Ruinen-Fotos aus den Alpen Verlassen, versunken, zerschossen

Der Fotograf Stefan Hefele wandert durch die Alpen und fängt Ruinen ein: verlassene Skischanzen, Fabriken, Villen. Jedes Bild erzählt eine Geschichte - wie die vom Granathagel auf die Bastion Varisello.

Stefan Hefele/ Bruckmann Verlag

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Donnerschläge hallten über die Hochebene des Moncenisio-Massivs, als die Kanoniere 1909 ihre Geschütze auf die Alpenfestung Varisello abfeuerten. Ein Vierteljahrhundert lang hatte die Bastion auf 2106 Höhenmetern den Pass bewacht, der das italienische Turin mit dem französischen Lyon verbindet. Nun aber schlugen Sprenggranaten auf ihre Wälle und explodierten. Manche Ziegel zersplitterten, andere flogen durch die Luft. Die Westmauer brach ein.

Mehr als 100 Jahre später ist die Bastion Varisello eine besonders imposante von ungezählten Ruinen in den Alpen: Verlassene Bergbauernhäuser, Kapellen, Villen, Fabriken und Sportanlagen erheben sich in vielen Hochtälern, mal nur noch als Trümmer, mal erstaunlich gut erhalten.

Der preisgekrönte Landschaftsfotograf Stefan Hefele ist lange durch die Alpen gewandert, auf der Suche nach malerischen Ruinen. "Wo die Natur schon immer war, dürfen wir Menschen ein kleines Kapitel besetzen", sagt Hefele, "jenen Teil, den wir bereits als Geschichte verbuchen können, wollte ich festhalten".

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Ruinen in den Alpen: Warum Italiener auf die eigene Bergfestung schossen

So fotografierte der 32-Jährige aus Schwabmünchen Industrieanlagen, deren Chefs am Ende nur noch Verluste verbuchten. Und Geisterdörfer, deren Bewohner das Leben auf den kargen Hängen satthatten. Den Eiskanal, durch den schon lange kein Bob mehr rutscht. Die Gebirgsfestungen, die niemand mehr renovieren, bewaffnen und bemannen wollte.

Die meisten dieser Orte starben leise. Die Menschen zogen weg, ihre Gebäude vermoderten und verfielen. Die Bastion Varisello dagegen ging mit lauten Explosionen. Ihr Ende war kurios: Sie wurde von einem Granathagel verwüstet - obwohl hier niemand kämpfte.

Zwist zwischen Italien und Frankreich

Noch 1861 war Frankreich der engste Verbündete der Italiener. Kaiser Napoleon III. unterstützte die Nationalisten im Nachbarland bei ihrer Rebellion gegen Österreich-Ungarn und die spanische Adelsfamilie der Bourbonen. Ohne französische Waffenhilfe hätten sich die italienischen Kleinstaaten kaum zu einem Königreich vereinigen können.

Zehn Jahre später jedoch verschlechterten sich die Beziehungen beider Länder. Napoleon III. musste abdanken, die Franzosen riefen die dritte Republik aus. Der italienische König misstraute der Volksregierung im Nachbarland. 1874 beauftragte er seine Festungsarchitekten, die Pässe zu sichern.

Am Moncenisio-Plateau mauerten Bauarbeiter bis 1883 ein fünfeckiges Ungetüm mit dicken Gewölben, die Artilleriebeschuss standhalten sollten. 420 Soldaten bewachten die Festung und betraten sie über eine Zugbrücke. Im Keller befanden sich eine Krankenstation, ein Brotbackofen und ein Lebensmittellager. Mit einem Spiegeltelegrafen morste die Besatzung Lichtsignale ins Tal.

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Für den Fall eines Nachtangriffes standen elektrische Scheinwerfer bereit, um das Gefechtsfeld zu beleuchten. Wichtigster Bestandteil aber waren die schweren 120-Millimeter-Geschütze mit rund sechs Kilometern Reichweite. Ihre Läufe zeigten nach Nordwesten, Richtung Frankreich.

Ab 1890 überholte die Waffentechnik die Macht der dicken Mauern. Ziegelsteine konnten den modernen Sprenggranaten nicht mehr trotzen; Varisello wurde verwundbar und bald schon geräumt. Die Italiener aber fanden eine neue Verwendung für die Anlage: Kanoniere testeten an der alten Festung ihre neuen Granaten. 1909 flogen die ersten Geschosse auf die Burg. Die Westmauer wurde zertrümmert - ohne dass jemals ein Feind das Fort attackierte.

Nach 1945 brachen auch in den Alpen Jahrzehnte des Friedens an. Die Hochebene fiel an Frankreich, der Moncenisio hieß nun Mont Cenis.

Neben den Festungen verfallen Fabriken und Kapellen

Der Alpenraum war zu dieser Zeit bereits industrialisiert. Wasserkraftwerke versprachen billige Energie, in den verarmten Bergbauerndörfern wohnten billige Arbeitskräfte. Jahrhunderte hatten die Hirten und Senner den kargen Hängen ihren Lebensunterhalt abgetrotzt, nun strömten sie in die Fabriken und wurden Arbeiter. Ihre Ansiedlungen verfielen.

Den Bergsee des Mont-Cenis-Plateaus erschloss der französische Energiekonzern EDF 1968 mit einem Kraftwerk und errichtete dazu eine Staumauer, einige Bunker versanken im Stausee.

Die Industrie schien das Militär in den Bergen abzulösen - eine Zeitlang boomten die Werke in den Hochtälern. In den Achtzigerjahren aber konnten viele Unternehmer nicht mehr auf dem Weltmarkt konkurrieren und schlossen ihre Firmen in den Bergen. Die Fabriken verwitterten neben den verlassenen Bauernhäusern, Kapellen und Festungen.

Viele davon hat Stefan Hefele fotografiert. Wo genau sich die Ruinen befinden, verschweigt er aber. Er will - Ehrensache für viele Lost-Places-Fotografen - keine Touristen, erst recht keine Randalierer anlocken. "Ein verlassenes Haus verliert jeglichen Charme, wenn es mit Graffiti übersät ist und Müllberge sämtliche Zimmer zieren", sagt Hefele.

Die Ruine der Festung Varisello aber zählt nicht zu den geheimen, schwer zugänglichen Orten. Sie thront unübersehbar am Pass über den Mont Cenis.

Video: Lost Places - Der Verfall und seine Geschichten

dbate
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Seite 1
chense90, 28.10.2018
1. Kleine Korrektur
Das Dorf das bei der Katastrophe von Vajont im Gegensatz zu Longarone halbwegs glimpflich davonkam heisst Erto nicht Etno ... Kann jedem nur empfehlen sich das mal vor Ort anzusehen ... Naturgewalten
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