DS X E-Tense Ab in die Zzzzzzzzzzzzzukunft

Heulend und sägend - so klingt der DS X E-Tense bei seiner ersten Fahrt. Das Auto aus dem PSA-Konzern gibt einen Ausblick, wie Mobilität im Jahr 2035 aussehen könnte. Autor Michael Specht wurde es mulmig.

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Käseglocke über dem Kopf, Glasboden unter den Füßen: Das Design des DS X E-Tense kommt cool daher, fühlt sich in unserem Jahrhundertsommer aber an wie Backofen. Klimaanlage? Fehlanzeige. Der Blick nach links zum Fahrer macht neidisch. Er sitzt - anders als ich auf dem Beifahrersitz - im Freien und reckt den Daumen nach oben. Sein Zeichen, dass es losgehen kann.

Mit Heulen und Sägen schießt der elektrisch angetriebene DS X E-Tense nach vorn. Es ist der Sound einer kaputten Straßenbahn. Er umrundet auf dem abgesperrten Militärflughafen von Vélizy-Villacoublay gekonnt ein paar Pylonen, bremst scharf, beschleunigt brutal, federt hart und steuert nach ein paar Minuten wieder das Basislager der Mechaniker an. Nach dieser kurzen Testrunde ist mir nicht nur heiß, sondern auch schlecht. In Gedanken flehe ich: Leute, öffnet bloß die Kanzel.

Endlich wieder Luft - Autor Michael Specht muss erst einmal durchatmen
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Endlich wieder Luft - Autor Michael Specht muss erst einmal durchatmen

Willkommen in der Zukunft von DS. Das Kürzel steht für die selbsternannte Premium-Marke des französischen PSA-Konzerns. Eine sehr junge Marke, die erst 2014 gegründet wurde. DS möchte am liebsten mit dem Wort "Avantgarde" in Verbindung gebracht werden, anders sein als die anderen und imagemäßig die "Göttin" DS beerben, jene revolutionäre Citroën-Limousine, die 1955 die Branche und das Publikum in Staunen versetzte. Im Design war die DS der Konkurrenz um Jahrzehnte voraus.

Asymmetrisches Design

Ob dies bei der Karbon-Flunder X E-Tense auch so sein wird, mag ein jeder selbst beurteilen. Einzigartig und voller neuer Ideen ist sie auf jeden Fall. Exterieur-Designchef Frédéric Soubirou sprudelt nur so vor schrägen Visionen, angefangen bei der Asymmetrie des 4,70 Meter langen und zwei Meter breiten Gefährts. Links die offene, speedster-ähnliche Fahrerkabine, zugänglich über eine Schmetterlingstür. Für die Passagiere rechts (zur Not sitzen zwei hintereinander) eine Glaskanzel, deren Einstieg eine riesige Flügeltür freigibt.

"Inspirieren lassen haben wir uns vom Motorrad mit Seitenwagen", sagt Soubirou. Die Asymmetrie spiegelt sich auch in der Front- und Heckansicht wider. Der Grill - an ihm kleben 320 unterschiedlich große Rhomben aus Chrom - sitzt natürlich nicht mittig, sondern ist zur Fahrerseite hin positioniert und verläuft fließend nach oben in die Motorhaube. Und weil Frédéric Soubirou nicht die üblichen separaten Scheinwerfer haben wollte, werfen jeweils vier centgroße Mini-LEDs Abblend- und Fernlicht auf die Straße.

Es versteht sich fast von selbst, dass auch das Interieur jene Extravaganz ausstrahlen soll, mit der DS schon jetzt versucht, die Marke zu etablieren. Rechts mag man kaum einsteigen, aus Angst, mitsamt dem Fußboden nach unten durchzubrechen. Er ist aus Glas, wie bei Touristenbooten in Ägypten. Kommt so etwas später in Serie, wäre es wohl angebrachter, um Kratzer zu vermeiden, nur mit Socken einzusteigen, sonst ist das schöne Erlebnis, den Asphalt unter sich hindurchwischen zu sehen, dahin.

Exterieur-Designchef Frédéric Soubirou (l.). Der Grill geht fließend in die Haube über
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Exterieur-Designchef Frédéric Soubirou (l.). Der Grill geht fließend in die Haube über

Am Fahrersitz, so erzählt Andreas Stump, Leiter Advanced Interior Design, habe man monatelang getüftelt. Der Sessel geht fließend in die Seitenwände über und umgibt den Fahrer wie eine Kokon-Schale. Bereits beim Anblick fragt man sich, wie hier denn wohl die Verstellung funktionieren soll? Ganz einfach: clever, aber hochgradig kompliziert. Die lederumnähten Karbonblätter an den Seitenwänden liegen versetzt übereinander, so als würde man Spielkarten auffächern. Wird der Knopf betätigt, fährt die gesamte Einheit aus Sitz und Wänden vor oder zurück. Ein einmaliges Schauspiel. Dem Fahrer selbst soll im X E-Tense ein Minimal-Cockpit genügen. Knöpfe gibt es nicht. Infos werden auf einem transparenten Bildschirm angezeigt oder über Hologramme.

