Feine Sahne Fischfilet in Dessau Arschwackeln gegen rechts

Nach der Absage des Bauhauses hat die linke Punkband Feine Sahne Fischfilet trotzdem in Dessau gespielt: Im Brauhaus ließ sie sich von Hunderten Fans feiern. In der Stadt blieb es friedlich bis schläfrig.

Auftritt von Feine Sahne Fischfilet in Dessau
DPA

Auftritt von Feine Sahne Fischfilet in Dessau

Aus Dessau berichtet


Die Absage des Bauhauses an Feine Sahne Fischfilet war noch keinen Tag alt, als aus Kreisen der Gruppe bereits die Nachricht kam, "natürlich" werde man am 6. November irgendwo in Dessau spielen. Statt der ursprünglich geplanten 45 Minuten wurden es dann 120, "in denen ihr mit dem Arsch wackeln könnt", wie Sänger Jan Gorkow zu Beginn des Konzertes im Gebäude einer alten Brauerei sagte. Aus der geplanten Konzertreihe zdf@bauhaus wurde so unversehens zdf@brauhaus.

Nun ist in den vergangenen Wochen viel über die Absage der Stiftung Bauhaus diskutiert worden, von den Feuilletons bis ins Parlament von Sachsen-Anhalt. Was linkerseits als "Einknicken" vor den Drohungen rechtsextremer Gruppierungen und, bedenklicher noch, dem gemeinsamen Druck von CDU und AfD gewertet wurde, das begrüßte die Gegenseite als notwendige Eindämmung linksradikaler Umtriebe.

Konkret warb Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra (CDU), zugleich Vorsitzender des Dessauer Stiftungsrates, um Verständnis für die Polizei. Den Beamten sei nicht zuzumuten, eine Gruppe zu schützen, die mit polizeifeindlichen Texten aufgefallen sei.

Schräge Argumente

Besonders unglücklich argumentierte Bauhaus Direktorin Claudia Perren: Sie sagt, das Bauhaus - ausgerechnet das Bauhaus - sei ein "unpolitischer Ort". Man habe die linke Band ausgeladen, um "den Rechtsradikalen vor dem Bauhaus keine Plattform" zu bieten. Da hatten Ableger des Bauhauses in Weimar und Berlin, aber auch zahlreiche Theater und andere Institutionen sich bereits als Ausweich-Locations zur Verfügung gestellt.

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Andreas Mrosek beschwor den Kulturkampf. Er bezeichnete Feine Sahne Fischfilet als "eine Band von Linksextremisten für Linksextremisten, die Hass- und Gewaltaufrufe in die Mitte der Gesellschaft trägt" - und tadelte mit Blick auf das ZDF, das an einer Übertragung festhielt, dass "linksextremes Gedankengut tief in der deutschen Medienlandschaft verankert" sei.

Tief in Dessau verankert war an diesem Nachmittag weder rechtes noch linkes Gedankengut. Drei Demonstrationen waren angemeldet. Eine Kundgebung gedachte am Mahnmal "Zyklon B" (mit dem an die Produktion des Gases in Dessau erinnert wird) den Opfern nationalsozialistischen Terrors; eine andere widmete sich vor dem Anhaltinischen Theater der Kunstfreiheit. Dort forderte der ehemalige Bauhaus-Direktor Philipp Oswalt den Rücktritt seiner Nachfolgerin. Beide Veranstaltungen zusammen waren eher schütter, zusammen mobilisierten sie etwa 300 Menschen.

Ein ebenfalls angekündigter Marsch rechtsradikaler Kameradschaften wurde vom Initiator ordnungsgemäß bei der Polizei abgemeldet. Gründe dafür wurden nicht bekannt. Ein Restaurant hatte "Feine Sahne Fischfilet", eine Delikatesse mit Wels und Roter Bete, auf seine Karte gesetzt und damit auf der Straße geworben. Beim Bauhaus selbst gab die Band eine Urkunde für die "PR-Aktion des Monats" ab. Auch sonst blieb es in der Innenstadt friedlich bis schläfrig.

Sogar die Polizeipräsenz war nur mäßig, im Gegensatz zur Security vor der Brauerei. Die 600 Karten für das Konzert (Vorgruppe: Neonschwarz) waren längst ausverkauft, allein 250 davon in Dessau. Unter das gewohnt jugendliche Punk-Publikum hatten sich auch einige ältere Dessauer gemischt. 30 Freikarten stellte die Gruppe jungen Fans zur Verfügung, deren Eltern sich bei der CDU oder AfD engagieren.

Als Feine Sahne Fischfilet um 21 Uhr die Bühne betraten, wurden im Publikum DIN-A4-Blätter mit dem Aufdruck "Asozial statt National" gezückt und auf Tapeten gemalte Transparente entrollt, darunter, direkt in die Kameras des ZDF: "Danke, GEZ!" Immer wieder unterbrach Sänger "Monchi" das Konzert mit Ansagen in Richtung der Fans: "Wir können es uns nicht leisten, in Schubladen zu denken!"

