Afroamerikaner im Ersten Weltkrieg Der Soundtrack von Harlems Höllentrupp

Die schwarzen Infanteristen verloren im Krieg keine einzige Schlacht. Hinter der Front sorgte ihre Divisionskapelle für Furore: Die Harlem Hellfighters Band brachte vor 100 Jahren Vorboten des Jazz nach Europa.

NARA

Die Franzosen am Kai von Brest brauchten mehrere Takte Zeit, bis sie den Song erkannten. War das die Marseillaise? Natürlich! Soldaten und Matrosen nahmen Haltung an und salutierten, Zivilisten sangen begeistert mit, als diese schwarze Militärkapelle ihre Nationalhymne mit explosivem Elan und rhythmischem Drive intonierte. So hinreißend hatten die Franzosen ihre Marseillaise noch nie gehört.

Die 65 Musiker waren am Neujahrstag 1918 an der bretonischen Küste gelandet und gehörten zu einem kurz zuvor eingetroffenen US-Infanterieregiment: der einzigen afroamerikanischen Einheit, die im Ersten Weltkrieg in Europa zum Einsatz kam. Die in den USA als "minderwertig" verhöhnten schwarzen Soldaten bewährten sich fabelhaft und sollten als "Harlem Hellfighters" in die Geschichte eingehen.

Das Regiment erhielt das französische "Croix de Guerre"; 171 der 2000 Soldaten wurden für "außergewöhnliche Tapferkeit" ausgezeichnet. "Wir können diese Männer nicht aufhalten", soll ein deutscher Offizier gesagt haben, als sich die Höllenkämpfer im November 1918 dem Rhein näherten, "das sind Teufel. Sie lächeln, während sie töten, und sind lebend nicht zu fassen."

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Harlem Hellfighters: "Sie lächeln, während sie töten"

An der Front verloren die schwarzen Infanteristen keine einzige Schlacht - dahinter sorgte ihre Regimentskapelle für Furore. Die Band der Harlem Hellfighters reiste über 3000 Kilometer durch Frankreich, spielte in Kasernen und Lazaretten für französische, britische und amerikanische Truppen. Vor allem aber begeisterten die Musiker die kriegsgeplagte Bevölkerung.

"Frauen und Kinder weinten"

"Wann immer wir an einem Bahnhof ankamen", schrieb Bandmanager Leutnant Arthur Little, "mussten Polizisten dafür sorgen, dass die Schienen geräumt wurden. Wenn die Band abfuhr, jubelte die Menge endlos weiter, Frauen und Kinder weinten." In den Pariser Tuilerien traten die Hellfighters vor 50.000 Leuten auf - und spielten die British Grenadier's Band wie auch die Kapelle von Frankreichs Republikanischer Garde an die Wand.

Die Hellfighters begeisterten die Menschen mit einem Repertoire, das weit mehr bot als Militärmärsche. So brachten sie Gospelstücke, modische Cakewalk-Melodien, Blues und Semi-Klassik. Ihre Spielweise mit Breaks, Riffs, gestopften Trompeten und gezogenen Posaunen entnahmen sie dem gerade aufkommenden Musikstil des Jazz.

Die schwarzen Soldaten des 369. Infanterieregiments der US-Armee: 191 Tage in Folge im Kampfeinsatz
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Die schwarzen Soldaten des 369. Infanterieregiments der US-Armee: 191 Tage in Folge im Kampfeinsatz

"Als sie den Memphis Blues spielten", schrieb ein Kriegskorrespondent aus Frankreich, "marschierten die Männer nicht länger; stattdessen schien die Musik ihnen direkt in die Füße zu gehen, sodass sie förmlich tanzten." Die Pariser Firma Pathe nahm die Hellfighters auf Platte auf.

Heute gilt die Harlem Hellfighter Band als Wegbereiter des Jazz in Europa: Die Männer um James Europe stimmten die Menschen ein auf die "Eigenarten einer neuen musikalischen Sprache, die im Widerspruch zu allem stand, woran der europäische Musikhörer seit Jahrhunderten gewöhnt war", wie der 2017 verstorbene Musiker und Jazzforscher Ekkehard Jost schrieb.

