Wim Wenders über Papst Franziskus Privataudienz fürs Publikum

Der Film ist reiner Kitsch und sicher nicht die ganze Wahrheit über den Papst - trotzdem sollte man über Wim Wenders' Dokuporträt "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" nicht voreilig urteilen.

Universal Pictures

Von Kirsten Rießelmann


Wim Wenders, der als Jugendlicher kurz mit dem Priesteramt liebäugelte, dann aber doch Rock'n'Roller, Fetischbrillenträger und Grand Homme des deutschen Autorenkinos wurde, hat einen Film gemacht mit dem Papst. Mit ihm, nicht über ihn, so betont er allerorten. Der Kommunikationschef des Vatikan wollte diesen Film, und er wollte ihn explizit von Wenders. Der fühlte sich "geehrt" und sagte zu. Und bekam: vier Papst-Interviews, Zugang zum vatikanischen Filmarchiv und angeblich vollkommen freie Hand.

Und, oh Wunder, das Ergebnis kann sich in PR-technischer Hinsicht mehr als sehen lassen. Mit "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" bringt Wenders eine Ode in die Kinos, ein Moodboard zu einem supersympathischen Menschen, den Wenders "vorbehaltlos unterstützt", ja, den er "heiß und innig" liebt für "seinen Mut, seine Herzlichkeit und seine Radikalität".

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"Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes": Heiß und innig geliebt

Diesen Film Wenders, dem zum Glauben zurückgekehrten Linken, in die Hand zu geben, war ein geschickter Move des Vatikans. Mit Dokumentararbeiten wie "Buena Vista Social Club", "Pina" und ganz besonders "Das Salz der Erde" hat Wenders sich als jemand empfohlen, der Menschen filmisch zu huldigen weiß. Der sich begeistert für leidenschaftliche Menschen, getrieben von Mitgefühl und von der Sorge um den Zustand der Welt. Und als großer Empathiker möchte auch der Argentinier Jorge Bergoglio, vor fünf Jahren als erster Südamerikaner ins Papstamt gewählt, gesehen werden.

Gefühlte Situation: Privataudienz

Wenders eröffnet mit einigen schwülstig-apokalyptischen Kommentaren aus dem Off - Artensterben, Terror, Hunger -, nimmt sich dann aber für seine Verhältnisse stark zurück. Seine Fragen an Franziskus hört man nicht. Der Papst darf monologisieren, via Wenders' umfunktioniertem Teleprompter schaut er uns verblüffend direkt von der Leinwand in die Augen. Gefühlte Situation: Privataudienz.

Diese Predigtpassagen zeigen Franziskus gleichzeitig sorgen- und humorvoll - dieser eindringliche Blick, dieses schelmisch-strahlende Lächeln! -, und Wenders unterstützt sie mit viel Archivmaterial: der Papst bei seiner ersten Amtsreise nach Lampedusa, in den Favelas von Rio, bei den Flüchtlingen auf Lesbos, in seinem bewusst winzigen Auto auf dem Weg zu seiner Rede vor dem US-amerikanischen Kongress, eingekeilt von den monströsen SUVs der Security.


"Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes"
Deutschland, Frankreich, Italien, Schweiz, Vatikan 2018
Regie: Wim Wenders
Drehbuch und Produktion: Wim Wenders, David Rosier
Verleih: Universal Pictures International Germany
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Start: 14. Juni 2018


Es ist beeindruckendes Material, es sind beeindruckende Statements, und sie werden beeindruckend in Szene gesetzt. Immer wirkt Bergolio den Menschen zugewandt, immer spricht er auf den Punkt: Er geißelt die Versklavung durch das Geld (auch innerhalb der Kirche), er stellt sich auf die Seite der Armen und Ausgeschlossenen und analysiert die Verquickung von sozialer Ungerechtigkeit und der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Es ist berückend.

Für ein drittes formales Element hat Wenders zur Kurbelkamera gegriffen und Szenen aus dem Leben des Heiligen Franziskus von schönen Italienern nachstellen lassen. Man sieht sie schwarz-weiß Sonnenaufgänge bestaunen und pantomimisch ihre Liebe zu Gottes Geschöpfen ausdrücken. Es ist monströs und als Fußnote der Namenswahl des Papstes völlig überflüssig. Dazu die hochgradig manipulative Musik, die Wenders kontinuierlich unter alle Bilder schiebt.

