Lexus ES 300h Der stille Angreifer

Lexus verkauft in Europa immer mehr Autos. Mit dem ES 300h bietet die Toyota-Tochter nun eine Dienstwagen-Alternative zu Audi, BMW und Mercedes. Was auffällt: die fratzenhafte Front - und leise Töne.

Lexus

Der erste Eindruck: Mit dem riesigen Kühlergrill wirkt der Lexus ES ungewöhnlich frisch. Dazu eine flache Dachlinie und ein schnittiges Heck, schon ergibt sich eine leidenschaftliche Coupé-Limousine.

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Autogramm Lexus ES 300h: Ruhig gestellt

Das sagt der Hersteller: Lexus habe einen Lauf, sagt Unternehmenssprecher Etienne Plas aus der Europazentrale der japanischen Marke in Brüssel. Bereits im vierten Jahr in Folge erzielte die Toyota-Tochter einen Verkaufsrekord in Europa und liegt derzeit bei rund 75.000 Neuzulassungen. "Unser nächstes Ziel sind 100.000 Verkäufe in Europa jährlich, die wir 2020 erreichen wollen", sagt Plas. "Der Lexus ES wird auf diesem Weg ein wichtiger Schritt sein." Aus Deutschland allerdings, wo Audi, BMW und Mercedes das Segment der Business-Limousinen dominieren, wird der Beitrag zum weiteren Lexus-Wachstum wohl eher gering ausfallen. Da ist Lexus schon froh, wenn das Auto auf eine dreistellige Zulassungszahl kommt.

SPIEGEL ONLINE/Tom Grünweg

Das ist uns aufgefallen: Außen schreit der ES nach Aufmerksamkeit mit der fratzenhaften Front aus Diabolo-Kühlergrill und stechend scharfen LED-Scheinwerfern. Drinnen pflegt er die leisen Töne. Der Motor ist dank einer speziellen Aufhängung nahezu vollständig von der Karosserie entkoppelt, die Leitungen der Bremshydraulik wurden schwingungsreduziert und die Leistungselektronik des Hybridsystems gekapselt. Zudem sind nun statt bislang 63 jetzt 98 Prozent der Karosserie mit Dämmmatten ausgeschlagen. Der Lexus ES wird damit zum Ruhepol in der hektischen Welt der Viel- und Firmenfahrer.

"Wir haben im Innenraum bei jedem Detail darauf geachtet, den Blick so wenig wie möglich abzulenken, um der Ermüdung vorzubeugen", sagt Projektleiter Yukihiro Kito. Das Ergebnis ist ein Cockpit, das erkennbar die Balance zwischen alter und neuer Zeit sucht. So gibt es nach wie vor in der Mittelkonsole ein paar Tasten für den direkten Zugriff auf wichtige Funktionen. Sonst aber sitzt ein Touchpad auf dem Mitteltunnel, und über den digitalen Cockpitinstrumenten zeigt auf Wunsch das größte Head-up-Display, das derzeit in einem Auto angeboten wird, unter anderem Geschwindigkeit und Navigation an. Für die Charakterregelung und die Fahrdynamik-Einstellung des Fahrzeugs sind zwei große Drehräder hinterm Lenkrad zuständig, die an die Dampfregler einer Espressomaschine erinnern.

Das wirkt elegant und erfrischend anders als bei der deutschen Konkurrenz - doch am Ende fehlt die Konsequenz. Warum braucht es im komplett digitalen Cockpit noch zwei analoge Anzeigen für Tank und Kühlwassertemperatur? Weshalb sind manche Schalter - wie die Lautstärkeregelung - so schön und sinnlich, dass man kaum die Finger davon lassen kann, andere aber so grobschlächtig, dass man sie am liebsten gar nicht berühren würde? Und wie zeitgemäß wäre es erst, wenn man den großen und brillanten Bildschirm auch mit den Fingern bedienen könnte? Dann würden vielleicht auch ein paar der zahlreichen Schalter auf dem Lenkrad überflüssig.

Antrieb und Fahrverhalten des Autos wirken wieder beruhigend auf den Fahrer. Der Wagen startet beispielsweise immer elektrisch und damit praktisch lautlos, denn er wird in Europa ausschließlich mit Hybridantrieb angeboten. Dazu gibt es ein neu entwickeltes Fahrwerk, dessen zweistufige Dämpfer extrem schnell, weich und feinfühlig auf kleinere Unebenheiten reagieren, aber trotzdem sehr verbindlich sind und die nötige Kontrolle ermöglichen.

Während es den BMW 5er oder die Mercedes E-Klasse mit bis zu acht Zylindern gibt und die Sportversionen über 300 km/h schnell fahren können, begnügt sich der Lexus ES mit einem 2,5 Liter großen Benziner. Zusammen mit der E-Maschine kommt der Wagen auf eine Systemleistung von 218 PS und ein Spitzentempo von 180 km/h.

Das mag eine vernünftige Entscheidung sein und im Rest der Welt ausreichen. In Deutschland allerdings dürfte sich Lexus damit schwertun. Das gilt übrigens auch für die Auslegung des Hybridantriebs. Während die hiesigen Hersteller an die Steckdosen drängen und auf Plug-in-Technik mit elektrischen Geschwindigkeiten weit über 100 km/h und Reichweiten von 50 Kilometern setzen, belässt es Lexus bei einem kleinen Akku unter dem Rücksitz und einem vergleichsweise schwachen E-Motor, der im Alleingang kaum mehr als 40 km/h über allenfalls zwei Kilometer schafft.

