Upper-Class-Thriller Arme, reiche Mädchen

Es ist ein Hauen und Stechen in der Welt der Reichen und Schönen. Und wenn man den ungeliebten Stiefvater loswerden will, finden sich in dem hochintensiven Debütfilm "Vollblüter" Mittel und Wege.

Universal Pictures

Mit Amanda (Olivia Cooke) kann man nicht nur Pferde stehlen. Sondern auch Pferde töten: Die junge Frau war dereinst Lilys (Anya Taylor-Joys) beste Schulfreundin, auf einem früheren Foto sitzen beide Mädchen einträchtig hoch zu Ross nebeneinander. Doch momentan tratscht halb Upper-Class-Connecticut über Amanda- sie hat ihr krankes Pferd bestialisch umgebracht, mit einem Messer.

"Ich habe erst bis zu den Knochen geschnitten, und ihm dann das Genick gebrochen", erklärt die High School-Absolventin emotionslos ihrer ehemaligen Freundin Lily. Und die begreift: Falls sie sich tatsächlich ihres autoritären, ungeliebten Stiefvaters Mark (Paul Sparks) zu entledigen sucht, dann ist die coole Amanda, mit der sich die Freundschaft wiederzubeleben scheint, vielleicht keine schlechte Wahl.

"Thoroughbreds", wie Cory Finleys sarkastischer und hochintensiver Debütfilm im Original heißt, trifft das Thema noch besser als der deutsche Titel. Denn Thoroughbreds ist nicht nur das Wort für Vollblüter, sondern auch für Rassepferde. Nervöse, verwöhnte, hochklassige, teure Tiere aus gutem Stall, die empört schnauben, wenn man sie unsanft angeht.

Und die für Mädchen in einem bestimmten Alter laut einer gängigen Psychologietheorie eine Art "Übergangsobjekt" darstellen, im Transit zwischen Kindheit und Pubertät, zwischen Kuschelteddy und erstem Freund. Regisseur Finley spielt in seinem Psychothriller mit all diesen Symbolen, die sowohl "Rassepferde" begleiten, als auch die Klasse der Menschen, die sie üblicherweise besitzt, beherrscht und reitet.

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"Vollblüter": Wer braucht schon Moral?

Wie in einer Theaterinszenierung, für die das Skript von "Vollblüter" ursprünglich geplant war, schwelt die Story in verschiedenen Kapiteln (oder Akten) kammerspielartig bis zum Höhepunkt - vom ersten Wiedertreffen der ehemaligen Freundinnen, zu ihrem Komplott für den Mord am Stiefvater, in das ein gesellschaftlicher Verlierer, der Kleindealer Tim (Anthony Yelchin in seiner letzten Rolle) involviert wird, über dessen ungeplanten Verlauf bis zum überraschenden Ende.

Schlagabtausch zwischen den Frauen

Finley macht dabei den Zuschauer zum Therapeuten, lässt ihn dem Schlagabtausch zwischen den Frauen gebannt lauschen - und im Unklaren: Ist Amanda die klassische, empathiefreie Psychopathin? Schließlich kann sie auf Kommando weinen. Oder ist Lily, die vor ein paar Jahren den Vater verlor, und die zunächst ehrlich verzweifelt wirkt, die treibende Kraft? Wer ist böse? Wer nur verwirrt? Wer ist verletzt, und wer verletzt? Und vor allem: Was nützt Moral?

Die Diskrepanz zwischen den monströsen Ideen und Tatumsetzungen auf der einen Seite, und der glatten Oberfläche in Lilys luxuriöser Villa sowie der Jugendlichkeit und vermeintlichen Unschuld der Frauen auf der anderen, ist ein betörender Rahmen für das Drama. Der Regisseur schafft intensive Zweier-Einstellungen mit sich verschiebenden Schärfen, und webt die Klischees über Arm und Reich, über Jung und Alt, über böse Stiefväter und -mütter so geschickt ein, dass man genau aufpassen muss, um sie zu erkennen.

"Hey, es ist unsere Zeit", sagt Dealer Tim ganz am Anfang zu Amanda - da will er die scheinbar schüchterne höhere Tochter noch zum Kiffen überreden. Doch Tim, dessen Herkunft allein die Nicht-Umsetzbarkeit seiner Träume signalisiert, trachtet nach einem Traum, auf dessen hartem Boden die beiden Frauen längst angekommen sind, den sie durchschauen und verachten: Arme reiche Mädchen.


"Vollblüter"
USA 2017
Originaltitel: "Thoroughbreds"
Regie und Buch: Cory Finley
Darsteller: Olivia Cooke, Anya Taylor-Joy, Anton Yelchin, Paul Sparks
Produktion: B Story, Big Indie Pictures, June Pictures
Verleih: Universal Pictures International
Länge: 92 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 9. August 2018


Familienklischees, mit denen Amerikaner seit Generationen aufwachsen, finden sich auch in der permanent flimmernden Glotze in Lilys Wohnzimmer - "das sind Fake-Tränen", analysiert Amanda eine schwarz-weiße Liebesschlüsselszene, später, als in Realitas gerade eine Familie zerstört wird, läuft ein kitschiger, Fünfzigerjahre-Happy-Family-Schinken, in dem pausbäckige Kinder "Ich hab dich sooo lieb!" zu ihren Eltern sagen.

Der grandiose Score des New Yorker Jazz-Cellisten und viel zu seltenen Filmkomponisten Erik Friedlander bildet dabei fast eine eigene Sprache, die sich mit den Filmaussagen verwebt, sie unterstützt und verspottet: Sein Instrument scheint mal zu kichern, mal wie ein Tier zu schreien; mal vermischt es sich mit den Geräuschen des Rudergeräts, mit dem Stiefvater Mark Lily den letzten Nerv raubt, mal imitiert es das Klicken auf der Tastatur, durch die Lily kommuniziert.

Das Imitieren, das Replizieren, der fragwürdige Unterschied zwischen echt und Fake scheint eh eines von Finleys Lieblingsthemen zu sein: "Ich bin eine fähige Imitatorin" sagt Amanda irgendwann zu Lily, bevor sie in den Rohypnol-Rausch fällt, der alles verändern wird. Vom hohen Ross hinunter steigt sie dabei übrigens trotzdem nicht.

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