P.T. Barnum Wie "König Humbug" die Welt das Gaffen lehrte

Eine tote Meerjungfrau! Eine lebendige Mumie! Ein strickender Hund! Zirkuspionier P.T. Barnum revolutionierte die amerikanische Unterhaltungsindustrie. Keiner trommelte lauter, keiner verbreitete absurdere Lügengeschichten.

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Selbst aus den Toten schlägt Phineas Taylor Barnum noch Kapital: Als Joice Heth stirbt, die angeblich 161-jährige Amme George Washingtons, drängt der Schausteller auf eine öffentliche Autopsie. 1500 Menschen pilgern am 25. Februar 1836 in den New York City Saloon und schauen zu, wie Dr. David Rogers die schwarze Sklavin mit dem verschrumpelten Gesicht aufschneidet. Eintrittspreis: 50 Cent.

Der Arzt stellt fest, dass die Dame höchstens 80 Jahre alt sein kann. Worauf P.T. Barnum blitzschnell in den Opfermodus schaltet: Es handele sich um die falsche Frau, beschwert er sich - die echte "Ma'm Methusalem" sei quicklebendig und auf Europatournee. Wochenlang debattiert die Presse über Wahrheit oder Fake. Und Marketinggenie Barnum hat - mal wieder - sein Ziel erreicht: Aufmerksamkeit um jeden Preis.

"Ohne Werbung passiert etwas Grässliches... Nichts!", lautete ein Grundsatz des berühmten amerikanischen Schaustellers und Zirkuspioniers P.T. Barnum. Mit Fantasie und Dreistigkeit erschütterte er vor knapp 200 Jahren die junge amerikanische Gesellschaft - und erschuf das Showbusiness. Nie zuvor hatte sich ein Mensch so bedingungslos der Sensationshascherei verschrieben wie Barnum, selbst ernannter "König Humbug".

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P.T. Barnum: Showman, Schwindler, Marketinggenie

Dass diese Ikone der Popkultur in den USA derzeit gern zitiert wird, liegt nicht nur an dem jetzt angelaufenen, reichlich knalligen Filmdrama "The Greatest Showman on Earth" (mit Hugh Jackman als Barnum). Sondern auch daran, dass seit 2016 einer das Land regiert, der sich wie eine billige Kopie des "König Humbug" aufführt.

"Trump ist ein Barnum 2.0.", schrieb der Historiker Ronald Pruessen 2016. "Beiden gemein ist das Talent für ein brillantes (oder zumindest erfolgreiches) Marketing - und ein Faible für geschmacklosen Unsinn und Sideshows". Und: Beide sind Meister darin, so die "Washington Post" Anfang 2017, "die Wahrheit zu verdrehen, schamlos zu übertreiben, die Lüge einzusetzen, um Aufmerksamkeit zu erzielen".

Beleidigt ist Trump nicht, wenn er mit Barnum verglichen wird - im Gegenteil. Dies sei ein "Kompliment", sagte er in einem NBC-Interview 2016. Amerika benötige Leute wie Barnum und ihn: "Wir müssen unserem Land ein Cheerleader sein."

Sklavin, Mumie, Automat

Während der US-Präsident die Welt via Twitter in Atem hält, instrumentalisierte sein Urahn im Geiste die "Penny Press" für seine Zwecke. Unermüdlich schaltete Barnum Anzeigen, bestellte Artikelserien, bestach Journalisten. Alles, um möglichst schnell möglichst reich werden. "Mein Hauptziel war es, mir die Taschen voller Geld zu machen", so Barnum. Der sich - ganz amerikanischer Traum - vom Farmerkind zum Millionär hochgearbeitet hat.


Seit dem 4. Januar im deutschen Kino: "The Greatest Showman"


1810 in Bethel, Connecticut, geboren, versuchte Barnum sein Glück zunächst als Ladenbesitzer, Losverkäufer, Zeitungsverleger. Als Lotterien in seiner Heimat verboten wurden, zog er nach New York City. Wo ein Freund ihm von Joice Heth erzählte, der angeblich uralten Amme Washingtons.

