Hilfe von der WG-Therapeutin "Meine Mitbewohnerin hat mich angezeigt"

Lena ist neu in der Stadt und zieht in eine WG. Mitbewohner Ben unternimmt viel mit ihr. Doch als Lena mit einem Freund von Ben zusammenkommt, fangen die Probleme an. Was kann er tun?

Mann und Frau (Symbolbild)
Getty Images/Westend61

Mann und Frau (Symbolbild)

Aufgezeichnet von


Ben* schreibt:

Sehr geehrte Frau Stiehler,

ich wohne in einer Berufstätigen-WG in Flensburg. Wir wohnen zu dritt, manchmal auch zu viert in einer sehr geräumigen Altbauwohnung. Wir haben vier große und zwei halbe Zimmer. Vor etwa zwei Jahren zog eine Frau aus Berlin bei uns ein - Lena*. Wir freundeten uns an, machten viele Ausflüge und Spaziergänge. Nach etwa einem Jahr kauften wir uns sogar gemeinsam ein Segelboot.

Dann kam Lena mit einem Freund von mir zusammen. Sie wollte viel Zeit bei ihm verbringen und daher in ein halbes Zimmer innerhalb der WG umziehen, um weniger Miete zu zahlen. Ich hatte Bedenken - wegen der laufenden Miete für ihr großes Zimmer - und das fand sie nicht in Ordnung von mir.

Wir konnten uns trotz mehrerer Gespräche nicht einigen und sie sagte mir schließlich, sie könne nun gar nicht mehr mit mir zusammen wohnen. Sie habe Angst vor mir, ich wäre übergriffig und sie könnte mich auch anzeigen. Daraufhin verließ sie die Wohnung. Ich war total schockiert.

Zwei Tage später kündigte sie fristlos und einige Tage danach war ihr Zimmer leer und die Schlüssel lagen auf dem Küchentisch. Zwei Wochen später kam ein Schreiben von einer Rechtsanwältin: "Die Kündigung wäre wegen meines Verhaltens berechtigt, welches aber hier nicht weiter thematisiert werden soll…" - dazu die Aufforderung die Kaution auszuzahlen. Ich geriet in Panik und zahlte sie.

  • Silja Götz
    Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Erziehungswissenschaftlerin Sabine Stiehler. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

Einige Monate wollte ich zumindest meine Kaltmiete (700 Euro) von ihr erstattet bekommen. Aber sie zahlte nicht. Auch eine Schlichtung beim Schiedsamt blieb ergebnislos. Dann erhielt ich eine Vorladung bei der Polizei: Lena hatte mich wegen Nachstellung, also Stalking angezeigt.

Der Staatsanwaltschaft erklärte ich, dass ich lediglich die Kaltmiete von Lena wollte. Und die Anzeige wurde relativ schnell eingestellt.

Nun weiß ich nicht weiter. Haben Sie eine Idee, was ich nun noch machen könnte? Sollte ich unsere gemeinsamen Bekannte bitten, mit ihr zu reden?

*Name geändert

Zur Person
  • Amac Garbe
    Sabine Stiehler lindert den WG-Kummer der SPIEGEL-ONLINE-Leser. Stiehler ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin und leitet die Psychosoziale Beratungsstelle im Studentenwerk Dresden.

Sabine Stiehler antwortet:

Hallo Ben,

Sie tragen hier etwas auf der Sachebene aus, was auf der Beziehungsebene nicht geklärt ist. Als Lena in die WG gezogen ist, haben Sie viel für sie gemacht, viel Zeit mit ihr verbracht. Sie haben sich zusammen sogar ein Boot gekauft. Auch für Lena war das praktisch, schließlich war sie neu in der Stadt. Im Laufe der Zeit hat sie sich eingelebt, sich verliebt, ist mit jemandem zusammengekommen.

Mir scheint, damit fühlten Sie sich vor den Kopf gestoßen und waren auch etwas enttäuscht. Auch Lena schien mir enttäuscht, weil ihr Plan mit der Miete nicht aufgegangen ist und sie Gegenwind erhielt. Plötzlich standen Sie sich mit unterschiedlichen Bedürfnissen gegenüber.

Lena wollte sich von Ihnen abgrenzen, hat mit ihrer Anzeige allerdings wahnsinnig übertrieben. Aber vielleicht war ihre Reaktion auch proportional zu Ihrem Verhalten? Vielleicht fühlte sie sich durch Sie zu sehr vereinnahmt?

Ich raten Ihnen dazu, Lena loszulassen. Brechen Sie jeglichen Kontakt zu ihr ab. Versuchen Sie auch nicht, über gemeinsame Bekannte mit ihr zu reden. Was soll das noch bringen?

Wenn Sie Ihre Kaltmiete unbedingt zurückhaben wollen, dann schalten Sie einen Anwalt ein - aber mischen Sie sich nicht mehr selbst in die Sache ein. Hören Sie auf, sich daran "festzubeißen". Akzeptieren Sie, dass es ein Lehrgeld für zu viel praktische und emotionale Investition in die Freundschaft war.

