Kalter Krieg an der Ostsee


Fluchtpunkt für Ostdeutsche, Nato-Horchposten mit Meerblick: Kaum ein Ort kennt die absurden Seiten des Kalten Krieges so gut wie Gedser. An der Südspitze Dänemarks trafen Spione und Flüchtlinge aufeinander. Eine Spurensuche.

Von Solveig Grothe und Siegfried Wittenburg

Manchmal kamen 2000 Leute in den kleinen Ort, besonders an den Wochenenden. "Das war wie ein Schauspiel", erinnert sich Kim Grützmeier. Die Dänen standen dann am Ufer und schauten aufs Wasser, bis eines dieser Schiffe aus Richtung Süden kam. Sie wollten sehen, ob wieder jemand springt.

Kim Grützmeier

Die Schiffe waren immer voll mit Menschen, dicht drängten sie sich an der Reling - DDR-Bürger auf Ausflugsschiffen, die aber nie im Hafen von Gedser anlegten. "An Land gehen durften die nicht."

Es war der Spätsommer 1961 in der südlichsten Gemeinde Dänemarks. Kim Grützmeier, 14, hatte gehört, dass in Berlin eine Mauer gebaut wurde. Wenn ein Schiff aus Rostock-Warnemünde kommen sollte, stiegen sein Freund und er in ein Ruderboot. "Wir dachten, vielleicht können wir helfen." Einmal war es gleich mehreren Ostdeutschen gelungen, zu einer Treppe im Hafenbecken zu schwimmen.

Dänische Fischer versuchten damals, Fluchtwillige direkt vom Schiff zu übernehmen. "Aber das war unmöglich" - Kim beobachtete, wie Menschen an den Beinen wieder zurückgezogen wurden. "Da waren so viele Volkspolizisten an Deck. Sie haben die Leute geschlagen." Einmal schaffte es doch jemand davonzuschwimmen. Und der Kapitän versuchte, ihn mit der rückwärts laufenden Schraube zu erwischen. Es war ein grausames Schauspiel.

Bald darauf kamen die Schiffe nicht mehr. In den Folgejahren trieben immer wieder Leichen an den Strand. "Einmal habe ich das selbst gesehen", sagt Grützmeier. Mit 19 verließ er Gedser und ging zum Studium nach Kopenhagen. Der Kontakt zu seinem Heimatort blieb, inzwischen wohnt er wieder dort.

Auge und Ohr der Nato

Heute ist Gedser ein 800-Einwohner-Nest. Wer mit der Autofähre aus Rostock auf die Insel Falster kommt, fährt leicht daran vorbei. Es war immer schon ein Ort für die Durchreise: Seit über 100 Jahren versteht sich der Fährhafen als Tor zum kontinentalen Europa. Im Kalten Krieg aber war Gedser weit mehr als nur Fluchtpunkt und rettendes Ufer. Es lag auch im Fokus der Geheimdienste. Seine weit größere Rolle spielte deshalb im Verborgenen, hineingegraben etwa in den Lehm der Steilküste.

Fensterlose, finstere Kellerräume unter einem gelben Backsteingebäude erinnern heute noch daran - der Bunker der ehemaligen Marinestation Gedser. Der südlichste Punkt Skandinaviens, zugleich Auge und Ohr der Nato.

Gut 40 Kilometer sind es von hier bis zur deutschen Küste. Im Kalten Krieg lag Gedser an vorderster Front, nur eine Flugminute von den Militärbasen des Feindes entfernt. Direkt vor der Küste verlief die Hauptroute der Flotten des Warschauer Paktes auf dem Weg in die Weltmeere.

Im Ernstfall wäre der Krieg hier gleich nach dem Ausbruch vorbei gewesen: Keinerlei Verteidigung - Historiker gehen davon aus, dass die Planspiele des Warschauer Paktes wie auch der Nato vorsahen, die Inseln Lolland und Falster aus taktischen Gründen mit Atomwaffen plattzubomben, um sie für den Gegner unzugänglich zu machen.


Glenn Sidor und seine Kollegen schauten von Gedser aufs Meer. Sidor, heute 59, diente als Funkoffizier in der Marinestation. Die Besatzung sollte mit Fernglas und Radar observieren, identifizieren, Informationen weitergeben. Spionagealltag.

Glenn Sidor

24 Stunden am Tag saßen sie im Operationsraum des Bunkers und starrten auf die Monitore. Was sich auf dem Wasser tat, beobachteten sie, verfolgten alle Schiffe, vermerkten Kennungen, Kurse und Geschwindigkeiten. Die Marinestation Gedser war Teil einer weltweiten Überwachungskette.

Ein paar Kilometer landeinwärts bei Gedesby steht noch die Hülle eines Funkturms. Mit seiner Wellplastikverkleidung sieht er aus wie ein Hochsilo. Wer dort während des Kalten Krieges arbeitete, darf bis heute nicht darüber sprechen. Manchmal kam ein Anruf aus dem Turm, erinnert sich Sidor, eine Peilung wurde durchgegeben, man wollte wissen, was dort zu sehen sei. Es war eine Einwegkommunikation. Umgekehrt wurden keine Fragen gestellt. Alles streng hierarchisch, streng geheim.

