Verhaltensforschung über Tiere Die besseren Menschen?

Gestresste Meerschweinchen und Ratten mit einer Schwäche für Alkohol: Der Verhaltensforscher Norbert Sachser untersucht in seinem neuen Buch, wie viel Mensch im Tier steckt.

Junger Gorilla
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Junger Gorilla


Bei "Wetten, dass..?" sorgte 1999 der fünfjährige Border Collie Rico der Familie Baus für Aufsehen: Er konnte aus 77 verschiedenen Spielzeugen gezielt einzelne heraussuchen. Das schildert der Verhaltensforscher Norbert Sachser in seinem neuen Buch: "Wenn seine Besitzerin sagte: 'Rico, wo ist denn der Schneemann? Such! Such!' machte sich Rico auf den Weg und begutachtete die Gegenstände der Reihe nach. Auf den Schneemann treffend, nahm er ihn in die Schnauze und brachte ihn zu seiner Besitzerin."

Rico hatte offenbar gelernt, Gegenständen Wörter zuzuordnen. Familie Baus meinte gar, Rico könne 200 Spielzeuge und Bälle benennen und apportieren; dafür hatte die Familie mit ihm täglich 4 bis 6 Stunden geübt.

Die Hirne von Tieren sind erst seit zehn bis 15 Jahren zu einem wichtigen Forschungsfeld geworden, daran geknüpft ist auch immer eine größere Sensibilität für das Tierwohl: Können Tiere denken? Und wie gehen wir Menschen mit neuen Erkenntnissen um? Das sind zentrale Fragen, denen Sachser in seinem neuen Sachbuch "Der Mensch im Tier - Warum Tiere uns im Denken, Fühlen und Verhalten oft so ähnlich sind" nachgeht.

Die 246 Seiten sind unterhaltsam formuliert, der Anteil an Fachchinesisch ist gering. Man kann die acht Kapitel mit Titel wie "Von klugen Hunden und intelligenten Raben" oder "Wenn die Katze spielt, geht es ihr gut" gänzlich verschlingen oder einzeln - und muss keine Reihenfolge einhalten, weil jedes Kapitel für sich steht.

Norbert Sachser
Willi Weber

Norbert Sachser

Im Kapitel "Der rote Emil ist nicht gern alleine" outet sich Sachser, der an der Universität Münster als Professor für Zoologie arbeitet und das Zentrum für Verhaltensbiologie leitet, als Meerschweinchen-Forscher. Er untersuchte Hausmeerschweinchen auf "Dichtestress": Demnach wächst die Aggressivität und werden Stresshormone begünstigt, wenn eine Population von Tieren zunimmt und der zur Verfügung stehende Raum immer knapper wird. Ähnliche Phänomene gibt es auch bei Menschen, die auf engstem Raum, etwa in Trabantenstädten, leben. Verblüffend jedoch: Die von Sachser untersuchten Hausmeerschweinchen litten nicht unter Dichtestress, weil sie sich den jeweiligen Umständen anpassen konnten - sie unterscheiden sich hier offenbar vom Menschen.

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Norbert Sachser:
Der Mensch im Tier

Warum Tiere uns im Denken, Fühlen und Verhalten oft so ähnlich sind

Rowohlt Verlag; 256 Seiten; 20 Euro

So weit wie etwa die Philosophin Eva Meijer, die in ihrem Buch "Die Sprachen der Tiere" auch für ein neues juristisches Verständnis von Tierrechten plädiert, geht Sachser in seiner Analyse nicht. Er verhandelt lieber grundsätzliche Fragen wie die, ob Tiere ein Ich-Bewusstsein haben und führt dafür zum Beispiel die Spiegel-Tests mit Schimpansen des US-Psychologen Gordon Gallup aus 1970 an. Der fand heraus, dass die Tiere sich nach einer Gewöhnungszeit tatsächlich im Spiegel erkennen können, ähnlich wie Elefanten, Delfine und Elstern - während Rhesus- und Javaneraffen keinen Schimmer haben. Menschliche Kleinkinder wissen erst im Alter von eineinhalb bis zwei Jahren, wen sie da vor sich haben.

Helfe ich dir, hilfst du mir

Zudem schafft Sachser die Mär von den "selbstlosen Tieren" aus der Welt und schreibt über die Gemeinen Vampiren, eine südamerikanische Fledermausart. Bei ihnen kriegen Vampirkumpel, die kein Blut erbeutet haben (ihr Grundnahrungsmittel!), etwas ab. Voraussetzung ist jedoch, dass sie den Bedürftigen freundschaftlich gesinnt sind und im Gegenzug ebenfalls in der Not Blut bekommen. Der US-Evolutionsbiologe Robert Trivers bezeichnete das als "reziproken Altruismus": Helfe ich dir, hilfst du mir.

Sachsers Fazit: Tiere sind keine besseren Menschen. Sie können auch nicht reflektieren oder lange im Voraus planen. Trotzdem steckt in ihnen mehr menschliches Verhalten, als wir uns noch vor wenigen Jahren vorstellen konnten. Sie sind teils zu kognitiven Leistungen fähig, zu denen zwei-, drei- oder vierjährige menschliche Kinder nicht in der Lage sind.

Und, auch das teilen sie mit uns Menschen, Tiere handeln nicht nur im Sinne der eigenen Gesundheit: Sachser schildert, wie Ratten, die Präferenztests machen, bei der Nahrungsbeschaffung nicht immer das aussuchen, was für das eigene Wohl das beste ist: "Bei freier Wahl zwischen Alkohol und Wasser entscheidet sich ein großer Teil der Tiere, regelmäßig Alkohol zu trinken."

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
dasfred 11.07.2018
1. Tiere sind mehr, als Nahrungsmittel
Allerdings eben auch keine Menschen. Die meisten Tiere auf dieser Welt können sehr gut auf Menschen verzichten. Besonders dort, wo ihr Habit so schnell verändert wird, dass kaum eine Spezies die Gelegenheit hat, sich anzupassen. Andererseits ist es natürlich auch interessant, Tiere zu beobachten. Gerade wenn man selbst Hund oder Katze hat, merkt man, dass es Interaktionen mit dem Menschen gibt, die so manches Tier aus sich heraus entwickelt. Wenn man verschiedene Tiere über lange Zeit um sich hat, bemerkt man ganz spezielle Eigenheiten, mit denen sich Haustiere ihren Besitzern mitteilen.
user124816 11.07.2018
2.
die frage ist nicht wie viel "mensch im tier steckt", sondern wie viel *wir tiere* gemeinsam haben. menschen stehen nicht erhaben über dem rest des tier- und pflanzenreichs, sondern wir sind teil davon - nur eine andere gattung als alle anderen gattungen.
lotharbongartz 11.07.2018
3. Kommunikation
Mit Hilfe der heutigen Technik sollte Kommunikation moeglich sein. AI unterstuetzte Kommunikations-Mittel kann bald verfuegbar sein. Wir werden dann auch eher in der Lage sein, mit Aliens zu sprechen, falls einmal erforderlich.
odapiel 11.07.2018
4. Immer wieder erstaunlich
Immer wieder erstaunlich, wie viel Aufwand bei Wissenschaftlern dafür nötig ist, etwas zu erkennen, das jeder der mit Tieren umgeht und lebt schon seit langem weiß.
Pfaffenwinkel 11.07.2018
5. Tiere können denken,
das habe ich in 17 gemeinsamen Jahren mit meiner Katze gelernt. Aber sie denken anders als Menschen.
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