Teenies in sozialen Medien Daumen hoch fürs Puppengesicht

Für ein Fotoprojekt sollten Jugendliche ihre Porträts "Social-Media-tauglich" retuschieren. Das Experiment zeigt: Der Einfluss von Instagram und Co. auf das Selbstbild von Teenies ist gewaltig.

Rankin Photography

Von Katharina Brecht


Große Augen, schmales Gesicht, rote Wangen: Sind diese Merkmale ein Garant für viele Likes in den sozialen Medien? Wenn es nach Teenagern geht, offenbar schon. Das stellte zumindest der britische Fotograf Rankin in seinem Projekt "Selfie Harm" fest, für das er Mädchen und Jungen zwischen 14 und 19 Jahren ohne Make-up ablichtete.

Im Anschluss an das Shooting gab der Fotograf den Jugendlichen die Aufgabe, ihre Porträts mithilfe von Apps so zu retuschieren, dass sie mehr Likes auf Instagram und Co. bekommen als die Originalversionen. Laut Rankin, der schon Heidi Klum, Madonna und die Queen ablichtete, benötigten die Teenager nur ein paar Sekunden, um die Anwendungen zu verstehen und mit ihnen ein deutlich makelloseres Ich zu schaffen.

Von der Natürlichkeit der Teenager blieb auf den retuschierten Bildern nicht viel übrig. Pigmentflecken, Augenringe und blasse Lippen werden im Netz offenbar nicht mit Herzchen und Daumen-hochs überschüttet. Stattdessen sehen die Jugendlichen auf den bearbeiteten Fotos austauschbar aus, fast wie Puppen. Ihre Porträts könnten auch den millionenfach abonnierten Hochglanz-Feeds von Reality-Star Kim Kardashian oder Fitness-YouTuberin Pamela Reif entstammen. Ihre Gesichter sehen im Internet ähnlich perfekt aus - und kassieren Millionen beziehungsweise Hunderttausende Likes.

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Doch jeden Tag mit scheinbar wunderschönen Menschen und ihrem makellosen Leben konfrontiert zu werden, beeinflusst das Selbstbild der Social-Media-Nutzer. Für Rankin wird dieser Einfluss in der Öffentlichkeit zu wenig diskutiert. "Wir leben in einer Welt voller FOMO (Anm.d.Red.: Fear of missing out, zu deutsch: Angst, etwas zu verpassen), Traurigkeit, steigender Angst und Snapchat-Dysmorphie (Anm.d.Red.: Ein Phänomen aus den USA: Mädchen gehen zum Schönheitschirurgen, um so auszusehen wie auf gefilterten Snapchat-Bildern). Es wird Zeit, die zerstörerischen Effekte anzuerkennen, die Social Media auf das Selbstbild der Menschen hat."

Bereits mehrere Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen Social Media und der Eigenwahrnehmung hin. Dazu gehören etwa die im Januar 2019 veröffentlichten Studien über Geschlechterklischees und die Selbstinszenierung in sozialen Medien der Malisa-Stiftung von Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth. Auch hier stellten die Initiatoren fest, dass viele Jugendliche ihr Aussehen retuschieren, bevor sie Bilder im Social Web posten.

Einen besonders negativen Einfluss sollen dabei angeblich Influencerinnen haben: Mädchen, die BibisBeautyPalace, Shirin David und Co. folgen, bearbeiten ihre eigenen Bilder stärker als diejenigen, die ihre Kanäle nicht abonniert haben. Laut der Studie empfinden die Fans der Influencerinnen ihr eigenes, natürliches Aussehen zunehmend als unzureichend.

Mein ALLTAGS Make-up -- 2019 -- | Dagi Bee

Eine andere Untersuchung ergründet den expliziten Einfluss von Fotos in den sozialen Medien auf die mentale Gesundheit. Laut des Report #StatusofMind der britischen Wohltätigkeitsorganisation Royal Society for Public Health (RSPH) und dem Young Health Movement (YHM) sollen YouTube, Instagram, Snapchat, Twitter und Facebook angeblich dazu beitragen, dass Depressionen, Ängste und schlechter Schlaf bei Jugendlichen häufiger auftreten als früher.

