Türkische Starautorin Shafak "Wir sind ein wütendes Volk geworden"

Verfolgungswahn, Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen prägen das Leben in der Türkei, sagt Elif Shafak. Die Schriftstellerin sorgt sich um ihr Heimatland - auch, wenn der Staat sie fast ins Gefängnis brachte.

Erdogan-Anhänger in Istanbul
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  • Katharina Lütscher/ DPA
    Elif Shafak, 1971 in Straßburg geboren, studierte u.a. Internationale Beziehungen an der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara und promovierte dort auch. Heute zählt sie zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen in der Türkei. Die preisgekrönte Autorin, die in London und Istanbul lebt, verfasste bislang dreizehn Bücher, darunter "Die vierzig Geheimnisse der Liebe" und "Ehre". Nun sitzt sie in einem Hotel in Berlin, und beantwortet mit leiser Stimme Fragen. Shafak hat türkische Wurzeln und schreibt über die Türkei, ein Thema, das seit Monaten die Debatten bestimmt. In ihrem neuen Roman "Der Geruch des Paradieses", der im Oktober erscheint, sucht eine Frau ihren Platz zwischen traditionellem und modernem Wertesystem.

SPIEGEL ONLINE: Frau Shafak, Sie sind in Frankreich aufgewachsen und haben in vielen Ländern gelebt. Wie türkisch fühlen Sie sich?

Shafak: Sehr, ich bin selbstverständlich türkisch. Aber das ist nicht alles: Ich bin auch Istanbulerin, Londonerin, habe Wurzeln auf dem Balkan. Es gibt Elemente aus dem Mittleren Osten in meinem Leben. Gleichzeitig bin ich Europäerin durch eigene Wahl, in meinen Werten und in meinem Denken. Vor allem aber bin ich eine globale Seele. Ich bin eine Nomadin mit vielen Zugehörigkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Also in gewisser Weise heimatlos?

Shafak: Nein. Man kann in seinem Leben mehrere Heimaten haben. Schriftsteller haben vor allem ein Heimatland: das Land der Geschichten. Es ist ein tragbares Heimatland, man kann es überall hin mitnehmen. Ich schreibe in zwei Sprachen, Englisch und Türkisch. Wenn wir in mehr als einer Sprache träumen können, wozu dann diese Abgrenzungen? Ich mag keine nationalistischen oder religiösen Grenzen. Der Sufi-Mystiker Rumi benutzt das Bild von einem zeichnenden Zirkel: Ein Schenkel steht fest, während der andere sich in weiten Kreisen bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie es in der Türkei aus, wo sehr viele Menschen Nationalisten, Islamisten oder islamistische Nationalisten sind?

Demonstration türkischer Nationalisten: "Bist du eine von uns? Bist du eine von denen?"
REUTERS

Demonstration türkischer Nationalisten: "Bist du eine von uns? Bist du eine von denen?"

Shafak: Die Türkei ist ein sehr gespaltenes Land. Wir sind ein wütendes Volk geworden. Verfolgungswahn, Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen prägen unser Leben. Koexistenz und Vielfalt spielen keine Rolle, das Trennende wird hervorgehoben. Ständig wird gefragt: "Bist du eine von uns? Bist du eine von denen?" Ich will nicht Teil irgendeiner Kategorie sein, ich will keine Lager. Ich möchte nur ein Individuum sein. Ich bin sehr traurig und besorgt um mein Heimatland.

SPIEGEL ONLINE: Woher rührt das?

Shafak: Die Türkei hat sich im vergangenen Jahrzehnt sehr verändert. Als die AKP 2002 an die Macht kam, hielten viele von uns Liberalen das für einen Schritt nach vorn. Die AKP stand für eine zivile Form des Regierens. Sie gab sich damals proeuropäisch und reformorientiert. Aber mit fortschreitender Zeit hat sich das verändert, hin zu einem autoritären, intoleranten Regieren.

SPIEGEL ONLINE: Ein neuer Putschversuch hat ja kürzlich erst stattgefunden.

Shafak: Wir haben in der Türkei dreimal unter solchen Coups gelitten, in den Jahren 1960, 1971 und 1980, jeder schlimmer als der vorangegangene, mit den übelsten Menschenrechtsverletzungen. Der Putschversuch im Juli war falsch, er war blutig, schrecklich und hat alles nur noch schlimmer gemacht. Wer auch immer dahintersteckt, es sollte gegen ihn ermittelt werden. Ich bin gegen militärische Machtergreifung.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig nutzt die Regierung den Umsturzversuch aber auch, um ihre Gegner zu beseitigen.

Shafak: In der Folge des Putschversuchs finden große Säuberungen statt, das stimmt. In diesem Chaos werden viele Unschuldige in den sozialen Medien fälschlich und ungerechtfertigt stigmatisiert, auf schwarze Listen gesetzt, im übertragenen Sinne gelyncht, sogar inhaftiert. Mehrere Freunde von mir, Journalisten, Schriftsteller, Linguisten, sind im Gefängnis, allesamt friedliche Menschen. Wir sehen auch hier eine Erosion an Demokratie.

