Recycling auf Festivals "Ich häkele aus den zurückgelassenen Zelten Taschen"

Auf Festivals lassen die Besucher oft Berge an Müll zurück. Alex Ciocea nervt diese Achtlosigkeit. Er sammelt den Dreck der anderen auf - und recycelt ihn.

Müll liegt auf dem Festivalgelände, nachdem die meisten Gäste abgereist sind.
DPA

Müll liegt auf dem Festivalgelände, nachdem die meisten Gäste abgereist sind.

Ein Interview von Lorina Ostheim


SPIEGEL ONLINE: Herr Ciocea, Sie besuchen Festivals, wenn sie schon längst zu Ende sind - denn Sie interessieren sich nicht für die Musik, sondern die Sachen, die die Gäste zurücklassen.

Ciocea: Die Leute hinterlassen einfach unfassbar viel Müll auf den Festivalgeländen. Den ganzen Kram müssen dann Müllunternehmen abholen und entsorgen. Ich finde das unmöglich, denn viele dieser Dinge lassen sich noch verwerten. Zum Beispiel Zelte, die oft noch wie neu sind.

Zur Person
  • Alex Ciocea
    Alex Ciocea, 30, hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert und drei Jahre lang als Programmierer gearbeitet. Inzwischen dreht er Videos, mit denen er auf die Umweltverschmutzung aufmerksam machen will.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie damit?

Ciocea: Ich zerschneide sie und häkele aus den Fäden Taschen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso verkaufen Sie die Zelte nicht einfach weiter?

Ciocea: Geld ist mir nicht wichtig, und abgesehen davon häkele ich wahnsinnig gerne. Ich finde es schön, etwas zum Anfassen herzustellen. Bei meinem vorherigen Job als App-Entwickler hatte ich nichts Greifbares in den Händen. Wenn ich zum Beispiel in zwei Stunden eine Mütze häkele, dann kann ich sie viele Jahre lang tragen. Das ist wie mit den Taschen. Außerdem kann ich so auf die Umweltverschmutzung aufmerksam machen. Die Festivalbesucher müssen sich einfach bewusst machen, was sie anrichten, wenn sie all ihre Dinge achtlos zurücklassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Zelte sammeln Sie auf den Festivalgeländen denn ein?

Ciocea: Im vergangenen Jahr habe ich bei Rock im Park vier Zelte aufgesammelt. Dieses Jahr waren es um die zehn.

SPIEGEL ONLINE: Verwerten Sie auch andere Gegenstände, die Besucher zurücklassen?

Ciocea: Wenn ich einen Kapuzenpulli finde, den ich gebrauchen kann, nehme ich den mit. Aus Handtüchern nähe ich Waschlappen, und auch Zeltstangen kann ich weiterverwerten.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie noch für den Umweltschutz?

Ciocea: Seit vier Jahren containere ich. Ich gehe also zu den Containern der Supermärkte und nehme mir dort die weggeworfenen Lebensmittel raus, die noch gut sind. Außerdem fliege ich schon seit zehn Jahren nicht mehr, und ich habe auch kein eigenes Auto. Wenn ich mit Freunden verreise, die fliegen, nehme ich immer den Zug. Ich sammle auch Müll auf, wenn ich joggen gehe - das nennt sich plogging. Und wenn ich Kaffee trinke, habe ich immer ein schlechtes Gewissen, weil mir bewusst ist, dass Kaffee einen weiten Weg zurücklegt, bis ich ihn überhaupt trinken kann. Ich kaufe auch nur regionale Produkte und nur sehr selten Kleidung. Die letzte Hose, die ich mir geleistet habe, wurde in Europa hergestellt und hat 200 Euro gekostet.



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