Skurrile Ufo-Zeichnungen Englands ausdauernde Suche im Nichts

Gelb glühte es. Nein, hellgrün. Es war lang wie ein Bus. Oder doch geformt wie eine Qualle? 67 Jahre lang spürten britische Experten Ufos nach und sammelten Hunderte Skizzen. Die Geschichte einer seltsamen Jagd.

National Archives DEFE24/1999

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Können sie sich wirklich täuschen? Alle?

Zum Beispiel Christine. Ihr Ufo, schmal wie eine Zigarette, weiß und mit dunkelrotem Heck, schwebt dicht vorbei an drei Bäumen. Eine kleine Leiter baumelt herab, das Raumschiff scheint bereit zu landen. So hat es die britische Schülerin im Oktober 1977 gemalt.

Andrews und Saras Ufos sind bauchiger und gelb, Marks hat eine lange Leiter. Bei allen Zeichnungen ist gleich, dass die Ufos schräg geneigt zwischen Bäumen eines Spielplatzes manövrieren.

National Archives DEFE 24/1206

Dabei haben die zehn Schüler aus der Kleinstadt Macclesfield südlich von Manchester ihre Ufo-Bilder unabhängig voneinander gemalt. Niemand sollte vom anderen abzeichnen, hatte ihr Lehrer gemahnt. Die Sache war ernst: Das britische Verteidigungsministerium interessierte sich sehr dafür, was die Sieben- bis Elfjährigen auf dem Spielplatz gesehen hatten. Ihre Zeichnungen wurden analysiert. Und dann weggeschlossen. Für Jahrzehnte.

Entführt von Aliens

Hysterie oder Bedrohung? Als die Kinder von Macclesfield das Ufo sichteten, war "Star Wars" gerade ein Kino-Welterfolg. Zugleich ertrank eine spezielle Ufo-Abteilung des Verteidigungsministeriums in einer Flut angeblicher Raumschiff-Sichtungen. Die Beamten dürften "Stars Wars" verflucht haben.

Denn seit 1952 schon überprüften britische Experten jede noch so abwegige Meldung besorgter Bürger. Manche behaupteten, Außerirdische hätten sie entführt. Andere schwadronierten von Verschwörungen und schwarzgekleideten Agenten, die sie zum Schweigen bringen wollten. Viele beschrieben auf Skizzen die Flugbahnen, Formen, Farben der Ufos und verzeichneten penibel Lichtsäulen und Antennen. Und doch hatten die Ufo-Jäger noch immer keinen Beweis für die Existenz nur eines Ufos gefunden.

Ausgerechnet der frühere Kriegspremier Winston Churchill, eigentlich notorisch unerschrocken, hatte sich von Meldungen aus den USA verunsichern lassen. Tagelang berichteten Zeitungen im Juli 1952 von seltsamen Flugobjekten über Washington. "Wozu führt all dieses Gerede über Fliegende Untertassen?", fragte Churchill seine Berater irritiert. "Was kann das bedeuten? Was ist die Wahrheit?"

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Skurrile Ufo-Zeichnungen: Sie kommen, um uns zu holen

1952 richtete Churchill eine Ufo-Task-Force ein. Daraus wurde später eine Abteilung, erst im Luftwaffenministerium und dann im 1964 gegründeten Ministry of Defence (MoD), dem Verteidigungsministerium. Dieser "Ufo Desk" erwies sich als erstaunlich langlebig. Bis 2009 produzierten die MoD-Spezialisten Aktenberge, ihre Arbeit verschlang wohl mehrere Millionen Pfund.

Was im Rückblick abstrus erscheint, war einst die Folge eines hysterischen Zeitgeistes. Im Kalten Krieg schürte jedes Flackern auf dem Radar, jedes nicht sofort zuzuordnende Flugobjekt Existenzängste. Eine Atomrakete, eine Wunderwaffe? Also interessierten sich die Militärs dafür. Auch andere Geheimdienste werteten vermeintliche Ufo-Sichtungen aus. Niemand aber tat das ausdauernder als die Briten.

Polizist unter Schock

Einer der ersten Hinweise kam von keinem kauzigen Ufologen - sondern von John Kilburn, Lieutenant der Luftwaffe. Im September 1952 sichtete er ein Flugobjekt; fortbewegt habe es sich mit "schwingenden Pendelbewegungen", die "einem fallenden Ahornblatt ähnelten". Das Ding habe sich um die eigene Achse gedreht - um plötzlich schneller als eine Sternschnuppe davonzuschießen.

"Die Bewegungen waren mit nichts zu identifizieren, was ich je in der Luft gesehen hatte", gab Kilburn aufgewühlt zu Protokoll. "Der Grad der Beschleunigung war unglaublich." Große Ratlosigkeit, nicht nur bei Kilburn. Im Luftwaffenministerium verspürten viele ein dumpfes Unbehagen: Nun seien selbst die "eigenen Leute" von diesem "Untertassen-Blödsinn" infiziert, erinnerte sich ein führender Mitarbeiter später an die Stimmung.