"Als Neger behandelt"

Nach dem Kriegseintritt der USA 1917war die Kapelle für das 15. Regiment der New Yorker Nationalgarde zusammengestellt worden. Colonel William Haywood, der weiße Regimentskommandeur, wollte "die beste Brass Band in der gesamten US-Armee" mitnehmen - und engagierte James Reese Europe, den bekanntesten schwarzen Orchesterchef.

Für seine Militärband durfte Europe 65 statt der üblichen 28 Musiker anheuern, darunter der Spitzenkornettist Jacon Frank de Braith und, als Tambourmajor, der Tänzer Bill "Bojangles" Robinson. Die Probleme begannen, als die frisch formierte Band mit den Infanteristen des Regiments zur Ausbildung nach South Carolina geschickt wurde. "Bei ihren nördlichen Vorstellungen über Rassengleichheit erwarten die Soldaten wahrscheinlich, wie Weiße behandelt zu werden", empfing sie der Bürgermeister von Spartansburg. Er könne aber "gleich versichern, dass sie als Neger behandelt werden".

Bei der Ankunft in South Carolina gab es Beschimpfungen und Schlägereien, Geschäfte verweigerten den Männern demonstrativ die Bedienung. Die Lage entspannte sich erst, als die Kapelle auf öffentlichen Plätzen spielte und Spartansburgs Handelskammer anfragte, ob die Regimentsband für Tanzmusik im Country Club abkömmlich sei.

Rassismus erlebte die Band ebenso nach der Landung in Frankreich. Im gemeinsamen Camp mit weißen US-Truppen terrorisierte deren Militärpolizei die schwarzen Musiker. Zudem sah General John Pershing, Oberkommandierender der amerikanischen Expeditionstruppe, das Orchester als eine Art Privatkapelle zur Unterhaltung seiner Gäste an.

Darling der Franzosen

Enttäuscht waren auch die für die Front bereiten Kameraden der Musiker: Die US-Armeeführung hatte verfügt, dass die Infanteristen nur als Hilfskräfte in der Etappe eingesetzt werden sollten, etwa zum Entladen von US-Schiffen. Man wollte offenbar vermeiden, dass Schwarze gegen Weiße Krieg führen - nicht einmal gegen die als "Hunnen" verhassten kaiserlichen deutschen Feinde. Erst als die schwarzen Amerikaner dem Kommando einer französischen Division unterstellt wurden, durften sie in den Kampf ziehen.

Umbenannt in das 369. Infanterieregiment der US-Armee waren die Afroamerikaner 191 Tage hintereinander im Kampfeinsatz und errangen mehr Auszeichnungen für Tapferkeit als jede andere amerikanische Einheit. Unterdessen wurde die Band der Hellfighters zum Darling der Franzosen, nachdem sie aus den Diensten von General Pershing entlassen wurde und auf Tournee gehen konnte.

"Die Männer spielten französische Märsche, The Stars and Stripes for Ever, Plantation Songs und Ragtime-Stücke, die die Franzosen noch nie gehört hatten", erinnerte sich der Sänger Noble Sissle an einen Auftritt im Opernhaus von Nantes. Den Hörern erklärte Bandleader Europe, weshalb seine Truppe so anders klang als die europäischen Kapellen: "Wir spielen die Musik zwar so, wie sie geschrieben ist, aber auf die typisch afroamerikanisch synkopisierte Art."

Als Leiter der bekanntesten US-Militärkapelle war James Europe - als einer von ganz wenigen Schwarzen - zum Offizier befördert worden. Dass er nicht nur hinter der Front agierte, beschrieben die Autoren Ken Burns und Jeffrey Ward im Buch "Jazz - A History of America's Music": In der Nacht des 20. April 1918 begleitete er eine französische Patrouille durch ein Stück Niemandsland unter schwerem feindlichen Beschuss. Sechs Wochen später überlebte Europe einen deutschen Gasangriff.

Tödlicher Streit in der Garderobe

Als Verwundeter im Krankenhaus komponierte der Musiker das Stück "On Patrol in No Man's Land" und arrangierte es mit Spezialeffekten für die beiden Schlagzeuger der Regimentsband - Sirenen und Alarmglocken, Artillerieeinschläge und das Rattern von Maschinengewehrfeuer.

