ZZ-Top-Musiker Billy Gibbons "Wir haben überall gespielt, in jeder verdammten Scheune"

Die rauschebärtigen Blues-Brüder von ZZ Top stehen seit 50 Jahren auf den Bühnen der Welt. Hier spricht Sänger und Gitarrist Billy Gibbons über Hipster, den Segen getrennter Tourbusse und sein Auto als Videostar.

Ein Interview von


Zur Person
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    Billy Gibbons wurde am 16. Dezember 1949 als William Frederick Gibbons in Houston (Texas) geboren. Sein Vater Frederick war Konzertpianist und Dirigent des Houston Symphony Orchestra. Mit 17 gründete Billy die Psychedelic-Band The Moving Sidewalks, 1969 entstand ZZ Top. Die Besetzung mit Gitarrist/Sänger Billy, Bassist "Dusty" Hill und Drummer Frank Beard besteht bis heute; Markenzeichen: rauer Bluessound und Rauschebärte. Die Band verkaufte über 50 Millionen Platten. Gerade ist Gibbons' Soloalbum "The Big Bad Blues" erschienen. Er lebt mit seiner Frau Gilligan in Palm Springs, Houston und Las Vegas.

einestages: Mr. Gibbons, Sie wirken hinter Ihrem Rauschebart immer extrem gelassen. Kann Sie gar nichts aus der Ruhe bringen?

Gibbons: Wirklich nur selten. Das Leben steckt voller Überraschungen, du weißt nie, was dich als nächstes erwartet. Alle wünschen sich ein Leben voller chocolate and roses, wie wir in Texas sagen, aber Schokolade und Rosen sind ja nicht die Realität. Ich bin glücklich, dass ich machen darf, was ich gern mache: Gitarre spielen, ganz simpel.

einestages: Bei ZZ Top seit bald 50 Jahren - wie haben Sie das bloß geschafft?

Gibbons: Und zwar in derselben Besetzung, ohne Unterbrechung. Zwei Worte sagen alles: getrennte Tourbusse! Das ist seit Jahren unser Geheimnis. Man darf sich nie zu sehr auf die Pelle rücken.

einestages: Sicher kennen Sie den Begriff "Hipster"...

Gibbons: Ich weiß schon, worauf Sie hinauswollen (grinst). Gerade habe ich mit Gretchen Barber, Managerin von Antone's Night Club in Austin, darüber gesprochen, dass sich Austin im Umbruch befindet. "Austin wurde zum Disneyland für Hipsters", sagte sie. Mich selbst kann man kaum als Hipster bezeichnen - ich trage zwar Vollbart, habe aber gar keine Tattoos. Und die gehören bei denen wohl dazu.

einestages: Sind Sie gar nicht dankbar, dass plötzlich so viele Typen mit Rauschebart herumlaufen?

Gibbons: Ich werde nicht mehr sofort auf der Straße erkannt, ja, das hat was. Es gab immer nur eine Nacht, in der ich unerkannt rausgehen konnte - am 31. Oktober zu Halloween. Da wurde ich höchstens mal angesprochen mit: "Hey, Mann, du siehst aus wie einer von ZZ Top!" Jetzt kommt das seltener vor.

einestages: Ihr Bart-Look ist längst ein Stück Popkultur, war sogar Thema in TV-Serien wie den "Simpsons" und "Sopranos". In einer Folge begrüßt Tony Soprano einen orthodoxen Chassidim-Juden wegen seiner Barttracht salopp mit "Hey, ZZ Top!"

Gibbons: Hab' ich gesehen. Bevor unser Look als cool durchging, bezeichnete man uns lange als Hinterwäldler, Durchgeknallte, Hängengebliebene, religiöse Fanatiker oder Überbleibsel aus einem Western. Hat uns aber nicht gejuckt. Auch ein lukratives Angebot, unsere Bärte werbewirksam abzurasieren, haben Dusty und ich abgelehnt. Weil wir uns nicht sicher waren, ob wir rausfinden wollten, was unter den Bärten zum Vorschein kommt (grinst).

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Billy Gibbons von ZZ Top: "Hipster? Ich habe doch gar keine Tattoos"

einestages: War Ihnen klar, dass ZZ Top in Plattenregalen ganz hinten landen würden?