Dieser Funkturm war die Peil- und Horchstation des Dänischen Nachrichtendienstes, der von dort "alle Schiffe des Warschauer Paktes gepeilt hat", sagt der Militärhistoriker Thomas Tram Pedersen. Sämtliche "Kommunikation und die Sendefrequenzen der Navigationsmittel und anderer Radars der Schiffe wurden abgehört". Dass die Aufzeichnungen bis heute geheim sind, liege wahrscheinlich an der engen Zusammenarbeit mit den Diensten anderer Nationen, vermutet Pedersen.

Der Turm war nicht das einzige Ohr. Unter Wasser gab es laut Pedersen ein ganzes System aus Mikrofonen, Sonarbojen, magnetischen Kabeln quer durch die Ostsee. Dänische Marine und westdeutsche Bundesmarine verfolgten so ebenfalls alle Schiffsbewegungen.

Flüchtlingsrettung auf der Ostsee

Die Marinestation überwachte vor allem die großen sowjetischen Kreuzer - und die Aktivitäten an der DDR-Küstenlinie zwischen Rügen und Rostock-Warnemünde. "Da lagen viele Kriegsschiffe in Bereitschaft. Wir wussten erst nicht, warum", sagt Sidor. Die Antwort gab der Alltag, wenn die Schiffe plötzlich in Bewegung gerieten. "Die Patrouillenboote kamen dann ganz nah an unsere Grenzlinie und suchten das Wasser ab. Meist dienten sie dazu, Flüchtlinge abzufangen."

Sobald die Marinestation von einer Fähre oder Fischern die Nachricht bekam, dass Flüchtlinge gesichtet worden waren, musste es schnell gehen; Rettungskräfte wurden rausgeschickt. Die Flüchtlinge selbst konnte man von der Station aus nicht sehen. Außer einmal, erinnert sich Sidor. Da habe der Weckdienst frühmorgens an den Pfählen vor der Station eine Entdeckung gemacht: "Eine kleine Familie, zwei Erwachsene und zwei Kinder. Sie lebten - alle vier!"

Niels Gartig, heute 76, hatte seine ersten Begegnungen mit DDR-Flüchtlingen an Deck eines Schiffes: "Sie riefen und schlugen mit einem Paddel gegen die Bordwand, dann fragten sie, ob das ein dänisches Schiff sei, und wollten gerettet werden." Das war mitten auf der Ostsee, rund 20 Kilometer vor der DDR-Küste, auf halbem Weg Richtung Gedser. Möglich war das nur, weil Gartigs Schiff immer an der gleichen Stelle lag: Er war Matrose auf dem Feuerschiff "Gedser Rev". Dieser schwimmende Leuchtturm markierte die Kadetrinne, einen der am stärksten befahrenen Seewege Europas.

Niels Gartig

Offiziell, erzählt Gartig, erstellten sie Wettermeldungen. Der Zweitjob: Mit dem Fernglas beobachteten die Matrosen, was genau die Kadetrinne entlangfuhr, und fotografierten alles. Der Ankerplatz des Feuerschiffs war für Ausspähungen prädestiniert, vergleichbar mit dem Mittelstreifen einer Autobahn. Mehr als 30 Kriegsschiffe täglich passierten die Ostseeroute.

Nicht nur Informationen gaben die Männer der "Gedser Rev" weiter. Manchmal waren es auch Menschen, die es gewagt hatten, nachts in ein Paddelboot zu steigen oder sich per selbstgebautem Antrieb durch die Ostsee ziehen zu lassen. Die an allen Patrouillen vorbei genau dieses Schiff ansteuerten. Eingezeichnet war es noch auf frühen DDR-Karten, später nicht mehr. Und in der DDR machte sich bereits verdächtig, wer überhaupt eine Seekarte erwarb.

Verschlüsselte Nachricht: "Wir brauchen Wasser"

Die meisten, erinnert sich Niels Gartig, kamen im Sommer, "wenn das Wasser wenigstens 15, 16 Grad hatte", und in den ersten Jahren nach dem Mauerbau, viele offenbar aus südlichen Teilen der Republik. "Die hatten auf Flüssen oder Seen geübt - sie wussten gar nicht, was die Ostsee war." Sonst hätten sie sich darauf wohl nicht eingelassen. Mitte 40 war der Älteste, den Gartig aus dem Wasser zog, "für ältere Leute war das nichts". Man musste mit dem Schlimmsten rechnen. Er selbst tat es auch:


Kamen Flüchtlinge an Bord, boten sie ihnen eine warme Dusche, trockene Kleidung und Kaffee an. "Am Anfang haben die meist nicht viel gesagt, aber dann ging es." Gartig erfuhr so von den Fluchtgründen, "sehr verschieden, manchmal komisch". Ein angehender Förster etwa, der nicht in der DDR bleiben wollte, weil er kein Jagdgewehr tragen durfte. Leute, die im Westfernsehen gesehen hatten, dass es drüben besser war. Andere hatten politische Gründe.