Bitte beachten Sie bei neuen Mitbewohnern, was passieren soll, wenn es zu Konflikten kommt und schreiben Sie dies auch auf. Das ist zwar unromantisch, aber spart am Ende Zeit und Nerven.

insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gbshaw 01.06.2018
1. Selten dämliche "Hilfe"
Ich hoffe sehr, dass es sich hier um einen fiktiven Fall handelt. Der "Ratschlag" der seltbsternannten Therapeutin ist von seltener Dämlichkeit und geht völlig am Problem vorbei. Da wird dem Ratsuchenden mit dem Arsenal der Küchen- und Hausfrauenpsychologie unterstellt, er sei heimlich in die Mitbewohnerin verliebt und klammere. Er sei also tatsächlich der stalker, als der er angezeigt wurde. Dass "Lena" entweder selbst massiv einen an der Klatsche hat oder einfach eine dreiste Mietprellerin ist, oder vielleicht auch beides zusammen, wird einfach unterschlagen. Da kann man nur hoffen, dass diese Dame nicht auch im realen Leben Beratungen durchführt. Mit solchen "Therapeuten" braucht man echt keine Feinde mehr....
rainer_d 01.06.2018
2. Wegen 700€?
Sei froh, dass sie weg ist. Was will "Ben" da jetzt noch diesen paar Kröten nachrennen? Vielleicht, wenn er eine Rechtsschutzversicherung hätte, könnte er es dem Anwalt übergeben - aber so? Schluss, aus und vergessen. Abschreiben und als Lehrgeld ansehen. Move on. Get a life. Whatever.
murksdoc 01.06.2018
3. Zusatz
Der Ratschlag ist zusätzlich unpraktikabel, weil über den gemeinsamen Besitz des Segelbootes, welches einen Liegeplatz, ein Winterquartier, Reparaturen und Unterhalt benötigt, weitere Kontakte, Diskussionen, Streit und Kompromisse unvermeidbar sind. Weil aber in Streitfällen immer der im Vorteil ist, der etwas physikalisch besitzt, würde ich das Boot an einen Ort schaffen, den die Mietschuldnerin nicht kennt und ihr ankündigen, dass dieses momentan ein Pfand ist, aber nach Ablauf einer Zahlungsfrist für die Mietschulden in meinen endgültigen alleinigen Besitz übergehen wird. Den Wert würde ich so herunterrechnen, dass ihr Anteil genau diesen Euro 700.- entspricht. Dann ist SIE es, die mich verklagen muss und wenn sie es nicht tut und weiter nicht bezahlt, habe ich immerhin ein Boot.
großwolke 01.06.2018
4. Aufwand und Nutzen
Zitat von gbshawIch hoffe sehr, dass es sich hier um einen fiktiven Fall handelt. Der "Ratschlag" der seltbsternannten Therapeutin ist von seltener Dämlichkeit und geht völlig am Problem vorbei. Da wird dem Ratsuchenden mit dem Arsenal der Küchen- und Hausfrauenpsychologie unterstellt, er sei heimlich in die Mitbewohnerin verliebt und klammere. Er sei also tatsächlich der stalker, als der er angezeigt wurde. Dass "Lena" entweder selbst massiv einen an der Klatsche hat oder einfach eine dreiste Mietprellerin ist, oder vielleicht auch beides zusammen, wird einfach unterschlagen. Da kann man nur hoffen, dass diese Dame nicht auch im realen Leben Beratungen durchführt. Mit solchen "Therapeuten" braucht man echt keine Feinde mehr....
Wenn man nicht alle Fakten kennt, sollte man keine Seite wählen. Genau das versucht die Autorin auch zu vermeiden. Es bleiben die praktischen Erwägungen. Lohnt es sich, diesem relativ überschaubaren Geldbetrag hinterherzulaufen, wenn das in einen handfesten, hässlichen Rechtsstreit ausarten könnte? Selbst wenn man gewinnt, den Ärger hat man ja trotzdem, und der kann gewaltig sein, wenn erstmal Vorwürfe von sexuellem Fehlverhalten im Raum stehen. Von daher ist das aus der Distanz der vernünftigste Ratschlag, den man geben kann.
grumpy53 01.06.2018
5. gehören immer 2 dazu?
Meistens ist gut, eine Geschichte von beiden Seiten anzugucken. Und die meisten Konflikte setzen mindestens 2 Personen voraus. In dem Fall gehören mind. 3 oder mehr dazu. Wenn der Freund von Ben mit der ehemaligen Mitbewohnerin zusammen ist, muss er sich nicht auf eine Seite schlagen, aber ich finde schon, dass zur Fairness und Freundschaft gehört, andere Leute nicht um Geld zu bescheißen und seinen Verpflichtungen nicht nach zu kommen. Und dann stellt sich mir noch die Frage, wie den die weiteren Mitbewohner damit umgehen, mind. 1 oder gar 2 sind ja auch mit im Boot. Dann gibt es aber eben Menschen, deren Selbstverwirklichung gerne auf anderer Kosten ausgelebt werden und da kann dann der, der zum "Opfer" wird, so sein, wie er oder sie will. Das hat dann gar nichts mit ihr oder ihm zu tun, außer, dass man den Schaden hat. Bleibt nur, abbuchen, sich nicht kaputt machen lassen und bei allem gegenseitigen Vertrauen, was man schwarz auf weiß besitzt, läßt sich ggf. einklagen. Aus einer WG so einfach aussteigen und nicht mehr zahlen, gibt es denn da keine vertraglich eindeutigen Regelungen? Was den beratenden Psychologen betrifft, eigentlich habe ich jetzt nur noch auf Frau Saalfranck gewartet: Ex-Mitbewohnerin auf die stille Treppe setzen, dann geben wir uns die Hand und alles wieder gut. KINDERGARTEN-Psychologie. Man muss sich nicht alles gefallen lassen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.