Schräge historische Automaten Konsum auf Knopfdruck

Darfs ein Likörchen sein, ein Spritzer Parfüm? Oder ein neuer Lover? Schon früh kamen Tüftler auf die verwegensten Ideen für Automaten. Hier sehen Sie vergessene Münzmaschinen - manche waren tödlich.

Nina Leen/Time Life Pictures/Getty Images

Von


Wieder nur eine Niete? Oder diesmal das ganz große Los? Gespannt überfliegen die jungen Frauen das Schreiben, das sie soeben aus dem Automaten gezogen haben. Ist es der Mann fürs Leben, der sich hier auf einem schnöden Din-A4-Bogen präsentiert?

Ihr Einsatz ist nicht allzu hoch: Zwei Mark haben die beiden in den wuchtigen Apparat geworfen, der ab Januar 1955 am Lübecker Bahnhof für Aufsehen sorgte. Im Gegenzug spuckte er die Personalien eines paarungswilligen Schleswig-Holsteiners aus, inklusive Umschlag mit Chiffre-Adresse.

Als "Heiratsvermittlungsautomaten" bezeichnete die "Zeit" diese erstmals auch in Deutschland zu bestaunende "amerikanische Erfindung". Eine kleine Revolution, ging es doch um die Rationalisierung der oft so umständlichen Partnerwahl, frei nach dem Motto: Tausche zwei Geldstücke gegen einen neuen Lover.

Naschsucht und Unmoral

Ganz so einfach wars nicht, die Lübecker mussten auch weiterhin kostbare Lebenszeit bei Dates verschwenden. Doch der Anbahnungsapparat zeigt: Die Automatisierung des Alltags treibt nicht erst im 21. Jahrhundert bizarre Blüten, sie griff schon viel früher um sich. Während manche der stummen Verkäufer schnell wieder verschwanden, lösten andere regelrechte Kulturkämpfe aus. Der Schokoladenautomat zum Beispiel.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts beglückte der Kölner Schokoladenfabrikant Ludwig Stollwerck die Deutschen mit gusseisernen Süßwaren-Ungetümen. "Jugendverderber", schimpften vor allem Pädagogen: Die Apparate würden Kinder zu Naschsucht verleiten, obendrein zu Unmoral durch die Verführung, Hosenknöpfe statt echter Münzen einzuwerfen. Geistliche sahen in den Schoko-Automaten eine Bedrohung der Sonntagsruhe und der gottesdienstlichen Andacht; die Konkurrenz wiederum witterte unlauteren Wettbewerb.

Vielerorts erließen die Behörden laut Stollwerck-Chronik von 1939 Sondersteuern oder versuchten, die Aufstellung gleich ganz zu verhindern. Vergebens: Der Siegeszug der Groschengräber, Inbegriff von Modernität und Rationalisierung, war nicht aufzuhalten. 1893 gab es bereits 15.000 Stollwerck-Automaten in Deutschland, ein Jahr später allein in New York bereits 4000.

Fotostrecke

30  Bilder
Bizarre Automaten: Nackerte, Nylonstrümpfe, Nudelsuppe to go

Zahnstocher und Nähnadeln, Briefpapier und Klopapier, Seife und Bleistifte - schon um die Jahrhundertwende spuckten die Automaten eine wachsende Produktpalette industriell gefertigter Massenware aus.

"Neue Waffe gegen Schundliteratur"

Ob an Bahnhöfen oder auf Ozeandampfern, in Seebädern, Kaufhäusern oder Cafés: Ab sofort konnte jeder für ein paar Münzen am Segen des Kapitalismus teilhaben. Und dabei sogar noch ein besserer Mensch werden: Als "neue Waffe gegen die Schundliteratur" an Kiosken pries der Reclam-Verlag Anfang des 20. Jahrhunderts seine Bücherautomaten. 1914 standen sie bereits an 1600 deutschen Bahnhöfen.

Wahrsage-Automat: 50 Pfennig für die Zukunft
imago/Kraft

Wahrsage-Automat: 50 Pfennig für die Zukunft

Mit fortschreitender Technik wurden die Automatenerfinder immer kreativer. Sie entwickelten die abstrusesten Konsum-to-go-Ideen: Bald gab es Parfümautomaten, Münzrasierer und "Likörtankstellen", die auf Knopfdruck Hochprozentiges ausschenkten. Ab 1896 eroberten Automatenrestaurants von Deutschland aus die Welt und machten Kellner arbeitslos.

Jahrzehnte später konnten sich Angler im US-Bundestaat Colorado Würmer aus dem Automaten fischen. In England spuckte ein Apparat bereits glimmende Zigaretten aus. Ein anderer versprach, die eilige Frau zu schminken: Farbtöne einstellen, Kopf in die Öffnung stecken, Kurbel nach rechts drehen - und beten, dass das Make-up an den richtigen Stellen im Gesicht landet. Großer Beliebtheit erfreuten sich auch die Kraftmesser-, Foto- und Wahrsageautomaten auf den Jahrmärkten.