Zwei E-Motoren bilden den Antrieb

Selbstredend, dass der DS X E-Tense ein Elektroauto ist. Erstens mischt die französische Marke kräftig in der Formel E mit und zweitens hat man verkündet, ab 2025 nur noch elektrifizierte und vollelektrische Fahrzeuge vom Band rollen zu lassen. Schon nächstes Jahr will DS sein erstes E-Mobil auf die Straße bringen, in Form des DS3 Crossback. Gezeigt werden soll der SUV für die Stadt im Oktober auf dem Pariser Salon. Und er wird sogar ein Teil aus dem X E-Tense übernehmen: die bündig versenkten Türgriffe. Nach dem Jaguar I-Pace wäre der DS3 Crossback das zweite Elektroauto mit diesem Öffnungsmechanismus.

Unter der Karosserie des X E-Tense steckt die Renntechnik aus der Formel E, der Grund übrigens für den hochfrequenten Heulton während unserer Mitfahrt. Nach dem Motto "Ich bin zwei Autos" erlaubt der mit zwei E-Motoren ausgestattete Zukunftsrenner zwei Charaktere. So könnte der Wagen - je nach Einstellung - entweder als braves Straßenauto mit 400 kW Leistung bewegt werden oder aber als Rennwagen auf abgesperrter Strecke. Dann holt die Elektronik bis zu 1000 Kilowatt aus den Aggregaten heraus. Nach alter Zeitrechnung sind das stramme 1360 PS. Doch so - wie DS den Wagen präsentiert hat - gibt es keine Realisierungschancen für das gesamte Konzept. Details wie die erwähnten Türgriffe oder die Darstellung von Informationen auf transparenten Bildschirmen oder in Form von Hologrammen werden sicher schon sehr zeitnah in Serie einfließen.

Ob sich damit im Jahre 2035 noch wirklich Eindruck schinden lässt und ob Fahrer und Beifahrer wie im X E-Tense wirklich derart abgeschottet voneinander umherbrausen wollen, gleicht wohl auch für die Strategen von DS mehr oder weniger einem Blick in die Kristallkugel.



insgesamt 26 Beiträge
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ditor 20.07.2018
1. Extreme Maximalleistungen längst langweilig geworden
Riesen Motorleistungen sind doch schon längst langweilig geworden, da sind wir bereits lange in Bereichen wo die Schlupfregelung der Reifen interessanter wird als der Motor. Wie vollgasfest wäre denn der 1000kW Motor?
achterhoeker 20.07.2018
2. Tut mir leid
Aber das da ist Irrsinn, weltfremd. Mir kommt das so vor bei WallE, die Menschen werden damit bewegt, Gepäck, Waren usw. werden extra bewegt. Also Verdoppelung des Fahrzeugbedarfs. In Sibirien und Südamerika wartet man scjhon auf solche Fahrzeuge.
meister_proper 20.07.2018
3. Das Ding ist eine Studie ohne Realitätsbezug
Mag ja sein, dass es elektrisch angetrieben wird (was für eine Studie zweifellos die billigere Wahl ist). Nur gibt das keinen Ausblick auf irgendwas. Es geht ausschließlich darum Aufmerksamkeit zu erzeugen und das haben die Entwickler gut hinbekommen. Und wenn wir von 2035 sprechen: ich glaube nicht, dass dann noch nennenswerte Stückzahlen von Autos verkauft werden, bei denen im Regelbetrieb ein Mensch am Steuer sitzt. Das Design von Autos wird daher eine ganz andere Richtung nehmen, bei welcher der Fahrer mehr zum Bediener mit viel freier Zeit zum lesen, arbeiten oder Filme schauen wird.
werner-xyz 20.07.2018
4. na ja
halt wieder nur eine Spielerei fürs Museum. Viel Geld versenkt für einen kurzen Marketing Gag. Ob das Geld nicht in der Entwicklung realisierbarer Fahrzeuge besser aufgehoben wäre?
Überfünfzig, 20.07.2018
5. Keine Angst werter Autor…..
….sowas wird mitnichten auch im Jahr 2036 auf der Straße rollen, bestenfalls im nächsten Luc Besson Film, aber das ist nur eine Fingerübung der unterbeschäftigten Designabteilung, die eher damit beschäftig ist, das nächste Weltauto mit einem weiteren nichtssagenden New Edge Design auf die Räder zu stellen. Aus Versatzstücken des internationalen Automobilbaus kann man heute wohl ruckzuck Autos am Computer kreieren und phantasielose Marketing Schlipsträger geben ihr OK für die nächste Langweiligkeit auf Räder, am besten irgendetwas als SUV für die hüftlahmen Konsumenten. Aber das paßt ja auch in die zukünftige Wohlfühlwelt der Arbeitsdrohnen in ihrem wärmegedämmten Kokon, one Box Autos, rauch- und keimfreie Szenelokale im In-Viertel, wo man als Autofahrer von einer rot-grünen Elite noch so gerade in homöopathischen Dosen geduldet wird, damit der DHL-Bote dort noch einfahren, um die nutzlosen Dinge des Konsums auf die Arbeitsdrohnen herabregnen lassen darf.
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