Nach dem Krieg kehrten die Harlem Hellfighters nach Amerika zurück. Sie marschierten - mit der Regimentsband an der Spitze - am 17. Februar 1919 auf einer Siegesparade durch die Fifth Avenue. "Niemals in der Geschichte New Yorks", schrieb eine Zeitung, "hat man heimkehrenden Helden einen solch stürmischen Empfang bereitet. Weiße und Schwarze werden wohl lange Zeit nicht mehr gemeinsam an einer solchen überschwänglichen Demonstration teilnehmen."

Leutnant James Europe ging mit seiner Hellfighters Band auf eine triumphale USA-Tournee. Vor einem Konzert in Boston am 9. Mai geriet er in der Garderobe in Streit mit einem seiner Schlagzeuger - und wurde erstochen.

"Der Mann, der unversehrt durch die Feuer und Stahlgewitter des Krieges gekommen war, wurde von einem seiner Musiker umgebracht", trauerte W.C. Handy, der Komponist des St. Louis Blues. James Reese Europe wurde nur 39 Jahre alt.

    Zu Ehren des Musikers wird US-Jazzpianist Jason Moran am 3. November 2018 im Rahmen des Jazzfestes Berlin mit der audiovisuellen Perfomance "James Reese Europe and the Absence of Ruin" auftreten. Mehr Infos gibt es hier.
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Hans-Jürgen Zander, 23.10.2018
1.
ist das der "Mr. Bojangles" aus dem Lied von Sammy Davis Junior? Weiß da jemand was? Ansonsten: Beeindruckende Truppe gewesen. Haben aber keine Anerkennung für ihre Leistungen bekommen, weil sie die "falsche" Hautfarbe haben. Blödsinn, Menschen nach Farbe zu beurteilen und nicht nach Handeln.
Thomas Keferstein , 23.10.2018
2. Im November 1918
war kein Amerikaner am Rhein.Am 11. November 18 standen die deutschen Truppen noch in Ostfrankreich und in Belgien. Danach ging es langsam zurück. Am 12.Dezember erreichten amerikanische Truppen den Rhein und bildeten einen Brückenkopf bei Koblenz.
Wilfried Huthmacher, 23.10.2018
3. @Thomas Keferstein
denselben Fehler finden Sie in einem Artikel von 2013. Dort ist ist vom 18. November die Rede. War der Waffestillstand nicht ein Woche vorher geschlossen worden? Ich frage mich wie die Deutschen die Amerikaner NACH dem Waffenstillstand jemand hätten aufhalten sollen.
Ronald Vopel, 23.10.2018
4. Keine Schlacht verloren?
Eine Schlacht involviert ja wohl mindestens eine Division. Alles andere sind eher Gefechte oder Scharmützel. Dass eine ganze Division von Afroamerikanern irgendwo im Einsatz war und dann auch noch gewonnen hat, bezweifele ich.
Rüdiger Grothues, 24.10.2018
5. An Hans-Jürgen Zander: Stepptanz im Bau
Für Sammy Davis Jr. als Interpret darf wohl gesagt werden: Ja. Geschrieben hat das Lied der Musiker und Songwriter Jerry Jeff Walker, bekannt wurde es aber zunächst nicht durch Sammy Davis, sondern die Nitty Gritty Dirt Band. Der Komponist selber sagte, dass er nicht an Bill "Bojangles" Robinson gedacht habe, sondern an ein eigenes Erlebnis, als er einen alten Tänzer im Gefängnis kennenlernte, der dort schließlich einen Stepptanz vorführte. Zu dem Spannungsfeld fasst Wikipedia ganz gut zusammen: "Dennoch beklagt die Harlemer Kulturhistorikerin Delilah Jackson, dass Walker mit seinem Lied den Namen des eleganten und angesehenen Robinson für einen heruntergekommenen Trinker entlehnt und damit das Vorbild entwürdigt habe. Erst Sammy Davis Jr., seinerseits zeitlebens ein Verehrer Robinsons, erwies für sie durch seine Interpretation des Liedes dem wahren „Bojangles“ Robinson seine Reverenz. Laut Kwame Kwei-Armah verkörperte Davis die Figur des Liedes in einem solchen Ausmaß, dass aus Walkers Mr. Bojangles wieder ein schwarzer Tänzer geworden sei."
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