Tödliche Unfälle "Fahrverbot für Lkw ohne Abbiegeassistent"

Fast wöchentlich sterben Radfahrer oder Fußgänger durch abbiegende Lkw. Dabei könnte längst vorhandene Technik viele dieser Unfälle verhindern, erklärt ein Verkehrsexperte.

Ghostbike in Berlin zur Erinnerung an einen getöteten Radfahrer
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Ghostbike in Berlin zur Erinnerung an einen getöteten Radfahrer

Ein Interview von Haiko Prengel


SPIEGEL ONLINE: Herr Lottsiepen, warum kommt es immer wieder zu diesen schweren, oft tödlichen Abbiegeunfällen mit Lkw?

Zur Person
  • Katja Ta¿ubert
    Gerd Lottsiepen ist verkehrspolitischer Sprecher des ökologischen Verkehrsclubs VCD in Berlin. Der 64-jährige studierte Sozialwissenschaftler engagiert sich für nachhaltige Mobilität, sein Schwerpunktthema ist "Auto und Umwelt". Seit über 20 Jahren gibt Lottsiepen die jährlich erscheinende "Auto-Umweltliste" des VCD heraus, die besonders umweltverträgliche Serienfahrzeuge prämiert.

Gerd Lottsiepen: Das Problem ist der tote Winkel, vom meterhohen Fahrerhaus sind bestimmte Bereiche der Fahrbahn nur schwer einsehbar. Deswegen sind allein auf der rechten Seite von Lkw vier Außenspiegel gesetzlich vorgeschrieben. Doch im stressigen Stadtverkehr - mit vielen anderen Fahrzeugen, Fußgängern, Radfahrern, Ampeln - ist es trotzdem sehr schwierig, den Überblick zu behalten. Deshalb wurde bereits vor Jahren der elektronische Abbiegeassistent entwickelt, der den Fahrern in solchen Situationen hilft. Nur leider ist dieser bis heute nicht gesetzlich vorgeschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert dieses Assistenzsystem?

Lottsiepen: Befindet sich ein bewegliches Objekt, also ein Radfahrer oder Fußgänger, in der seitlichen Überwachungszone, erkennen dies Radarsensoren, und der Lastwagenfahrer wird zunächst optisch informiert. Bei drohender Kollision erfolgt eine zusätzliche optische und akustische Warnung.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist praxistauglich?

Lottsiepen: Absolut, im Pkw-Bereich sind Totwinkelassistenten ja schon seit Jahren erhältlich. Seit 2016 bietet Mercedes-Benz Abbiegeassistenten für neue Lkw an, auch Nachrüstsysteme sind am Markt. Doch das System hat sich bislang nicht durchgesetzt. Dabei hat die Unfallforschung der Versicherer (UDV) bereits vor fünf Jahren nachgewiesen, dass durch den Assistenten die Hälfte der Lkw-Abbiegeunfälle mit Fußgängern und Radfahrern vermieden werden könnten. Im Jahr zuvor war auf Initiative des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ein Runder Tisch im Bundesverkehrsministerium zum Lkw-Abbiegeassistenten eingerichtet worden.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchem Ergebnis?

Lottsiepen: Die damalige Bundesregierung delegierte das Thema an die EU weiter, auf der Straße hat sich bis heute nichts verändert. An der technischen Machbarkeit liegt es nicht. Der Lkw-Hersteller MAN erhielt für die Entwicklung eines Abbiegeassistenten bereits vor zehn Jahren einen Preis für Sicherheitsinnovationen - doch in Serie ging das Produkt nie.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Lottsiepen: Das kann ich nicht sagen, vermutlich, weil es Geld kostet. Bei Mercedes-Benz, aktuell der einzige Lkw-Hersteller, der einen Abbiegeassistenten anbietet, beträgt der Aufpreis für das System rund 2500 Euro. Der Berliner Dekra-Chef bestreitet, dass die Kosten so hoch sind: Radar- oder Infrarotbasierte Abbiegeassistenten kosten seiner Aussage nach höchstens 200 bis 300 Euro. Doch selbst 2500 Euro sind gar nicht so viel, wenn man bedenkt, dass ein neuer Mercedes Actros für den Fernverkehr in der Grundausstattung locker 120.000 Euro kostet. Bei Mercedes ist übrigens nur jeder vierte neu verkaufte Lkw mit dem Abbiegeassistenten ausgestattet. Es gibt auch Firmen, die den Abbiegeassistenten zur Nachrüstung anbieten - doch der allergrößte Teil der Lkw fährt ohne diese Technik.

SPIEGEL ONLINE: Was werfen Sie Politik und Herstellern vor?

Lottsiepen: Sie haben das Problem auf verantwortungslose Weise ausgesessen: Die Zahl der durch Lkw-Abbiegeunfälle getöteten Menschen steigt, inzwischen ist im Schnitt pro Woche ein toter Fahrradfahrer oder Fußgänger zu beklagen - und immer wieder auch Kinder. Und das, obwohl Lkw schon längst mit der lebensrettenden Technik ausgestattet sein könnten.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich dieses Aussitzen?

Lottsiepen: Es fehlen der politische Wille und das Verantwortungsbewusstsein seitens der Lkw-Hersteller sowie von Unternehmen und Kommunen, die Lastwagen in ihrem Fuhrpark haben. Die Kosten für einen solchen Assistenten - selbst wenn es 2500 Euro sind wie bei Mercedes-Benz - dürfen kein Grund sein, auf die Technik zu verzichten. 2500 Euro sind doch nichts, wenn dadurch das Leben eines Kindes, seiner Familie und im Übrigen auch des Lkw-Fahrers nicht zerstört wird. Ohne einen politischen Rahmen wird hier jedoch weiterhin nichts passieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit ist die Politik denn damit?

