70 Jahre Uno-Friedensmissionen Blauhelmsoldaten in der Krise

Friede auf Erden, das ist ihre Mission seit 1948. Doch bei Truppeneinsätzen erlebte die Uno etliche Fehlschläge: Ohnmacht in komplexen Konflikten, unklare Aufträge, oft werden Blauhelmsoldaten sogar selbst zur Zielscheibe.

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Die Vereinten Nationen waren noch keine drei Jahre alt, da nahm die Geschichte der Friedensmissionen ihren Anfang: Die Uno schickte etwa 120 uniformierte Männer aus aller Welt in den Nebel des ersten arabisch-israelischen Krieges von 1948. Ohne Waffen bezogen sie auf den kargen Hügeln Palästinas Stellung, um einen wackeligen Frieden zu überwachen.

Dazu verabschiedete der Weltsicherheitsrat am 29. Mai 1948, zwei Wochen nach der Staatsgründung Israels, seine 50. Resolution. Sie bedeutete den Beginn der Uno-Friedensmissionen. 71 Einsätze in 70 Jahren hat die Uno seitdem gestemmt. Mehr als 3000 Blauhelmsoldaten starben dabei.

Der erste Waffenstillstand in Palästina hielt lediglich vier Wochen. Bald führten Israel und seine Nachbarn weitere Kriege: während der Suezkrise 1956, den Sechstagekrieg 1967, den Jom-Kippur-Krieg 1973. Immer wieder flammte die Gewalt in Gaza und im Westjordanland auf, den Palästinensergebieten. Der Uno-Einsatz in Nahost konnte nie abgeschlossen werden. Bis heute tun die Blauhelmsoldaten dort das, wofür sie ursprünglich 1948 entsandt wurden: beobachten und überwachen. Frieden aber scheint in der Region ferner denn je.

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70 Jahre Uno-Friedenseinsätze: Die Krise der Blauhelm-Missionen

"Diese Gruppe ist nicht in der Lage, eine Friedenslösung herbeizuführen. Das kann die Uno nicht, das können schon gar nicht die Blauhelmsoldaten", erklärt Sven Gareis, Politikprofessor an der Universität Münster. Stets seien die Konfliktparteien selbst gefordert. Die Friedensmissionen haben sich gewandelt, hin zu neuen und komplexeren Aufgaben:

  • Peacekeeping ist die klassische Einsatzform - Sicherung des Friedens, Überwachung durch Beobachter oder allenfalls leicht bewaffnete Truppen
  • Peace-Building ist die strategische Aufgabe moderner Missionen - Festigung des Friedens ohne Waffengewalt, Aufbau ziviler, demokratischer Strukturen, Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung
  • Peace-Enforcement steht für Erzwingung des Friedens durch militärische Gewalt

Blühende Hoffnungen nach dem Kalten Krieg

In der ersten Generation der Einsätze bis 1988 entsandte die Uno nur 14 Mal Blauhelmsoldaten. Im Kalten Krieg blockierten die Supermächte USA und Sowjetunion einander oftmals im Sicherheitsrat, dem obersten Entscheidungsgremium. Als sich die Ost-West-Konfrontation langsam löste, wuchs im New Yorker Uno-Hauptquartier die Hoffnung, dass die Friedenstruppen fortan effektiver arbeiten könnten. Tatsächlich begann eine "echte Renaissance des Peacekeepings", urteilt Politikprofessor Gareis.

Der einflussreiche ägyptische Uno-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali schrieb 1992 im Bericht "Eine Agenda für den Frieden" vom post-conflict peace-building. Statt einfach zwischen den Fronten zu stehen, übernahmen die Blauhelmsoldaten komplexere Aufträge. Die Uno sollte fortan Ländern in einer Übergangsphase helfen, voll funktionierende Staaten zu werden, und bis dahin selbst staatliche Funktionen übernehmen.

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Quelle: Uno, Stand: Juni 2018

Erstmals schickte Deutschland Polizisten und Soldaten zu einem Uno-Einsatz in Namibia, der einstigen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Das Land war 1989 im Begriff, sich von Südafrika loszusagen, und sollte während des Unabhängigkeitsprozesses begleitet werden. Die Mission wurde kurz vor dem Fall der Berliner Mauer beschlossen. So nahmen gleich zwei deutsche Kontingente teil: Beamte des westdeutschen Bundesgrenzschutzes und der ostdeutschen Volkspolizei sollten zusammen für Sicherheit sorgen und die Durchführung von Wahlen überwachen.

