Fake-Paris im Ersten Weltkrieg Ein Bild von einer Stadt

Um deutsche Bomber zu narren, wollte Frankreich vor 100 Jahren eine erleuchtete Paris-Kopie bauen. Die Attrappe wurde nicht rechtzeitig fertig - anders als spektakuläre Phantombauten im Zweiten Weltkrieg.

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Bomben auf Paris? Im Sommer 1914 eher eine Attraktion als Grund zur Panik. Angestrengt suchen die Bewohner den Himmel nach deutschen Eindeckern vom Typ "Taube" ab. In Pulks stehen sie auf Pariser Plätzen, den Blick nach oben gerichtet. Besonders beliebt: der Hügel von Montmartre mit seiner großartigen Aussicht. Hier vermieten geschäftstüchtige Händler gar Stühle und Fernrohre an Schaulustige.

"Die Pariser verspürten nicht die geringste Angst, als die Flugzeuge des Kaisers herannahten", schrieb der französische Historiker Maurice Thiéry 1921, "Neugier war das Gefühl, das alle ergriff." Die deutsche Zeitschrift "Flugsport" meldete 1915: "Man richtete seine Teestunde danach ein, dass man auf jeden Fall den interessanten Anblick des deutschen Raubvogels nicht verpasste."

Am 30. August 1914, vier Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, warfen die Deutschen erstmals Bomben auf Paris - und niemand regte sich sonderlich auf. Nur zwei Kilogramm wogen die Geschosse, die der deutsche Pilot Ferdinand von Hiddessen samt Flugblättern und einer schwarz-weiß-roten Fahne niedergehen ließ.

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Tarnung im Krieg: Tarnen, täuschen, triumphieren

Größere Schäden richteten die Flugzeuge 1914 nicht an; auch die beabsichtigte Demoralisierung des Feindes blieb aus. Doch mit dem technischen Fortschritt wuchs die Bedrohung aus der Luft rasant. Bald wogen die Bomben Hunderte von Kilos, warfen deutsche Zeppeline und "Gotha G"-Bomber über Paris ihre tödliche Fracht ab. Besonders verheerend war der Luftangriff in der Nacht auf den 31. Januar 1918 mit 63 Toten.

Zum Schutz erwog Frankreichs Generalstab vor 100 Jahren eine ungewöhnliche Maßnahme: den Bau einer erleuchteten Kopie von Paris. Die falsche Hauptstadt sollte die meist nachts angreifenden Deutschen in die Irre führen. Dies belegt ein Dokument, das die Historikerin Cécile Coutin im Archiv des Verteidigungsministeriums entdeckt hat.

Maler leitete Camouflage-Abteilung

"Man musste sich unsichtbar machen, um nicht vom Feind entdeckt und abgeschossen zu werden", sagt Coutin im einestages-Gespräch. Solche Kriegslist hatte schon den alten Griechen zum Sieg verholfen, als sie sich laut Mythos im hölzernen Trojanischen Pferd versteckten und so ihre Feinde überrumpelten.

Die Franzosen griffen die archaische Trickser-Technik auf: Als erste Kriegspartei richteten sie am 4. August 1915 eine eigene Tarn-Abteilung ein - und nannten sie "Camouflage" ("Verschleierung"). Die Leitung übernahm der Pariser Porträtmaler Lucien-Victor Guirand de Scévola. Landesweit arbeiteten Hunderte Kreative für die Armee, allen voran Theaterdekorateure und kubistische Künstler. "C'est nous qui avons fait ca!" ("Wir haben das gemacht"), soll Pablo Picasso 1915 in Paris gerufen haben, als er eine Kanone in Tarnfarben sah.

Während die britische Marine auf ihre Schiffe im Ersten Weltkrieg wilde geometrische "Dazzle"-Muster pinselte, pusteten die Franzosen künstlichen Nebel in die Luft, versetzten komplette Gebäude, bemalten Kühe und Pferde. Um deutsche Aufklärungsflieger zu täuschen, versteckten sie Brücken unter Tarnnetzen, richteten Beobachtungsposten in falschen Ruinen und präparierten Bäumen ein.

Fake-Pflanze: Dieser Baum aus Stahl und Leinwand diente als militärischer Beobachtungsposten (1918 in Souchez)
Getty Images/ IWM

Fake-Pflanze: Dieser Baum aus Stahl und Leinwand diente als militärischer Beobachtungsposten (1918 in Souchez)

Geplantes Meisterwerk französischer Tarnkunst: ein Fake-Paris, knapp 20 Kilometer außerhalb der echten Stadt - dort, wo die Seine eine ganz ähnliche Schlinge beschreibt wie um Paris. Mit den Plänen für den Bau der falschen Metropole beauftragte die Regierung den Ingenieur Fernand Jacopozzi, seiner grandiosen Beleuchtungskünste wegen als "Magier des Lichts" gefeiert.

"Das echte Paris sollte im Schwarz der Nacht verschwinden, um vor den Toren der Stadt ein hell erleuchtetes, zweites Paris aufzubauen", sagt Xavier Boissel im einestages-Gespräch. Der französische Autor hat die Geschichte des Projekts 2012 in seinem Buch "Paris est un leurre" (Paris ist eine Illusion) dokumentiert.

Falsche Bahnhöfe, Plätze, Fabriken

Zunächst beschränkte man sich im August 1917 darauf, am Rand von Feldwegen einige Azetylenlampen zu installieren, um Avenuen vorzutäuschen, deren Lichter nicht gelöscht wurden. Doch Anfang 1918 erwog der Generalstab Attrappen im großen Stil.