Türkische Soldaten während des Putschversuchs: Das macht es für die Regierung einfach, Kritiker anzuklagen
AP

Türkische Soldaten während des Putschversuchs: Das macht es für die Regierung einfach, Kritiker anzuklagen

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Einschüchterung überhaupt ein neues Phänomen? Als Sie den Völkermord an den Armeniern in Ihrem Buch "Der Bastard von Istanbul" thematisierten, wurden Sie wegen "Beleidigung des Türkentums" angeklagt.

Shafak: Das war 2006, damals lebte ich noch in Istanbul. Ich wurde vor Gericht gebracht, weil ich einen Roman geschrieben hatte. Paragraf 301 des Strafgesetzbuchs sieht bis zu drei Jahre Gefängnis dafür vor.

SPIEGEL ONLINE: Was genau bedeutet Türkentum? Und wie kann man es beleidigen?

Shafak: Niemand weiß das. Der Begriff ist unglaublich vage. Das macht es für die Regierung einfach, Kritiker anzuklagen. Mein Fall war jedoch neu und surreal: Erstmals wurde vor Gericht ein fiktives Werk verhandelt. Mein Anwalt musste also erfundene armenische Figuren aus meinem Roman verteidigen. Denn die Worte dieser Figuren wurden als Beweis gegen mich verwendet. Der Prozess dauerte über ein Jahr, am Ende wurde ich freigesprochen. Aber in der Zeit musste ich mit Bodyguards leben.

SPIEGEL ONLINE: Seit 2009 wohnen Sie in London. Eine Konsequenz daraus, wie man Sie in Istanbul behandelt hat?

Passantin in Istanbul: Wer in der Türkei behauptet, man sei frei beim Schreiben, sagt nicht die Wahrheit
AFP

Passantin in Istanbul: Wer in der Türkei behauptet, man sei frei beim Schreiben, sagt nicht die Wahrheit

Shafak: Das Leben als Schriftsteller wird in der Türkei zunehmend schwieriger. Jeder Journalist, jeder Schriftsteller, jeder Dichter in der Türkei weiß, dass er wegen eines Artikels, eines Romans oder eines Gedichts, selbst wegen eines Tweets vor Gericht gebracht und ins Gefängnis geworfen werden kann. Wenn wir also schreiben, ist da immer eine Menge Selbstzensur. Wer auch immer in der Türkei behauptet, man sei frei beim Schreiben, sagt nicht die Wahrheit. Wenn ich einen Roman schreibe, bin ich mutig, weil ich in dieser fiktiven Welt lebe und alles andere vergesse. Bei politischen Essays werde ich ängstlich. Aber ich sage noch immer, was ich denke. Wenn ich dagegen einen Roman schreibe, bin ich vollkommen frei. Das liegt in der Natur des Romanschreibens.

SPIEGEL ONLINE: Viele Türken sind sehr stolz auf Sie. Aber man hört auch Kritik: Sie würden auf Englisch schreiben, um einem westlichen Publikum zu gefallen. Außerdem wären Sie viel zu kritisch gegenüber der Türkei.

Shafak: Das höre ich oft. Selbst die gebildeten Schichten in der Türkei pflegen ihren Nationalismus und ihr Stammesdenken. Die Überzeugung, ein Autor müsse in seiner Muttersprache schreiben, ist ein Konzept aus dem 19. Jahrhundert. Wir leben aber heute in einer Welt der Migration, der Bewegung und der Ortswechsel. Ich genieße es, zwischen Englisch und Türkisch zu wechseln. Satire, Ironie und Sarkasmus fallen mir auf Englisch leichter als auf Türkisch. Melancholie, Trauer, Sehnsucht, Verlust funktionieren besser auf Türkisch. Die Menschen müssen unterscheiden zwischen Kritik an einer Regierung und Kritik an einem ganzen Land. Das ist nicht das Gleiche. Ich kritisiere die Politik und Politiker, gleichzeitig bin ich den Menschen, der Kultur und dem Land eng verbunden.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch geht es um die Spannung zwischen Tradition und Moderne, zwischen Religiosität und Säkularismus. Eine Frau sucht nach ihrer Identität. Ist das auch das Spannungsfeld, in dem Sie leben?

Shafak: Es entspricht meinen Erfahrungen in mancher Hinsicht. Ich fühlte mich in der Türkei immer als "das andere". Ich war ein Kind, als ich mit meiner Mutter von Frankreich in die Türkei zog. Meine Mutter war zu dem Zeitpunkt eine geschiedene Frau. Das war damals absolut ungewöhnlich in der Türkei. Es gab in meinem Umfeld nur patriarchalische Großfamilien, wir lebten in Ankara in einem konservativ-muslimischen Stadtteil. Meine Großmutter, eine traditionelle Frau, trug Kopftuch, aber weniger in einem religiösen Sinne, eher in einem kulturellen. Sie unterstützte meine Mutter darin, weiter zu studieren. Ich fühlte mich in der türkischen Gesellschaft immer am Rand. Ich wuchs auf, ohne meinen Vater zu sehen. Er hatte zwei Kinder aus seiner späteren Ehe, denen er ein guter Vater war. Ich war das vergessene Kind. Vermutlich ist das der Grund, dass ich bis heute immer auf der Seite von Minderheiten stehe.

