Kriegsende und Revolution 1918 Elf Tage im November

Nichts sehnten die Deutschen im Herbst 1918 mehr herbei als den Frieden. Und nichts machte ihnen mehr Angst als das Kriegsende. Einblick in das zerrissene Seelenleben eines Volkes.

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Die Angst vor der Zukunft, sie nagt an ihm, raubt ihm den Schlaf. Nikolaus Ritter von Endres ist im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz und dem Tapferkeitsorden Pour le Mérite ausgezeichnet worden, in den Adelsstand aufgestiegen und kommandiert das stolze I. Königlich Bayerische Armeekorps.

Der Generalleutnant weiß: Der Krieg ist verloren. Die letzten Verbündeten haben das Kaiserreich Ende Oktober 1918 verlassen, die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn ist zerbrochen, in Kiel rebellieren die Matrosen. Aufgewühlt sortiert Ritter von Endres am 3. November die Fragen, die ihn nachts quälen:

Wird bei uns die Umwälzung in geregelten Bahnen bleiben? Wird der revolutionäre Brand von Österreich auf uns übergreifen? (…...) Wie sollen wir die Kriegsentschädigungen, wie die Renten der Verwundeten, wie die Zinsen für die Kriegsanleihen aufbringen? Wie werden sich die Soldaten benehmen, wenn sie heimkommen?
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Kriegsende 1918: "Blut über Euch und Eure Kinder!"

Drei Tage später zeigt sich, wie sehr ihn das alles zermürbt:

Ich kann fast nichts essen. Die innere Aufregung trägt wohl auch daran Schuld. Hätte ich nicht die Verpflichtung gegenüber der Familie, so würde ich am liebsten mein Leben beenden!

Millionen Deutsche sind Anfang November 1918 ähnlich aufgewühlt. Es ist eine seltsame, unberechenbare Zeit, zwischen letzten, erbitterten Kämpfen an der Front und einer politischen Revolution in der Heimat. Weiter wird gestorben, gelitten, gehungert, aber auch schon leise gehofft auf bessere Zeiten. Freude, Wut, Scham, Enttäuschung - das alles mischt sich in diesen Tagen, in denen der Kaiser stürzt und die Republik gleich doppelt ausgerufen wird.

Und dann schweigen am 11. November 1918 die Waffen. Erwartbar und doch so unvorstellbar für viele Soldaten, die vier Jahre nur dröhnende, menschenverschlingende Materialschlachten kannten. So fragen sich die Deutschen in diesen elf Tagen im November: Was bleibt, was zerbricht, was kommt? Wie blutig werden die Veränderungen, wie schmachvoll die Niederlage? Briefe und Tagebücher zeigen, dass die Deutschen in dieser Zeit nichts mehr herbeisehnen als den Frieden - und nichts ihnen mehr Angst macht.

1. November 1918

Willy Ehlers schreibt von der Front im nordfranzösischen Valenciennes der Frau, die er heiraten will, wie "froh und glücklich" er sei, dass bald alles vorüber ist. Doch er sorgt sich um die Waffenstillstandsbedingungen. Anders als viele Kameraden glaubt Ehlers, dass Deutschland sie auf jeden Fall annehmen muss:

Geben wir jetzt nicht nach, sind wir über kurz oder lang militärisch doch geschlagen, und dann nehmen sie uns alles. Wir gehen einer schweren Zeit entgegen. Ich will aber lieber früh bis spät arbeiten, als dieses traurige Leben weiter ertragen. Leider gibt es immer noch viele Menschen, die gern weiter Krieg führen wollen.

Nur 150 Kilometer südöstlich kämpft Ernst Eberlein an vorderster Front. Am 1. November wird er mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet - und verliert seinen Freund Werner:

Werner (lag) ausgestreckt auf dem Boden, kreidebleich, aber friedlich. Er muss sofort tot gewesen sein, die Granatsplitter hatten ihm einen Teil des Hinterkopfes weggerissen, die Brust und einen Oberschenkel durchschlagen. Mir ging der Tod dieses Mannes sehr nahe. (...) Um 12 Uhr kam unser alter Tischler mit dem Wagen, um den toten Werner abzuholen. Als er ihn liegen sah, fiel er ohnmächtig nieder.
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4. November