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Verändertes Selbstbild durch Instagram und Co: Wie Teenies ihre Selfies retuschieren

Die meisten Menschen nutzen Instagram laut Nutzungsstudien, um sich selbst zu verwirklichen: Auf der Plattform haben Nutzer die Möglichkeit, sich so zu inszenieren, wie sie sein wollen. Ob sie dabei Feedback für das echte oder das verfälschte Aussehen bekommen, spielt erst einmal keine Rolle. Rückmeldungen fallen im ersten Schritt ohnehin positiv aus, denn im Gegensatz zu YouTube gibt es auf Instagram nur einen Herzchen-Button und keinen Dislike-Knopf. Negatives Feedback äußert sich deswegen in Kommentaren, die aber einen höheren Aufwand der Nutzer erfordern.

Es muss auf Instagram auch gar nicht immer alles perfekt sein, um gut bei den Usern anzukommen. Das beweisen Instagrammer und Influencer, die schon seit einiger Zeit für mehr Ehrlichkeit und Natürlichkeit in dem Foto-Netzwerk eintreten.

Zu ihnen gehört zum Beispiel die Bloggerin Louisa Dellert. Sie postet unter den Hashtags #fürmehrrealitätaufinstagram oder #teambodylove in ihrem Feed auch Fotos, auf denen sie ungeschminkt ist und Narben oder Cellulite zeigt. Außerdem gibt es Instagrammerinnen wie Jenna Kutcher, Gabi Fresh oder Nadia Aboulhosn, die stolz zu ihren Kurven stehen und ihre Körper unretuschiert in Szene setzen. Sie alle haben es auch auf diese Weise geschafft, Communitys mit mehreren Tausend Followern aufzubauen - ganz ohne Sixpack, porentief reine Haut und dauerhaft rote Wangen.

kbr



insgesamt 19 Beiträge
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dasfred 02.03.2019
1. Das sollte man nicht überbewerten
Schon in Natura haben sich junge Mädchen immer gerne "verschönert". Die einfachen technischen Möglichkeiten verführen natürlich dazu, das Original so perfekt wie möglich zu bearbeiten. Es bringt Clicks und Anerkennung, solange sich das ganze im Netz abspielt. Nach einer gewissen Zeit kommt dann aber wieder das echte Leben ins Spiel. Spätestens, wenn der erste Freund die junge Frau morgens ungeschminkt sieht, merkt sie, dass die Natürlichkeit einen anderen Stellenwert bekommt. Wenn ich es mir aussuchen könnte, gebe es von mir nur ein einziges Foto mit Ende zwanzig, auf dem ich nahezu schön aussehe. Trotzdem weiß ich und auch die Mädels, ein Spiegel lügt nicht.
mlange8801 02.03.2019
2. Journalisten sind doch auch nur scharf auf klicks und likes
Was hat das mit Instagram zutun? Seit es Fotos gibt, wollte man auf denen möglichst vorteilhaft aussehen. Das geht übrigens sehr viel einfacher mit entsprechendem Licht als nachträglich mit Bildbearbeitung. Im übrigen finde ich die Portraits auch einfach sehr unvorteilhaft fotografiert.
spon-facebook-10000403839 02.03.2019
3. Aliens
Die sehen aus wie Aliens!
hamburgerle 02.03.2019
4. Man fragt sich, wo das endet...und muss das sein?
Scheinbar entwickelt sich die Gesellschaft in eine Richtung, wo alles möglich ist und es keine Grenzen mehr gibt. Ich finde das nicht gut.
CobCom 02.03.2019
5.
Zitat von mlange8801Was hat das mit Instagram zutun? Seit es Fotos gibt, wollte man auf denen möglichst vorteilhaft aussehen. Das geht übrigens sehr viel einfacher mit entsprechendem Licht als nachträglich mit Bildbearbeitung. Im übrigen finde ich die Portraits auch einfach sehr unvorteilhaft fotografiert.
Sagen wir mal: hat man mit dem Licht gut gearbeitet, kommt man mit erheblich weniger Bearbeitung aus. Im klassischen Sinne gibt es ein Bild ohne Bearbeitung (im Sinne von Entwicklung) nicht. Früher hatte das Labor noch Einfluß auf das Ergebnis, heute entweder der digitale Workflow aus RAW. Oder man spielt Roulette und läßt es die Automatik machen, dann passiert aber das gleiche, nur dass eben der Rechner Ratespiele veranstaltet (oder oft eben verunstaltet). Helligkeit, Gradation, Schärfe, Tonung etc. pp. Davon trennen würde ich das Thema Retusche: Die gab es zwar auch schon immer, aber das ist viel einfacher geworden. Billigste Machart wie bei den Beispielen im Artikel ist aber leicht zu erkennen. Das sind Malereien, keine Photos mehr. Eine perfekte Retusche darf nie ganz perfekt sein.
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