Zeitbombe im Koffer

Weit weniger harmlos: der "Prof. Röntgens X-Strahlen-Automat", 1896 von Carl Buderus aus Hannover entwickelt. Der Kasten versprach, "nach Einwurf eines 10-Pfennig-Stückes nicht nur seine eigene Hand, sondern auch fremde Gegenstände wie Holz, Leder, Papier usw. durchleuchten zu lassen", so die "Zeitschrift für Instrumentenbau" von 1897.

Von den verheerenden Folgen früher Röntgengeräte wusste man anfangs wenig, und auch als Röntgenpioniere längst an Strahlenschäden gestorben waren, blieb der Automat noch lange im Einsatz, laut Historikerin Cornelia Kemp bis nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nur eine Münzmaschine war ebenso gefährlich - obwohl sie den Menschen doch die Angst vorm Fliegen nehmen sollte. In den Fünfzigerjahren konnten Reisende vor dem Abflug Versicherungspolicen aus Automaten in den Wartehallen zahlreicher Flughäfen ziehen. Genau so einen Apparat steuerte am Morgen des 1. November 1955 Jack Gilbert Graham am Flughafen von Denver an, warf sechs 25-Cent-Stücke ein und schloss für seine Mutter Daisie eine Lebensversicherung im Gegenwert von 37.500 Dollar ab.

Am Vorabend hatte der Mechaniker, damals 23, eine Bombe in Daisies Koffer gelegt und als Weihnachtsgeschenk getarnt. Sie detonierte um 7.03 Uhr, alle 39 Passagiere und die fünf Crewmitglieder starben. Im FBI-Verhör gab Graham zu, dass er die Versicherungssumme für die tote Mutter kassieren wollte - er landete in der Gaskammer.

Belletristik per Knopfdruck: Der Lesomat

Die Versicherungsautomaten schafften es nicht ins 21. Jahrhundert. Auch der Lübecker Heiratsvermittlungsautomat erwies sich als kein zukunftstaugliches Geschäftsmodell, ebenso eine 1993 in Japan aufgestellte Maschine mit gebrauchter Mädchenunterwäsche. Was Tüftler nicht von immer neuen, noch abgefahreneren Apparaten abhält.

Zum Beispiel der französische Automat für Kurzgeschichten: Seit Oktober 2015 werden die weltweit ersten Lesomaten in Grenoble getestet. Je nach Lesezeit (eine, drei oder fünf Minuten) drückt man die Ziffern 1, 3 oder 5 und bekommt per Zufallsprinzip einen der rund 600 Texte auf einer Art Riesenkassenbon ausgedruckt.

Angetreten sind die Macher der Geschichtenmaschine mit dem gleichen hehren Anspruch wie einst Reclam vor gut 100 Jahren: "Wir versuchen, die Literatur zu retten", so Mitbegründer Christophe Sibieude.



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Emil Peisker, 04.05.2016
1. Vergessenes...
Der Beitrag schifft um die "Überlebenden" der Verkaufsautomaten herum. Als wichtigste die Zigarettenautomaten. Dann die Süßigkeitsautomaten, und nicht zu vergessen, denn "darüber spricht man nicht", die Kondomautomaten. Die kleine Anzahl von Getränkeautomaten stehen meist in Hotels und überwachten Einrichtungen.
D Brueckner, 04.05.2016
2. Ikens Artikel...
...sind mit großem, großem Abstand das Beste was der SPON zu bieten hat. Informativ, matter of fact, unterhaltsam.
Gerhard Meyer, 04.05.2016
3. am Ende tödlich
Der Strahlenautomat zeigt wie gläubig doch wir Menschen in neue Techniken sind. Manches aber würde man sich auch heute noch wünschen, wie den Regenmantel oder Schirm aus dem Automat. Ein toller Artikel den ich gerne gelesen habe.
Tilman Disselkamp, 04.05.2016
4. Einer geht noch...
Es fehlt der Hitdorfer Eierautomat.
Klaus Taubert, 04.05.2016
5. Fehlender Automat
Alles sehr interessant und lesenswert. Aber ein Gerät fehlt. In der DDR soll es den so genannten Bananen-Automaten gegeben haben. Wenn man oben zwei Bananen hineinsteckte, kam unten eine Mark heraus. Der andere Automat hat in der Berliner Keibelstraße gestanden. Man nannte ihn auch Polizeipräsidium. Warf man oben einen Stein ins Fenster, kam unten ein Schutzmann heraus... Na ja, man kann nicht alles kennen. (Übrigens kursierten diese Witze schon in der DDR.)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.