Deutschland ist allein. Tags zuvor hat Österreich einen Waffenstillstand unterzeichnet und den Entente-Mächten das Recht gewährt, strategische Punkte zu besetzen. In Weimar empört sich Käthe Lehmann über diesen "schmählichen" Frieden - ihr schwant auch für Deutschland Böses:

Viel Hoffnungen hat man nicht, dass die Feinde menschlich mit uns verfahren. Ach, unser armes, geliebtes Vaterland! So ungewollt in diesen wahnsinnigen Krieg hingerissen und nun sollen wir auch noch so hart büßen für all die Tapferkeit. (...) Was sind das nur für Zeiten, man lebt von einem Tag zum anderen und mag nicht weiterdenken.

7. November

General Ritter von Endres, selbst des Lebens überdrüssig, verzweifelt an der bröckelnden Moral seiner Truppe:

Unsere Leute halten eben nicht mehr! Ihnen steckt schon der Waffenstillstand und Frieden im Kopfe! (...) Mit diesen Leuten zu kämpfen, ist eine schwere Aufgabe! Sie sind bolschewistisch durchseucht. Es ist höchste Zeit, dass der Krieg endet!
August 1918: Deutscher Rückzug (an der Front in Flandern)
Getty Images/ Hulton Archive

August 1918: Deutscher Rückzug (an der Front in Flandern)

8. November

Derweil wird der Krieg zur Nebensache. Waffenstillstands-Verhandlungen im französischen Compiègne bringen die Monarchie endgültig ins Wanken; schon im Oktober hat US-Präsident Woodrow Wilson die Demokratisierung Deutschlands und indirekt den Sturz von Kaiser Wilhelm verlangt. Ruth Hildebrand, 18, aufgewachsen auf einem schlesischen Rittergut, notiert aufgebracht:

Hoch Kaiser Wilhelm! Er soll, er muss unser Kaiser bleiben. Pfui über die, die das Haus Hohenzollern berühren, die seine Grundfeste lockern wollen, in ihnen ist die Ehre gestorben. Schmach und Schimpf über sie und ihre Anhänger. Müssen wir deutschen Frauen erst aufstehen, um es ihnen zu sagen? (...) Erhebe dich, o deutsches Volk! Schare dich um den Thron deines Königs.

Auch der Kaiser will den Revolutionären lieber "die Antwort mit Maschinengewehren" geben und denkt nicht daran, "wegen der paar 100 Juden und der 1000 Arbeiter den Thron zu verlassen". An der Front empören sich hingegen viele Soldaten über ihn und die Oberste Heeresleitung (OHL), die sie über die militärische Lage getäuscht haben.

Rückblick: 8. August 1918

Lange hat sich die OHL-Spitze unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff auch selbst belogen und an unrealistischen Kriegszielen festgehalten. Am 8. August dämmert ihr, dass die Niederlage nicht mehr lange aufzuhalten ist: Leicht brechen die Entente-Truppen auf einer Breite von 27 Kilometern nahe Amiens tief durch die deutschen Linien.

Mindestens 48.000 Mann verlieren die Deutschen in der folgenden Schlacht. Und sie verlieren das Selbstbewusstsein, gegen die Lufthoheit und die Panzer ihrer Feinde - eine Waffe, über die sie selbst kaum verfügen - etwas ausrichten zu können. Dreist täuschen hohe Militärs ihre Soldaten über die Zerstörungskraft der "Tanks":

Was muss der deutsche Soldat von der Tankwaffe wissen? Vor allem, lass Dich nicht ins Bockshorn jagen! Der Tank ist hauptsächlich ein Schreckmittel. Er sieht gefährlich aus, es ist aber in Wirklichkeit halb so schlimm damit. Bleib ruhig liegen und lass die Tanks auf dich zukommen.

Intern wird ehrlicher analysiert. "Wir müssen einen Weg suchen, um zum Schluss zu kommen", sagt der Kaiser kurz nach dem Debakel von Amiens.

Legende der Rechten: Der vermeintliche "Dolchstoß"

Legende der Rechten: Der vermeintliche "Dolchstoß"

Was folgt, geht als "Dolchstoßlegende" in die Geschichte ein. Ludendorff, mit den Nerven am Ende, spricht sich Ende September für ein Waffenstillstandsangebot an Wilson aus. Und doch stellen er und andere Militärs es später so dar, als hätten liberale Politiker das angeblich "unbesiegte" Heer hinterrücks erdolcht. Denn das von der OHL so ersehnte Friedensangebot verschickt Anfang Oktober die neue, demokratisch reformierte Regierung unter Max von Baden.