Jim Templeton

Andererseits schienen sich die unerklärlichen Vorfälle zu häufen. So fotografierte Feuerwehrmann Jim Templeton 1964 seine Tochter auf einer Wiese. Erst als er den entwickelten Film abholte, fiel ihm direkt hinter seiner Tochter eine weißgekleidete Gestalt mit Helm auf. Sie sah aus wie ein Astronaut. Eine Doppelbelichtung? Templeton glaubte sein Leben lang nicht daran. "Irgendjemand da draußen weiß, was es war und wo es herkam", sagte er noch Jahrzehnte später.

Bald darauf geriet auch das Weltbild von Colin Perks ins Wanken. Der Polizeibeamte, geübter Beobachter, sah 1966 ein elliptisches, "grünlich-grau leuchtendes" Objekt am Himmel, "lang wie ein Bus". Und zeichnete es von unten wie eine Riesenqualle. "Ich war unfähig zu glauben, was ich sah", berichtete er. Auch der Spezialist, der ihn befragte, glaubte an Perks' Aufrichtigkeit: "Kein Zweifel, dieser Wachtmeister hat etwas gesehen, das völlig gegensätzlich war zu all seinen bisherigen Erfahrungen."

Die Ufos spalteten die Briten. Je mehr die Medien darüber schrieben, desto glaubwürdiger erschienen vielen Bürgern die vermeintlichen Besuche aus dem All. Wer von MoD-Mitarbeitern befragt wurde, erhob das später gern zum Kreuzverhör durch die "James-Bond-Abteilung". AmUfo-Desk aber verzweifelten einige Luft-Aufklärer an der Schwemme der Hinweise. Dort verlief die Entwicklung umgekehrt: Je genauer sie die Vorfälle untersuchten, desto häufiger fanden sie natürliche Erklärungen.

"Soziales Phänomen aus dem Kalten Krieg"

Das zigarettenförmige, grünlich-gelbe Ufo, das 1969 lautlos davonsauste, entpuppte sich als Meteorit. Ein hell leuchtendes Objekt, das 1975 einen Mann derart "aufregte und überraschte", dass er gleich ein meisterhaftes Aquarell der Szene anfertigte, war wohl ein Satellit. Und das rautenförmige Ding mit den vielen Blinklichtern, das einen Motorradfahrer aus Leeds 1981 verängstigte - es war ein normales Flugzeug.

"Ufos sind ein soziales Phänomen, das aus dem Kalten Krieg stammt", erklärt David Clarke im einestages-Gespräch. Er beschäftigt sich seit Jahren wissenschaftlich mit Ufo-Sichtungen und urbanen Legenden: "Die Art, wie Menschen Ufos beschreiben und zeichnen, spiegeln immer zeitgenössische Ängste wider. Geschichten von Ufos befeuerten im Kalten Krieg die Sorgen und Wahnvorstellungen der Bürger über Regierungsverschwörungen und einen möglichen Atomkrieg."

Ein Jahrzehnt lang kämpfte Clarke für die Freigabe der britischen Ufo-Akten. Als das 2008 endlich geschah, empfand er es als "persönlichen Sieg". Fortan durfte der Dozent der Sheffield Hallam University als Berater des Staatsarchivs die gut 60.000 Seiten auswerten, über fast zehn Jahre. Daraus ist sein unterhaltsames Buch "Ufo Drawings" entstanden.

Für den Forscher sind die oft haarsträubenden Ufo-Berichte "faszinierende" und "wertvolle Quellen", weil sie die Psyche des britischen Normalbürgers ausleuchten. "95 Prozent der Meldungen kamen von gewöhnlichen Menschen: Schulkindern, Spaziergängern, Postboten, Hausfrauen", sagt er. Mehr als 12.000 Ufo-Meldungen fand er in den anfangs noch lückenhaften Statistiken zwischen 1952 und 2009. Nur wenige kamen vom Militär.

Der Frust der Ufo-Jäger

Clarke entdeckte in den Dokumenten aber neben der Angst noch ein anderes Grundgefühl: wachsender Frust bei den MoD-Mitarbeitern, die den Hinweisen nachgehen mussten. Denn den Alltag der Ufo-Jäger bestimmte triste Büroarbeit: Sie verschickten standardisierte Fragebögen und Antworten oder stimmten sich mit anderen Abteilungen ab. "Manche Hinweise waren so banal, dass sie ihnen gar nicht erst nachgingen", so Clarke. Was sollten sie auch etwa mit der Meldung anfangen, am Himmel leuchte "ein Licht hell wie ein Stern"?

Viele zweifelten bald am Sinn ihrer Arbeit und wurden zu generellen Ufo-Skeptikern. Warum sollte ein Außerirdischer einen so "unbedeutenden Planeten" wie die Erde besuchen, fragte 1978 einer der Ufo-Aufklärer in einem Briefing. "Behauptungen von Tausenden Besuchen im letzten Jahrzehnt" seien "viel zu hochgegriffen, um glaubwürdig zu sein".

