Abgas-Affäre Grünes Licht für Diesel-Nachrüstung

Verkehrsminister Scheuer sträubt sich gegen die Hardware-Nachrüstung älterer Dieselmodelle. Doch das ihm unterstellte Kraftfahrt-Bundesamt will die Technik jetzt nach einfachem Prüfverfahren zulassen.

Hardware zur Schadstoff-Vermeidung
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Hardware zur Schadstoff-Vermeidung

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Aus seine Haltung hat er bislang keinen Hehl gemacht: Hardware-Nachrüstungen seien zu teuer. Da werde viel Geld in alte Autos gesteckt, anstatt "in die Zukunft zu investieren". So redet Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) über den nachträglichen Einbau von Stickoxid-Katalysatoren in ältere Dieselfahrzeuge, wann immer das Thema aufkommt.

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Heft 24/2018
Das Zeitalter der Autokraten

Doch das Kraftfahrt-Bundesamt, dessen Oberaufseher er ist, hat offensichtlich eine pragmatischere Haltung zu dem in der Bundesregierung umstrittenen Komplex: Die Behörde hat nach Informationen des SPIEGEL seine Bereitschaft bekundet, ein erstes Set zur Nachrüstung von Dieselautos mit Stickoxid-Katalysatoren zu genehmigen.

In einem Schreiben an den Anbieter dieses SCR-Katalysators empfiehlt die Behörde, sich an ein anerkanntes Prüflabor zu wenden. Dort müsse lediglich nachgewiesen werden, dass sich durch die Hardware-Nachrüstung "das Abgas- und Geräuschverhalten des veränderten Fahrzeugs nicht verschlechtert". Dann sei mit der Erteilung einer Allgemeinen Betriebserlaubnis zu rechnen, schreibt das KBA.

Dieser Nachweis sollte einfach zu erbringen sein

Auf diese Nachricht der Zulassungsbehörde musste der Umweltingenieur Martin Pley, dessen System vom ADAC bereits positiv getestet wurde, lange warten. Das liegt vermutlich auch daran, dass sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) als oberster KBA-Aufseher gegen eine Hardware-Nachrüstung sperrt. "Umso erstaunlicher ist, dass die vom KBA geforderten Nachweise sehr einfach für uns zu erbringen sind", sagt Pley. Das System basiert darauf, eine Harnstofflösung (Markenname "AdBlue") in einen zusätzlichen Katalysator einzuspritzen.

Im Gegensatz zu neuen Dieselfahrzeugen haben ältere Modelle diese Technik nicht verbaut. Um die hohen Stickoxid-Konzentrationen in den Städten zu senken und Fahrverbote zu verhindern, drängt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) auf den Einbau dieser Systeme. Scheuer weigert sich, eine Richtlinie zu erlassen, mit deren Hilfe nachgerüstete Dieselfahrzeuge von etwaigen Fahrverboten ausgenommen werden könnten.

Er behauptet, offensichtlich im Gegensatz zu seinen Fachbeamten im KBA, dass der nachträgliche Einbau zu kompliziert sei - und damit der Autoindustrie nicht zuzumuten. Pley hingegen will mit seiner Bamberger Firma Nachrüstsets etwa Händlern anbieten, die viele alte Dieselmodelle nicht verkauft bekommen, weil Kunden sich vor Fahrverboten fürchten.

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insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
ansv 09.06.2018
1. Was jetzt nicht da steht:
Werden mit diesem Nachrüstsystem dann auch die Grenzwerte zuverlässig eingehalten? AdBlue gibt es ja schon lange. Bei LKWs kann man das relativ einfach wieder abschalten. Und weil das AdBlue auf die Dauer ganz schön ins Geld geht, wird das ja auch gemacht.
napoleonwilson 09.06.2018
2. Nachrüstung?
Das ist für die betrogenen Diesel Käufer bestimmt ein Trost. Wer bezahlt die Umrüstung ? Die Betrugsfirmen ? Da die Kosten in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen, ist das ganze eh nicht sinnvoll. Die hochwertigen, nun wertlosen, deutschen Gebrauchtwägen fahren dann in Rest Europa Balkan ect. weiter. Noch min. 15 Jahre. Der Staat hilft durch die Fahrverbote den Betrugsfirmen beim Absatz Ihrer Neuwägen. Gut das ich meinen Dienswagen alle drei Jahre erneuern kann. Nur die Fahrer von 2014 und 2015 er Modellen mit EURO 5 werden sich bei dieser Regierung hoffentlich herzlich bedanken.
gingermath 09.06.2018
3. Lobbyismus ... ne sicher nicht.
Nachrüszungen sind zu teuer und zu kompliziert! - Dies sagten Automobilhersteller, nach bekannt werden der ersten Betrugssoftware. Es mag stimmen, dass die Nachrüstung mit hohen Kosten verbunden ist (Euro Norm 5 -> Euro Norm 6, mit Stickoxideinsparungen bis zu 95% für 1000 Euro, da Motor zu vollgestopft) Aber das unser Verkehrminister die gleiche Meinung, wie die Automobilherrsteller einnimmt, sogar mit ähnlichen Worten, muss ja ein Zufall sein. ;-)
gingermath 09.06.2018
4. Hoffnung für die Zukunft
Wenn schon durch ein Softwareupdate die Möglichkeit besteht Fahrzeuge auf eine höhere Euro-Norm zu bringen, dann sollte diese Möglichkeit auch beim Hardwareupdate bestehen ... solange es ausreichende Einsparungen erbringt, versteht sich für beide ;-)
Teigkonaut 09.06.2018
5. im Dienst der Autoindustrie
Der Herr Scheuermann möchte vermutlich der Autoindustrie zu einer Sonderkonditionen verhelfen und den Absatz mit Neufahrzeugen ankurbeln. Die Interessen der Fahrzeughalter, die ihren Wagen gerne langfristig nutzen wollen sind ihm egal.
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