Die Militärs drücken ihre Verantwortung weg - und der Trick klappt. Selbst der spätere liberale Außenminister Walter Rathenau empört sich:

Die verfrühte Bitte um Waffenstillstand war ein Fehler. Das Land ist ungebrochen, seine Mittel unerschöpft, seine Menschen unermüdet. Wir sind gewichen, aber nicht geschlagen. Die Antwort (Wilsons) wird kommen. Sie wird unbefriedigend sein; mehr als das: zurückweisend, demütigend, überfordernd. (...) Wir alle wollen nicht Krieg, sondern Frieden. Doch nicht den Frieden der Unterwerfung.

So empfinden viele. Besonders als einen Monat später, am 9. November, der Kaiser abdanken muss.

9. November 1918

Ein Schicksalstag. Die Monarchie ist tot, Philipp Scheidemann (SPD) und der Sozialist Karl Liebknecht rufen beide die Republik aus - und meinen doch Grundverschiedenes. Manche sehen in einer europaweiten Revolution die einzige Chance, sich vor horrenden Kriegsentschädigungen zu drücken. Käthe Lehmann schreibt:

Durch ganz Deutschland braust dieser Sturm und auch hoffentlich durch Frankreich und England. So könnten wir noch gut beim Waffenstillstand abschließen.
Philipp Scheidemann, Ausrufung der Republik
DPA

Philipp Scheidemann, Ausrufung der Republik

Stoisch notiert derweil Albert Einstein zu seiner Vorlesung an der Humboldt-Universität Berlin:

Fiel aus wegen Revolution.

10. November

Kaum jemand bleibt so gelassen wie Einstein. Der Heidelberger Geschichtsprofessor Karl Hampe gibt die Gefühle vieler Bürgerlichen wieder, als er schreibt:

Der elendste Tag meines Lebens! Was ist aus Kaiser und Reich geworden! Nach außen steht uns Verstümmelung, Willenlosigkeit, eine Art Schuldknechtschaft bevor; im Inneren brutale Klassenherrschaft unter trügerischem Schein der Freiheit, Bürgerkrieg, Hungersnot, Chaos. (...) Und morgen soll ich Vorlesung halten, als sei nichts geschehen!

Zum Trost flüchtet sich Hampe, später Anhänger der Weimarer Republik, in die Lektüre von Bismarck-Reden. Deprimiert schreibt derweil in Schlesien Ruth Hildebrand, 18:

Oh Gott im Himmel, erbarme dich doch, gib uns unseren Kaiser wieder. Sollen die Friedensglocken Deutschlands Sterbeglocken werden?

Wie zerrissen die junge Generation ist, zeigt eine Notiz der gleichaltrigen Anna Maria Jesse:

Alle sind sehr gegen die Bewegung, also streng konservativ. Sie versuchen eben niemals, sich in das Volk hineinzuversetzen, um verstehen zu können, dass sie von ihrem Standpunkt auch recht haben. (...) Oft wird es mir schwer zu schweigen.

11. November

Der Waffenstillstand ist unterschrieben. Es sind für Deutschland harte, aber keine unannehmbaren Bedingungen: Verlust der eroberten Gebiete und von Elsaß-Lothringen, Besetzung der linksrheinischen Gebiete durch die Alliierten. Ernst Eberlein, der zehn Tage zuvor seinen Freund Werner verloren hat, kann immer noch nicht loslassen, als der Befehl eingeht: "11.50 Uhr ist Waffenstillstand."

Da wollten wir schnell noch einige Schüsse los sein, steckten sie in die Rohre und gaben die Schusssalve. Fünf Minuten später war es aus. (...) Wir haben uns erst alle angesehen und lange Gesichter gemacht und wollten es nicht glauben.

Während die Franzosen euphorisch feiern, versinkt Ritter von Endres vollends in Selbstmitleid:

Das ist nun das Ergebnis meines Lebens. (...) Ich schäme mich, auf die Straße zu gehen, und scheue die Menschen.

