"The Commuter" mit Liam Neeson Heldenhaft hüftsteif

Vertraute Verschwörungssause: Mit "The Commuter" setzt Liam Neeson seine Zweitkarriere als angegrauter Actionheld fort - seine charmante Unverdrossenheit tröstet über einen miesen Thriller hinweg.


Immerhin: Gut zwanzig Minuten gelingt es "The Commuter", wie ein origineller Thriller daherzukommen. Vielversprechend die Auftaktsequenz, die Star Liam Neeson als treusorgenden Ehemann und Vater Michael MacCauley vorstellt, der täglich nach New York pendelt, um als Versicherungskaufmann sein kleines Familienglück zu finanzieren. Elegant fließen Szenen sich wiederholender Morgenrituale ineinander, für die Betrachter nur auseinanderzuhalten dank MacCauleys wechselnder Anzüge.

Wenn MacCauley in seiner Alltagsroutine die Eingangshalle der Grand Central Station durchschreitet, erinnert das Motiv reizvoll an die arglosen Jedermänner in Alfred Hitchcocks "The Lady Vanishes" (1938), "Strangers on a Train" (1951) und "North by Northwest" (1959). Die gespannte Erwartung, in welches abgefeimte Schlamassel Liam Neeson als Wiedergänger eines Farley Granger oder Cary Grant wohl geraten mag, hält sich über die verdächtig plötzliche Entlassung McCauleys aus seinem Job und den ominösen Diebstahl seines Mobiltelefons.

Eben bis zu dem Moment, da der Gebeutelte im Pendlerzug nach Hause der mysteriösen Joanna (Vera Farmiga) begegnet. Ihr unmoralisches Angebot: MacCauley hat bis zur Endstation Zeit, eine Person ausfindig zu machen, die nicht in diesen Zug gehört. Gelingt es ihm, winkt eine großzügige Belohnung. Wenn nicht, werden Ehefrau und Sohn ermordet.

Vorhersehbares Spektakel auf Schienen

Ab da ist der Zug leider endgültig abgefahren, denn mit diesem Ultimatum setzt Regisseur Jaume Collet-Serra "The Commuter" auf jene ausgefahrene Schiene, der bereits seine vorherigen Action-Vehikel mit Liam Neeson folgten. Schon in "Unknown Identity" (2011), "Non-Stop" (2014) und "Run All Night" (2016) scherte sich Collet-Serra herzlich wenig um Plausibilität, doch so holprig wie hier ließ er seinen Stammschauspieler noch nie durch tunnelgroße Handlungslöcher rasen. Ohne Halt rumpelt die vertraute Verschwörungssause, begleitet von standesgemäßem Getöse und CGI-Gewitter, folglich einem äußerst vorhersehbaren Finale entgegen.

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Thriller "The Commuter": Liam Neeson, Actionheld wider Willen

Denn wie so ziemlich alle zerfurchten Mannsbilder und lädierten Vaterfiguren, die Liam Neeson seit seinem erstaunlichen, zweiten Frühlingserwachen im Entführungsreißer "Taken" (2009) verkörpert hat, ist MacCauley natürlich mitnichten ein Jedermann. Sondern ein Ex-Cop mit schlummernden Fähigkeiten, die nur darauf warten, durch ein infames Komplott entfesselt zu werden.

Neben einem Faible für nachgerade nostalgisch anmutende Haudrauf-Spektakel im mittleren Budgetbereich - die Hollywood dem hochpreisigen Franchisegeschäft geopfert und findigen Europäern überlassen hat - bleibt somit nur ein einzig wahrer Grund, sich "The Commuter" anzusehen: die Zuneigung zum Star.

