"Höllenloch" Makronissos Die Insel der Verbannten

Nur einmal im Jahr steuert eine Fähre Makronissos an. Die verlassene Insel steht für ein finsteres Kapitel griechischer Geschichte: die Verschleppung und Folter linker politischer Gefangener, bis heute ein Tabu.

Solveig Grothe

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Im Schatten eines Sockels aus aufgeschichteten Steinen erzählt der alte Mann, wie er nach Makronissos kam. Schon am Morgen brennt die Juni-Sonne unerträglich, die karge Felseninsel offenbart mit staubtrockener Hitze und Stachelgestrüpp ihre ganze Menschenfeindlichkeit.

Als man Grigoris Rizopoulos vor 70 Jahren hierher verschleppte, wusste er nicht, wie lange er würde bleiben müssen. Und was ihn erwartete.

Grigoris Rizopoulos
Solveig Grothe

Grigoris Rizopoulos

13 Kilometer lang, zweieinhalb Kilometer breit vor der Südspitze Attikas - Makronissos ist die Insel der Verbannten. Mit Ruinen, die kein Reiseführer beschreibt. Weil sie nicht etwa aus der glorreichen Antike stammen, sondern für eine andere, finstere Epoche stehen. Nur einmal im Jahr, wenn die Fähre festmacht, bekommen sie Besuch. Sonst ist Makronissos menschenleer, über die Hügel streunen ein paar Ziegen.

Still ist es auch um die Vergangenheit der Insel. Sie hat einen Spalt in der griechischen Gesellschaft hinterlassen, tief und unüberwindbar, wie für die Verbannten die fünf Kilometer Wasser zwischen Eiland und Festland. Ein Tabu, bis heute.

Makronissos war das "Höllenloch", die berüchtigtste griechische Gefängnisinsel. Als sich das übrige Europa von den Folgen des Zweiten Weltkriegs erholte, wurden hier Ende der Vierzigerjahre Menschen weggesperrt, die noch kurz zuvor gegen Hitler und seine Verbündeten gekämpft hatten oder deren Angehörige im Widerstand waren. Wie Grigoris Rizopoulos, heute fast 90.

"Ich wurde im Februar 1948 hergebracht, nach einiger Zeit in verschiedenen Gefängnissen auf dem Festland und anderen Verbannungsinseln. Ich kam in Handschellen. Bei mir hatte ich nur ein bisschen Kleidung und eine Decke. Drei lange Jahre blieb ich auf Makronissos, es fühlte sich an wie eine Ewigkeit."

Wer ihn heute ansieht, kann sich schwer vorstellen, was Rizopoulos so gefährlich machte, dass man ihn in die Verbannung schickte. Ein freundlicher Urgroßvater - weißer Bart, milder Blick, angenehme, tiefe Stimme.

Geplatzte Träume vom Sozialismus

Die Vierzigerjahre waren eine Zeit der Extreme in Griechenland. Nach dem Einmarsch italienischer und deutscher Truppen leistete die Nationale Befreiungsfront (EAM) den größten Widerstand, mit ihrer Nationalen Volksbefreiungsarmee (ELAS), einem Bündnis aus Kommunisten und anderen sozialistischen Gruppen. Massaker, Hunderte zerstörte Dörfer, Hungersnot - die Kriegsfolgen waren verheerend; konservative Kräfte im Land kollaborierten mit den Nazis. Daher fanden die Linken großen Rückhalt in der Bevölkerung. Als die Wehrmacht im Herbst 1944 abrückte, träumten nicht wenige von einem sozialistischen Staat.

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Vergessene Geschichte: Griechenlands andere Ruinen

Die Großmächte aber entschieden anders. Großbritanniens Premier Winston Churchill schlug Josef Stalin die Aufteilung Südosteuropas in "Einflusssphären" vor: Die Sowjetunion sollte die Vorherrschaft in Rumänien und Bulgarien bekommen, die Briten in Griechenland. Stalin stimmte zu. Die UdSSR hatte wenig übrig für die griechischen Genossen: Sowjetische Offiziere beschrieben sie nach einem Besuch des ELAS-Hauptquartiers im Sommer '44 als "Bande von Bewaffneten, die keine Hilfe verdient".