Wieder überlegt er, sich umzubringen. Am Ende stirbt er erst im September 1938 in München - ein Jahr, bevor Hitler den nächsten Weltkrieg entfesselt.

Zum Weiterlesen
    Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich/Irina Renz (Hg.): 1918: Die Deutschen zwischen Weltkrieg und Revolution. Christoph Links Verlag, 2018.

    Lisbeth Exner/Herbert Kapfner (Hg.): Verborgene Chronik 1915-1918. Galiani Verlag 2017.
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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
erwin fortelka, 01.11.2018
1. Es endete ein Krieg,
den die deutsche Reichsführung gewollt und herbeigeführt hatte. Die bewiesenen Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer sind auch nach dem Historikerstreit, der dann folgte, nie mehr ernsthaft infrage gestellt worden. Gemessen an den maßlosen Kriegszielen der deutschen Reichsführung (Septemberprogramm) waren die Waffenstillstandsbedingungen und die Bedingungen des Versailler Vertrages erträglich. Dass die "Dolchstoßlegende" eine dreiste Lüge war, wissen wir, es lohnt sich nicht, darüber zu diskutieren. Die Weimarer Republik zerbrach, weil die alten Eliten des Reichs auch nach der Abdankung des Kaisers an der Macht blieben oder im politischen Hintergrund Macht .ausübten. Hitler hatte so am Ende gemeinsam mit ihnen leichtes Spiel und konnte mit ihrer Hilfe die Macht übernehmen. Die Weimarer Republik ist nämlich nicht durch die politische Linke und die politische Rechte zerstört worden, sondern allein durch die politische Rechte. Erwin Fortelka (Klarname)
Jürgen Hayer, 01.11.2018
2.
Bei all dem SPD bashing in den letzten Jahren sollte man auch mal auf die Verdienste dieser Partei hinweisen. Sei es in der Weimarer Republik 1968, am Beginn des Jahrtausends mit der Agenda 2010 oder jetzt mit der ungeliebten Regierungsbeteiligung die SPD ist eine der Staatstragendsten Pateien.
Rolf Radicke, 02.11.2018
3. Gut beschrieben
Der Autor gibt die Mentalitaet der herrschenden Klasse damals gut wieder, der war der gemeine Soldat voellig egal, Hauptsache, ihre Privilegien waren nicht in Gefahr. Was ware wohl aus dem Deutschen volk geworden, haette das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg siegreich beendet?
Harald Reichmüller, 02.11.2018
4. Es gibt ja auf der Welt eine ganze
Anzahl von Kriegsakademien, auf denen Kriegsgeschichte gelehrt wird. Es wäre doch mal interessant von einer von diesen zu erfahren, wie ein oder mehrere Teilnehmer das Problem der französischen, britischen oder deutschen Generalität heute und einhundert Jahre später gelöst haben würden, wie man die damals unter Artilleriefeuer und in Schützengräben erstarten Fronten mit den irrsinnigen Menschenverlusten und mit den Kriegsmitteln, der damaligen Zeit wohlgemerkt, hätte auflösen können. Lassen wir mal den Panzer beiseite, denn der war damals noch nicht so weit wie dreißig Jahre später. Man halte doch weder die preußisch-deutschen noch die britischen oder die französischen Generäle für dumm, aber mir ist auch hundert Jahre später noch keine Lösung bekannt, die das damalige Dilemma hätte lösen können.
erwin fortelka, 02.11.2018
5. Zum Beitrag Nr. 4
Mit dem "Dilemma" müssen sich keine Kriegsakademien beschäftigen, wa sollen die denn herausfinden? Der Krieg war für Deutschland nicht mehr zu gewinnen, die Monarchie in Deutschland war am Ende, der Kaiser dankte ab, und das war gut so. Am 11. November 1918 schwiegen die Waffen, dieses Dilemma, wie sie es nennen, war gelöst. Leider führten die revolutionären Unruhen, die von Wilhelmshaven und Kiel ausgingen, in Deutschland nicht zu dem Erfolg, den eine radikale Revolution hätte erreichen können. Das war ein Dilemma, in das die Weimarer Republik geriet, und so konnten die alten kaiserlichen Eliten gemeinsam mit Hitler diese demokratische Republik zerschlagen. Erwin Fortelka (Klarname)
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