Am Vormittag kam das Postboot, um die Flüchtlinge an die dänische Küste zu bringen. Die Crew wusste dann schon Bescheid, jeden Morgen empfing der Bootsführer auf Grenzwelle den Funkspruch des Feuerschiffs. "Wir brauchen Wasser", lautete die Nachricht manchmal - die verschlüsselte Bitte, Menschen abzuholen. Die Ohren der DDR sollten das nicht erfahren.

Und die Spione der DDR waren überall. In den Neunzigerjahren wurde bekannt, dass das Ministerium für Staatssicherheit auch in Dänemark Zuträger hatte. Geahnt hatte man das schon früher: Zu ihrem eigenen Schutz wurden ostdeutsche Flüchtlinge der dänischen Polizei übergeben - und übernachteten vor ihrem Weitertransport in die Bundesrepublik im Gefängnis, bei offener Zellentür. Sicher war sicher.

Mindestens 50 Menschen, hat Gartig später in Logbüchern nachgezählt, haben sie zwischen 1962 und 1972 aus der Ostsee gerettet, in seiner Zeit auf dem Feuerschiff.

Andere schafften es aus eigener Kraft an die Küste, wurden von Fischern oder Fähren aufgenommen. Viele aber kamen nie an. Der dänische Filmemacher Jesper Clemmensen recherchiert seit 2004 Schicksale von Ostseeflüchtlingen. Noch heute gebe es Fälle von unbekannten Toten aus dieser Zeit, sagt er, "mit hoher Wahrscheinlichkeit sind darunter DDR-Flüchtlinge". Sie seien auf Friedhöfen am Ort ihres Auffindens beigesetzt - mit Hilfe von Polizeiakten wäre eine Identifizierung noch möglich.

Etwa 5600 DDR-Bürger versuchten zwischen 1961 und 1989 eine Flucht über die Ostsee, ermittelte die Stasi-Unterlagenbehörde Rostock. Nach Angaben des Leiters Volker Höffer erreichten nur etwa 900 die Küsten Dänemarks oder Westdeutschlands. Etwa 4500 wurden im Vorfeld verhaftet, aus deutschen oder sogar schon dänischen Gewässer gefischt. Mindestens 170 bezahlten den Versuch mit dem Leben. "Die Zeit vor 1961 liegt statistisch im Nebel", ergänzt Volker Höffer, "Fluchtbewegungen waren aber auch da schon erheblich, und zwar von der DDR nach Schweden und nach Dänemark gleichermaßen."

"Meine Fresse, so viele Autos!"

Am Donnerstag, 9. November 1989, zogen schwere Regenwolken über Gedser. In der Marinestation an der Südspitze Dänemarks hatte man die Nachrichten vom Mauerfall vernommen. Wie würde die Sowjetunion reagieren? Während Ostdeutschland die Grenzen öffnete, schlossen sich die Soldaten im Marinebunker Gedser in höchster Alarmbereitschaft ein - und warteten.

Drei Tage später erreichte den Fährhafen von Gedser eine merkwürdige Nachricht: Die Fähre aus Warnemünde sei komplett voll. Zu voll, die angegebene Zahl der Pkw an Bord konnte nicht stimmen. Dann öffnete sich die Bugklappe. "Meine Fresse, so viele Autos!", rief der Terminalleiter. Fünf Reihen nebeneinander, alles Trabis - "und als die ihre Zweitaktmotoren anwarfen, verschwand der Steuermann komplett im Nebel".

Der Massenansturm der Ostdeutschen brachte auch für Gedser die Wende. Für einen Moment sah es so aus, als könnte das Städtchen wieder seine zentrale Rolle als europäischer Verkehrsknotenpunkt einnehmen. Doch Mitte der Neunzigerjahre stellten die Bahnen ihre Fährverbindung ein.

Damit verschwand Gedsers größter Arbeitgeber, junge Familien zogen weg. "Olde Kolle" nennen Dänen solche Gemeinden. Kim Grützmeiers höfliche Übersetzung: "ein Kollektiv von Älteren".

Resigniert aber sind die Einwohner nicht. Die exponierte Lage bleibt der Trumpf des Ortes. Yachthafen und Campingplatz gibt es schon, dazu ein Eisenbahnmuseum mit dem Originalstellwerk der Krimikomödienreihe "Olsenbande" - und die frühere Marinestation mit Geschichten, die auch, aber nicht nur vom Kalten Krieg erzählen.

Ein paar Durchreisende hofft man damit zum Anhalten zu bewegen. Es könnte klappen: 1,7 Millionen Menschen nehmen jedes Jahr die Fähre über Gedser.




Impressum

Text: Solveig Grothe

Fotos und Videos: Siegfried Wittenburg, Solveig Grothe

Redaktion: Jochen Leffers, Jule Lutteroth

Bildredaktion: Christina Gransow

Grafik: Alexander Trempler

Programmierung: Chris Kurt