Marzal-Nachbau Lamborghini aus Ostwestfalen

Der Lamborghini Marzal gehört zu den sinnlichsten Studien der Autogeschichte. Weltweit existiert nur ein Prototyp - und der Nachbau eines Familienvaters aus Ostwestfalen. Dabei hat sein Schöpfer das Original nie gesehen.

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Das Haus von Eugen Frommelt sieht auf den ersten Blick aus wie alle anderen in der Straße auch. Gepflegter Garten, in der Auffahrt steht ein silberner Golf. Doch etwas ist anders, einzigartig, und man merkt es erst, wenn man fast vor der Haustür steht. Dann fällt der Blick auf ein Auto in Form eines flachen, roten Keils.

Eugen Frommelt ist Schöpfer des Wagens, er hat ihn entworfen und lässt ihn doch jedes Mal links liegen. Tag für Tag steigt er, ganz banal, in den silbernen VW. Seit 1992 steht der rote Exot vor dem großen Haus bei Bad Salzuflen. Zwei Holzscheite hindern ihn am Wegrollen.

Das war mal anders. In der Beziehung von Traumautos und ihren Besitzern gibt es viele Gründe für einen Bruch. Die Geburt des ersten Kindes zum Beispiel. Plötzlich geht Stauraum vor Design, Sicherheit vor Fahrspaß. Auch Eugen Frommelt war 1978 kurz davor, Vater zu werden. Freunde fragten damals, ob er den Marzal behalten oder sich nun ein "vernünftiges" Auto zulegen werde.

Frommelt sitzt in einem braunen Sessel und erinnert sich an diesen Moment. Neben ihm seine Frau Edelgard auf einem ausladenden, ebenfalls brauen Sofa, hinter ihr türmt sich eine dunkle Schrankwand im Wohnzimmer auf. Stünde nicht der Flatscreen-Fernseher in der Ecke, man könnte meinen, es wäre immer noch 1978, das Jahr, in dem seine Tochter geboren wurde.

Eugen Frommelt ist 75 Jahre alt und das, was man wohl einen rüstigen Rentner nennt. Er strotzt nur so vor Energie. "Nein!", sagt er dann plötzlich so entschlossen, als stünde die Frage seiner Freunde immer noch im Raum. Der Marzal sollte bleiben - er ist auch nicht irgendein Traumauto, Frommelt hat seines mühsam selbst gebaut.

Ein Traum in 1:43

Eugen Frommelts Traum begann ganz klein, mit einem Spielzeugauto im Maßstab 1:43. Sein Neffe brachte 1968 einen kleinen Lamborghini aus dem Urlaub am Gardasee mit. Das Modell eines Marzal. Das Spielzeug war ziemlich demoliert, er war trotzdem fasziniert: "So ein Ding müsste man mal bauen", schoss es dem heute 75-Jährigen durch den Kopf.

Der originale Lamborghini Marzal
Lamborghini/ Fabio Principe

Der originale Lamborghini Marzal

Gedanken oder Tagträume wie diese haben viele Menschen. Aber nur wenige setzen sie in die Tat um. Frommelt, gelernter Elektriker, machte sich an die Arbeit. Zwanzig Stunden die Woche, rund drei Jahre lang. Und baute aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) einen Marzal, zumindest so ungefähr.

Ein Designtraum mit gläsernen Türen

Dass Frommelt dem Marzal erlag, können Lamborghini-Fans sofort verstehen. Die Studie, entworfen vom Designer Marcello Gandini für den Karosseriebauer Bertone, debütierte 1967 auf dem Autosalon in Genf. Das Blechkleid, um einen halbierten V-12-Motor von Lamborghini herum entworfen, war so lasziv wie kaum ein anderes der Automobilgeschichte.

Zwei gigantische Flügeltüren, nahezu komplett aus Glas, gestatteten ungehinderte Einblicke in den Innenraum. Möglicherweise ein Grund, warum Firmenchef Ferrucio Lamborghini den Marzal mit seinem radikalen Design nie in Serie einführte. Immerhin wurden die elegante Grundlinie und viele Details später beim Lamborghini Espada umgesetzt.

Eleganz ist nicht unbedingt das erste Wort, das einem beim Betrachten von Frommelts rotem Keil einfällt. Die Abweichungen vom Vorbild lassen sich erklären: Viele Teile für seinen Flitzer suchte sich der Bastler mühsam zusammen: Die Windschutzscheibe lieferte der NSU Ro 80, die Scheinwerfer kamen vom VW 411, die Blinker vom Opel Kapitän, die Rückleuchten aus dem BMW E3, das Fahrgestell spendete ein VW 1600. Daraus ergibt sich auch der größte Unterschied zum Vorbild: "Das Fahrgestell des Lamborghini ist locker einen halben Meter breiter", sagt Frommelt.