Ebenso entschlossen wie gegen die Besatzer war die kommunistisch geführte Guerilla gegen eigene Landsleute vorgegangen. Im Ringen um territoriale Vorherrschaft übernahm oder liquidierte die ELAS konkurrierende Partisanengruppen. Vor allem aber bekämpfte sie konservative Rivalen und schreckte vor Folter, Mord, Entführungen nicht zurück.

Für einen Moment schien es, als könnte das gnadenlose Brudermorden beendet, ein Bürgerkrieg verhindert werden. Eine "Regierung der Nationalen Einheit" mit einem Viertel der Ämter für die Linken sollte die verfeindeten Lager einen. Bedingung: Alle bewaffneten Verbände waren aufzulösen.

Bruderkrieg: Ab 1941 bekämpften die Griechen nicht nur die Besatzer, sondern auch einander
Solveig Grothe

Bruderkrieg: Ab 1941 bekämpften die Griechen nicht nur die Besatzer, sondern auch einander

Als den Linken indes klar wurde, wie der Neuanfang aussah, verließen sie die Regierung: Die Briten brachten eigene Truppen ins Land - verstärkt durch griechische Royalisten aus dem Exil. Bald gehörten auch Soldaten und Offiziere des rechten Lagers zur regulären Armee, während ELAS-Kämpfern die Aufnahme verwehrt blieb.

Deshalb kam es im Dezember 1944 zu Massendemonstrationen in Athen. Die griechische Polizei feuerte auf Zivilisten, tötete Dutzende, verletzte Hunderte. Die erbitterte 33-tägige Schlacht entschied die Regierung mit britischer Unterstützung für sich. Der Ausgang des Dezemberaufstands ("Dekembriana") zwang die Nationale Befreiungsfront, am 12. Februar 1945 der Entwaffnung und Auflösung der ELAS zuzustimmen. Die aber akzeptierte keine Niederlage und zog sich in die nordgriechischen Berge zurück. Die Kommunisten boykottierten die Wahlen im März 1946, am Vorabend überfiel ihre Guerilla eine Polizeistation und machte klar: Der Krieg geht weiter.

Jagd auf die Linken

Im Land begann eine erbarmungslose Hetzjagd auf Kommunisten und ELAS-Unterstützer. Für den Verdacht, Kriminelle und Mörder zu sein, genügte die Herkunft - wie bei Grigoris Rizopoulos.

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Ankunft auf Makronissos: Inquisition im 20. Jahrhundert

Geboren wurde er als eines von zwölf Kindern in einem Dorf an der Grenze zu Albanien. Vater, Mutter und sein ältester Bruder waren im kommunistischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer.

"Mein Bruder hatte gegen die Invasion der Achsenmächte gekämpft und war zum Offizier befördert worden. Nach der Besetzung setzte er den Kampf mit einer Gruppe von 120 Partisanen fort. Er machte sie mit den Lehren von Marx vertraut. Damals hörte ich zum ersten Mal von der Mehrwerttheorie. Und ich dachte mir: Hier gibt es etwas, für das es sich zu sterben lohnt."

Nach dem Scheitern der gemeinsamen Regierung schloss sich Rizopoulos' Bruder den Kämpfern im Norden an.

"Mein Bruder hatte seine Partisanengruppe nicht entwaffnet. Er kehrte in die Berge zurück, diesmal, um gegen das rechte griechische Regime und für den Sozialismus zu kämpfen. Ich war damals 16. Mein Vater wurde verhaftet, dann meine Mutter, dann mein Bruder; mehrmals hatten griechische Sicherheitsleute sie zusammengeschlagen."

1947 wurden Nationale Befreiungsfront und Kommunistische Partei verboten. Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand und machte Jagd auf Linkssympathisanten, die sie in Verwaltung und Armee vermutete, steckte sie in Gefängnisse, deportierte sie in Straflager und zur Umerziehung an Orte wie Makronissos.

