterman ist die Sache klar, der Name Trump wird nicht einmal in seiner Sendung ausgesprochen, dafür will er seinen Gast gleich nach dem Talk ins Weiße Haus schicken. Eine Frage leitet er gar mit den Worten ein: "Mr. President, ich weiß, Sie müssen zurück ins Oval Office!"

Vor zwei Jahren hatte sich David Letterman vom Fernsehen verabschiedet, vor einem Jahr schied Barack Obama aus dem Amt des US-Präsidenten. Als ersten Gast für sein neues Gesprächsformat "My Next Guest Needs No Introduction", das ab jetzt bei dem Streamingdienst Netflix abrufbar ist, hat sich der Ex-und-wieder-Fernsehmann den Ex-und-nie-wieder-Staatsmann eingeladen.

Würde man aus einem zweijährigen Koma erwachen und den Fernseher einschalten, man müsste annehmen, die USA seien immer noch die gleichen wie im Jahr 2016. Und ein klein bisschen ist das ja auch wirklich so bei dieser Sendung - Letterman im Amt, Obama in Würden.

Würde statt Herabwürdigung

Das mit der Würde Obamas ist an diesem Freitag besonders auffällig, ein Tag zuvor hat Donald Trump bei einem Treffen im Oval Office zum Thema Einwanderung Afrika und Haiti "Dreckslöcher" genannt. Obama aber spricht in der (vorproduzierten) Letterman-Show ausgiebig über die Jahre mit seiner Mutter in Indonesien und über das Verhältnis zu seinem Vater aus Kenia, also einem Land, das Trump bei seiner Herabwürdigung im Sinn gehabt haben könnte.

Vor diesem Hintergrund wiegen die Spitzen, die Letterman in seiner neuen Show gegen den namentlich nicht genannten aktuellen US-Präsidenten setzt, umso schwerer. Etwa als er Obama zur Wirtschaft befragt und nach dessen so staatsmännischer wie sozialpolitisch akzentuierten Antwort - "Wir müssen eine Wirtschaft schaffen, die in der globalisierten und technisierten Welt für jeden Einzelnen funktioniert" - erwidert: "Wie klar und deutlich Sie das beschreiben! Da macht es mich glücklich, dass Sie noch Präsident sind."

Oder als er Obama mit dem genüsslich ausgespielten Gestus der Brisanz auf die möglichen Manipulationen bei der letzten Wahl und Trumps mögliche Rolle darin anspricht: "Sagen wir mal, da ist eine Demokratie, und andere Länder hätten deren Wahlprozess manipuliert" - was solle man vor diesem Hintergrund mit einem Staatsoberhaupt anfangen, das ständig die Presse herabsetze?

Nach der Netflix-Show: Letterman verabschiedet Obama
Netflix

Nach der Netflix-Show: Letterman verabschiedet Obama

Obama lächelt, sichert seine Antwort mit den Worten "rein hypothetisch" ab - und formuliert dann ganz unhypothetisch seine Kritik an den aktuellen Meinungsbildungsmechanismen. Er spricht von der bekannten Blase, in der sich die Menschen momentan ihr Weltbild, so wenig es auch von der Realität gedeckt sein mag, bestätigen lassen. Obama greift dafür - ebenfalls ganz unhypothetisch - jenen Fernsehsender an, der im Wahlkampf Trump unterstützt hat: "Wenn Sie Fox News schauen, leben Sie auf einem anderen Planeten."

Unversöhnbare Medienwelt

Netflix versus Fox News: Bei allem familiären Geplänkel und allen schleimigen Schmeicheleien - ja, das auch! - erzählt Lettermans neues Fernsehformat von einem sich zuspitzenden Antagonismus in den Medien. Da sind zwei TV-Welten und damit zwei Öffentlichkeiten, die sich offenbar nicht mehr miteinander versöhnen lassen. Die Welt Trumps, in der die Dinge zurückgedreht werden sollen, und die Welt Obamas, in der die Dinge vorangetrieben werden sollen. Oder wie der Ex-Präsident in schönstem Aktionistensprech ins Auditorium ruft: "Shake up the Status!" (Sinngemäß: Rüttelt an den Verhältnissen!)

Den weitaus größten Teil der Sendung nimmt passenderweise die Erinnerung an die Bürgerrechtsbewegung ein. In einem Einspielfilm ist zu sehen, wie Letterman nach Selma, Alabama reist, wo 1965 Sicherheitskräfte Jagd auf friedliche schwarze Demonstranten machte. Dort trifft er den einstigen Aktivisten John Lewis, der bei dem Protestmarsch dabei gewesen ist und für sein Engagement 2012 von Obama mit der Medal of Freedom geehrt wurde.

Trump indes machte über Twitter gegen den heute bei den Demokraten aktiven Lewis mobil, er warf ihm vor, als Abgeordneter seinen Wahlkreis verkommen zu lassen. Die eingeblendeten Tweets sind der einzige Moment, in dem das Konterfei Trumps zu sehen und sein Name zu lesen ist.

Ansonsten wird der Mann, der momentan alles bestimmt, mit Schweigen bedacht. Dafür wird ein Foto eingeblendet, das Obama beim Tanzen zeigt, während neben ihm der geniale Prince ins Mikro haucht.

Die Letterman-Show wurde aufgezeichnet, Obama war als Überraschungsgast erschienen. Als die Zuschauer ihn erkannten, jubelten sie ihm zu wie einem Popstar. Auch Netflix ist, um in Obamas Bild zu bleiben, ein eigener Planet. Könnte sein, dass er demnächst bei der politischen Willensbildung eine größere Rolle spielt.


"My Next Guest Needs No Introduction", abrufbar bei Netflix



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