Menschen in Not retten Gute Nachrichten vom Widerstand

Viele kritisieren, dass eine thailändische Fußballmannschaft Deutschland mehr interessiert als Menschen, die im Mittelmeer ertrinken. Recht haben sie. Von der Doppelmoral einiger auf alle zu schließen, ist aber falsch.

Menschen demonstrieren in Berlin gegen die Verschärfung der EU-Asylpolitik
imago/ Christian Mang

Menschen demonstrieren in Berlin gegen die Verschärfung der EU-Asylpolitik

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Es liegt nahe, die Fälle in Thailand und auf dem Mittelmeer zu vergleichen, denn es geht um Menschen, die in Not geraten sind und dringend Hilfe brauchen. Oder brauchten, denn viele sind inzwischen ums Leben gekommen. Es liegt nahe, dabei zu bemerken, dass in den Medien den thailändischen Jungs und ihrem Fußballtrainer, die in einer Höhle gefangen waren, mehr Aufmerksamkeit und Empathie zukommt als den im Mittelmeer ertrinkenden Menschen, die gehofft hatten, sich in Sicherheit bringen zu können.

Es gibt allen Ernstes Menschen, die glauben, es sei in irgendeiner Logik sinnvoll, einige - oder viele - Menschen ertrinken zu lassen, damit andere sich gar nicht erst auf den Weg machen. Und es gibt Menschen, die es für falsch halten, vom Tod bedrohten Menschen zu helfen; so hat die AfD-Bundestagsfraktion Helferinnen und Helfer bei der Staatsanwaltschaft wegen "Verstößen gegen das Aufenthaltsgesetz und weiterer Delikte" angezeigt.

"Rettungsschiffe schicken oder nicht?", fragt "bild.de", und man schämt sich fremd für die komplette Zivilisation, die diese Frage überhaupt hat entstehen lassen. Gleichzeitig schreibt dieselbe Redaktion an einem Liveticker über die Jungs in Thailand und macht aus jedem mikroskopisch kleinen Detail eine Meldung: "Die ersten vier geretteten Schüler wollten in der Klinik unbedingt Khao Pad Krapao essen. Durften sie aber nicht!" Niemand kam, soweit ich sehe, auf die Idee, die Jungs und ihren Trainer nicht zu retten, damit andere lernen, dass man nicht in Höhlen klettern soll, wenn Regen ansteht. Es wäre der reine Wahnsinn gewesen. Aber eben exakt derselbe Wahnsinn, den Leute mit Bezug auf die Fluchtrouten im Mittelmeer äußern.

Viele haben diese und andere Fälle der Doppelmoral kritisiert, mit Recht. "Plötzlich gibt es im öffentlichen Diskurs zwei unterschiedliche Meinungen darüber, ob man Menschen in Lebensgefahr helfen soll, oder ob man sie lieber sterben lassen soll", schrieb Wolfgang Luef im "SZ Magazin", das sei "der erste Schritt in die Barbarei". Matthias Drobinski schrieb in der "Süddeutschen Zeitung", es sei "ein gefährlicher Zivilisationsverlust", mit dem Fußballteam in der Höhle Mitleid zu haben und mit den übers Mittelmeer Flüchtenden nicht. Auch hier auf SPIEGEL ONLINE hieß es über die Jungs in der Höhle: "Das Schicksal der kleinen Gruppe bewegt weltweit Millionen Menschen." Und über die Menschen auf dem Mittelmeer: "Bewegt das Schicksal dieser großen Gruppe Millionen Menschen? Zu merken ist davon wenig."

Man kann den Vergleich allerdings auch übertreiben. "Die Welt bangt um die Jungen, die in Thailand in einer Höhle feststecken. Um die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer bangt kaum jemand", hieß es zum Beispiel bei der taz.de. Und da beginnt es, ganz falsch zu werden.

Sammelaktionen auf Facebook

Journalistinnen und Journalisten haben die Pflicht, vom Zustand der Welt angemessen zu berichten, Haltung zu beziehen, und auch die Pflicht, einander dabei gegenseitig zu kritisieren. Sie dürfen sich aber nicht so weit darin verlieren, dass man den Eindruck bekommt, von einem ignoranten Haufen unmoralischer Asozialer umgeben zu sein - wenn das nicht der Fall ist. Und es ist nicht der Fall.

