US-Autorin Helen Keller "Ich bin blind, aber ich sehe - ich bin taub, aber ich höre"

Helen Keller war noch nicht einmal zwei Jahre alt, als sie schwer erkrankte. Sie verlor die Fähigkeit, zu sehen und zu hören. Der Zorn darüber trieb die Amerikanerin zu einer beispiellosen Karriere.

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Es muss für die fast siebenjährige Helen ein erschreckender und zugleich befreiender Moment gewesen sein: Eiskaltes Wasser lief an einer Wasserpumpe über ihre Hände, und ihre Lehrerin Anne Sullivan formte ihr die Buchstaben w-a-t-e-r mit dem Fingeralphabet in die Handinnenfläche. In diesem Augenblick, so erzählte sie es später, tat sich ihr eine neue Welt auf. Eine Welt, in der jeder Gegenstand einen Namen hatte, in der man Dinge bezeichnen und benennen konnte.

Aufgeregt versuchte das Kind, die Bewegungen der Lehrerin nachzuahmen. Sie hockte sich auf den Boden, berührte die Erde und fragte nach diesem Begriff. Am Ende des Tages hatte sie so per Fingeralphabet zahlreiche neue Wörter gelernt, darunter "teacher", "mom" und "dad".

Es war der Anfang eines bemerkenswerten Weges: Die taubblinde Helen Keller sollte zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen Amerikas werden - und zu einer politischen Aktivistin für Blinde und Taube, die aber auch Frauenrechte und den Kampf gegen den Faschismus zu ihren Themen machte.

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Helen Keller: Die Frau, die mit den Fingern Musik hörte

Helen wurde 1880 in Tuscumbia (Alabama) geboren. Ihr Vater Arthur Keller war Hauptmann in der Konföderierten-Armee und ein Sohn von Caspar Keller, einem Schweizer, der sich in Maryland niedergelassen hatte. Einer der Schweizer Vorfahren war der erste Lehrer für Gehörlose in Zürich gewesen und hatte ein Buch über deren Ausbildung geschrieben - "ein seltsames Zusammentreffen" in ihrer Biografie, schrieb Helen Keller später in ihrem Buch "Geschichte meines Lebens".

Wutanfälle als Kind

Die Familie war wohlhabend, lebte mit Köchin und Dienstmädchen in einem kleinen Haus. Helen fiel schon als Kleinkind durch ihren starken Willen auf. Sie war ein fröhliches, gesundes und aktives Mädchen, lernte als Einjährige ganz normal laufen und sprach erste Wörter. Im Februar 1882 aber, im Alter von 19 Monaten, bekam sie plötzlich hohes Fieber: eine Gehirn- und Unterleibsentzündung.

Der Arzt hatte keine gute Diagnose für die besorgten Eltern: Es handele sich um schweres "Hirnfieber", unklar , ob die Kleine überhaupt überleben könne. Als das Fieber nach einigen Tagen sank, war die Erleichterung groß. Dass das Mädchen nie wieder würde sehen oder hören können, ahnte niemand.

"Mit entsetzlicher Plötzlichkeit kam sie vom Licht in die Dunkelheit und verwandelte sich in ein Phantom. Nichts hing mit irgendetwas anderem zusammen, und daher kam in ihr oft glühender Zorn auf. "

So beschrieb Helen Keller in ihrem Buch "Teacher" den abrupten Wandel in ihrem Leben. Dieser glühende Zorn über ihre Situation brach immer wieder auf: Als Kind hatte sie Wutanfälle, warf mit Gegenständen um sich oder trat ihre Kinderpflegerin Ella. Denn Helen wusste genau, was sie wollte, konnte sich aber nicht verständlich machen: "Ich bewegte meine Lippen und gestikulierte heftig - natürlich ohne Erfolg. Dies machte mich zuweilen so wütend, dass ich mit den Füßen stampfte und schrie, bis ich erschöpft war."

Was sollten die Eltern tun?

"Helen war ein privilegiertes Kind", sagt Helen Selsdon, Archivarin der Amerikanischen Blindenstiftung AFB, die den Nachlass der Schriftstellerin verwaltet. "Ihre Mutter war sehr belesen und nahm Kontakt zum Perkins-Institut für Blinde auf, um Hilfe zu organisieren."

An diesem Institut wurden Lehrkräfte für Sehbehinderte ausgebildet, und im März 1887 holten Helens Eltern von dort die 21-jährige Lehrerin Anne Sullivan zu sich. Von ihr lernte Helen, sich mittels Fingeralphabet zu verständigen. Sie eignete sich außerdem die Brailleschrift an. Beide Frauen blieben bis zu Sullivans Tod 1936 eng verbunden. Keller bezeichnete den Tag der Ankunft ihrer Lehrerin später als wichtigsten Tag ihres Lebens.

