Rassismusvorwurf H&M braucht keine Hobbyanwälte

Ist eine H&M-Kampagne rassistisch oder nicht? Viele fühlen sich berufen, über diese Frage zu streiten. Dabei ist es ganz einfach, schreibt der Rapper Megaloh in einem Gastkommentar: Die Betroffenen entscheiden selbst.

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Zur Person
  • imago/ HMB-Media
    Megaloh, Jahrgang 1981, ist ein deutschsprachiger Rapkünstler mit niederländisch-nigerianischen Wurzeln. 2017 schloss sich Megaloh mit Musa und Ghanaian Stallion zu dem Projekt BSMG zusammen und veröffentlichten das Album "Platz an der Sonne".

Wer hätte gedacht, dass die H&M-Debatte zu solch einem Thema wird? Es geht um das Bild aus der Kinderkollektion von H&M, in dem ein kleiner schwarzer Junge einen grünen Pullover trägt mit der Aufschrift "Coolest Monkey in the Jungle" (zu Deutsch "Der coolste Affe im Dschungel"). So ziemlich überall war darüber zu lesen, und jeder scheint zu dem Thema öffentlich seine Meinung abgeben zu wollen.

Es haben sich zwei Lager gebildet. Die einen finden es absolut daneben, ein solches Bild zu veröffentlichen, weil es aus ihrer Sicht eine rassistische Diffamierung schwarzer Menschen ist - hervorgerufen durch Assoziationen, die bis in die Kolonialzeit zurückgehen. Aus diesem Grund haben unter anderem prominente schwarze Menschen schon dagegen protestiert, der Popstar "The Weekend" sogar seine Zusammenarbeit mit H&M beendet.

Das andere Lager sieht großenteils nichts Rassistisches an dem Bild. Der Rassismus würde nur durch den Rassismusvorwurf selbst entstehen. Die Eltern hätten ja zugestimmt, ihren Jungen so ablichten zu lassen, also stünde es niemand anderem zu, damit ein Problem zu haben. Ein so großer und erfolgreicher Konzern würde außerdem ja wohl wissen, was er da tut, und sicherlich nie etwas Rassistisches verbreiten. Eine gängige Argumentationsweise stellt die Frage: Was wäre denn, wenn ein Weißer den Pullover tragen würde?

In derselben Kollektion gibt es auch ein Bild eines weißen Jungen. Auf seinem orangefarbenen Pullover steht: "Mangrove Jungle Survival Expert" (zu Deutsch "Mangroven Dschungel Überlebensexperte").

Stereotype aus dem Kolonialismus

Die beiden Bilder passen in ein jahrhundertelang propagiertes Bild: Auf der eine Seite die "weiße Rasse", die sich durch ihre vermeintlich natürliche Überlegenheit zum Herrn über den Dschungel aufschwingt, auf der anderen Seite die "primitiven und wilden Schwarzen", die nur mit Tieren, am ehesten mit Affen, verglichen werden.

Wenn man sich mit der Geschichte von Rassismus gegenüber dunkelhäutigen Menschen auseinandersetzt (was man tun sollte, um bei diesem Thema und der eigenen Meinungsbildung ausreichend informiert zu sein), wird das schnell klar. Dieses Bild wurde immer wieder reproduziert, von der Literatur (zum Beispiel "Tarzan") bis zu pseudowissenschaftlichen Abhandlungen sogenannter "Rassentheoretiker", die zum Teil bis heute in Gesellschaft und Politik fortwirken - wie Äußerungen rechtspopulistischer Politiker und ihrer Anhänger immer öfter zeigen.

H&M Werbung/ Rassismus
Twitter/ @NerdAboutTown

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Solche Bilder und Abhandlungen dienten früher zur Rechtfertigung grausamster Handlungen im Zuge der kolonialen Ausbeutung Afrikas. Über Jahrhunderte wurden die Menschen Afrikas beraubt, misshandelt, versklavt, gefoltert, verstümmelt und getötet. Und die Bevölkerung Europas hat sich nicht daran gestört. Es waren ja schließlich "nur" Angehörige einer unterlegenen "Rasse", was ja "wissenschaftlich" bewiesen worden war. Deshalb konnten schwarze Menschen vielerorts in Europa in Zoo und Zirkus zur Schau gestellt werden. Diese "Völkerschauen" waren bis in die Mitte des 20. Jahrhundert in Deutschland noch gängige Praxis.

Die Nachwirkungen davon sind heute noch spürbar, wenn zum Beispiel in Fußballstadien dunkelhäutige Fußballspieler wie Boateng mit Affenlauten vom Publikum begrüßt oder mit Bananenschalen beworfen werden.

Das (nicht nur subjektive) Gefühl der Betroffenen

Was bedeutet dieses koloniale Erbe vor dem Hintergrund der H&M-Kampagne? Es spielt keine Rolle, ob das Unternehmen rassistische Intentionen hatte oder ob bloß die erforderliche kulturelle Aufgeklärtheit und das Feingefühl fehlten. Gefühl und praktische Erfahrungen mit rassistischer Diffamierung betreffen nämlich nicht nur den Jungen und seine Familie, sondern alle Schwarzen.

