Wie die Zeit vergeht mit... Eiscreme, cooler Welterfolg

Diese Hitze! Jetzt hilft nur ein Eis. Die Italiener haben's nicht erfunden. Wo früher Eiscreme entstand, wie eine Reifenpanne das Softeis brachte, welche Eisdiele 860 Sorten anbietet: Schauen Sie einmal hier.

William Gottlieb/ Corbis/ Getty Images

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Als Italo Marchioni 1895 aus den Dolomiten in Ellis Island ankam, ahnte er wohl, dass er es als Immigrant nicht leicht haben würde. Das "i" am Ende seines Namens ersetzte er flugs durch ein "y" - damit man ihn für einen Franzosen statt für einen Italiener hielt.

Mit einem Handkarren lief er täglich die New Yorker Wall Street ab und verkaufte Zitroneneis in Whiskeygläsern. Im Nu hatte Marchiony so viele zufriedene Kunden, dass er und seine Angestellten bald mit 50 Karren durch die Stadt zogen.

Die Gläser abzuwaschen kostete aber viel Zeit, oft ging etwas zu Bruch. Bis Marchiony sein Eis in gefalteten Papiertüten anbot. Um Abfall zu vermeiden, experimentierte er dann mit Teig und testete in einer Garage seinen selbst entwickelten Backautomaten für knusprige Hörnchen: Die essbare Eiswaffel war erfunden.

Schnee, Rosenwasser, Nudeln

Zumindest die Waffel ist die Kreation eines umweltbewussten Italieners - aber das Eis selbst wurde gar nicht im Stiefelstaat erfunden. Eislager soll es bereits im alten China gegeben haben. Und der Grieche Hippokrates, wohl bekanntester Arzt des Altertums, war überzeugt, Wassereis könne die Lebenssäfte stärken und Schmerzen lindern. Im antiken Griechenland verfeinerte man dafür Schnee mit Honig und Früchten.

Die Perser stellten Eis aus Nudeln und Rosenwasser her und würzten es mit Safran; in China wurden Milch und Reis mit gefrorenem Wasser vermischt. Im vierten Jahrhundert nach Christus brachten die Sarazenen den Zucker nach Sizilien, wo er mit Schnee vom Vulkan Ätna und Fruchtsäften zu Sorbets verarbeitet wurde.

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In Europas Neuzeit war dieser Genuss lange ein Privileg der Reichen. Um 1800 fielen Frauen aus der Pariser Schickeria mit ihren Schoßhündchen in Cafés ein und stürzten sich auf die kühlen Desserts. "Pariserinnen sind die anmutigsten Frauen, selbst wenn sie gierig essen", frotzelten damals Kommentatoren.

Einige Jahrzehnte später in London verkaufte Carlo Gatti, Geschäftsmann aus der italienischen Schweiz, Eiscreme an mobilen Ständen und brachte sie damit unters Volk. Noch musste die rasch schmelzende Pracht mit Natureis in Form gehalten werden. Zum Massenprodukt wurde Eiscreme erst, als moderne Kühlsysteme verfügbar waren: Der deutsche Ingenieur Carl von Linde, Spitzname "Eiskönig", entwarf 1876 eine Kältemaschine, die mit Ammoniak arbeitete - den Ur-Kühlschrank.

Noch 'ne Kugel Leberwurst-Eis?

Unternehmen wie Langnese und Schöller begannen in den Dreißigerjahren, große Mengen Speiseeis in Fabriken herzustellen. Theo Schöller erlag der süßen Versuchung, als er 1935 in einem Berliner Varieté ein Eis am Stiel probierte. "Ich möchte mal Eis fabrikmäßig in großen Mengen herstellen und in allen Geschmacksrichtungen in eigenen Lkw-Kolonnen in ganz Deutschland vertreiben", erklärte er seinen offenbar feixenden Gesprächspartnern selbstbewusst - "da braucht ihr gar nicht so zu grinsen".

Fast zeitgleich brachte ein anderer Eispionier, der Grieche Tom Carvel, in den USA das Softeis auf den Markt. Als sein Lieferwagen 1934 mit einer Reifenpanne im Bundesstaat New York liegenblieb, fand die dahinschmelzende Ladung derart reißenden Absatz, dass Carvel ein Geschäftsmodell daraus machte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Kühlschränke auch für Privathaushalte erschwinglich, der Siegeszug von Eiscreme war nicht mehr zu stoppen. Allein in Deutschland versiebenfachte sich der Absatz zwischen 1956 und 1964, wie der SPIEGEL berichtete. Den Deutschen zergingen demnach in nur einer Saison 140 Millionen Liter Speiseeis auf der Zunge; für den Nachschub mussten rund 35.000 Kühe gemolken werden.

Mittlerweile gibt es Eis in den verwegensten Geschmacksrichtungen - von Roquefort und Sellerie bis hin zu Forelle, Leberwurst oder Chili-Wodka-Gurke. Besonders experimentierfreudig ist Manuel da Silva Oliveira: Sein Eiscafé Coromoto im venezolanischen Merida bietet gut 860 Variationen an, was ihn 1996 ins Guinness-Buch der Rekorde brachte. Die Sorte 593 zum Beispiel, "Chipi chipi", schmeckt nach Krustentier.

Trotz aller Auswahl bewahren sich die Deutschen einen eher konservativen Geschmack: Laut Statistik entscheiden sich die meisten Frauen für Schokolade, Männer bleiben der guten alten Vanille treu.

Mitarbeit: Philine Gebhardt

insgesamt 7 Beiträge
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St D, 02.06.2018
1. Schräg
860 sorten? Wer behält da den überblick??? Ich finde allerdings eis muss süss sein, daher finde ich auch kreationen mit sellerie oder mit currywurst geschmack absolut gruselig. Schokoladenspagettieis mit krokant ... das ist super, gleich mal mit kalorien für eine woche *g*
Thomas Müller, 02.06.2018
2. Was...
... habe ich als Kind Softeis geliebt, und durfte es doch nur selten essen, wegen der Salmonellen. Heute liebe ich es immer noch, nur von Salmonellen spricht keiner mehr.
scottbreed, 02.06.2018
3. Na da bin ich anders
Vanille und Schokolade geht garnicht. Dann lieber andere Sorten.
R Schückle, 03.06.2018
4. Wasser oder Milch
Milch ist für mich der Todesstoß für den reinen, fruchtigen Geschmack von Eis. Gleiches gilt auch für Sahne. Richtig gutes Eis besteht aus Früchten oder Gemüse.
Arno Nymokoulos, 03.06.2018
5. 860 Sorten und Überblick
Den Überblick behält der Inhaber des besagten Eiscafes in Merida locker, denn die Eissorten sind numeriert. Es gibt (oder besser gab - die Versorgungslage in Venezuela ist derzeit bekanntlich extrem prekär) dort fast nichts, was es nicht gibt. Die meisten Sorten sind aber wohl eher dem Experimentierwillen geschuldet und keineswegs kulinarische Höhenflüge. Ich hatte dort vor vielen Jahren nicht nur leckeres "Standard-Eis" gegessen sondern auch Bier-Eis gekostet, das sogar in mehreren Sorten angeboten wurde. Meine Meinung: Das örtliche Polar ist zwar für deutsche Kehlen gut trinkbar, aber als Eis muß man das wirklich nicht haben. Gleiches trifft auf einige andere exotische Eissorten zu, die ich probieren durfte.
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