"Uns geht es um maximale Effizienz im Alltag und nicht um einen möglichst niedrigen Fantasie-Verbrauch für die CO2-Bilanz", sagt Lexus-Sprecher Thomas Schalberger. Während man die 4,7 Liter Normverbrauch des Lexus mit etwas Zurückhaltung zumindest annähernd erreichen könne, seien Werte unter zwei Litern, wie sie die Plug-in-Modelle in dieser Klasse auswiesen, einzig der realitätsfernen Norm zur Verbrauchsberechnung geschuldet.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Lexus ES 300h - mit unserem 360-Grad-Foto:

Im Fond fällt auf, dass die schnittige Form nicht zulasten des Innenraums geht und es die Hinterbänkler bei Lexus bequemer haben als in Modellen wie der Mercedes E-Klasse. Die Beinfreiheit ist bei 4,98 Meter Länge, 2,87 Meter Radstand und einem Sitzabstand von 1,02 Metern ziemlich konkurrenzlos in dieser Klasse, und wer keine 1,90 Meter groß ist, kann auch unter dem Flachdach gut sitzen.

Das muss man wissen: In Amerika und in Asien kommt der ES bereits im Sommer in den Handel. In Europa wird es wohl Januar, bis die Auslieferung beginnt, räumt ein Lexus-Sprecher ein und stellt auch gleich einen Grundpreis von knapp 50.000 Euro in Aussicht. Damit wird der ES etwas billiger sein als der GS, den er ersetzen soll. Für die Europäer ist der ES eine komplett neue Modellreihe, in anderen Teilen der Welt gibt es den Wagen bereits in sechs Generationen, insgesamt 2,2 Millionen ES-Exemplare wurden bislang verkauft - so viele wie von keiner anderen Lexus-Limousine.

Das werden wir nicht vergessen: Den Bürzel, den Lexus in den Kofferraumdeckel integriert hat. Der erinnert an den BMW 7er aus der Feder von Chris Bangle. Zunächst ziemlich umstritten, hat das BMW-Flaggschiff dennoch seinen Weg gemacht, gilt heute als Erfolgsmodell - und ist damit nicht das schlechteste Vorbild für den ES.

Fahrzeugschein
Hersteller: Lexus
Typ: ES 300h
Karosserie: Limousine
Motor: Vierzylinder-Benzin-Direkteinspritzer + Elektromotor
Getriebe: stufenlose Automatik
Antrieb: Front
Hubraum: 2.487 ccm
Leistung: 178 PS (131 kW)
Leistung (E-Motor): 120 PS (88 kW)
Drehmoment: 221 Nm
Drehmoment (E-Motor): 202 Nm
Von 0 auf 100: 8,7 s
Höchstgeschw.: 180 km/h
Verbrauch (ECE): 4,7 Liter
CO2-Ausstoß: 106 g/km
Kofferraum: 454 Liter
Gewicht: 1.740 kg
Maße: 4975 / 1865 / 1445
Preis: 50.000 EUR
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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
HH1960 11.06.2018
1. Schön vernünftig!
Design ist Geschmackssache, mir gefällt es besser als ein langweiliger A6. Was aber entscheidend ist, ist der komplett auf niedrigen Verbrauch und entspanntes Dahingleiten getrimmte Motor ( ohne Turbo- Direkteinspritzer-Problematik) nebst Ruhe im Innenraum. Ich begnüge mich allerdings mit einem Toyota Hybrid den ich bei Normverbrauch aktuell zwischen 3,2 und 3,6l /100km bewege. Nicht so schick und komfortabel wie den Lexus aus gleichem Haus, aber für mich absolut ok. Es geht also, wenn man will. Schick, komfortabel und umweltschonend fahren. Ohne zig Abschalteinrichtungen. 3-Zylinder-Turbo-Partikelschleuder oder Pseudo-Mildhybrid.
weem 11.06.2018
2. Ein Fehler hat es
Es mag ja sein, das dass Auto technische Errungenschaften, umweltfreundliche Werte und einiges mehr aufzuweisen hat..alles aller Ehren wert..aber..es ist einfach potthässlich!
Ogim 11.06.2018
3. Bei der Umstellung auf Elektro...
Gehört der Lexus auf jeden Fall zu den Autos denen ich eine Träne nachweinen werde. Trotzdem würde ich mir jetzt keinen Verbrenner mehr zulegen. Für die Firmenwagen wird in meine Firma das Tesla Modell S immer beliebter. Nächstes Jahr werde ich es mir auch bestellen. IIch freu mich drauf.
charly05061945 11.06.2018
4. Designunfall?
Da muss ich ich dem Kommentar #3 recht geben - das Ding sieht einfach sch...... aus! Die Höchstgeschwindigkeit ist nicht unbedingt ein KO-Kriterium aber leider sind dadurch bedingt auch die Beschleunigungswerte (Überholvorgänge auf Bundes- und Landesstrassen) eher mäßig.
silberstern 11.06.2018
5. Frontkratzer
Mehr muss man leider nicht dazu sagen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass er den GS ersetzen soll... den es als 450h gibt, der alle Probleme des Hybridstrangs beseitigt (Leistung/Vmax) und dabei gleichzeitig wahnsinnig sparsam war.
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