Die Insel hatte da schon eine düstere Geschichte: Während der Balkankriege 1912-1913 existierte ein Gefangenenlager; nach der Vertreibung der orthodoxen Griechen aus Kleinasien war sie Bleibe für Tausende Flüchtlinge, viele starben unter unmenschlichen Bedingungen.

"Sie hatten nur ein Ziel: uns zu brechen"

Im Februar 1947 wurde Makronissos zum Verbannungsort für Menschen unter dem Verdacht, mit den Kommunisten zu sympathisieren. Als "säkulare Inquisition" beschreibt der Historiker Polymeris Voglis die Gehirnwäsche, die aus ihnen loyale Soldaten machen sollte. Sofern sie überlebten. Auf der Insel waren etwa 27.000 Soldaten, 1100 Offiziere und 30.000 Zivilisten interniert, auch Frauen. Grigoris Rizopoulos traf 1948 dort ein:

"Sie haben uns mit nur einem Ziel hergebracht - uns zu brechen. Wir sollten eine 'Reueerklärung' unterschreiben: dass der Gefangene den Kommunismus und die Kommunistische Partei ablehnt und sich verpflichtet, für das Heimatland zu kämpfen, auch wenn es bedeutet, gegen den eigenen Bruder oder Vater zu kämpfen."

Die Häftlinge lebten bei extremer Hitze und Kälte in Zelten, bekamen wenig Wasser und Essen und mussten schwer arbeiten - etwa Steine behauen und sie den Hang hinauf schleppen, zum Bau einer Kirche oder der Kommandantenvilla. Zudem mussten sie Kurse zur nationalen und moralischen Erziehung erdulden. Oft prügelte man auf sie ein. Hunderte starben an den Strapazen, der Folter oder wurden ermordet.

Unterschrieben habe er niemals, sagt Rizopoulos:

"Wir haben zutiefst an die globale Theorie des Marxismus geglaubt, daran, dass die Menschen so leben sollten. Sie haben uns immer wieder geschlagen und steckten uns in Isolationshaft, aber wir gaben nicht nach."

Die griechische Regierung, gestützt durch die Truman-Doktrin der USA, behielt die Oberhand. Am 30. August 1949 endete der bewaffnete Kampf der Linken. 1957 verließen die letzten politischen Häftlinge, 1961 die letzten Militärs Makronissos. Es wurde still um die Insel.

Griechenland blieb Teil der westlichen Welt, mit den Linken als Bürger zweiter Klasse. Der weiter schwelende Konflikt gipfelte 1967 in der Militärdiktatur. Erst eine sozialistische Regierung erkannte 1982 den Kampf der Nationalen Befreiungsfront gegen die deutschen Besatzer als nationalen Widerstand an.

Doch bis heute schweigen griechische Schulbücher über diese Ereignisse und den Bürgerkrieg mit rund 50.000 Toten und 700.000 Vertriebenen. Sechstklässler erfahren im Geschichtsunterricht zu den Konfliktursachen kaum mehr als dies: "Fehler und Versäumnisse beider Seiten und die Eingriffe ausländischer Mächte führten schließlich zu einem Bürgerkrieg."

Griechenlands heutige Regierung, angeführt von der linken Syriza-Partei, möchte das ändern. Im August 2016 sagte Bildungsminister Nikos Filis: "Es darf keine leeren Seiten in Geschichtsbüchern geben (...) Vorhandene Schulbücher nähern sich zeitgeschichtlichen Themen mit Hemmungen. Wir sollten all diese Fragen in die aktuelle Debatte aufnehmen, wie Geschichte künftig gelehrt werden soll."

Makronissos ist so eine "leere Seite". Für die Öffentlichkeit ist die Insel unzugänglich, obwohl sie seit 1989 als geschütztes nationales Denkmal gilt. Besuchen kann man sie nur einmal jährlich - mit dem Schiff, mit dem Rizopoulos und weitere Mitglieder der Panhellenischen Vereinigung Gefangener und Kämpfer von Makronissos kamen. Er nennt es seine "jährliche Wallfahrt".