Begeistert handelte Barnum ihren Besitzer von 3000 auf 1000 Dollar runter, kaufte die unter einer Hautschrumpfung leidende Sklavin - und startete als Entertainer durch. Monatelang tourte er mit der gelähmten, blinden Heth durch Amerika. Die "lebendige Mumie" musste Anekdoten aus der Kindheit des kleinen George erzählen, Gospellieder singen, sich anstarren lassen.

Gedörrter Fischrumpf mit Affenkörper

Als Beweis für ihr Rekordalter von 161 Jahren diente Barnum eine zerknitterte Rechnung aus dem Jahr 1727 über Heths Verkauf - signiert von der Mutter Washingtons. Als das Interesse an "Ma'm Methusalem" erlahmte, lancierte Barnum das Gerücht, dass die Frau in Wirklichkeit ein Automat sei, gebaut aus Fischbein, Gummi, Federn - und schon drängten wieder Neugierige heran.

"Barnumisieren", sogar ein Wort gibt es für diese Bluff-Methode. Die bestens funktionierte: Um seine "Fidschi-Meerjungfrau" zu promoten, ein gedörrter Fischrumpf, auf den der Oberkörper eines Affen montiert worden war, gab sich einer seiner Mitarbeiter als Londoner Arzt aus, der das Fabelwesen in Südamerika gefangen habe.

Und als das Publikum seine unter übermäßigem Haarwuchs leidende "Bartfrau" Josephine Chlofullia nicht mehr sehen wollte, inszenierte Barnum kurzerhand einen Rechtsstreit. Um dem angeheuerten Kläger per Gutachten zu beweisen, dass es sich doch um eine Frau handelt.

Kleinwüchsiger begründet Weltruhm

Der Schausteller schreckte vor nichts zurück. Er inszenierte Hochzeiten und Schlägereien, streute Gerüchte, stellte Menschen mit Fehlbildungen aus wie Zootiere. Ob siamesische Zwillinge, Fettleibige oder Magere, Menschen mit drei Beinen, Albinismus oder Riesenwuchs - Barnum vermarktete alle, die irgendwie anders waren.

Einen unter Mikrozephalie (Kleinköpfigkeit) leidenden Schwarzen namens William Henry Johnson präsentierte er als "Zip der Stecknadelkopf", auch genannt "Was ist das?" - und behauptete, es handele sich um ein "Missing Link", ein fehlendes Bindeglied zwischen Mensch und Affe.

Obwohl Johnson sprechen konnte, durfte er während der Show nur grunzen, niemandem seine wahre Herkunft verraten. Denn Barnum hatte den Sohn ehemaliger Sklaven nicht, so die Legende, bei der Gorillajagd in Gambia gefangen, sondern in einem Zirkus in New Jersey entdeckt.

Kreuz und quer zog Barnum durchs Land, um Curiosa zu casten. In Bridgeport, Connecticut, spürte er einen kleinwüchsigen Jungen auf: Mit vier Jahren maß Charles Sherwood Stratton gerade einmal 66 Zentimeter. Barnum schwatzte ihn seinen Eltern ab, steckte Charles in eine goldbestickte Uniform und taufte ihn "General Tom Thumb". Um nicht als Kleinkind-Ausbeuter dazustehen, machte der Schausteller den Jungen fünf Jahre älter. Dann ging es auf Tournee.

Ob die britische Queen Victoria oder der belgische König Leopold - Aristokraten in ganz Europa waren entzückt von Charles, der auf Kommando sang und tanzte, Napoleon imitierte, Zigarren rauchte, die Frauen küsste. Zurück in den USA, geriet der Minigeneral zu einer der größten Attraktionen des American Museum in New York City.

Wale bei lebendigem Leib gekocht

In Scharen strömten die Menschen in Barnums gigantisches Kuriositätenkabinett an der Ecke Broadway und Anne Street. Für 25 Cent konnte man dort nicht nur Freaks begaffen, sondern auch Merkwürdigkeiten aus aller Welt bestaunen. Einhörner, die Büste eines Kannibalenkönigs, eine Strickmaschine, die von einem dressierten Hund bedient wurde, der präparierte Arm des Piraten "Tom Trouble", ein Stück der Tür von Kolumbus' Geburtshaus, ein Wachsfigurenkabinett - sogar Belugawale schwammen im Keller umher.