Denn es gibt sie, die guten Nachrichten vom Widerstand. Dieser "kaum jemand", der sich laut "taz.de" für die Menschen auf dem Mittelmeer interessiert, ist vor wenigen Tagen zu Tausenden auf die Straße gegangen, um für die Seenotrettung zu demonstrieren. Die beiden Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf haben zu Spendenaktionen aufgerufen und innerhalb weniger Tage zusammen bisher fast 400.000 Euro zusammenbekommen, die der Seenotrettung zukommen werden. Viele andere haben kleine Sammelaktionen auf Facebook gestartet oder einfach still und leise Geld an Sea-Watch überwiesen. Ich habe selten ein Ereignis erlebt, bei dem so viele Menschen aus meinem Bekanntenkreis so viel Geld gespendet haben.

Es stimmt, es gibt eine Doppelmoral einiger Leute und Medien, und das ist ein schrecklicher und gefährlicher Zustand, aber es ist auch gefährlich, daraus auf die Verfassung der Zivilbevölkerung zu schließen.

Es wird sehr vielen Menschen nicht gerecht, wenn im Mittelpunkt vieler Kommentare der moralische Verfall der einen steht und der Widerstand der anderen dabei aus dem Blick gerät. Es ist unfair gegenüber denen, die alles tun, was sie können, und auch gegenüber denen, die vielleicht nicht alles tun, was sie können, sich aber doch einigermaßen Mühe geben.

Im Idealfall entsteht aus dem Entsetzen über die Empathielosigkeit nicht nur Aufregung über den Zustand der Welt, sondern auch Engagement und Unterstützung für diejenigen, die die ganze Zeit schon daran arbeiten, Menschen zu retten. Es muss nicht sein, dass Leute ellenlang gelobt werden oder sich öffentlich auf die Schulter klopfen, weil sie 20 Euro gespendet haben. Aber es ist wichtig, dass Leute sehen, wenn Gutes passiert. Denn Verzweiflung ist ansteckend, aber Hoffnung zum Glück auch.

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insgesamt 159 Beiträge
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Seite 1
Katzazi 10.07.2018
1. Danke
Danke für diesen Beitrag. :-)
angst+money 10.07.2018
2.
Mitleid ist Mitleid. Das eine muss das andere nicht ausschließen und das eine gegen das andere aufzurechnen ist Blödsinn. Allerdings hatte man auf das Geschehen in Thailand von hier aus keinerlei Einfluss. Auf das in Europa dagegen schon, deshalb habe ich teilweise auch Verständnis für die Taz.
c.PAF 10.07.2018
3.
"Niemand kam, soweit ich sehe, auf die Idee, die Jungs und ihren Trainer nicht zu retten, damit andere lernen, dass man nicht in Höhlen klettern soll, wenn Regen ansteht." Tja, liebe Frau Stokowski, dann hätten Sie mal ein wenig recherchieren müssen, u.a. auf Facebook, wo es genug Stimmen gegen die Rettung der Kinder gab, da diese selbst schuld seien. Egal wo, es wird immer ein Für und Wider geben. Und auch, wenn ich persönlich in beiden Fällen "dafür" bin, habe ich in beiden Fällen bisher leider wenig bewegen können. Ich bleibe aber dran, zumal es jetzt nur noch ums Mittelmeer geht...
Hammelinda 10.07.2018
4. So etwas wie Konsequenzen gibt es auch noch!
In Thailand wird es in Zukunft sicher mindestens ein Warnschild vor der Höhle geben, wenn nicht gleich ein Stahlgitter mit dickem Schloß dran! Man wird alles daran setzen, dass es nicht noch einmal zu solch einem Drama kommt. Denn man ist dort vernünftig und zieht Konsequenzen! Nicht so in Europa: hier gibt man weiter positive Zeichen und ermuntert die Migranten in die Todesfalle Schlauchboot zu steigen - man steht schließlich zur Rettung schon bereit!; und das ist der Wahnsinn, den CDU, CSU und SPD seit 3 Jahren nicht beenden konnten!
wellblechstrumpf 10.07.2018
5. Warum nicht weiterdenken, liebe Spender?
Wenn die Spender jetzt Geld spenden, warum nicht gleich dauerhaft eine Buergschaft fuer einen Fluechtling uebernehmen und den bei sich kostenlos zu Hause wohnen lassen? Wenn man die Buergschaft abgibt, braucht es auch keine Fahrt uebers Mittelmeer. Dann gibt es ein Visum, was die Einreise nach Deutschland erlaubt. Das waere doch effektiv, Integration gibt es dann gleich auch noch umsonst. Ich finde, dieses Konzept haette eine Zukunft in Deutschland. Sind wir bereit?
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