Ohnmächtige Blauhelmsoldaten in brodelnden Krisenherden

Auch beim Einsatz in Kambodscha ab 1992 übernahm die Uno zwischenzeitlich staatliche Funktionen. Für Deutschland bitter: Die Bundeswehr verlor ihren ersten Soldaten im Auslandseinsatz. Männer auf einem Moped erschossen den Sanitätsfeldwebel Alexander Arndt, der mit einem Kollegen in der Hauptstadt Phnom Penh unterwegs war.

SPIEGEL TV über deutsche Blauhelmsoldaten: Tod in Kambodscha

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Das Ende des Kalten Krieges hatte allerdings noch einen anderen Effekt: Konflikte, die während der Konfrontation der Supermächte unterdrückt waren, brachen sich jetzt gewaltsam Bahn - oftmals in Bürgerkriegen statt in Kriegen zwischen Staaten. So erschütterte eine Mission am Horn von Afrika das neu gewonnene Selbstbewusstsein, als die Uno sich in Somalia am Peace-Enforcement versuchte: 1992 entsandte sie Soldaten, um einen Frieden zu erzwingen, nicht um einen bereits bestehenden Frieden zu überwachen.

Amerikanische und Uno-Soldaten erlitten im stundenlangen Häuserkampf gegen Rebellen des somalischen Warlords Aidid schwere Verluste. Die Tage Anfang Oktober 1993 wurden als Schlacht von Mogadischu bekannt. Die USA zogen ihr Kontingent schließlich ab, auch angesichts grausamer Bilder von durch die Straßen gezerrten Leichen von Soldaten.

SPIEGEL TV über UN-Einsatz 1993 in Somalia

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Weitere Tiefschläge folgten. In Ruanda töteten 1994 trotz Präsenz von Blauhelmsoldaten Mitglieder der Volksgruppe der Hutu bis zu eine Million Tutsi, metzelten sie teils mit Macheten auf offener Straße hin. Obwohl man sie in einen brodelnden Krisenherd geschickt hatte, durften die Uno-Soldaten Waffen lediglich zur Selbstverteidigung einsetzen und konnten Ruandern nicht dauerhaft helfen, die in ihrer Nähe Schutz gesucht hatten. Es war der schlimmste Völkermord seit dem Zweiten Weltkrieg.

Fatales Foto mit Kriegsverbrecher

Ähnlich fatal verlief die Mission im Bosnienkrieg. Die Uno hatte um Srebrenica herum eine Schutzzone eingerichtet. Im Juli 1995 sahen niederländische Blauhelmsoldaten zu, wie bosnisch-serbische Truppen in diese Zone einmarschierten, die Stadt einnahmen und etwa 8000 bosnisch-muslimische Flüchtlinge ermordeten.

Luftunterstützung durch die Nato blieb aus; die Uno-Soldaten schritten gegen das Massaker von Srebrenica nicht ein. Zum Symbol ihrer völligen Überforderung wurde ein Foto: Darauf hob Blauhelm-Kommandeur Oberst Thomas Karremans ein Glas mit dem bosnisch-serbischen General Ratko Mladic, der später als Kriegsverbrecher zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Fatales Foto: Blauhelm-Kommandeur Karremanns (2. von rechts) beim Umtrunk mit General Mladic (links), "Schlächter vom Balkan"
AP

Fatales Foto: Blauhelm-Kommandeur Karremanns (2. von rechts) beim Umtrunk mit General Mladic (links), "Schlächter vom Balkan"

Im ersten Jahrzehnt nach dem Kalten Krieg formierten sich die Friedensmissionen neu, mit einigen Erfolgen und mit bitteren Rückschlägen. In einem ungewöhnlich kritischen Bericht schrieb der algerische Diplomat Lakhdar Brahimi, dass es der Uno oft schlicht an ausreichenden Informationen fehle, sie daher in komplexen Konflikten den Überblick verliere und falsch reagiere.

Die Einsätze der neuesten Generation sind eher noch komplizierter. In multidimensionalen Einsätzen sollen Uno-Kräfte den Frieden wahren, den Staat stabilisieren, Streitkräfte und Polizei ausbilden - aber auch auf Terroristen scharf schießen. Nun läuft alles zusammen: Peacekeeping, Peace-Building, Peace-Enforcement.

Blauhelmsoldaten im Fadenkreuz

In Mali zum Beispiel stellt Deutschland seit 2013 mit bis zu 1000 Soldaten ungewöhnlich viele Blauhelmsoldaten. "Deutschland leistet einen sehr substanziellen Beitrag zum Friedenseinsatz in Mali", lobt Nick Birnback, Sprecher der Friedensmissionen, das Engagement. Wichtig sei auch das hochwertige Gerät wie Transport- und Kampfhubschrauber, die Entwicklungs- und Schwellenländer nicht stellen könnten.