1865 brannte das American Museum ab und die Wale wurden bei lebendigem Leib gekocht, wie die "New York Times" berichtete. Barnum, einer der reichsten Männer Amerikas, war pleite. Zum zweiten Mal, nachdem er sich 1856 bei Grundstücksspekulationen verzockt hatte. "Die Welt ist eine hochgefährliche Menschenfalle los", jubelte die US-Zeitung "The Nation".

Doch Barnum ließ sich nicht einschüchtern und baute sein Museum neu auf. Nachdem auch das in Flammen aufging, verlegte sich der Schausteller aufs mobile Geschäft und stampfte einen Megazirkus aus dem Boden - selbstbewusst als "Größte Show auf Erden" angepriesen. 1881 fusionierte der Zirkus mit dem Konkurrenzunternehmen von James A. Bailey.

Zudem setzte der Selbstdarsteller alles dran, seinen zweifelhaften Ruf aufzupolieren. Barnum hielt Reden gegen den Alkoholismus und für die Sklavenbefreiung, sponserte soziale Projekte, engagierte sich politisch. Vergeblich: Bis zuletzt haftete ihm das Image des Tricksers an: "30 Jahre lang", vertraute Barnum 1865 einem Freund an, "habe ich mich abgerackert, um Gutes zu tun, aber dabei dummerweise immer meine schlechtesten Seiten offenbart, bis die halbe Christenheit glauben musste, ich trüge Hörner und Hufe."

Da half es nichts, dass er selbst auf dem Sterbebett noch am Marketing feilte: Barnum bat die "New York Evening Sun", ihren Nachruf bereits vor seinem Tod zu veröffentlichen, damit er ihn noch persönlich prüfen könne. Das Blatt entsprach dem Wunsch und beweinte Barnum bereits am 24. April 1891 - zwei Wochen vor dem Tod des legendären "König Humbug".



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Christoph Riecker, 04.01.2018
1.
Meine Deutschkenntnisse mögen mich täuschen, aber ich denke mal der Titel müsste "Wie "König Humbug" der Welt das Gaffen lehrte" Dativ.
Peter Boots, 05.01.2018
2. Man sollte Barnum nicht schlecht machen
Auch zu Barnum's Zeit waren die Leute nicht so unwissend wie wir es heute glauben, und fuer ihren quarter (dollar), 25 cent, haben sie sich auch gerne hereinlegen lassen wenn es amuesant war. Wie das Buch "The American Museum" so schoen schildert hatte Barnum Probleme damit dass an vielen Tagen das "Museum" ueberfuellt war. Daraufhin liess er grosse Schilder mit Pfeilen anfertigen " >>>> To The Egress >>>> " und nachdem sich die Leute durch ein paar schwarze Vorhaenge kaempften und durch eine Tuer gingen fanden sie sich auf der Strasse: 'egress' ist einfach ein ungewoehnliches Wort fuer 'exit,' Ausgang. Die Leute, so wird erzaehlt, haben sich auf die Schenkel geschlagen, gelacht, und gesagt "Da hat er uns wieder einmal hereingelegt, der Barnum," und gingen um die Ecke um noch einmal einen quarter Eintritt zu bezahlen. Fuer seine Zeit war Barnum auch sehr moralisch: er bezahlte seine 'Angestellten' gut, hat Frauennachmittage eingefuehrt, und sobald es in NYC moeglich war hat er Schwarze hereingelassen, um 1861, als er sich damit wenige Freunde machte. Zwei mal war er bankrott, und hat beide male jeden Cent zurueckgezahlt. Er war auch ein sozialer Reformer: in seinem Heimatstaat Connecticut war er Abgeordneter und kaempfte fuer die Gesetze und verfassungsaenderungen die Sklaven die Freiheit gab. Als Buergermeister von Bridgeport gruendete er das erste oeffentliche Krankenhaus und unterstuezte es finanziell. Obwohl wir uns an ihn als den 'Koenig des Circus' hat er auch das Konzept des modernen, jedermann zugaenglichen Museum's erfunden -- also das Gegenteil von Humbug!
Jörg Benario, 05.01.2018
3. Da täuschen Sie ihre Deutschkenntnisse ...
... seit dem 19. Jahrhundert ersetzt der Akkusativ, genauer gesagt der doppelte Akkusativ, standardsprachlich den Dativ.
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