Denkmalsturm der Nazibesatzer in Frankreich Rache am Erbfeind

Afrikanische Soldaten halfen im Ersten Weltkrieg, den Vormarsch der Deutschen zu stoppen. Die Nazis demontierten ein Denkmal für die "Schwarze Armee". Es verschwand spurlos aus Reims, ein Doktorand löste das Rätsel.

Jacques Cohen/jhmc, Ville de Reims

Von , Reims


Für Colette Cortet war es ein Schock. Im September 1940, nur wenige Wochen nach dem Waffenstillstand und Einmarsch der Deutschen, beobachtete die französische Schülerin, wie mitten in ihrer Heimatstadt Reims das Kriegerdenkmal am Pommery-Park abgerissen wurde: "Die Deutschen demolierten alle möglichen Monumente, auch das für die 'Helden der Schwarzen Armee' am Boulevard Henri Vasnier", erinnerte sie sich im Jahr 2016.

Reims war Krönungsort von Frankreichs Monarchen und 1918 eine heftig umkämpfte Bastion. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde das Monument 1924 zu Ehren der schwarzen Soldaten errichtet und zu einem zentralen Ort des Gedenkens. Colette, damals 17, kam regelmäßig an der massigen Bronze vorbei. Sie erlebte den Abbruch und die Verladung mit: "Es war schrecklich. Ich bin doch mit dem Heldendenkmal groß geworden."

Den Frevel der Besatzer am Ehrenmal wollten Colette und ihre ältere Schwester Jacqueline wenigstens dokumentieren. "Wir sind den Boulevard hochgelaufen und haben uns versteckt", berichtete die ehemalige Archivarin. "Natürlich war es verboten, Fotos von den Deutschen zu machen. Von Weitem haben wir es aber geschafft, ein Bild von der Verschleppung unseres Kriegerdenkmals aufzunehmen."

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Rätsel um ein Denkmal: Die "Helden der Schwarzen Armee"

Wie in Reims zerstörten die Nazis nach dem Überfall auf Frankreich gezielt Kriegerdenkmäler und Gedenksteine, sagt Cheikh Sakho. In seiner Dissertation ("Erinnerungen in Erz und Stein") forscht der Lehrer zur Darstellung der Schwarzen Armee und recherchierte auch den Verbleib des lange verschollenen Denkmals. Inzwischen ist es rekonstruiert und wird am 6. November eingeweiht. "Die mobilisierende Macht einer Skulptur wurde von den Deutschen als gefährlich und subversiv empfunden", erklärt Sakho. "Folglich wurden Monumente der Vergangenheit systematisch getilgt."

Auslöschung der Erinnerungen an die Niederlage von 1918

Den Anstoß gab Adolf Hitler selbst. Im Juni 1940 besuchte er mit seinem Lieblingsarchitekten Albert Speer und Nazibildhauer Arno Breker das besetzte Paris. Auf Order des "Führers" wurden das Museum und die Gedenkstätte in Compiègne gesprengt; dort hatte Deutschland 1918 in einem Eisenbahnwaggon die Kapitulation unterzeichnet und Hitler 1940 den Franzosen die Bedingungen der Unterwerfung diktiert, in einem Akt demütigender Revanche.

Persönlich befahl Hitler zudem die Zerstörung von zwei Denkmälern aus dem Ersten Weltkrieg: das Monument für den Kriegshelden General Charles Mangin und das Denkmal für Edith Cavell. Die britische Krankenschwester hatte alliierten Gefangenen bei der Flucht aus dem besetzten Brüssel geholfen und war deshalb von den Deutschen erschossen worden.

Fast 40.000 Kriegsdenkmäler gab es nach Angaben des Forschungsinstituts IHRiS in Frankreich; wie viele die Besatzer zerstörten, ist nicht erfasst. In Straßburg wurden sogar Monumente zu Ehren von Jeanne d'Arc oder der "Marseillaise" plattgemacht und durch Nazidenkmäler ersetzt. In der bretonischen Gemeinde Ploermel rissen deutsche Soldaten im Juli 1941, am Vorabend des Nationalfeiertags, den Gallischen Hahn vom örtlichen Kriegerdenkmal.

"Das Denkmal in Reims provozierte doppelt", so Forscher Sakho: "Durch die Erinnerung an den Einsatz der schwarzen Elitetruppe, die hier im Sommer 1918 die deutsche Offensive 'Friedenssturm' stoppte. Und weil den deutschen Vormarsch auf Paris ausgerechnet Afrikaner verhinderten - 'Untermenschen' im Jargon der Nazipropaganda."