Die Karosserieteile gingen Ruckzuck

Als er alles zusammen hatte, begann die Puzzle-Arbeit: "Anhand der Teile habe ich errechnet, wie lang die übrigen Kanten der Karosserie werden müssen, damit die Proportionen stimmen", erklärt Frommelt. Für die Nachbildung der Karosserie habe er eine Form aus Holz und Spanplatten gebaut, erinnert er sich. Sie sollte das Negativ für die Karosserieteile aus glasfaserverstärktem Kunststoff werden. Eine kleine Ewigkeit feilte Frommelt nach der Arbeit im Schuppen der Schwiegereltern an der Form. "Dagegen war das Abformen der Teile später ein Klacks".

Stoisch verfolgte er sein Projekt und ließ sich auch von Problemen nicht beirren. Vor allem die Flügeltüren, die Frommelt am Marzal so fasziniert hatten, bereiteten ihm Kopfzerbrechen. Leicht mussten sie sein, aber trotzdem stabil genug für den TÜV. "Da ist viel danebengegangen, ich war ja Bastler und kein Wunderheiler", sagt er und lacht.

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Eigenbau: Der Lamborghini aus Westfalen

Das merkt man bis heute: Beim Original versteckten die Ingenieure die Schlösser geschickt in A- und B-Säule. Bei Frommelts Marzal ist das Öffnen und Schließen etwas fummelig. Auch die Dämpfer der Flügeltüren sind nicht optimal platziert. Sie sind zwar Einzelanfertigungen, aber mittig angeschlagen und deshalb für Fondpassagiere beim Ein- und Aussteigen im Weg. Bei Bertone hatte man sie knapp unterhalb des Daches montiert, so geben sie den Weg auf die Rückbank frei.

Maßgeschneiderte Schalensitze

Das Interieur war, im Gegensatz zu den Türen, schnell fertig. Den Drehzahlmesser spendete ein Porsche, die Schalensitze sind eine Maßanfertigung. "Ich habe mich einfach in einen Sandhaufen gesetzt und den Abdruck mit Kunststoff ausgesprüht. Davon habe ich die Sitze abgeformt. Die sind mir auf den Leib geschneidert", sagt Frommelt.

Nach endlosen Arbeitsstunden war es 1972 endlich so weit: Mit roter Nummer ging es nach Hannover zur Einzelabnahme. "Der Prüfer war streng, aber sehr human", erinnert Frommelt. Der Eigenbau bekam den Segen des TÜV und wurde das einzige Auto der Familie. Sie fuhren mit dem Wagen sogar zweimal nach Spanien in den Urlaub. Edelgard Frommelt breitet Fotos auf dem Tisch aus, auf denen der Wagen in der Sonne glänzt, damals noch knallgelb lackiert. Stolz leuchten Eugens Augen, während er die Fotos ansieht. Dabei wäre sein Traum auf einer Landstraße dort beinahe zu Ende gegangen.

"Da wollte so 'n Fritze in seinem Seat zeigen, was er kann und ist mir schräg hinten drauf gefahren," erinnert sich Frommelt. Der Marzal landete im Straßengraben, bestand den unfreiwilligen Crashtest aber souverän: Der Seat zerschellte förmlich an der Kunststoffkarosserie aus Ostwestfalen. "Bei uns war nur die Batterie kaputt."

Ein Star in Ostwestfalen

Das Leben mit dem Eigenbau war nicht immer einfach. Parkhäuser waren tabu, der Marzal setzte bei den Rampen vorne auf - kaum verwunderlich, der vordere Überhang des Wagens ist deutlich länger als der des ohnehin schon unpraktischen Originals. Aber auch die Flügeltüren machten die Sache nicht leichter, erinnert sich Frommelts Frau Edelgard: "Wenn jemand nah am Auto parkte, ging die Tür nicht mehr auf".

Im beschaulichen Ostwestfalen war das Auto eine kleine Sehenswürdigkeit. "Wenn wir einsteigen wollten, stand immer eine Schar Leute um das Auto," erinnert sich Edelgard Frommelt. "Und haben wahrscheinlich hinterm Rücken den Vogel gezeigt", fügt Eugen lachend an.

Der Wagen gefiel den Leuten - sogar so sehr, dass ein zweiter gebaut wurde, für einen Bekannten aus Dänemark. Er bezahlte das Material, Eugen Frommelt machte den Rest: "Die Form war ja da, da habe ich dann den zweiten rausgezogen." Heute ist Frommelts Marzal der letzte Überlebende, das dänische Exemplar hatte einen Unfall und wurde nicht mehr repariert.

Der Letzte seiner Art

Einen weiteren wird es auch nicht mehr geben. Frommelts Blick verfinstert sich. Dann erzählt er, dass es noch einen weiteren Interessenten gab, er aber keinen weiteren Wagen bauen wollte. Mit diesem einigte er sich so: Frommelt stellte ihm die Formen für die GfK-Karosserie leihweise zur Verfügung. Eine verhängnisvolle Entscheidung.