Ebenfalls gefährlich linksradikal wurde es bei der ersten Zugabe. Da kam Hauptkomponist und Gitarrist Christoph Sell auf die Bühne und erklärte, das Bauhaus habe mit seiner Absage sein jüdisches Erbe verraten. Danach spielte er das jüdische Partisanenlied "Zog nit keyn mol", geschrieben 1943 im Getto von Vilnius.

Sachsen-Anhalt, stellte ein erschöpfter "Monchi" gegen Ende des Konzerts mit Blick auf das erschöpfte Publikum fest, sei wohl "noch nicht komplett im Arsch".

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
zeisig 07.11.2018
1. Alles gut.
Wenn die Direktorin Claudia Perren: sagt, das Bauhaus - ausgerechnet das Bauhaus - sei ein "unpolitischer Ort", dann ist das so. Punkt. Die Dame ist immerhin die Direktorin. Für mich jedenfalls hat ihr Wort mehr Gewicht als die Bewertungen, die von außen kommen. Ich verstehe nicht, was es daran zu meckern gibt. Die Band FSFF findet ja schnell und problemlos alternative Auftrittsorte, wie man gesehen hat. Also alles gut.
ch_78 07.11.2018
2. Nicht alles gut
Zitat von zeisigWenn die Direktorin Claudia Perren: sagt, das Bauhaus - ausgerechnet das Bauhaus - sei ein "unpolitischer Ort", dann ist das so. Punkt. Die Dame ist immerhin die Direktorin. Für mich jedenfalls hat ihr Wort mehr Gewicht als die Bewertungen, die von außen kommen. Ich verstehe nicht, was es daran zu meckern gibt. Die Band FSFF findet ja schnell und problemlos alternative Auftrittsorte, wie man gesehen hat. Also alles gut.
Obwohl ich die Musik von dieser Band nicht leiden kann und es grenzwertig finde Musiker die vom Verfassungsschutz beobachtet wurden, weil sie neben einer Bauanleitung für Moltowcocktails auch einen Aufruf zur Gewalt gegen Polizisten auf der Webseite hatten einzuladen, ist es nicht in Ordnung sich von jemanden zur Absage eines Events nötigen zu lassen, weil die politische Einstellung angeblich nicht stimmt. Wenn man dies weiter spinnt, wo landen wir denn da? Soll sich ein Veranstaler zukünftig immer die Erlaubnis von AFD und ANTIFA einholen, damit eine Aufführung stattfinden kann? Nein man hätte es knallhart im Bauhaus durchziehen müssen und im Zweifel die Chefs austauschen oder die Stiftung sanktionieren müssen.
dasfred 07.11.2018
3. Reinigendes Gewitter
Da sind mal ein paar Köpfe durchgespült worden, die glauben, Bauhaus ist nur sowas wie ein Museum für Design. Mir hat gefallen, dass die Band nicht vor der Entscheidung eingeknickt ist, sondern gezeigt hat, dass Dessau wirklich bunt ist und nicht vor Rechten kuscht. Frau Direktorin hat dabei nun mal leider einen sehr schlechten Eindruck hinterlassen, aber man sollte ihr noch eine Chance geben, der Welt zu zeigen, dass es bei Bauhaus nicht nur um Form und Funktion ging.
alexrio 07.11.2018
4.
Zitat von zeisigWenn die Direktorin Claudia Perren: sagt, das Bauhaus - ausgerechnet das Bauhaus - sei ein "unpolitischer Ort", dann ist das so. Punkt. Die Dame ist immerhin die Direktorin. Für mich jedenfalls hat ihr Wort mehr Gewicht als die Bewertungen, die von außen kommen. Ich verstehe nicht, was es daran zu meckern gibt. Die Band FSFF findet ja schnell und problemlos alternative Auftrittsorte, wie man gesehen hat. Also alles gut.
Nein es nicht alles gut, wenn eine Absage begründet wird man hätte Angst vor AFD/Nazi´s Aktion wegen dem Auftritt dann läuft etwas falsch.
Nania 07.11.2018
5.
Zitat von zeisigWenn die Direktorin Claudia Perren: sagt, das Bauhaus - ausgerechnet das Bauhaus - sei ein "unpolitischer Ort", dann ist das so. Punkt. Die Dame ist immerhin die Direktorin. Für mich jedenfalls hat ihr Wort mehr Gewicht als die Bewertungen, die von außen kommen. Ich verstehe nicht, was es daran zu meckern gibt. Die Band FSFF findet ja schnell und problemlos alternative Auftrittsorte, wie man gesehen hat. Also alles gut.
Beschäftigen Sie sich mit der Geschichte von "Bauhaus", dann werden Sie sehr schnell merken, warum die Kritik an Frau Perren absolut berechtigt ist. Wenn Bauhaus eines nämlich nicht ist, dann unpolitisch. Dazu kommt, vor wem man eingeknickt ist: Vor den Rechtsextremen, die es geschafft haben, so Druck auszuüben, dass man sich vor dem Auftritt einer linken Band fürchtet, egal, was man nun persönlich oder politisch von "Feine Sahne Fischfilet" hält.
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