Großinvestoren kaufen Zahnarztpraxen Das dicke Geld machen mit Zähnen

Finanzinvestoren kaufen hierzulande Zahnarztpraxen, um ihr Geld zu vermehren. Das bedeutet: mehr Großpraxen und Ketten. Im besten Fall steigt die Qualität, im schlechtesten geht es um schnelle Rendite.

Ein Zahnarzt behandelt einen Patienten
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Ein Zahnarzt behandelt einen Patienten


Zentral aber unauffällig hängt das Schild in der Stadt, in der Zahnarzt H. lebt und arbeitet. "Colosseum Dental" steht da, eine GmbH für die "Erbringung von Dienst- und Managementleistungen im Zahnarztgewerbe". Als H. das Schild das erste Mal sah, war ihm klar: Die Großkonzerne kommen nicht irgendwann, sie sind längst da. Denn hinter der GmbH steht die Jacobs Holding AG - und damit das milliardenschwere Erbe des Kaffee-Imperiums.

Die Zahnmedizin in Deutschland verändert sich gerade rasant: Der Trend geht zu Großpraxen, zu Praxis-Ketten und -Gruppen. In Skandinavien, den Niederlanden und in Großbritannien gibt es das bereits. Trimmen die Heuschrecken des Großkapitals die deutsche Zahnmedizin jetzt mit Marktmacht auf Umsatz? Verlieren Patienten den Zahnarzt ihres Vertrauens und bekommen stattdessen immer einen anderen, den die langfristige Betreuung nicht interessiert?

Ein Zahnarzt, eine Praxis - bald Geschichte?

Ein Zahnarzt, eine Praxis - das könnte auch hierzulande schon bald zur Randerscheinung werden. Zahnarzt H. fürchtet genau das. Er trinkt seitdem anderen Kaffee.

Zwar gibt es in Deutschland noch keine Gruppe, die mehr als 30 Standorte vereint. Doch das könnte sich rasch ändern: Die schwedische Fondsgesellschaft Altor Equity Partners etwa und der ebenfalls schwedische, milliardenschwere Finanzinvestor EQT investieren in den deutschen Markt. Auch Jacobs zählt dazu.

Das Konzept: Die Finanzinvestoren kaufen ein Krankenhaus, an das ausgewählte Zahnarztpraxen als Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) angedockt werden. Eine Praxis kommt nur ab einer Größe von zwei Ärzten infrage und einem Mindest-Jahresgewinn von einer Million Euro. Die Zahlen werden von Wirtschaftsprüfern unter die Lupe genommen, bevor ein Vertrag zustande kommen kann.

Die niederländische DentConnect-Gruppe, hinter der EQT steht, verfügt schon über mehr als 220 Zahnarztpraxen in fünf Ländern mit mehr als 850 Zahnärzten und fast einer Million Patienten. Die Colosseum Dental Group kommt auf mehr als 230 Kliniken mit rund 1000 Zahnärzten in sieben Ländern. Nun wolle man auch in Deutschland "Fuß fassen" und sei seit einigen Wochen "mit vielen Zahnärzten im Gespräch", sagt Cornelia Steinmeier von Colosseum Dental Deutschland.


Die Kauflust hat vor allem zwei Gründe

  • Die Zinsen sind niedrig, Geld wird anders angelegt. Die Zahnmedizin ist lukrativ: Deutschland ist der größte zahnmedizinische Markt in Europa. 26 Milliarden Euro Gesamtumsatz erwirtschafteten die Zahnarztpraxen nach Aussage der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) im Jahr 2015.
  • Etwa 41 Prozent der Zahnärzte mit Kassenzulassung und rund 18 Prozent der bei ihnen angestellten Zahnärzte sind älter als 55 Jahre - mit steigender Tendenz. Praxisinhaber finden kaum Nachfolger, denn jüngere Zahnärzte möchten mehrheitlich als Angestellte arbeiten.

Der Trend scheint unumkehrbar. Die Mehrheit der Studierenden im Fach Zahnmedizin ist weiblich und ein Großteil des Nachwuchses scheut die hohen Investitionen in eine Einzelpraxis, will lieber angestellt arbeiten. So boomen die MVZ, sei es als Großpraxis, Kette oder Gruppe. Zwar waren 2016 laut Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung (KZBV) noch 81,9 Prozent der 42.616 Zahnarztpraxen Einzelunternehmen. Doch der Anteil der MVZ mit angestellten Zahnärzten hat seit 2016 dreistellige Zuwachsraten pro Quartal und stieg von 25 MVZ mit 155 angestellten Zahnärzten (2014) auf 359 MVZ mit 1.140 angestellten Zahnärzten (2017).