SPIEGEL ONLINE: Davon gibt es auch in der Türkei eine Menge.

Shafak: Und wir sind gut darin, immer neue Minderheiten zu kreieren. Was wir in der Türkei bräuchten, ist echte Gewaltenteilung. Wir sind nur rein äußerlich eine Demokratie. Aber wir brauchen eine Kultur der Demokratie. Viele Menschen in der Türkei verwechseln Demokratie mit der Dominanz der Mehrheit. Was Menschenrechte, Frauenrechte und Rechtsstaatlichkeit angeht, machen wir enorme Rückschritte. Die Ironie ist, dass die Unterdrückten von gestern - die Religiösen, die Traditionalisten, die Menschen vom Land - heute selbst andere unterdrücken.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie nachvollziehen, dass die nun sagen: "Wir sind wieder wer"?

Shafak: Absolut. Ich habe das Kopftuchverbot immer sehr kritisch gesehen, so wie ich auch das Burkiniverbot in Frankreich kritisiere. Ich glaube, dass solche Verbote alles nur noch schlimmer machen. Ich würde aber von Kopftuch tragenden Frauen, denen jahrzehntelang der Zugang zu Universitäten versperrt war, erwarten, dass sie sich nun mit der LGBT-Bewegung solidarisch zeigen, deren Demonstrationen derzeit in der Türkei verboten werden. Wenn ihr früher die Unterdrückten wart, dann zeigt jetzt doch Verbundenheit mit den Unterdrückten von heute! Als Feministin möchte ich Schwesternschaft zwischen türkischen, kurdischen, alevitischen, jüdischen, konservativen, kemalistischen Frauen. Wenn ich mir die heutige türkische Politik anschaue, hat sie Frauen überhaupt nicht vorangebracht. Stattdessen höre ich, dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht laut lachen sollen, dass sie mindestens drei, besser fünf Kinder bekommen sollen und dass Abtreibung Massenmord ist. Ich habe genug davon, dass männliche AKP-Politiker uns türkischen Frauen erzählen, wie wir leben sollen. Der Körper einer Frau und ihr Intimleben gehören ihr. Nicht dem Staat.

Burkini-Trägerin in Marseille
REUTERS

Burkini-Trägerin in Marseille

SPIEGEL ONLINE: Ist die Angst, die viele Menschen in Europa vor dem Islam haben, in Ihren Augen gerechtfertigt?

Shafak: Ich verstehe, was Angst ist. Ich bin selbst eine ängstliche Person. Bis zu einem gewissen Grad ist Angst normal. Schließlich wurden furchtbare Verbrechen begangen im Namen von Religionen, wie könnten wir ungeheuerliche Taten wie in Nizza und anderswo vergessen. Aber es ist falsch, wenn die Lösung von Problemen von Angst geleitet ist, weil Menschen dann häufig die größten Fehler machen. Leider halten immer mehr Menschen Gleichheit für Sicherheit. Viele glauben: Wenn alle Menschen in meinem Umfeld so sind wie ich, sind wir sicher. Eine Illusion. Und eine gefährliche dazu. Für eine solche Haltung ist die Welt zu globalisiert, wir alle sind eng miteinander verbunden. Unsere Geschichten sind miteinander verbunden, unsere Schicksale. Das bedeutet, dass weltweit alle Menschen, die an Demokratie und Weltoffenheit glauben, zusammenarbeiten müssen, um den Wahnsinn des Extremismus zu stoppen. Wir müssen einen radikalen Humanismus wiederbeleben, um die Sprache des Hasses aufzuhalten.

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DerNachfrager 16.09.2016
1. Bitte mal genau hinhören:
... sie fast ins Gefängnis brachte." In einer Demokratie ist das Land und der "Staat" (=die Regierung) niemals automatisch dasselbe: Ein Demokrat kann sein Land lieben und trotzdem die Regierung hassen. In der Türkei ist dies derzeit nicht möglich; wer gegen die AKP ist ist automatisch gegen die Türkei. Aber in einer SPON-Überschrift sollte eigentlich etwas mehr demokratisches Selbstverständnis stecken als bei den Herren Putin&Erdogan.
wolf.jungeroth 18.11.2016
2. Heimat?
"Spiegel online: Also in gewisser Weise heimatlos?" Was für ein begrenztes / eingeschränktes / völlig unrealistisches Verständnis des Begriffs HEIMAT! Wie oft müssen wir 2016 eine Thematik der sechziger Jahre wiederkauen?
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