H&M braucht auch keine Hobbyanwälte aus der breiten Bevölkerung. Bei dem Thema zählen allein die Betroffenen - also die dunkelhäutigen Menschen, die sich durch das Bild und die bei ihnen hervorgerufene Assoziation herabgewürdigt fühlen. Es gibt also keinen Grund, betroffenen Menschen ihre (auf Erfahrungen beruhende) Betroffenheit abzusprechen.

Nur indem man die Deutungshoheit der Ereignisse den Betroffenen selbst überlässt und ihre Sicht akzeptiert, kann vergangenes Unrecht anerkannt und in der Folge aufgearbeitet werden. Ein Aberkennen und Leugnen dieser Sicht führt nur zu Reproduktion und Fortbestand von Diskriminierung.

insgesamt 167 Beiträge
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Seite 1
Stillerbeobachter 12.01.2018
1. So dumm, dass man eigentlich Absicht vermuten muss
Ob man derzeit der Meinung sein könnte, einiges an den Rassismusdebatten heutzutage sei überzogen, völlig dahingestellt. Aber so dumm, dass es der Werbeabteilung von H&M nicht aufgefallen wäre, welche Geschmacklosigkeit hier produziert wurde, können die betroffenen Mitarbeiter doch gar nicht sein. Kein Mensch kann dermaßen ignorant und sinnfrei agieren, dass ihm die sich mit einem solchen Plakat aufdrängenden Assoziationen nicht klar werden. Da sind die alten provozierenden Benetton Plakate ja ein Ausbund an Zurückhaltung. Dieses Foto könnte ohne weitere Überarbeitung den Blog jeder Neonazi Webseite als "Späßchen" "zieren". Wenn die betreffenden Mitarbeiter also nicht wegen beabsichtigtem Rassismus hinausgeworfen gehören, dann doch zumindest wegen strafwürdiger Dummheit.
Linus Haagedam 12.01.2018
2. Rassistisch ist allein die Unterstellung des Rassismus
Wer bei einem schwarzen Jungen gleich an Vergleiche mit Affen im Dschungel denkt, ist nicht ganz bei Trost. Umgekehrt´: Soll man schwarzen Menschen verbieten ein solches Shirt zu tragen? Soll man - aus vorauseilender Angst vor evtl. auftretenden Missverständnissen (wie krank kann man eigentlich denken?) -Shirts mit solch harmlosen Sprüchen gleich gar nicht herstellen? Sollte man vielleicht gleich auf Worte oder Buchstaben auf Shirts verzichten (aus ästhetischen Gründen wäre ich sogar dafür) und nur Zahlen aufdrucken (außer verfängliche Zahlenkombinationen)? Die Verblödung schreitet voran...
gronek 12.01.2018
3. 2 Seiten der selben Medaille
In einer afrikanischen H&M Marketingabteilung mit größtenteils schwarzen Mitarbeitern wäre das vermutlich ganz normal und so sollte es ja auch sein. Wenn weiße Marketiers so eine Werbung produzieren, ist das natürlich...na sagen wir mal mindestens unsensibel. In der Tat entsteht der Rassismus nur im Kopf des Betrachters. Ich finde an einer dunklen Hautfarbe nichts negatives und finde auch Affen sind faszinierende Tiere. Bei Löwen hätte sich natürlich niemand aufgeregt. Schöne Gelegenheit, seinen inneren Kompass zu überprüfen ;-) Und Kompliment an Megaloh: guter und reflektierter Kommentar!
Phil2302 12.01.2018
4. Ich sehe das anders
Ich bin ein Mensch, der das absolute Gegenteil von einem Rassisten ist: Mir ist Hautfarbe egal. Das bedeutet: Es ist egal, ob ein weißer oder ob ein schwarzer Junge etwas tut. Zum Beispiel einen Pullover zu tragen. Zu sagen, man darf keinen schwarzen Jungen so einen Pullover tragen lassen ist per se rassistisch, da man es von der Hautfarbe abhängig macht, ob etwas erlaubt ist oder nicht. Punkt. Gegen diese Ansicht von mir kann kein Mensch der Welt argumentieren. Daher ist es falsch, sich über das Bild aufzuregen, da man sich über einen weißen Jungen nicht aufgeregt hätte.
Bernd.Brincken 12.01.2018
5. Betroffenheit, Humor
"H&M braucht auch keine Hobbyanwälte aus der breiten Bevölkerung. Bei dem Thema zählen allein die Betroffenen - also die dunkelhäutigen Menschen, die sich .. herabgewürdigt fühlen." Fühlen sie denn so? Der Spruch ist doch offenbar anders gemeint: Wir alle leben im Dschungel (der Großstadt, der modernen Gesellschaft), wir alle sind Affen, aber ich bin der coolere. Das ist wirklich cool, und lustig. Und klar, es spielt mit Rassismus, aber es spielt ihn zurück. Wer das nicht rafft und sich in dem Missverständnis suhlt, der ist in der modernen Gesellschaft offenbar nicht angekommen. Nebenbei, es dürften mehr weisse als schwarze darunter sein, auch anteilig.
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