Im Video: Helen Keller und Anne Sullivan erklären, wie sie sich verständigen

Ab 1900 besucht Helen Keller das Radcliffe College, lernte unter anderem Deutsch und Französisch und schloss ihr Bachelorstudium 1904 mit guten Noten (cum laude) ab. "Sie war die erste Taubblinde, die an einem amerikanischen College einen Abschluss gemacht hat", sagt Keller-Archivarin Helen Selsdon. Helen Keller hatte sich in den vier Jahren des Studiums jede einzelne Unterrichtsstunde von Anne Sullivan in die Hand buchstabieren lassen.

Schon während ihrer Collegezeit hatte Keller ihr erstes Buch, ihre Biografie, geschrieben. Von da an veröffentlichte sie zahlreiche Artikel, Bücher, Reden. "Und gerade weil sie selbst taubblind war, nahmen die Leute mit großer Aufmerksamkeit wahr, was sie zu sagen hatte", sagt Leslie Stocker, früherer Präsident des amerikanischen Braille-Instituts.

Helen Keller startete eine über 40-jährige Karriere als Lobbyistin für eine bessere, gerechtere Welt. "Sie war unglaublich wichtig, weil sie die Einstellung zu behinderten Menschen und ganz besonders zu Tauben und Blinden verändert hat", sagt Leslie Stocker. "Sie hat diese Aufmerksamkeit genutzt, um auch andere politische und soziale Themen zu behandeln: die Benachteiligung von Frauen, Geburtenkontrolle und andere Anliegen." Mehr als 470 Reden und Essays von ihr sind im Helen-Keller-Archiv zusammengetragen worden.

Im Video: Helen Keller über ihre Anliegen

So setzte Helen Keller sich etwa für die Recht von Farbigen ein, befasste sich mit dem Aufkommen des Faschismus in Europa, später sogar mit der Atomkraft. Ab den Vierzigerjahren reiste sie viel, hielt Reden in fast 40 Ländern. Noch 1955, im Alter von 75 Jahren, war sie fünf Monate lang in Asien unterwegs, um für ihre Anliegen zu werben.

Jedes ihrer Treffen, jeden Kontakt mit Prominenten wie Eleanor Roosevelt oder Alexander Graham Bell, Albert Einstein oder Emma Goldman, John F. Kennedy oder Henry Ford nutzte Keller, um auf Menschen mit Sehbeeinträchtigung aufmerksam zu machen.

Ihr spektakuläres Leben wurde in mehreren Fernseh- und Kinofilmen aufgegriffen, ihr Engagement mit mehreren Ehrendoktorwürden geehrt, etwa von der Harvard-Universität. Am 1. Juni 1968 starb Helen Keller; acht Jahre zuvor hatte sie einen Schlaganfall erlitten und sich aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogen. Wie stark sie die US-Gesellschaft beeinflusst hatte, zeigte sich daran, dass sie in der Washington National Cathedral beigesetzt wurde.



insgesamt 6 Beiträge
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Christian Treber, 04.06.2018
1. Wow
Sehr, sehr beeindruckend, die monumentale persönliche Herausforderung und was Helen Keller draus gemacht hat, mit ebenso beeindruckender Hilfe.
Gérald Klein, 04.06.2018
2. Als Kind...
... bekam ich eine Biographie Helen Kellers geschenkt und das Schicksal dieser Frau hat mich tief beeindruckt. Ich dachte auch lange Zeit, dass fast jedes Kind dieses Buch gelesen habe und musste später feststellen, dass viele Menschen in Deutschland gar nicht wissen, wer Helen Keller ist... Allerdings war ich viele Jahre lang der Meinung, dass Helen Keller schwarze Haut habe. Keine Ahnung, wieso ich als Kind auf diesen Trichter kam, vielleicht weil sie aus Alabama stammte? Ich weiß es nicht. Das Buch hatte jedenfalls keine Fotos, sonst hätte ich ja nicht auf diese Idee kommen können. Gabriele Amann
Marc Koch, 04.06.2018
3. Vermutlich meinten Sie Wilma Rudolph
Auch sie war als Kind behindert und wurde durch harte Arbeit und Willenskraft zur Leichtathletin. Ihr Spitzname war Gazella Nera, sie war nämlich Afroamerikanerin.
Franziska Kreß, 04.06.2018
4. Gerald Klein
Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich sie erst durch den Film mit Anne Bancroft (bemerkenswert unkitschig für einen Hollywoodfilm) von ihr erfahren haben. Danach habe ich ihre Autobiographie gelesen. Wohl zwecklos zu betonen, daß ich von ihr beeindruckt war und noch immer bin. Allein schon der Bildungshunger den sie hatte! Dabei hätte sie jede Ausrede gehabt, um nicht lernen zu müssen.
David Zimmere, 05.06.2018
5. Bisher wusste ich auch nichts von der Dame
Ich werde mich näher informieren. Allerdings steht schon jetzt für mich fest, dass es wohl wenige Menschen auf dieser Welt gibt bzw. gab, die mehr Respekt verdienen. Danke SpOn für die Info.
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