Profitieren wirklich alle Seiten?

Dabei bietet solch ein Modell viel für beide Seiten - wenn es gut läuft: Zahnärzte können sich in der Gemeinschaft von Betriebsführung, Einkauf und Marketing entlasten und eine gemeinsame Fortbildung nutzen. Sie sind die Sorge um die Nachfolge los, behalten in einer Gruppe ihre Identität und ihr Praxisschild und können sich gegenseitig fachlich beraten. Patienten können von besserer Ausstattung, flexibleren Öffnungszeiten und stetiger Fortbildung der Ärzte profitieren, sie werden von Spezialisten behandelt.

Colosseum Dental ist nach eigener Aussage gerade erst dabei, "gemeinsame Strukturen einzuführen", um solche Vorteile "zu realisieren". Die Altor-Tochter KonfiDents verspricht einen Qualitätsansatz von Anfang an: "Wir suchen explizit die Meinungsführer und die Koryphäen", sagt Projektleiterin Clara Zverina. Man sei mit mehr als hundert Praxen im Gespräch, Zahnärzten, Oral- und Kieferchirurgen. Geplant sei ein medizinischer Beirat, eine eigene Qualitätssicherung und ein eigenes Fortbildungsinstitut. Das sei nicht nur für junge Zahnärzte interessant, sondern auch für Patienten und Krankenkassen.

Die KZBV hingegen befürchtet eine "Kettenbildung in wirtschaftlich attraktiven Ballungsräumen". Gregor Bornes, Zahnexperte und Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen (BAGP), verweist auf den Krankenhausmarkt: "Wir sehen dort, dass solche Konstruktionen nicht automatisch mehr Qualität bedeuten, sondern vor allem mehr Quantität." Vor allem sieht er die Gefahr einer "organisierten Überversorgung". Mehr denn je sei nun "eine kontrollierende Instanz nötig, die die gesamten Leistungen - also privat und gesetzlich - in den Blick nimmt und deren Qualität misst."

Auch Kirsten Kappert-Gonther von den Grünen ist skeptisch. Sie sieht "hohe Renditeerwartungen" bei den privaten Kapitalgebern, was den Trend zur Kommerzialisierung in der Zahnmedizin verstärke. Patienten, warnt Harald Weinberg von den Linken, hätten "kaum die Möglichkeit, zwischen Qualitätseinrichtungen und auf Umsatz getrimmten Ketten zu unterscheiden".

Zahnarzt H. hat ähnliche Bedenken. Er fürchtet Qualitätseinbußen. Es werde um "maximale Geschwindigkeit" gehen, die "angestellten Söldner", wie H. die Zahnärzte nennt, seien dann kaum noch motiviert für eine patientenzugewandte und gute Behandlung. Ingo Kock hingegen, Geschäftsführer einer Praxisberatung meint, ohne persönliches Vertrauensverhältnis werde es nicht funktionieren: "Im Rennen um die größte Praxis werden diejenigen gewinnen, denen es in erster Linie um die Gesundheit der Patienten geht. Das Geld kommt dann von ganz allein."

Tipps: Worauf Sie bei der Zahnarztsuche achten können
Grundsätzlich
Eine Zahnarztpraxis sollte sauber, gepflegt und gut organisiert sein. Der Zahnarzt sollte Wert auf Krankheitsvorbeugung und auf Zahnerhaltung legen. Er sollte sich für eine sorgfältige Untersuchung und für das Gespräch Zeit nehmen.

Therapiepläne sollten mit allen Alternativen, Vorteilen und Risiken sowie den zu erwartenden Gesamtkosten transparent gemacht werden. Preiswerte Möglichkeiten müssen objektiv genannt werden. Zahnärzte mit Kassenzulassung sind verpflichtet, Kassenleistungen anzubieten.

Der Patient sollte Zeit für seine Entscheidung und die Möglichkeit zu einer zweiten Meinung haben. Wichtig sind regelmäßige Hinweise für die häusliche Mundhygiene.
Für Spezialfälle
Die höchste Qualifikation mit dreijähriger Weiterbildung haben Fachzahnärzte. Diese gibt es für Parodontologie, Kieferorthopädie und Oralchirurgie - empfehlenswert zum Beispiel für Patienten mit einer umfangreicher Parodontitistherapie oder bei einer schwierigen Implantation. Gerade für das Setzen von Implantaten ist die Operationserfahrung wichtig, aber nicht vorgeschrieben. Neben Oralchirurgen (hier geht es zur Homepage des Berufsverbands) bieten dies auch Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgen (MKG-Chirurgen).

Eine Liste der Behandler finden Sie hier.