Held der Herzen

Tatsächlich ist es schwer, den 65-jährigen Neeson als Actionheld in Altersteilzeit nicht zu mögen. Wie kein Zweiter verleiht er selbst lachhaftesten Kolportagen noch Gravität, und niemand sonst stellt sich derart wunder- wie unverwechselbar hüftsteif austauschbaren Schurken in den Weg. Dazu passt, dass die im Stakkato geschnittenen Handgemenge in "The Commuter" so wirken, als wäre Neesons wackerer MacCauley eine schlaksige, im Stop-Motion-Verfahren animierte Puppe.

Doch das schmälert keineswegs die Würde und gelegentlich aufblitzende Selbstironie eines guten Schauspielers, der auch in schlechten Filmen stets Haltung bewahrt. Dank dieser Qualitäten überstand Neeson schließlich schon das kombinierte Grauen von Jar-Jar Binks und George Lucas' Dialogen in " Star Wars Episode I - The Phantom Menace" (1999) relativ schadlos, und ließ ohne mit der Wimper zu zucken ausgemachten Mumpitz wie "Battleship" (2012) über sich ergehen.


"The Commuter"
GB, USA 2018

Regie: Jaume Collet-Serra
Drehbuch: Byron Willinger, Philip de Blasi, Ryan Engle
Darsteller: Liam Neeson, Vera Farmiga, Patrick Wilson, Jonathan Banks
Produktion: Ombra Films, StudioCanal, The Picture Company
Verleih: StudioCanal
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 104 Minuten
Start: 11. Januar 2018


Ebenso unverwüstlich ist Neesons eigentümlich wässriger, dennoch warmherziger Blick, mit dem er bereits während seines ersten Karrierehochs in den Neunzigern den grausamen Weltgeist niederstarrte, sei es als irischer Revolutionär ("Michael Collins"), schottischer Freiheitskämpfer ("Rob Roy") oder historischer Menschenretter ("Schindlers Liste"). Nein, nicht einmal Jodie Fosters epochal danebenliegende Naturkind-Performance in "Nell" konnte Neeson, diesen stoischen Garanten moralischen Erbauungskinos, aus der Fassung bringen.

Nicht zuletzt ist es sein grundsolides Arbeitsethos, welches Neeson so sympathisch macht. Vergleichbar mit Michael Caine, der auch aus einfachsten Verhältnissen kam und im Wissen um Armut jedes noch so miese Engagement ernst nahm (solange es bezahlt war), steht Neeson glaubhaft und ohne Dünkel zu seinem mittlerweile reichlich schillernden Rollenspektrum.

Darum sei es ihm von Herzen gegönnt, noch viele weitere Jahre als angegrauter Held den Tag zu retten. Vielleicht nimmt er dafür ja nächstes Mal den Bus.

Im Video: Der Trailer zu "The Commuter"

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Bueckstueck 10.01.2018
1. Liam Neeson
Liam Neeson macht eigentlich jeden Film sehenswert, egal wie schwach die Story ist.
knu 10.01.2018
2. Neeson ist...
...einfach ein von Grund auf sympathischer, allürenfreier und auch sehr guter Schauspieler, dem ich seine zweite Karriere von Herzen gönne. ...auch wenn die besseren Filme in seiner ersten waren...
kopi4 11.01.2018
3.
Er könnte irgendwo in sonnigen Gefilden seinen Ruhestand genießen, ab und an zu Galas und Talkshows fliegen. Stattdessen wertet Neeson B-Movies durch sein Mitwirken auf die ,ohne ihn,direkt als DVD`s verramscht würden. Sehr sympathisch.
Thyphon 11.01.2018
4. Schöner Artikel!
Ein toller Beitrag der nebenbei auch einen Finger in die Wunde legt: Es mangelt nicht an guten Schauspielern sondern an Drehbüchern die nicht vorhersehbar sind und wirken, als hätte sie ein 15-Jähriger geschrieben..
rahelrubin 11.01.2018
5. Stimme zu
Neeson ist einfach sympathisch. Punkt. Aber warum zum Teufel ist Nell bzw. Fosters Performance epochal mies? Das ist doch ein netter Film.
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