Rote Fahnen und die "Internationale"

Neuerdings gibt es Pläne, die Gefängnisinsel dem Vergessen zu entreißen. Laut Vorschlag von Parlamentspräsident Nikos Voutsis soll Makronissos Unesco-Welterbe werden - als erstes griechisches Denkmal des 20. Jahrhunderts. Eine Kommission aus einigen Institutionen, früheren Häftlingen und Wissenschaftlern soll die Bewerbung vorbereiten.

"Jährliche Wallfahrt" - mit Hammer und Sichel
Solveig Grothe

"Jährliche Wallfahrt" - mit Hammer und Sichel

Noch ist das nicht passiert. In diesem Juni wälzt sich der Besucherstrom langsam vom Fähranleger den Hang hinauf zu einer Statue: ein Riese mit erhobener Faust, der einen schweren Stein trägt, seine Beine sind mit Stacheldraht gefesselt. Rizopoulos ist der Architekt des Mahnmals.

Die Menschen versammeln sich, entrollen Fahnen - viele rote Fahnen, mit Hammer und Sichel. Eine Frau ruft ins Mikrofon: "Genossen! Wir bleiben unerschütterlich in unserem Kampf für den Sozialismus." Rizopoulos sagt: "Es ist ein harter, fortwährender Kampf. Und wir werden gewinnen." Ein Mann spielt Trompete, Kampf- und Arbeiterlieder erklingen, sie singen "Die Internationale".

Es wirkt wie aus der Zeit gefallen. Aber hier stört sich niemand daran. Dies ist eine verlassene Insel.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Paul Müller, 02.07.2018
1.
Angesichts des grassierenden Populismus fragt man sich schon ob "ordentliche also philosophische Kommunisten" nicht hilfreich bei der Verteidigung der Demokratie sind.
Thomas Schlinkmann, 02.07.2018
2. Jaros, Ikaria...
waren weitere bekannte Verbannungsorte, wobei Ikaria, auch als Kommunisteninsel bekannt, „normal“ bewohnt war, im Gegensatz zu Jaros und Makronissos, die reine Gefängnis-/Verbannungsinseln waren. Auf Makronissos war 1948 auch Mikis Theodorakis inhaftiert...Makrinissos, kurz vor dem berühmten Kap Sounion, gilt als westlichste der Kykladen...
Georg A. Wolf, 02.07.2018
3. Ein Erbe für die CSU
Nicht zu vergessen, dass Franz Josef Strauß dieses brutale Regime unterstützt hat,wie auch die Diktatur in Chile. Die Insel diente später über Jahrzehnte der griechischen Marine als Zielscheibe für Kanonen.
Meinert Peter , 02.07.2018
4. Absurde Diskussion!
Regelmäßig werden linke Gruppierungen als die wahren Freiheitskämpfer heroisiert, in Wirklichkeit hatten sie ähnlich unmenschliche Ziele wie diejenigen, die sie bekämpften. Dort, wo es nicht geklappt hat, ist die Heroisierung trivial. Man sollte lieber da hinschauen, wo sich die Kommunisten durchgesetzt hatten. Vietnam, Nordkorea, Venezuela, Kuba. Anders Denkende wurden (und werden) rücksichtslos eliminiert, eingekerkert, drangsaliert. Reise-, Meinungs- und Pressefreiheit wurden faktisch abgeschafft, die Wirtschaft ruiniert, letztendlich gab es regelmäßig einen ökonomischen, ökologischen und moralischen Bankrott. Und da wundert es jemanden, dass diese Art der Volksbeglückung nicht überall auf Gegenliebe stieß? Am Ende eher höchst human und weitsichtig...
Harry Olschewski, 02.07.2018
5. Richtig schreiben hilft
Ein S zuviel. Wenn man Makronissos sucht, landet man auf Zypern. Also bitte richtig schreiben, Makronisos, dann findet man die Insel, gegenüber von Lavrio.
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