Aktion Pkw-Verzicht "Ich habe mein Auto kaum vermisst"

In Berlin will ein Bezirk seine Bewohner mit einem ungewöhnlichen Angebot vom Auto entwöhnen. Ein Teilnehmer berichtet.

Viel Fahrrad, geteilte E-Autos - so stellt sich das Projekt Neue Mobilität Berlin den Verkehr der Zukunft vor
NEUE MOBILITÄT BERLIN

Viel Fahrrad, geteilte E-Autos - so stellt sich das Projekt Neue Mobilität Berlin den Verkehr der Zukunft vor

Ein Interview von Haiko Prengel


SPIEGEL ONLINE: Herr Brüggemann, Sie haben einen Monat lang freiwillig auf Ihr Auto verzichtet. Warum?

Brüggemann: Mich hat gereizt, dass die lästigen Begleiterscheinungen des Autofahrens keine Rolle mehr spielten. Meinen Toyota musste ich in einem bewachten Parkhaus abgeben, stattdessen durfte ich Bus, Bahn und auch verschiedene Sharingdienste umsonst nutzen - vom Fahrrad über E-Roller bis hin zu Autos. Einfach 'rein- oder raufsetzen, niemals tanken: Das klang super!

  • Marc-Julien Brüggemann
    Marc-Julien Brüggemann ist 22 Jahre alt und wohnt in Berlin-Charlottenburg. Privat fährt er einen Toyota, am liebsten nutzt er aber die öffentlichen Verkehrsmittel. Brüggemann lernt im Bereich Marketing-Management bei einem Reiseveranstalter.

SPIEGEL ONLINE: War es das auch?

Brüggemann: Zum Teil, Ja. Speziell die Elektroroller fand ich toll, für die reicht der normale Führerschein und gerade im Sommer macht das Fahren richtig Spaß. Die vielen Sharing-Fahrräder stören mich dagegen, sie stehen oder liegen überall herum und verschandeln das Stadtbild. Ich habe selbst ein Rad und kann denen nichts abgewinnen.

Umgewehte Leihfahrräder in Berlin
DPA

Umgewehte Leihfahrräder in Berlin

Aktion "Deine Sommerflotte"
    Bei der Aktion "Deine Sommerflotte" konnten sich 50 Autobesitzer bestimmter Kieze im Stadtteil Berlin-Wilmersdorf bewerben. Ihren eigenen Pkw mussten sie in einem bewachten Parkhaus am Berliner Flughafen BER abstellen. Im Gegenzug erhielten sie Gutscheine für verschiedene Car-, Bike, und E-Scooter-Sharing-Flotten. Auch der Öffentliche Nahverkehr der Berliner Verkehrsbetriebe war Teil des Angebots. Wer nach dem Projekt sich dafür entscheidet, seinen Wagen abzumelden oder zu verkaufen, bekommt von der Bezirksverwaltung einen Carsharing-Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Wohnhauses zugesagt.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich für Sie als Negativ entpuppt?

Brüggemann: Mich hat genervt, dass ich mich für jeden Sharingdienst einzeln anmelden musste. Ohne WLAN dauert die Registrierung sehr lange, sämtliche Daten wurden abgefragt. Anstrengend wird es bei der Verifizierung des Führerscheins und des Ausweisdokuments. Die muss man nicht nur von beiden Seiten fotografieren, sondern sich mit diesen auch noch filmen, damit man freigeschaltet wird. Am Ende hat das bei mir dazu geführt, dass ich mich für vier Dienste entschieden habe.

SPIEGEL ONLINE: Gab es für Sie auch während der Nutzung stressige Situationen?

Brüggemann: Bei den Fahrten fühlte ich mich schon manchmal gehetzt. Es gab nur ein begrenztes kostenloses Zeitkontingent, danach erfolgte die Abrechnung nach Minuten - und die kostenpflichtige Zeit wollte ich natürlich so gering wie möglich halten. Deshalb bin ich tatsächlich meistens mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, für die es ein Gratisticket gab.

Carsharing mit E-Autos
DriveNow

Carsharing mit E-Autos

SPIEGEL ONLINE: Bei den Bewertungen im Internet schneiden gerade die Berliner Verkehrsbetriebe schlecht ab, in anderen Großstädten bekommt der ÖPNV vergleichbare Kritik. Zu Recht?

Brüggemann: Quatsch, die Öffis sind super! Ich finde sogar Weltklasse, wenn man bedenkt, wie komplex das Ganze ist und manche Linien sogar die Nacht durchfahren. Klar, musste auch ich hin und wieder Verzögerungen hinnehmen - aber im Auto steht man ja auch oft im Stau. Nur die Preispolitik für Bus und Bahn könnte attraktiver sein. Für Schüler und Auszubildende sollte der ÖPNV günstiger oder sogar kostenlos sein.

SPIEGEL ONLINE: Welche Verkehrsmittel nutzen Sie in Berlin normalerweise?

Brüggemann: Grundsätzlich versuche ich, ausschließlich die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, da ich meistens nur im Zentrum der Stadt unterwegs bin und man hier sehr flexibel ist. Zur Arbeit nehme ich bei schönem Wetter auch gern mal das Fahrrad, das dauert mit 20 Minuten genauso lange wie mit der S-Bahn, und ich bewege mich an der frischen Luft. Ungern fahre ich mit dem Auto zur Arbeit, da es sich zu den Stoßzeiten sehr staut und man schlecht vorankommt.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, jüngere Menschen machten sich nichts mehr aus Autos als Statussymbol. Trifft das auf Sie zu?