Zunehmend werden die Blauhelmsoldaten zur Zielscheibe. Von 2013 bis Ende 2017 kamen fast 200 Uno-Soldaten gewaltsam ums Leben, wie ein Uno-Bericht von Carlos Alberto dos Santos Cruz zeigt. Es waren die tödlichsten fünf Jahre seit Beginn der Missionen. Der brasilianische Ex-General beklagt: "Der blaue Helm und die Flagge der Vereinten Nationen bieten nicht mehr 'natürlichen' Schutz", auch weil die Truppen nicht mehr als unparteiisch wahrgenommen würden.

Zuletzt gerieten die Blauhelmsoldaten selbst wegen massiver Menschenrechtsverletzungen in die Kritik, unter anderem im Kosovo, in Haiti und in der Zentralafrikanischen Republik. Bei schweren Missbrauchsfällen wurden auch Minderjährige Opfer sexueller Gewalt und Ausbeutung. Für den Ruf der Blauhelmsoldaten als Helfer in der Not waren die Vorfälle Gift.

Das Kernproblem der Vereinten Nationen ist indes ein altbekanntes: Im Sicherheitsrat herrschen wieder Zustände beinah wie während des Kalten Krieges. Weil sich die Mitglieder gegenseitig blockieren, kann die Uno nicht dort aktiv werden, wo ihre Hilfe derzeit am nötigsten gebraucht würde, etwa im Jemen oder in Syrien. "Wir sind nur so gut wie die Unterstützung vom Sicherheitsrat und aus den Staaten, die Polizei und Truppen stellen", so beschreibt es Blauhelm-Sprecher Birnback.

In ihrer Präambel haben sich die Vereinten Nationen 1945 das hehre Ziel gesteckt, "kommende Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren". Davon kann derzeit keine Rede sein. Dennoch verzeichnet die Uno derzeit 14 Friedenseinsätze mit knapp 90.000 Soldaten und Polizisten aus 124 Ländern. Die Mission Weltfrieden ist unerfüllbar, und doch geht sie weiter.

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Tracking Error, 13.06.2018
1.
Spätestens mit Sebrenica 1995 hatten die Blauhelmsoldaten ihre Existenzberechtigung verwirkt. Das Bild steht symbolisch für deren Effektivlosigkeit (wobei man bei dem Bild auch den Eindruck gewinnen könnte, als dass der Massenmord bereitwillig geduldet wurde).
Paul Jensen, 13.06.2018
2. Blauhelme auf Zypern. Für mich das größte Unding, dass
der Norden von den Türken (immer noch EU-Beitrittskandidat) seit Jahrzehnten völkerrechtswidrig besetzt ist und Blauhelme erforderlich macht. Einfach nicht zu fassen, dass das alles so hingenommen wird. EU doch nur ein Laberverein?
Thomas Ludwig, 13.06.2018
3. UNO Soldaten unterbezahlt und korruptionsanfällig
Sie werden nicht von der UNO, sondern ihren Heimatländern bezahlt. Von manchen diesen Ländern bekommen sie aber nur die Aufforderung, sich das Geld "lokal" zu beschaffen. Das sieht dann so aus: Jugoslawienkrieg, Serbien unterliegt Sanktionen. Serbisch/Bulgarische Grenze. Ein Tankwagen mit Benzin nähert sich der Grenze. UNO Soldat bekommt USD 5000. Weiter rollt die Sanktionsware nach Serbien.
Hans-Peter Wahrig, 13.06.2018
4. einseitig und undifferenziert
Hier werden ein paar schwierige/problematische/erfolglose Missionen angerissen. Eine differenzierte Gesamtschau und Würdigung der - halbwegs - erfolgreichen Missionen fehlen. Eher Stimmungsmache statt Analyse.
Ines Wiedemann, 13.06.2018
5.
Bei der Grafik der UN Missionen haben sich einige Fehler eingeschlichen. Es heißt UNMISS, UNISFA, UNMIK, nicht UNOMISSS etc. Abyel heißt Abyei. Die Friedensmissionen ernten im allgemeinen wenig Anerkennung. Ich habe vor Ort erlebt, unter welchen Schwierigkeiten eine Missionen operieren muss. Sich zwischen den Fronten bewegen, keine Seite massiv zu verärgern, wenn man der Zivilbevölkerung zu Hilfe kommen will. Blauhelmsoldaten aus aller Herren Länder, die irgendwie auf Norm gebracht werden müssen. Und das auch mal so nebenbei zehntausende Menschen vor dem Abschlachten gerettet werden und danach von jetzt auf gleich mit Nahrung, Wasser, Unterkunft und auch medizinisch versorgt werden müssen. Trotz auch berechtigter Kritik -Chapeau für diese Leistungen!
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