Beim Sterben begleiten Die letzte Hilfe

In Würde zu Hause zu sterben - das wünschen sich die meisten Menschen. Die Angehörigen stehen dieser Aufgabe oft hilflos gegenüber. Letzte-Hilfe-Kurse sollen das ändern.

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Der Tod gehört zum Leben. Die dreizehn Männer und Frauen, die an diesem Vormittag in den schlichten Seminarraum in der Dortmunder Innenstadt gekommen sind, wissen das zwar genau. Doch auch wenn die meisten hier schon einen geliebten Angehörigen verloren haben, haben viele trotzdem das Gefühl, zu wenig über das Sterben zu wissen: Was kommt auf mich zu, wenn ich Angehörige beim Sterben begleite? Wie kann ich ihr Leiden lindern? Und wie kann ich helfen? Antworten wollen sie in einem vierstündigen Kurs bekommen.

Letzte Hilfe nennt sich der Ansatz, den Palliativmediziner vor einigen Jahren entwickelt haben. In Seminaren wollen sie medizinischen Laien kompaktes Wissen über einen würdevollen Tod vermitteln. Das Thema, das vielen unbehaglich ist, wird dort offen besprochen.

Das kleine Einmaleins der Sterbebegleitung

Die Analogie zur Ersten Hilfe ist kein Zufall, sagt Georg Bollig. Der gelernte Rettungssanitäter und Palliativarzt hatte die Idee für das Konzept: "Was im Notfall zu tun ist, haben viele im Erste-Hilfe-Kurs gelernt. Doch die wenigsten kommen je in so eine Situation", erklärt er. "Beim Tod ist es andersherum." Wir verlieren ältere Familienangehörige, Freunde können unheilbar krank werden. "Dann ergibt es doch nur Sinn, dass wir uns mindestens genauso gut auf die Begleitung von Sterbenden vorbereiten, wie auf das Wiederbeleben eines Menschen in einem Notfall", sagt Bollig.

Gemeinsam mit Kollegen hat er daher die Schulung entwickelt, die an einem halben Tag "das kleine Einmaleins der Sterbebegleitung" lehren soll. "Mir ist es ganz wichtig, dass wir vermitteln, dass Sterben normal ist und keine Krankheit", sagt Bollig. Denn Studien zufolge wollen die meisten Menschen zu Hause sterben, doch die wenigsten tun es. Häufiger Grund: Es gibt keine Angehörigen, die sich diese Aufgabe zutrauen. Bollig hofft über einen unverkrampfteren und informierten Umgang mit dem Sterben, die Angst vor Überforderung zu nehmen.

Diese Furcht wird auch in Dortmund immer wieder von Teilnehmern genannt, die sich für den Kurs angemeldet haben. "Wie jede Geburt ist auch jeder Tod individuell", sagt Jutta Ahring, Kursdozentin und Sozialarbeiterin im Hospiz. Und doch gibt es viel Generelles, über das sie gemeinsam mit Palliativpflegerin Alexandra Hieck aufklären kann.

Das Sterben gemeinsam aushalten

Die Fachfrauen reden über Rechtliches wie eine Vorsorgevollmacht oder geben praktische Tipps für die oft so belastenden letzten Stunden im Leben eines Menschen. Sie verteilen Wattestäbchen und gefrorene Würfel mit Zitronenwasser oder Tee. Es tue den Sterbenden gut, wenn die Lippen mit Feuchtigkeit benetzt würden und sie geliebte Geschmäcker wahrnehmen könnten. Und manchmal, auch das verschweigen Ahring und Hieck nicht, gelte es einfach, die unsagbar schwere Situation des Sterbens gemeinsam auszuhalten.

Auch in der Fachwelt findet das Konzept Anklang: So zeichnete die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin die Kurse nach ersten Pilotversuchen im Jahr 2015 mit einem Förderpreis aus. "Ein solches Projekt kann dazu dienen, Berührungsängste abzubauen und uns helfen, das Thema Tod und Sterben verständlich zu machen", sagt Winfried Hardinghaus, Vorsitzender des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes. Zwar lasse sich in den letzten Jahren eine stärkere gesellschaftliche Beschäftigung mit den Themen Sterbebegleitung und Hospizwesen beobachten. "Es gibt aber immer noch Informationsdefizite", sagt Hardinghaus.

Und es gibt einen Wunsch in der Bevölkerung nach einer stärkeren Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Sterben: In einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2017 im Auftrag des Verbandes gaben 56 Prozent der Befragten an, die Gesellschaft befasse sich zu wenig damit.

Besser gerüstet für das Ende

Auch die Entwicklung in der letzten Hilfe unterstreicht das: Den ersten Kurs gab Bollig 2015 in Schleswig. Seitdem wächst das Projekt, inzwischen auch international. So werden gerade die Kursmaterialien mit verschiedenen Partnern europaweit in andere Sprachen übersetzt. Im deutschsprachigen Raum haben sich 800 Kursleiter ausbilden lassen. Fast 8000 Teilnehmer konnten sie bisher erreichen, die Kosten liegen laut der Website bei maximal 20 Euro pro Teilnehmer.

In Dortmund fühlen sich die Teilnehmer nach vier Stunden intensiver Gespräche, bedrückender Geschichten, aber auch immer wieder heiterer Momente nun besser gerüstet für das Ende ihrer Liebsten. "Da nimmt man etwas fürs Leben mit", sagt ein 64-Jähriger.

Im Video: Das Ende des Lebens - Sterben in Würde

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Von Florentine Dame und Caroline Seidel, dpa/hei

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