Brüggemann: Ich mag mein eigenes Auto schon. Aber es steht tatsächlich fast nur herum, da ich es lediglich für längere Strecken außerhalb der Stadt benötige. Das kommt an etwa drei Wochenenden im Monat vor.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Situationen, wo Sie sich Ihr eigenes Auto zurückgewünscht hätten?

Brüggemann: Na ja, auf dem Weg nach Brandenburg ins Grüne zum Wandern hätte ich schon lieber das Auto statt den Regionalexpress genommen. Mit Gepäck und auf längeren Strecken ist das einfach bequemer.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Monat Verzicht auf das eigene Auto Ihr Mobilitätsverhalten grundlegend geändert?

Brüggemann: Nicht direkt, ich habe vorher auch schon versucht, so oft wie möglich das Fahrrad oder die Öffentlichen statt des eigenen Autos zu nehmen. In diesem Monat war ich natürlich noch konsequenter. Am besten fände ich es, wenn Verkehrsmittel wie S- oder U-Bahn frei wären. Zumindest für die Bewohner einer Stadt. Ich glaube, das würde vieles zum Guten verändern.

SPIEGEL ONLINE: Wie war das Gefühl, als Sie ihr eigenes Auto nach einem Monat wieder abholen durften?

Brüggemann: Ehrlich gesagt, ich habe mein Auto kaum vermisst. Es fühlte sich ungewohnt an, wieder damit zu fahren.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie sich vorstellen, das eigene Auto abzuschaffen?

Brüggemann: Klar, die Aktion hat mir noch einmal vor Augen geführt, was ich eigentlich schon wusste: Ich brauche mein Auto nicht. Wenn die Stadt den Anreiz dafür erhöhen würde, den Pkw abzugeben - etwa durch ein Gratisticket für den ÖPNV auf Lebenszeit, ich wäre dabei.

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insgesamt 185 Beiträge
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Seite 1
ElOmda 13.07.2018
1. Vorteil des Autos ?
"Brüggemann: Na ja, auf dem Weg nach Brandenburg ins Grüne zum Wandern hätte ich schon lieber das Auto statt den Regionalexpress genommen. Mit Gepäck und auf längeren Strecken ist das einfach bequemer." Der Nachteil des Autos hier: Um es dann nutzen zu können ist man gezwungen zum Ausgangsort zurückzuerlangen. Entweder ist die Tour so oder man muss ÖPNV oder andere Möglichkeiten nutzen.
ichliebeeuchdochalle 13.07.2018
2.
Ich habe mein Auto vor 3 Monaten abgeschafft. Nicht freiwillig sondern wegen der Augen. Da gibt es bei mir massive Probleme. Einkaufen gehe ich mit einem Trolley, vier Räder. Ergebnis: Meine Fitness wird besser, 6 kg sind runter ... aber da ich reichlich davon habe, ist das super. Keine Ernährungsänderung, kein Sport oder ähnliches ... einfach nur 2 Füße plus Trolley. Erkenntnis: Hätte ich schon vor 3 Jahren machen sollen, als die Augen begannen Ärger zu machen. Fußweg zu den Geschäften 800 bis 1200 Meter, ein bißchen rauf und runter. Getränke-Packs holt mein bester Freund, der 200 Meter entfernt von mir wohnt, für mich mit dem Auto. Einzelflaschen kommen in den Trolley. Und ... ja: Waren ja wettermäßig 3 schöne Monate. Ob ich ab im Herbst, Winter und die ersten Frühling-Wochen immer noch so fröhlich zu Fuß einkaufen gehe ... mal sehen. Das Auto wünsche ich mir einmal im Monat zurück, wenn ich in die Augenklinik muß. Mit dem Auto waren es 18 Minuten pro Strecke, mit dem Bus ist es eine Stunde. Davon 10 Minuten rumstehen beim Umsteigen.
echoanswer 13.07.2018
3. Berliner Öffis Weltklasse?
Der Tester hat Berlin wohl noch nie verlassen? Es reicht London zu besuchen. Da weiß man was Weltklasse ist. Es geht bei den Automaten los und hört beim wlan in jedem Fahrzeug auf. Berlin ist nur einfach lächerlich.
hofmann_mantel 13.07.2018
4. Zweck des Berichts?
Was soll uns der Beitrag sagen? Dass man in einer Millionenstadt auch ohne Auto zurecht kommen kann? Der gleiche Versuch hier in der nördlichen Oberpfalz würde am ersten Tag scheitern. Obwohl: der Verzicht auf einen Toyota sollte wohl jedem gelingen.
maja2001 13.07.2018
5.
Der Artikel spiegelt ein Problem unserer Zeit: Leistung darf nichts kosten und ich erwarte Qualität ohne Gegenleistung. Wer sein Auto abschafft spart dadurch min. 300€ Pro Monat. Also Geld genug um Alternativen zu finanzieren. Dann ist auch die Aussage lustig das die öffentlichen Verkehrsmittel zumindestens für die Stadtbewohner kostenlos sein sollten. Primär ist mir das egal, wenn die Stadt das selbst finanzieren würde. Kann sie aber nicht. Ich bin auch der Meinung das das Prv. Auto ausgedient hat. Der Weg über „ Geiz ist Geil“ ist aber der falsche.
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