Gibbons: Ja, aber manche fangen die Suche ja auch hinten an (lacht). Zunächst wollte ich die Band "Z. Z. King" nennen, nach meinen Blueshelden Z. Z. Hill und B. B. King. Das hätte aber nach Coverband geklungen, also entschied ich mich für ZZ Top.

einestages: Zuvor traten Sie mit The Moving Sidewalks mal im Vorprogramm von Jimi Hendrix auf. Wie haben Sie ihn erlebt?

Gibbons: Viermal haben wir mit ihm in Texas gespielt. Backstage war Jimi wahnsinnig schüchtern und zurückhaltend, aber wenn er auf die Bühne ging, verwandelte er sich in einen wild man, nicht wiederzuerkennen. Kein anderer entlockte einer Fender Stratocaster so abgefahrene Töne. Im Hotel ließ er seine Tür stets offen, jeder konnte zu ihm rein. Einmal hörte Jimi gerade andächtig eine Platte von Jeff Beck und fragte mich: Wie macht der das? Da sagte ich: Dasselbe fragt sich Jeff Beck, wenn er deine Platte hört. Jimi war auch verrückt nach klassischer Musik, besonders Johann Sebastian Bach hat er geliebt.

einestages: Apropos: Hätte Ihr Vater, Dirigent des Sinfonieorchesters in Houston, Sie lieber in der klassischen Musik gesehen als beim Blues?

Gibbons: Mein alter Herr hätte mich am liebsten überhaupt nicht in der Musik gesehen. Weil er wusste, wie unsicher dieses Geschäft ist, egal ob E- oder U-Musik. Aber er merkte schnell, wie viel mir der Blues bedeutete, also ließ er mich gewähren.

einestages: Zu Ihren engen Freunden zählte Lemmy Kilmister, der mit Motörhead zwei Ihrer Songs coverte: "Beerdrinkers & Hellraisers" und "Tush", aus dem er "No Class" machte.

Gibbons: Lemmy war mal kurz Roadie bei Jimi Hendrix, da gibt's also eine Parallele. Ich habe ihn und Motörhead das erste Mal wahrgenommen, als sie auf "Ace Of Spades" wie drei finstere Banditen im Wüstensand posierten. Das Bild fand ich so cool, dass wir es ein Jahr später für unsere Scheibe "El Loco" kopierten. Lemmy war der beste Botschafter, den der Rock'n'Roll haben konnte, ein gerader Typ. Ich habe ihn immer sehr bewundert.

einestages: Wie hielten Sie sich über Wasser, bis ZZ Top mit der dritten LP "Tres Hombres" 1973 endlich Geld verdienten?

Gibbons: Immer nur mit Gigs, Gigs, Gigs. Wir haben überall gespielt, in jeder verdammten Scheune. Das war hartes Brot. Ich habe nie einen anderen Job gemacht oder gelernt.

einestages: Damals soll's auf der Bühne ziemlich gefährlich gewesen sein.

Gibbons: Unser Song "Just Got Paid" hatte Fans motiviert, uns mit 10-Cent-Stücken zu bombardieren. Eigentlich ein netter Gag, der aber im wörtlichen Sinn ins Auge gehen kann. Anfangs zählten wir eifrig die vielen Münzen und freuten uns über die Extraeinnahmen, jeder Dollar zählte. Aber dann strichen wir die Nummer, es wurde einfach zu gefährlich.

einestages: Wieso haben Sie Ihre Fangemeinde einst als "Sea of Dudes", als "Meer von Typen" bezeichnet?

Gibbons: Weil ich genau das sah, wenn ich von der Bühne blickte - nichts als Jungs. Mädels verirrten sich anfangs kaum in unsere Konzerte. Das änderte sich vor 35 Jahren mit dem Album "Eliminator", unserem größten Erfolg. Dass wir unseren Blues- und Boogie-Sound mit Synthesizern modernisierten, machte Songs wie "Gimme All Your Lovin'", "Legs" und "Sharp Dressed Man" tanzbar. Das gefiel den Girls und katapultierte uns in neue Sphären.

einestages: In den spektakulären Videos agierten Dusty, Frank und Sie aber eher als Randfiguren.

Gibbons: Ganz klar: Die Stars waren Wendy, Jeana und Danièle, die leichtbekleideten Models - und der "Eliminator", mein feuerroter Hot-Rod-Oldtimer. Regisseur war Tim Newman, ein Cousin von Sänger Randy Newman. Er hatte zuvor große Werbeclips gedreht und im jungen MTV-Zeitalter die zündenden Ideen. Dusty, Frank und ich waren damals zusammen schon 99, viel zu alt für MTV.

einestages: Stimmt es, dass der Einsatz Ihres Hot-Rods Ihnen finanziell sehr gelegen kam?