Der Mann beging beim Abformprozess einen Anfängerfehler, der die jahrelange Arbeit Frommelts innerhalb weniger Sekunden zunichtemachte: "Der hat kein Trennmittel aufgetragen. Dann kriegt man das Fiberglas aber nie wieder raus." Das Ganze ist jetzt knappe vierzig Jahre her, aber der Zorn darüber ist bei Frommelt immer noch nicht verraucht. "Der hat beruflich mit Glasfaser gearbeitet!", ruft er, wie so etwas einem Profi passieren könne, sei ihm unerklärlich. Er muss sich sammeln. Hätte er nicht neue Formen bauen können? Er winkt müde ab: "Danach hatte ich keine Lust mehr."

Sein eigener Marzal spulte als Letzter seiner Art weiter fleißig Kilometer ab. Bis 1992 diente der Wagen als Familienkutsche. Dann die Hiobsbotschaft: Bodenblech durchgerostet, eine neue TÜV-Plakette war damit quasi unerreichbar. "Dass ich das Fahrgestell des VW 1600 als Basis verwendet habe, war mein größter Fehler", gesteht Frommelt. Der Wagen wurde bei VW nur wenige Jahre gebaut, ein Ersatz fand sich wegen der geringen produzierten Stückzahl nicht. "Ein Karosseriebauer hätte das sicher schweißen können, aber ich wollte da nicht rumpfuschen".

Audi statt Marzal

Also kaufte die Familie einen Audi. Heute ist der längst verkauft, dabei war er streng genommen Frommelts Erstkontakt mit "normalen" Autos: Sein erster Wagen war ein Colani GT, ein Kit Car basierend auf dem VW Käfer. Auf dessen Fahrgestell saß eine GFK-Karosserie aus der Feder von Luigi Colani. Die weckte auch Frommelts Leidenschaft für das Basteln mit dem Kunststoff.

Wenig später kaufte er einen Käfer und veränderte dessen Karosserie selbst mit GFK-Teilen. 1968 mussten Colanis Rundungen dann den Kanten von Bertone weichen, der Marzal, von ihm liebevoll "Frommelt GT" getauft, ersetzte den umgebauten Käfer. Auf die Frage, ob er ein Autonarr sei, winkt Eugen Frommelt ab. "Ein Auto ist ein Gebrauchsgegenstand. In die Form habe ich mich verliebt!"

Seit 1992 wartet der rote Keil nun in der Auffahrt, jedes Mal, wenn Eugen Frommelt durch die Haustür geht, muss er an ihm vorbei. Ob ihm das wehtut? "Heute vermisse ich den Wagen nicht mehr", erklärt er nach langem Nachdenken und senkt den Kopf. Den Wagen noch einmal fahren, das würde er schon gern. "Aber so viel Arbeit, wie das wäre, das schaffe ich nicht mehr."



insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
fassadensprayer 24.06.2018
1. RESPEKT Herr Frommelt !
Und ich kann Sie gut verstehen. Der Marzal blieb immer mein Traumauto. Ich hatte drei - als Matchboxautos.
ericstrip 24.06.2018
2. Irgendwann...
...wird hoffentlich jemand dieses Fahrzeug wieder auf die Straße bringen. Ich finde die Geschichte sehr schön. Da hat sich jemand seinen Traum selbst erfüllt, etwas eigenes gemacht. Klar kann man überheblich darüber lächeln, daß das Auto dem Marzal nur mit Wohlwollen entfernt ähnlich sieht. Aber: Erst einmal selbst so etwas bauen, was dann auch noch zwanzig Jahre im Alltagsverkehr hält. Und wer sich alles ohne Probleme selbst kaufen kann, möge ohnehin schweigen.
axelkl 24.06.2018
3. Ja...
...der Wagen sieht dem Original wirklich total ähnlich.
RalfBukowski 24.06.2018
4. Omg
"damit die Proportionen stimmen" Was? Wo? Was stimmt da? Und wozu macht sich jemand die ganze Arbeit? Wenn man schon dabei geht und ein Auto mit so einem Aufwand baut - dann kann man das doch auch richtig machen und zusehen, das was Ordentliches dabei raus kommt. Und nicht so ein Hühnerkram. Nein, dafür habe ich kein Verständnis (auch nicht unter der Prämisse "da hat jemand was eigenes gebaut").
Nelkenghetto 24.06.2018
5. hä?
"Beim Original versteckten die Ingenieure die Schlösser geschickt in A- und B-Säule. " Die A-Säule ist an der Windschutzscheibe, die B-Säule hinter den Türen. lt den Bildern wurden die Schlösser am Schweller verbaut :D aber ok der Redakteur weiss es sicherlich besser
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