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David Clarke:
UFO Drawings from the National Archives

Yydap Pub; 128 Seiten; 21,46 Euro.

So sah es allmählich auch das Verteidigungsministerium. "Ab den Siebzigern flaute das Interesse der Regierung an den Ufos deutlich ab", sagt Clarke. In den USA waren ähnliche Projekte längst gestoppt, die Briten suchten noch weiter - zunehmend lustlos. Ab und an wurde öffentlich diskutiert, ob das nicht eine gigantische Geldverbrennung sei.

Weil kein Alien je London angriff, starb Englands seltsamste Behörde am Ende eines sehr irdischen Todes. Als die Finanzkrise 2008 auch Großbritannien mitriss, sah selbst Verteidigungsminister Bob Ainsworth "keinen Nutzen" mehr in der Auswertung von Ufo-Sichtungen.

Sollten Außerirdische dieses Treiben aus der Ferne beobachten haben - es hat sie sicher sehr amüsiert.

Video: Die Ufo-Jäger

insgesamt 10 Beiträge
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Aaron Berges, 26.06.2018
1. Mal ganz logisch betrachtet:
Lange lange lange bevor wir ein echtes UFO oder gar leibhaftige Ausserirdische zu Gesicht bekämen, würden wir erst mal Signale von ihnen empfangen. Da das bis jetzt noch immer nicht passiert ist, wird es wohl noch ein paar Milliarden Jahre dauern, bevor sie sich bei uns melden.
Friedemann Henke, 26.06.2018
2. Na gut
Im Kalten Krieg hatte man wohl eher Sorge wegen Spionage als wegen einer Alien-Invasion. Aber bei den meisten Bildern kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Allein schon die häufige Fixierung auf die klassische Untertasse ist ein Fake-Kriterium. Die Idee stammt aus einem alten SF-Film. Und dass die wer weiss wie weit fliegen um dann mit einer Leiter (!) in Bäume zu klettern... du liebe Güte!
Anja Kries, 26.06.2018
3. Viel Menschliches und ein paar Naturphänomene
Der meiste UFO-Spuk hat ziemlich banale Ursachen, aber für vollkommen unsinnig halte ich es nicht, Meldungen über ungewöhnliche Beobachtungen zu sammeln. Das eine oder andere hat sich irgendwann auch als interessantes Naturphänomen entpuppt, wie "Sprites" und Stratosphärenblitze in Zusammenhang mit Gewittern. Vielleicht könnte ein physikalisch-chemisches Atmosphärenphänkmen auch hinter unzureichend geklärten Leuchterscheinungen wie den "Hessdalen-Lichtern" und vergleichbaren Lichphänomenen stecken. Das könnte physikalisch durchaus interessant sein - und an der Stelle ist es etwas schade, das so viel Spinnerei in Sachen "unbekannte Phänomene" unterwegs ist, das so etwas eher generell gar nicht ernst genommen wird. Ich finde den Ansatz, es aufzunehmen und zu klären, wobei dann eben 99 Prozent eigentlich Gewöhnliches herauskommt, gar nicht dumm. Ich glaube, in Frankreich werden immer noch Beobachtungen gesammelt, warum nicht. Es hilft sicher auch den Leuten, die etwas erlebt haben, das sie sich erst einmal nicht selbst erklären können - das ist schliesslich ziemlich irritierend, und ich schätze, je weniger nüchtern aufgeklärt wird, desto eher macht die Phantasie Bocksprünge... Und, ach ja, es ist mal wieder Sommer, und eigentlich ganz erholsam, dass die Ufos auftauchen ... alles besser als Dauerbeschallung aus Bayern...
Jan Küthmann, 27.06.2018
4. Die Anzahl der Ufo-Sichtungen ging ja mit der ...
zunehmenden Anzahl von hochauflösenden Kameras in Mobiltelefonen zurück. Ein Schelm wer böses dabei denkt. Übrigens - Vor Erfindung der Kamera waren (kirchliche) Wunder auch alltäglich, nach Erfindung der Kamera... gab es dann keines mehr. Seltsam.
Kristian Koch, 27.06.2018
5. Die meisten..
... der UFO Sichtungen in den 50-60'er jahren dürften auf "Black Projects" mit Kriegsbeute-Technologie zurückzuführen sein, jede beteiligte Fraktion der Siegermächte hat ja nach dem II WK versucht ihren Anteil an (technologischer) Kriegsbeute den anderen vorzuenthalten (obwohl vertraglich anders vereinbart) bei Objekten wie z.B. der I-400-Klasse der U-Flugzeugträger der Kaiserlich japanischen Marine (zu groß zum Verstecken) wurde versenkt oder verschrottet, andere (z.B. Horten) versteckte man eine Weile in Depot's. Testflüge von Experimentalwaffen in Kombination mit morbidem Pilotenhumor klingt für mich nach der plausibelsten Erklärung.
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