Hitler pestete über die "Verpestung durch Negerblut"

Tatsächlich zählten die Einheiten der Kolonialarmee zu Frankreichs Elitetruppen. Insgesamt zogen 200.000 Soldaten aus Übersee in den Ersten Weltkrieg, 135.000 aus Afrika ("Senegal-Schützen") kämpften an den Fronten in Europa. 30.000 von ihnen ließen ihr Leben, etwa in der erbitterten Schlacht an der Marne bei Reims im Juli 1918.

Es waren kampferprobte Soldaten, die in Mauretanien, Marokko oder Madagaskar Fronterfahrungen gesammelt hatten - und in Frankreich dennoch als Exoten galten. "Erst mit Beginn der Kämpfe galt nicht mehr der 'Neger' als wild, sondern der Deutsche", so Forscher Sakho, "er wurde fortan als 'Hunne' verhöhnt."

Als die "Helden der Schwarzen Armee" 1924 geehrt wurden, lobte Kolonialminister Édouard Daladier ihren "bewundernswerten Widerstand". Den größten Park vom Reims zierte fortan ein Sockel aus afrikanischem Granit mit vier schwarzen Soldaten und einem weißen Offizier; eine Kopie der Bronzefiguren wurde im afrikanischen Bamako aufgestellt.

Jenseits des Rheins gehörten schwarze und nordafrikanische Truppen zur französischen Besatzungsarmee nach dem Ersten Weltkrieg. Gegen die "schwarze Schande" wetterten Nationalisten im Rheinland. "Die Verpestung durch Negerblut am Rhein im Herzen Europas", schrieb Hitler in "Mein Kampf", "entspricht ebenso sehr der sadistisch-perversen Rachsucht dieses chauvinistischen Erbfeindes unseres Volkes wie der eisig kalten Überlegung des Juden, auf diesem Wege die Bastardierung des europäischen Kontinents im Mittelpunkt zu beginnen."

1940 befahl Hitler nach der Niederlage Frankreichs die Demontage des Denkmals von Reims. Geplant war der Transport nach Berlin, wo die Figurengruppe im Kriegsmuseum einen neuen Platz finden sollte - als Beleg für die Überlegenheit von Militär und Rasse. In Reims kam es zu aufgebrachten Protesten. Vergebens. Denn inzwischen war die Angelegenheit Chefsache.

"In Reims steht ein Denkmal, von dem ich 2 Photographien beilege", telegraphierte Heinrich Himmler, Reichsführer-SS, am 2. Juli 1940 aus dem Sonderzug "Heinrich" nach Berlin. "Der Führer hat gestern genehmigt, dass die Bronce-Gruppe nach Deutschland überführt wird. Der Sockel soll gesprengt werden."

Spurlos verschwunden

Folglich machte sich Max Zankl, Obermeister des Münchner Steinmetzhandwerks, an die Demontage. Die 42 Zentner schwere Figurengruppe werde auf einen französischen Waggon verladen und mit Brettern "unsichtbar verschalt", berichtete er am 10. September an Albert Speer. Probleme machte allein die Höhe des Monuments: "Die angenietete Fahnenstange musste von uns abgesägt werden", teilte Zankl mit, "von der linken Figur ist noch ein Bajonett in meinen Händen."

Die Empfangsbestätigung aus Berlin ließ jedoch auf sich warten. Monatelang blieb der Transport auf dem Weg zum Güterbahnhof Treptow-Neukölln unauffindbar. Nachdem in Reims Gerüchte umliefen, Résistance-Kämpfer hätten das Denkmal gerettet, wurde in Berlin der gesamte staatliche Verwaltungs- und Sicherheitsapparat mobilisiert. Und suchte erfolglos.

Verschollen, versteckt? Es blieb ein Rätsel - bis zu Nachforschungen von Doktorand Sakho im Freiburger Militärarchiv: Die Bronze wurde nicht nach Berlin geschickt, sondern umgeleitet. "Das Denkmal ist am 22.9.1940 an die Bauhütte Call (Eifel) ausgeliefert und im Auftrage der Reichsstelle für Metalle, Berlin, eingeschmolzen worden", so der Rapport des Feldpolizeichefs der Wehrmacht. "Damit dürfte die Angelegenheit ihre Erledigung gefunden haben."

Für Cheikh Sakho war der Fall damit nicht erledigt. Mit Bürgern aus Reims setzte sich der gebürtige Senegalese dafür ein, die zerstörte Figurengruppe wieder aufzubauen. Nach vielen Anläufen wurde die Rekonstruktion 2004 auf den Weg gebracht, als Vorlage diente die Kopie aus Malis Hauptstadt Bamako.