Vollkommen entkoppelt

Dieses geradezu campe Reenactment lässt einen vor Fremdscham auflachen. Dennoch: Der Papst, wie er immer wieder Menschen anfasst, anstrahlt, begeistert, ist schlicht ergreifend. Tränenalarm, man ist hilflos. Und weiß: Es ist reiner Kitsch und sicher nicht die ganze Wahrheit dieses Papstes. Denn bei Wenders begegnet uns das Oberhaupt der katholischen Kirche als ein von seinem chauvinistischen Machtapparat vollkommen entkoppelter Monolith, als einsamer Streiter für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit, für Freundlichkeit und Humor.

Über diese verkürzte Darstellung lässt sich schnell die Nase rümpfen. Doch Wenders lässt sich darauf ein, dass es diesem Papst nicht primär um Ökumene, Geschlechtergerechtigkeit, Aufarbeitung der Pädophilie-Skandale und Gleichstellung von LGBTQs geht. Sondern um den Kampf für eine neue menschliche Demut, einen Kampf gegen Armut und Umweltzerstörung. Was ja nicht nichts ist.

Dass Wenders sich für diesen Kampf einspannen lässt, ist mindestens vertretbar. Und dass der Vatikan sich für diese Art verfilmter Enzyklika des Kinos bedient, ist nicht verwerflich. Sondern ziemlich schlau.

Im Video: Der Trailer zu "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes"

Universal Pictures
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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
sekundo 14.06.2018
1. Fragen zum
Zölibat, zur Conquista, zur Inquisition, zum Finanzgebaren, zum Kindesmissbrauch, zum Kirchenrecht, zur katholischen Kirche als Staat im Staat?!? Nö! Stattdessen gab's die übliche Wendersche Langeweile und einen Dokumentarfilm den wirklich niemand braucht!!
hatschon 14.06.2018
2. Je älter der Mensch
Wird um so mehr flüchtet er sich in die Religion und blendet die Realität aus . Kein Kritikpunkt in dem ganzen Film das sagt schon alles Schöne Heile Welt Herr Wenders .
odenkirchener 14.06.2018
3. Kurzfilm
Na, da hätte sich mein Oberhirte aber besser mit 'nem Kurzfilm begnügt. . .
sonnemond 14.06.2018
4. Der Papst ist weiterhin gegen Geburtenkontrolle
Familienplanung, Geburtenkontrolle, Empfängnisverhütung. Von der UN als Menschenrecht deklariert. Vom Papst verurteilt. Wie geht er damit um, wenn Millionen von Kindern nach ihrer Geburt in wenigen Wochen oder Monaten verhungern? Die katholische Kirche hat in Afrika großen Einfluss. Sie könnte so viel Leid verhindern. Ich würde diesem Papst ganz sicher nicht zujubeln.
knirb 14.06.2018
5.
Die Sancta Ecclesia ist seit Konstantin bzw. Theodosius (4. Jahrhundert) eine Weltmacht, auch wenn man Stalins dumme Frage nach den Panzern des Papstes getrost als solche bezeichnen muss. Sie ist eine Weltmacht mit über 1 Mrd. Mitgliedern und einem unfassbaren Einfluss auf Denken, Fühlen und Lebensvollzug ihrer Anhänger, wer wollte das bestreiten. An ihr kann man aber gut aufzeigen, dass Demokratie mit jahrhundertealtem Machtanspruch unvereinbar ist und dass nur eine feudale und hierarchische Struktur offensichtlich das kann. Wenders Film wird das bestätigen: Ein Stellvertreter "Gottes" kann eben nicht mit menschlichen Maßstäben gemessen werden. Ich frage mich, ob über ein Jahrtausend der Kirchenallmacht wirklich gut für die Menschen gewesen ist, wenn man nur staunt und das Haupt und die Knie beugt und in Demut und Bescheidenheit versinkt und eine spirituelle Allmacht der Vertreter "Gottes" anerkennt. Karlheinz Deschner gibt darauf andere und eindeutige Antworten (Die Politik der Päpste).Dennoch: Wenn Franziskus der Menschheit oder unserer schwer geplagten Zivilisation einen neuen "Drive" verleiht und das dank Wenders noch besser hinkriegt, können wir alle nur jubeln.
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