Lottsiepen: Die EU sieht eine europaweite Regelung für neue Lkw erst ab dem Jahr 2022 vor. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer muss jetzt alle Hebel in Bewegung setzen, damit eine Nachrüstung mit dem Abbiegeassistenten auf nationaler Ebene schnellstmöglich verbindlich gemacht wird. Das hat in diesem Frühjahr übrigens auch der Bundesrat gefordert. Aus unserer Sicht müssen zudem die Kommunen die rechtliche Handhabe bekommen, ein Fahrverbot für Lkw ohne Abbiegeassistenten auszusprechen.

Der Abbiegeassistent ist aber nur der erste Schritt, er muss schnell mit einer automatischen Bremsung gekoppelt werden. Darüber hinaus müssen Kreuzungen umgebaut werden. Lkw-Fahrer, Fahrradfahrende und Fußgänger müssen sich gegenseitig deutlich besser sehen können.

SPIEGEL ONLINE: Wer sollte aus Ihrer Sicht für die Nachrüstung aufkommen?

Lottsiepen: Bezahlen sollten die Unternehmen selbst. Da davon alle Speditionen betroffen wären, entstünden keine Wettbewerbsnachteile. Und auch für die Fahrer wären die Abbiegeassistenten eine große Hilfe: Niemand will einen Menschen totfahren. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat am Dienstag zur "Aktion Abbiegeassistent" eingeladen: Vertreter der Speditionen, Logistikverbände, Hersteller, Zulieferer, Radfahr- und Verkehrssicherheitsverbände kommen dann zusammen. Wir sind gespannt, was der CSU-Minister zu dem Thema zu sagen hat.

Video: Todesfalle toter Winkel - Radfahrer gegen Lkw

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Leser161 09.07.2018
1. Ja schon
Aber ich frage mich warum das nicht auch ohneTtechnik geht. Im Auto mache ich Schulterblick gegen den toten Winkel, LKW haben doch diese kleinen Sonderspiegel, und wenn die dann zu klein sind dann halt grössere. Oder eine Verbesserung der Radverkehrsführung ein kleines schwaches Fahrzeug rechts von einem rechts abbiegenden nur auf Sicht geradeaus fahren zu lassen ist halt eine relativ unsichere Situation. PS: Ich würde mir eine Diskussion wünschen in der wir darauf verzichten von fahrlässig unaufmerksamen LKW-Fahrern und genauso gefährlichen Kampfradlern zu sprechen. Das bringt uns doch nicht weiter. Danke!
Dogbert 09.07.2018
2. Verantwortung abschieben
Auch Herr Lottsiepen vergisst leider zu erwähnen, wer die Hauptschuld für diese Unfälle trägt. Nämlich der Radfahrer. Wer sich an einer Ampel rechts neben einem LKW einordnet, ist meiner Meinung nach bereits ein würdiger Kandidat für den Darwin Award.
viceman 09.07.2018
3. jeder unfall ist einer zuviel
und die folgen meist tragisch... es aber alleine an dem fehlenden abbiegeassistenten und den lkw-fahrern festzumachen, das ist doch viel zu einfach. was deutsche radfahrer von einhaltung von verkehrsregeln oder nur dem minimum an eigenschutz halten, kann ich jeden tag sehen. obwohl ein breiter + alsphaltierter radweg parallel zur bundesstraße gebaut ist, nutzen den viele radfahrer nicht. dafür sieht man sie im berufsverkehr auf einer recht stark befahrenen bundesstraße rumgurken. natürlich ohne licht - wie es bei anderen zweirädern vorgeschrieben ist, mit 30 und weniger km/h obwohl 70 erlaubt ist usw. wenn ich neben einem großen lkw an der ampel stehe und sehe, daß dieser blinkt( und das sieht man als radfahrer ) , dann muß ich mir als radfahrer bitte auch überlegen, ob ich 3 sekunden zeit gewinne oder mein leben wegen dieser 3 sekunden riskiere... und auch von seiten der verkehrführung kann einiges verbessert werden, gerade in bezug auf rechtsabbieger . alles zusammen ergibt eine lösung, meine ich.
jujo 09.07.2018
4. ....
Traurig das es so ist. Ein Kind ist überfordert. Ein Erwachsener sollte sich der Problematik aber bewußt sein und sich entsprechend verhalten. Kurz abzuwarten was der LKW vorhat ist sicherlich nicht zuviel verlangt, man rettet das eigene Leben. Mit welcher schon lebensverachtenden Ignoranz sich Radfahrer und auch Fußgänger im Verkehr verhalten ist schon erstaunlich. Ich hatte Recht , nur leider bin ich jetzt Tot!
prophet46 09.07.2018
5. Gegenforderung
Fordern kann der Herr ja viel. Aber man sollte sagen wen er vertritt: Er ist Lobbyist der Fahrradfahrer (früher Sprecher des Umweltverbandes für eine sog. umwelt- und sozialverträgliche Mobilität). Vielleicht sollte man mit gleicher Berechtigung einen sogenannten Fahrradführerschein und die Versicherungspflicht für Fahrradfahrer fordern sowie bis zu mehrmonatige Fahrverbote für unbotmässige, rambohafte Fahrrradfahrer, wie vielfach in Berlin zu beobachten.
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