Nun hat das Denkmal einen neuen Platz im Park von Reims gefunden. Zum Ende der Gedenkfeiern an den Ersten Weltkrieg wird Präsident Emmanuel Macron es am 6. November einweihen - für Cheikh Sakho eine "lange überfällige Anerkennung vor den Helden der Schwarzen Armeen". Augenzeugin Colette Cortet kann das nicht mehr erleben. Sie starb vor zwei Jahren.

insgesamt 17 Beiträge
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Norbert Bauer, 03.11.2018
1. Marmor, Stein und Eisen
Man berichtet über 'Marmor, Stein und Eisen', aber man vergisst einen sehr wichtigen Punkt. Es gab im Rheinland aufgrund der französischen Besatzung auch die 'Besatzungskinder', und es gab aufgrund der schwarzen Kolonialsoldaten auch die sogenannten 'Rheinlandbastarde'. Meiner Kenntnis nach wurden diese Kinder noch in den 30er Jahren alle umgebracht. Das ist für mich schwerwiegender als die Demontage von Kriegsdenkmälern.
Gabriel Globgeil, 03.11.2018
2. Nachträgliche Kriegspropaganda: als die Schwarzen den Krieg gewannen.
"Augenzeugin Colette Cortet kann das nicht mehr erleben. Sie starb vor zwei Jahren." Also als 113-jährige nach den Daten dieses Heldenepos. "30.000 von ihnen ließen ihr Leben, etwa in der erbitterten Schlacht an der Marne bei Reims im Juli 1918." Das korreliert in keiner Weise mit der Behauptung hier: "Afrikanische Soldaten halfen im Ersten Weltkrieg, den Vormarsch der Deutschen zu stoppen". Denn nur 1914 waren die Deutschen in Frankreich auf dem Vormarsch und da waren diese Soldaten noch in Afrika. In den Schlachten an der Marne starben 250.000 deutsche Soldaten, die hier keine Erwähnung finden. Welcher Art die Kolonialsoldaten der Franzosen waren, bekamen die Frauen in Stuttgart und Umgebung und auf der schwäbischen Alp nach 1945 zu spüren. Schlimmere Vergewaltigungen als von den Soldaten der Roten Armee. Übrigens wurden auch in Deutschland die Denkmäler des 1. Weltkrieges im 2. Wk eingeschmolzen.
Ulf Platzka, 03.11.2018
3. Perspektivenwechsel
Es lohnt sich hier doch auf einige Unterschiede in der Wahrnehmung hinzuweisen. In Deutschland wäre eine solche Darstellug wie in Reims längst als rassistisch verfemt und wahrscheinlich beseitigt worden. Schwarze Soldaten die sich hinter einem Weißen mit Fahne und Ordensgepränge versammeln, die Hierarchie ist deutlich. Und ganz freiwillig haben die Kolonialsoldaten schließlich auch nicht für das "Mutterland" gekämpft. In Hamburg ist ein ganz ähnliches Askaridenkmal in der Versenkung verschwunden. Aber es kommt eben auf die Perspektive an. Wenn die Nazis etwas zerstören, wird es dadurch geadelt und in den Redaktionsstuben hört das kritische Hinterfragen auf.
Gebhard Bluecher, 03.11.2018
4. Die Nazis waren vergesslich
Die Nazis kannten die deutsche Geschichte leider nur sehr schlecht. Sie wußten z.B. nicht, daß der Anteil jüdischer Offiziere in der Kaiserlichen Armee viel größer war als der Antgeil der Juden an der Bevölkerung im Kaiserrreich. Und sie wußten wohl ebenso nicht, daß es in der Kaiserlichen Armee viele Schwarze aus den deutschen Kolonien Dienst taten. Ein besonderer Schwarzer war Elo Wilhelm Sambo, der Kesselpauker bei den 1. Leib-Gare-Husaren war und den man so ein wenig als den Pavarotti der Kesselpauke bezeichnen kann. Er war zudem Patenkind des Kaisers und wie man dem verlinkten Artikel entnehmen kann, erinnerte sich der Kaiser seines Patensohnes auch noch bei dessen Tod. http://www.koelnundmehr.de/elowilhelmsambo.php Und was andere Kommentatoren hier zu den schwarzen Besatzungssoldaten in Deutschland gesagt haben, sollte auch nicht vergessen werden.
gerald oeckl, 03.11.2018
5. Ausbeutung von Ressourcen und Menschen
Die kolonialen Hilfstruppen der Entente waren nichts als Kanonenfutter für ihre Kolonialherren und wurden nicht freiwillig in diesen Krieg entsandt. Selbst im zweiten Weltkrieg wurden Soldaten vor allem aus Asien und Afrika durch Frankreich und Grossbritannien skrupellos verheizt. Um eine Anerkennung ihrer Opfer kämpfen die Hinterbliebenen noch heute. Es wurden eben nicht nur die Ressourcen dieser Länder ausgebeutet, sondern auch die Menschen und diese Erfahrungen haben die Unabhängiskeitsbestrebungen der Kolonien damals erheblich beflügelt.
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