Wie Pläne zeigen, tüftelte Lichtkünstler Jacopozzi an falschen Fabriken, Bahnhöfen, Zügen und Gleisen. Nachahmen wollte er zudem markante Punkte wie die Champs-Élysées, den Trocadéro und den Park Champ de Mars. Der gebürtige Florentiner wurde sogar in die französische Ehrenlegion aufgenommen.

Fertig wurde indes einzig das Gebiet um den falschen Ostbahnhof Gare de l' Est. Das Areal im Pariser Nordosten bestand aus beleuchteten Holzbauten, bedeckt mit bemalten und lichtdurchlässigen Leinwänden, um verschmutzte Glasdächer von Fabriken zu imitieren. Mehrere Fotos illustrieren das Experiment - bei Tag erinnern die Attrappen auf der menschenleeren Wiese eher an ein Gewächshaus als an einen Bahnhof.

Hölzerne Attrappe des Pariser Ostbahnhofs, rund 20 Kilometer nordöstlich bei Villepinte
The Illustrated London News

Hölzerne Attrappe des Pariser Ostbahnhofs, rund 20 Kilometer nordöstlich bei Villepinte

"Die ersten Installationen waren erst nach dem letzten Luftangriff der Deutschen auf Paris im September 1918 fertig und konnten ihren Nutzen daher nicht unter Beweis stellen", schrieb Oberstleutnant Arsène M. Vauthier 1930 rückblickend in der "Revue militaire française".

Das falsche Paris, es blieb ein Luftschloss - "eine fantastische Illusion", so Schriftsteller Boissel. Wegweisend war es dennoch: Im Zweiten Weltkrieg besannen sich die Nationen erneut auf Tarnkunst. Allerorten entstanden Potemkinsche Dörfer zur Täuschung des Feindes.

Brennende Ortschaften simuliert

So errichteten die Engländer einige Scheinstädte, um deutsche Bomberpiloten hinters Licht zu führen. Codename: "Starfish". Im Auftrag des britischen Luftfahrtministeriums ließ Oberst John Turner zunächst scheinbare Flugplätze, Flugzeuge sowie Fabriken bauen.

Nach den nächtlichen Luftangriffen auf Coventry im November 1940 intensivierte das Ministerium seine Bemühungen, in der Nähe echter Städte ganze Ballungszentren zu simulieren. "Starfish Sites" entstanden für Städte wie London, Glasgow, Manchester und Bristol. Das beabsichtigte Signal an die deutschen Piloten: Hier sind bereits Brandbomben abgeworfen worden, hier fliegt ihr richtig. Gezündet wurde das Anti-Bomber-Feuerwerk aus nahe gelegenen Bunkern.

Auch in den USA gehörte Täuschen und Tarnen zum Standardrepertoire der Generäle, vielfach half die Filmindustrie nach. Aus Angst vor japanischen Bombern versteckten die Amerikaner ihre Flugzeugwerke an der Westküste unter gigantischen Tarnnetzen. Und nach dem D-Day zog eine streng geheime US-Geisterarmee in den Krieg - mit aufblasbaren Panzern und Trucks.

Die Nationalsozialisten wiederum ließen die Hamburger Binnenalster 1941 unter einer riesigen Holzkonstruktion verschwinden und verzierten die zugefrorene Außenalster mit einem künstlichen Tannenwald. Ziel der "Operation Tarnkappe" war es, alliierte Bomberverbände fehlzuleiten - was die Briten jedoch rasch durchschauten.

Den zahlreichen Scheinanlagen verpassten die Nazis exotische Namen wie "Venezuela" (Attrappe des Karlsruher Straßenverlaufs im Hardtwald), "Costa Rica" (Attrappe des Fliegerhorstes Schwäbisch Hall-Hessental) und"Brasilien" (Attrappe des Stuttgarter Bahnhofs bei Lauffen am Neckar).

Ab Anfang 1943 jedoch mussten sich die alliierten Bomberpiloten nicht mehr per Sichtflug orientieren: Das Bodenradar H2S kam, die Scheinanlagen wurden nutzlos. Vorbei die Zeiten, in denen sich Künstler Luftschlösser wie das falsche Paris von 1918 ausdachten.

insgesamt 3 Beiträge
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Werner Haertel, 16.10.2018
1.
Als Journalistin muss man ja vielleicht nicht viel von Waffen verstehen, aber dass das Flugzeug auf dem ersten Bild ein Doppeldecker (Typ Albatros?), ist eigentlich kaum zu übersehen.
Katja Iken, 16.10.2018
2. Ihr Hinweis
Sehr geehrter Herr Haertel, vielen Dank für den Hinweis. Wir haben das Bild bereits ausgetauscht - nun ist ein Eindecker zu sehen. Herzliche Grüße, Katja Iken
Marius Mayenburg, 16.10.2018
3. Picasso
Bezog sich das Picasso-Zitat nicht auf sein Gemälde „Guernica“? Pendant l’Occupation, Picasso reçoit à son atelier la visite d’officiers allemands attirés par sa notoriété. L'un d’eux, à qui il donne une reproduction photographique de Guernica, lui demande : « C’est vous qui avez fait ça ? », et Picasso répond : « Non, c’est vous ! » (http://www.larousse.fr/encyclopedie/oeuvre/Guernica/122553)
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