Gibbons: Das Ford Coupé, Baujahr 1933, hatte ich als alter Autonarr bereits 1976 erstanden und mit einem Mechaniker mühevoll restauriert. Erst kurz vor Drehbeginn waren wir fertig. Unmengen Kohle verschlang das und trieb mich in die Schulden. Wenn wir den Wagen ins Video einbauen und aufs Albumcover packen würden, sagte mein Finanzberater, könne ich alles von der Steuer absetzen. Brillante Idee.

einestages: Was wurde aus dem "Eliminator"?

Gibbons: Das Ding fuhr wie Hölle. Noch in den Achtzigern bin ich mit einem der Videogirls quer durch die Staaten gecruist, in zehn Tagen von Los Angeles nach New York. Heute ist die Kiste im Museum der Rock and Roll Hall Of Fame in Cleveland zu bewundern.

einestages: Mit "Big Bad Blues" liefern Sie nun bereits Ihr zweites Soloalbum.

Gibbons: Das Album entstand aus Zufall. Ich versuche darauf, das Beste von ZZ Top mit eigenen Ideen zu kombinieren. Meine Musikerfreunde haben mich toll unterstützt. In mein Studio schneite plötzlich Drummer Greg Morrow rein. Nette Überraschung, er hatte gerade drei Tage tourfrei. Hier, nimm die Trommelstöcke, sagte ich und griff meine Gitarre, mein Soundingenieur Joe Hardy den Bass. Wir spielten alte Bluesstücke, mit denen wir aufgewachsen sind: Muddy Waters, Bo Diddley, B. B. King, Jimmy Reed. Am dritten Tag kamen Mundharmonikaspieler James Harman und Keyboarder Mike Flanigin vorbei. Als Drummer Greg los musste, fragte ihn Joe beim Abschied, ob er hören wolle, was er gespielt hatte. Greg war total verdutzt, er hatte nicht damit gerechnet, dass alles aufgenommen worden war (lacht). Guns N' Roses-Schlagzeuger Matt Sorum ersetzte ihn dann. Wir spielten völlig ohne Druck, mit einer großartigen Stimmung im Studio.

einestages: Auch Ihre Frau Gilligan soll zum Album beigetragen haben. Ist sie Musikerin?

Gibbons: Überhaupt nicht. Hardy und Moon sahen sie in der Studio-Lounge sitzen und warnten mich: Gilly studiert einen Chanel-Katalog und macht dabei Notizen. Oh, oh, Kreditkarte in Gefahr! Plötzlich war sie weg, hatte ihr Gekritzel aber zurückgelassen: "Missin' yo kissin'" stand auf dem Zettel. Also keine Chanel-Bestellung, sondern "Vermisse deine Küsse". Hardy grinste: Ich hoffe, sie meint dich, Billy. Und ich dachte, aus dieser Zeile kann man doch eine prima Bluesnummer machen.

einestages: In Ihrer Soloarbeit scheinen Sie voll aufzugehen - haben Sie darüber etwa ZZ Top vergessen?

Gibbons: Ganz sicher nicht! Wir sind Verbündete in Sachen Blues, zwischen uns passt kein Blatt. Meine Kollegen Dusty und Frank waren parallel im Studio, um an ersten neuen ZZ-Top-Ideen zu tüfteln, ich stieß später dazu. Es kommt definitiv was Neues. Wir müssen doch unser Bandjubiläum gebührend feiern - 50 wird man ja nicht alle Tage.

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Andreas Gegner, 02.11.2018
1. Sympathisch
Und nicht abgehoben! Keep on rocking
Thomas Ahrens, 02.11.2018
2. ZZ Top, einfach nur cool.
Höre ich noch heute.
Gisbert Eichberg, 02.11.2018
3. Danke...
für den Bericht! Muss meine Playlist mal wieder updaten. UNBEDINGT!
Julian Weller, 02.11.2018
4. La Grange....
....wird man in 1000Jahren noch hoeren und sich wundern....."was fuer ein Groove"....
Tori Torinowitch, 02.11.2018
5.
Eigentlich kann man gar nichts anderes hören.
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