Hohe Qualitätskriterien hat sich auch ein Zusammenschluss von 17 deutschen und sechs ausländischen Zentren gesetzt: Mitglieder der European Centers for Dental Implantology (ECDI) sind Gutachter und Referenten, meist Chirurgen, und lassen ihre Arbeit im internationalen Austausch dokumentieren.
Listen verschiedener Spezialisten
Implantologie-Spezialisten:

Zertifizierte Zahnärzte der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI)

Spezialist Implantologie der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Implantologie (DGZI): Liste ist in Überarbeitung, Hotline: 0800/34 94 835

Alle zertifizierten Implantologen finden Sie auch fachgesellschafts-übergreifend unter dieser Liste.

Parodontologie-Spezialisten:

Spezialisten der Fachgesellschaft DGParo

Endodontologie-Spezialisten:

Spezialisten der Fachgesellschaft DGET

Zahnersatz-Spezialisten:

Spezialisten der Fachgesellschaft DGPro

Ästhetik-Spezialisten:

"Spezialist für Asthetische Zahnmedizin" der Fachgesellschaft DGÄZ

Funktionsdiagnostik-Spezialisten:

"Spezialist für Funktionsdiagnostik und -therapie" der Fachgesellschaft DGFTD

Weniger aussagekräftig und deshalb für Patienten irrelevant sind Titel und Bezeichnungen wie "Schwerpunkt", "Spezialist" ohne Zusatz einer Fachgesellschaft, "Master of Implantology" (es muss "Master of Science" heißen) oder "Facharzt für Zahnerhaltung".
Weitere Informationen
Zu Mäßigung, Sorgfalt und Transparenz hat sich der Deutsche Arbeitskreis für Zahnheilkunde mit seinem "Projekt Qualitätssicherung" verpflichtet.

Auch bei Krankenkassen, den Landesärztekammern, bei der Unabhängigen Patientenberatung (Hotline: 0800/011 77 22), oder der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung finden Sie Informationen und Hilfe bei der Suche nach einem guten Zahnarzt.


insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
christoph_drenk 30.05.2018
1. Ideologie
Jeder Zahnarzt hat das Ziel seine "Rendite" zu maximieren. Genau so, wie jeder Angestellte sein Gehalt maximieren will. Welche Organisationsform das Angebot hat, ist dabei irrelevant.
snoook 30.05.2018
2. Also mein freier KFZ-Meister...
... der vorher bei einem großen Deutschen Autohersteller in der Werkstatt gearbeitet hat, erzählte mir, warum er dort weg ist: Mitte bis Ende des Monats wurde dann geschaut, ob die Umsatzzahlen stimmen. Wenn nicht, wurde bei allem, was gerade auf dem Hof stand, repariert, was die Argumente hergaben: Auspuff, Zündkerzen, Bremsen, whatever! Alles was zwar noch gut war, aber ausgetauscht werden konnte, wurde auch gemacht. Auf die Zahnärzte übertragen heißt das Wort: Umsatzoptimierung - egal, ob die Qualität nun leidet oder nicht. Es wird mehr gemacht und es werden mehr Zusatzleistungen verkauft. Da darf man sich dann als Patient gerne schon mal drauf einstellen! Als Privatpatient ist man dann auch nicht unbedingt besser dran, weil der Zahnarzt dann NOCH MEHR Leistungen verkaufen kann, egal ob nun nötig oder nicht!
jdlaw 30.05.2018
3. Kontrollieren und ggf. Verbieten
Hier wäre der Gesetzgeber in EU und Deutschland mal gefordert, zum Schutz der Patienten strenge Regeln und Kontrollen einzuführen, dass unter solcher Profitgier die Behandlung der Bedürftigen nicht leidet. Stattdessen werden lieber dünne Bretter gebohrt und das Volk mit Unsinn wie der DSGVO überzogen!
dr.eldontyrell 30.05.2018
4. Wenn sog. Finanzivestoren
(vulgo. Heuschrecken) in Zahnarztpraxen investieren, geht es ganz bestimmt um eine Verbesserung der Behandlung und Qualität, ganz sicher und ganz bestimmt. Sieht man ja an den Krankenhäusern, wie gut die Pflege ist, wenn das Haus auf Rendite arbeitet. Kommt her, liebe Auslandsinvestoren, im Ramschladen BRD ist Sellout!
bnash 30.05.2018
5. Viel schlimmer ist...
Das sich Finanz Investoren massiv Pflegeheime aufkaufen und dann die Kosten erhöhen. Wer Angehörige in einem Pflegeheim hat kann dann auch nicht mal eben so ein neues Heim finden.
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