Courtney Barnett in Berlin Universalgenie der Melancholie

Hinter jeder Melodie lauerte ein Abgrund: Courtney Barnett vereint Melancholie, Grunge und Emanzipation. Junggesellen sollen woanders feiern!

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Jedes gebrochene Herz ist ein Kunstwerk - man muss die Blutspritzer des wunden Organs nur richtig auf die Leinwand klatschen lassen, man muss für die traurige Pumpe lediglich den rechten Rhythmus finden. "Take your broken heart / Turn it into art", so begrüßt Courtney Barnett ihr Publikum im ausverkauften Berliner Konzerthaus Astra mit gespielter Schläfrigkeit. Die Worte des Songs "Hopefulessness" fallen ihr fast schwindsüchtig aus dem Mund, der Rhythmus malmt müde.

Aber das Publikum, das erstaunlicherweise jede Zeile von Barnetts oft salopp um die Ecke krachenden Lyrics mitsingen kann, kennt das ja vom neuen Album: Hier pumpt sich eine aus dem Bettlager der Melancholie in höchste Rock'n'Roll-Wonnen.

Barnett ist gerade 30 Jahre alt geworden, in Berlin stellt sie ihr zweites Langspielwerk vor. Ungewöhnlich für eine Songwriterin ihres Alters: Sie bietet das gesamte zweite Album im bekannten Ablauf dar, so wie eine reife Künstlerin, die noch mal ein klassisches Meisterwerk neu zur Aufführung bringt, um die eigene Bedeutung zu untermauern. Wie uns diese Art von Nostalgieshow und Museumspädagogik normalerweise anödet; doch Barnett spielt das Album, weil sie es spielen muss, weil es alles auf den Punkt bringt.

Raus aus den knittrigen Laken

"Tell Me How You Really Feel", so der Titel des Werks (Lesen Sie hier eine Besprechung), ist ja ein Aufbruch in die Welt. Da schält sich jemand aus den knittrigen Laken, die Haare stehen noch verwuselt ab, reibt sich verwundert die Augen, notiert jeden aufreibenden Widerspruch um sich herum, ohne sich davon erneut runterziehen zu lassen. Die wundersam gewundenen Melodien können dabei nur helfen.

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Courtney Barnett: Hinter jeder Melodie ein Abgrund.

Im Konzert folgt wie auf dem Album auf den kunstvoll verspulten Epilog "Hopefulessness" der Song "City Looks Pretty", wo Barnett durch die Welt flaniert und über sie sinniert: "Friends treat you like a stranger and / Strangers treat you like their best friend, oh well".

Die Gesellschaft von Fremden, das Befremdetsein durch Freunde, wie großartig Barnett das Geworfensein in die Welt besingt - und diesem Geworfensein eine konkrete politische Dimension verleiht, wenn sie beim Spaziergang durch den Park in "Nameless, Faceless" zur klirrenden Gitarre das bekannte Margaret-Atwood-Zitat aufgreift: "Männer haben Angst, dass Frauen über sie lachen. Frauen haben Angst, dass Männer sie umbringen."

Barnett ist eine großartige Erzählerin, die immer wieder das Eigentliche im Uneigentlichen findet. Wie da auf einmal aus dem Zustand der großen Diffusion die großen Schlachtlinien im Geschlechterkampf heraustreten, überrascht auch beim x-ten Hören, etwa wenn Nirvana-Fan Barnett zum entfesselten "I'm Not Your Mother, I'm Not Your Bitch" ihre Position klarstellt. Ein männlicher Fan schreit später, er wolle sie heiraten. Barnett lehnt dankend ab.

Die Künstlerin lächelt versonnen, aber ihr Konzert ist eine verdammt ernste Angelegenheit, Junggesellen sollen woanders feiern. Diese Mischung aus zauberhaften Melodien und unversöhnlicher Haltung hat man so im Indie-Rock das letzte Mal bei der großen, leider etwas in Vergessenheit geratenen US-Songwriterin Juliana Hatfield vor 20 Jahren gehört. Hinter jeder Melodie lauert ein Abgrund.

Ein gefährlicher Balanceakt - der aber an diesem Abend aufgeht. Den zweiten Teil ihres Konzerts beginnt Barnett mit ihrem älteren Hit "Avant Gardner", in dem sie sich zum rummeligen Velvet-Underground-Shuffle aus ihrer Melancholie herausarbeitet und dabei die Szene aus "Pulp Fiction" zitiert, in der Uma Thurman von John Travolta eine Spritze ins Herz gerammt wird: "I get adrenalin Straight to the heart / I feel like Uma Thurman Post-overdosing kick start".

Am Anfang eine kleine Depression, am Ende das ganz große Adrenalinbesteck. Erfüllter Abend.


Weiteres Konzert: Mittwoch, 13. Juni, Live Music Hall, Köln

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insgesamt 4 Beiträge
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tomkey 12.06.2018
1. Danke
Habe mir gerade ein paar Songs im www angehört. Großartig. Erinnert mich stark an die frühe Cat Power.. Mein Plattendealer wird sich freuen.
sorosch 12.06.2018
2. Hammer
Danke Spiegel - kannte Courtney Barnett leider bisher noch nicht - eindeutig eine LIVE-Künstlerin - schade, dass ich die Berlin-Show verpasst habe
egghead7 12.06.2018
3. Danke ebenfalls - dito.
Cat Powers muss ich mir auch mal wieder anhören/-sehen. Aber Courtney Barnett ist in jedem Fall top, und ich kannte sie vorher nicht. Und da wir gerade bei den Mädels sind - hier sind zwei, die ziemlich laut sind, the Pack Ad: https://www.youtube.com/watch?v=2xb_ulhXyjw sind härter, und auch super!
freddykruger 13.06.2018
4. Fantastisch!
Kann mich den anderen Foristen nur anschließen. Hab mir vorhin das Album geholt. Ist zwar nicht mein bevorzugtes Genre, aber die Musik hat Eier und ihre Stimme ist großartig. Hohes Suchtpotential.
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